Die Bären haben ihren Dienst getan, doch es gab in Berlin auch Bemerkenswertes neben dem Showbusiness. Thomas Rothschild erzählt von Marcel Ophüls, von der feindlichen Übernahme des Moskauer Filmmuseums durch das System Putin, von einem Dokumentarfilm aus Burkina Faso und einem Spielfilm aus Spanien.

Berlinale 2015

Zivilcourage

Von Thomas Rothschild

Es mag ja sein, dass all die Nebenveranstaltungen einem Filmfestival erst den Festivalcharakter verleihen, aber gelegentlich nehmen sie so sehr überhand, dass man den Eindruck gewinnt, sie wollten, was eigentlich im Zentrum der öffentlichen Wahrnehmung stehen sollte, nämlich die Filmkunst, marginalisieren. Zwei Ereignisse jenseits der Leinwand allerdings sind tatsächlich der Erwähnung wert: die Verleihungen der Berlinale Kameras an Marcel Ophüls und an Naum Klejman. Über den großen Dokumentarfilmer Marcel Ophüls haben wir hier schon mehrmals berichtet. Man könnte sich kaum einen würdigeren Preisträger in seiner Nachbarschaft vorstellen als den zehn Jahre jüngeren Naum Klejman.

Klejman ist der wohl beste lebende Kenner von Sergej Eisensteins Werk. Über viele Jahre hat er das Eisenstein-Archiv in Moskau geleitet. Ihm verdanken wir wesentliche Erkenntnisse, die in restaurierte Fassungen von Eisensteins Filmen eingeflossen sind. Aber Naum Klejman ist nicht nur Eisenstein-Spezialist, sondern darüber hinaus ein Enzyklop des russischen und sowjetischen Films und eine integre, bescheidene Persönlichkeit dazu.

Anschließend an die Übergabe der Berlinale Kamera durch die Leiter der Festivals in Berlin und Venedig Dieter Kosslick und Alberto Barbera und den Leiter des Internationalen Forums des Jungen Films Christoph Terhechte wurde der Dokumentarfilm „Cinema: A Public Affair“ von Tatiana Brandrup gezeigt, in dem es in erster Linie um das Moskauer Filmmuseum geht, das Klejman 1989 gegründet und das 2005 sein Quartier verloren hat. Als die Regierung Klejman im vergangenen Jahr als Direktor des seither in einem Provisorium untergebrachten Filmmuseums absetzte, kündigten die Mitarbeiter als Protest gegen die von oben eingesetzte staatsfromme Nachfolgerin.

Der Film nennt den für die Entlassung Klejmans Verantwortlichen beim Namen: es ist Nikita Michalkov, Putins Mann fürs Grobe. Während bei uns alle Charlie sein wollen, so lange es nichts kostet, haben Klejmans Kollegen Zivilcourage gezeigt. Derweilen pflegen westliche Opportunisten, die nicht mehr zu verlieren haben als eine Einladung zum Moskauer Filmfestival, weiterhin den Kontakt mit Michalkov.

Auch anderswo gibt es – leider viel zu wenige – Entsprechungen zum Moskauer Filmmuseum. Zu ihren Aufgaben gehören neben der Vorführung von Filmen, so weit die Mittel reichen, der Ankauf und die Restauration oder Digitalisierung von Kopien. So hat das Arsenal in Berlin eine aufpolierte Fassung des israelischen Dokumentarfilms „Der 81. Schlag“ von 1977 hergestellt. Es handelt sich um einen Kompilationsfilm, um eine Montage von Archivmaterial über jüdische Schicksale vor 1933 und zur Zeit des Nationalsozialismus. Für die unmittelbare Anschauung sind solche Dokumente unersetzbar. Ein Problem stellt der sehr rasche Zusammenschnitt von Aufnahmen an unterschiedlichen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten dar, der die Orientierung erschwert, sowie die nachträgliche Synchronisation von Geräuschen, die man auch als Verfälschung interpretieren kann. Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar. Der Stummfilm auch.

Es besteht Konsens, dass Kollektivwirtschaft des Teufels und Privatwirtschaft ein Segen ist, und die von diesem Konsens profitieren, tun, was sie können, um ihn zu erhalten. Die Bewohner von Koudougou in Burkina Faso sehen das anders. Die Textilfabrik Faso Fani wurde 2001 geschlossen, die Bevölkerung, die von dieser Fabrik in relativem Wohlstand gelebt hatte, versank in Armut und Elend. Auf privater Basis ließ sich die Produktion von einst nicht wieder auf die Beine stellen. In Zusammenarbeit mit den Betroffenen initiiert der Filmemacher Michel K. Zongo eine Kooperative, die von den Erfahrungen der Alten und von der kollektiven Arbeitsweise profitiert. Von deren Entstehung, den Hintergründen und der Vorgeschichte berichtet sein Film „La sirène de Faso Fani“.

Der spanische Film „Der Geldkomplex“ von Juan Rodrigáñez, sehr frei nach dem 1916 erschienenen gleichnamigen Roman von Franziska zu Reventlow, folgt dem Modell von Denys Arcand: Eine Gruppe von Menschen kommt zusammen. Es gibt keine Haupt- und Nebenfiguren, kein Zentrum, sondern lediglich eine Serie von Dialogen und szenischen Fragmenten. Lebensläufe werden nur angedeutet wie die längst verlorenen revolutionären Träume. Vom Mainstreamkino unterscheiden sich Filme wie dieser dadurch, dass sie nicht auf kürzestem Wege „zur Sache“ kommen. Die losen Enden erzeugen vielmehr einen Raum für Assoziationen und für Stimmungen. Gegen Ende gibt es surreale Einschübe – der Regisseur kommt schließlich aus dem Land Buñuels und Dalís –, wenn etwa das Ensemble abwechselnd in die Kamera singt. Ein deutschsprachiges Zitat aus dem Briefroman wirkt in diesem Kontext absichtsvoll antiquiert. „Der Geldkomplex“ ist ein typischer Forum-Film der Berlinale: experimentell eher als publikumsfreundlich. Die Fans werden das zu schätzen wissen. An der Kinokasse dürfte es sich nicht auszahlen.

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erstellt am 15.2.2015

Naum Klejman bei der Verleihung der Berlinale Kamera 2015
Naum Klejman bei der Verleihung der Berlinale Kamera 2015
Marcel Ophüls bei der Verleihung der Berlinale Kamera 2015
Marcel Ophüls bei der Verleihung der Berlinale Kamera 2015
Internationale Filmfestspiele Berlin

Berlinale 2015

Filmtrailer »Der Geldkomplex« (2015)