Marc Neikrugs Musikdrama „Through Roses“ handelt von einem Geiger, der in ein Vernichtungslager eingeliefert wird, aber – anders als seine Geliebte – überlebt. Jürgen Flimm hat das 45-minütige Werk auf den Spielplan der Berliner Staatsoper im Schiller Theater gesetzt. Dafür gebührt ihm Dank, meint Thomas Rothschild.

Oper

Immer zu, immer zu

Von Thomas Rothschild

Wenn in einer Oper gesungen werden muss, dann ist „Through Roses“ keine Oper – auch wenn es in der Werkstatt der Berliner Staatsoper im Schiller Theater aufgeführt wird. Eher ist es ein Melodram in der Tradition von Paul Dessaus „Lilo Herrmann“ zu einem Text von Friedrich Wolf (warum bloß wird dieses Stück nirgends gespielt – ja warum bloß…). Der Amerikaner Marc Neikrug, Jahrgang 1946, hat es 1980 komponiert und auch selbst das Libretto geschrieben. Jürgen Flimm, der schon daraus einen Film gemacht hat, hat das nur knapp eine Dreiviertelstunde dauernde Werk jetzt auf den Spielplan gesetzt, und dafür gebührt ihm Dank. Ein Musikabend muss nicht mehr als 45 Minuten dauern, und dass es nach dem Ende von „Through Roses“ erst einmal dunkel blieb und der Lärm des Applauses nicht gleich einsetzen konnte, kann ebenfalls mit Dankbarkeit vermerkt werden.

Eigentlich bedarf „Through Roses“ keiner Inszenierung. Das „Musikdrama für einen Schauspieler und acht Instrumentalisten“ käme auch konzertant voll zur Geltung. Der Regisseur Neco Çelik tat gut daran, sich mit bescheidenen Mitteln zu begnügen. Das kleine Orchester sitzt im Halbdunkel oberhalb des Eingangs zu einem schäbigen Raum, in dem an Haken Mäntel hängen, an dessen Schmalseite. Das Publikum muss diesen Raum gebückt durch eine Art Tunnel betreten, der auf der gegenüber liegenden Seite, durch angedeutete Eisenbahnschienen verbunden, in die Gaskammern und zu den Krematorien zu führen scheint. Der Sprecher – Udo Samel – bewegt sich zwischen den im Raum auf spartanischen Sitzbänken verteilten Zuschauern, verhüllt den Kopf mit seiner Jacke, geht zwischendurch an die Wand, als spräche er zu einer Klagemauer. Denn „Through Roses“ handelt von einem Geiger, der in ein Vernichtungslager eingeliefert wird, aber – anders als seine Geliebte – überlebt.

In den Monolog über das gegenwärtige Geschehen mischen sich Erinnerungen. Samel spricht den Text mit Ausdruck, nicht etwa unterkühlt. Er bildet mit der gemäßigt atonalen Musik eine Einheit. Neikrug spielt mit Zitaten. Haydns Kaiserquartett, besser bekannt als Deutschlandlied, klingt ebenso an wie das Wienerlied „Wann der Herrgott net wüll“ oder, auf das Stichwort „Kraft durch Freude“, Beethovens „Ode an die Freude“. Im Text wird auch Woyzeck mit seinem „Immer zu, immer zu!“ beschworen. Am Ende steht ein Zitat aus Dantes „Göttlicher Komödie“. Der größte Zivilisationsbruch des vergangenen Jahrhunderts kontrastiert mit den Höhepunkten der europäischen Kultur.

Die alte Frage, ob man Auschwitz durch Kunst thematisieren könne, taucht wieder auf. Marc Neikrug gibt eine ziemlich überzeugende Antwort: ja, man kann – wenn man kann.

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erstellt am 14.2.2015

Szenenfoto „Through Roses“: Vincent Stefan

Oper in Berlin

Through Roses

Musiktheater für Sprecher und acht Instrumente
Text von Marc Neikrug

Musikalische Leitung Felix Krieger
Inszenierung Neco Çelik
Schauspieler Udo Samel

Staatsoper im Schiller Theater Berlin

Szenenfoto „Through Roses“: Vincent Stefan