Tracy Letts' international erfolgreiches Stück „August: Osage County“ wird derzeit auch in Deutschland gespielt. Für Ilan Ronen, den Regisseur der Berliner Aufführung, ist eine genaue Figurenzeichnung oberstes Gebot. In Stuttgart zeigt Stephan Kimmig hingegen kein Zutrauen zum Naturalismus der Vorlage, berichtet Thomas Rothschild.

Theater

Berlin contra Stuttgart

Von Thomas Rothschild

Ein großer Teil der Gegenwartsdramen überlebt die Uraufführung nicht. Ein Theater schmückt sich mit ihr, hofft auf die überregionale Kritik – und das war's auch schon. Und dann gibt es die Ausnahmen: die Stücke von Yasmina Reza oder „August: Osage County“ von Tracy Letts, die weltweit, über die Kulturen hinweg, die Spielpläne bereichern. Der Grund: sie bieten schöne Rollen an, das mit Meryl Streep auch erfolgreich verfilmte Stück von Tracy Letts zumal für ältere Frauen, für die es in der Dramenliteratur nicht allzu viele attraktive Herausforderungen gibt.

Der unverhältnismäßige internationale Erfolg von Tracy Letts ist dennoch insofern verwunderlich, als das englischsprachige Theater in seinem Hauptstrom eine signifikant andere Entwicklung genommen hat als das deutschsprachige oder auch das französische Theater. In den englischsprachigen Ländern hat sich das psychologisch-realistische Theater nachhaltig etabliert, als hätte es nie einen Harold Pinter gegeben, eine Mischung aus gehobenem Boulevard und Konversationsstück. In Deutschland herrscht seit 40-50 Jahren, was man vereinfachend „Regietheater“ und aus amerikanischer Sicht „Eurotrash“ nennt.

Die Aussage von „August: Osage County“ ist wenig überraschend. Sie ist uns seit dem ersten Satz von Tolstojs „Anna Karenina“ und auf dem Theater seit Strindberg bekannt und aus unzähligen skandinavischen, englischen und amerikanischen Stücken bis zum Überdruss vertraut: Die Familie ist die Hölle und hinter der Fassade bürgerlicher Anständigkeit verbergen sich Abgründe der Gemeinheit, der Lüge und der Unmoral. Wenn einer sich daran macht, diese Erkenntnis ein weiteres Mal auf die Bühne zu bringen, muss er sich schon sehr gute Dialoge einfallen lassen, um Interesse zu erwecken. Tracy Letts beherrscht sein Handwerk, und der Begriff des „well made play“ passt exakt auf seinen Publikumshit. Denn was die Konstruktion der Handlung angeht, bleibt er, mit Verlaub, weit hinter Eugene O'Neills „Eines langen Tages Reise durch die Nacht“ oder auch hinter den Dramen von Tennessee Williams oder Edward Albee oder selbst hinter dem inflationär für das Theater adaptierten Film „Das Fest“ von Thomas Vinterberg zurück. Die Preise, die „August: Osage County“ in den USA eingeheimst hat, sagen über seine Qualität so viel aus wie der Oscar über die künstlerische Qualität eines Films.

In Berlin, in der Komödie am Kurfürstendamm, wo das Stück unter dem sehr allgemeinen Titel „Eine Familie“ läuft, hat sich der Regisseur Ilan Ronen ohne Wenn und Aber auf die Tradition, aus der Tracy Letts kommt, eingelassen. Ronen ist der Leiter des Habimah in Tel Aviv. Das legendäre israelische Nationaltheater ist ursprünglich aus der Schule Stanislavskijs in Moskau hervorgegangen. Das hat es bis heute geprägt. Genauigkeit der Figurenzeichnung ist oberstes Gebot. Wenn schon Tracy Letts deutliche Hinweise auf Tschechow gibt, so werden diese im Inszenierungsstil Ronens verdoppelt. Im Londoner Kontext entspräche diese Inszenierung der Norm. Im deutschen Kontext wirkt sie altmodisch und mit gutem Grund in einem Boulevardtheater untergebracht.

Stephan Kimmig hat „August: Osage County“ in Stuttgart inszeniert, wo es wenige Tage nach dem Berliner Start Premiere hatte. Kimmig hat, anders als Ronen, offenbar kein Zutrauen zum Naturalismus der Vorlage. Nun kann man sich fragen, warum man das Stück überhaupt ins Programm nimmt, wenn man die Absicht des Autors für verfehlt hält.

Der einzige Regisseur, der es verstand, die Sympathie für das englischsprachige Theater, für das Westend, und radikale Regie unter einen Hut zu bringen, war Peter Zadek, und der war ein Genie. Kimmig entscheidet sich für Stilisierung, wie es Hans Hollmann einst, gegen die damalige Überlieferung, bei Ödön von Horváth tat. Und erstaunlicherweise geht das auf, zumal Kimmig daraus nicht ein Dogma macht. Je länger der (lange) Abend dauert, desto mehr nähert er sich dem Realismus und mit ihm der emotionalen Ansprache. Wenn Elmar Roloff als Charlie Aiken seine Frau wegen ihres gefühllosen Umgangs mit dem gemeinsamen Sohn rügt, ist das ein großer Moment realistischen Theaters jenseits des Konversationsstücks.

Die Violet Weston, deren Töchter sich in ihrem Haus versammelt haben, nachdem der Vater verschwunden ist und sich, wie man später erfährt, umgebracht hat, spielt in Berlin Ursula Karusseit. Ilan Ronen hat begriffen, dass eine Frau, die tablettensüchtig ist und an Mundhöhlenkrebs leidet, nicht unbedingt neurotisch sein und ständig mit den Armen herumfuchteln muss wie die für diese Rolle eigentlich zu junge Astrid Meyerfeldt in Stuttgart. Die drei Schwestern, die Kimmig in deutlicher Reminiszenz an Tschechow an einer zentralen Stelle gruppiert, gewinnen bei ihm hingegen eine dringlichere Präsenz als am Kurfüstendamm. Anja Schneider, Birgit Unterweger und Sandra Gerling profilieren ihre Figuren und bleiben hinter Astrid Meyerfeldt keineswegs zurück.

„August: Osage County“ alias „Eine Familie“ wird uns noch ein Weile begleiten wie zuvor Yasmina Rezas „Gott des Gemetzels“. Kimmig und Ronen haben gezeigt, dass das Material auf unterschiedliche Weise arrangiert werden kann. Und schöne Rollen für alternde Schauspielerinnen wird man weiterhin dankbar entgegennehmen – auch wenn sie wenig Überraschendes zu sagen haben. Übrigens: die Übersetzung stammt von Anna Opel. Sie hat gute Arbeit geleistet. Nur manchmal wünschte man sich, dass sie Idiome weniger wörtlich nähme. „Was soll's“ klingt nun einmal anders als „So what“ und „Fehler“ anders als „wrong“.

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erstellt am 14.2.2015

»August: Osage County. Eine Familie« am Schauspiel Stuttgart. Foto: Bettina Stöß

Schauspiel

August: Osage County / Eine Familie

Von Tracy Letts

Schauspiel Stuttgart
Regie Stephan Kimmig

Theater und Komödie am Kurfürstendamm
Regie Ilan Ronen

»August: Osage County. Eine Familie« am Schauspiel Stuttgart. Foto: Bettina Stöß