Ihre Arbeiten lassen an kleinste Organismen denken, die man nur unter einem Mikroskop zu sehen bekommt. Seit jeher interessiert sich die Künstlerin Michelle Concepción für die mit dem bloßen Auge kaum wahrnehmbaren Strukturen. Eugen El hat Concepción in ihrem Offenbacher Atelier besucht.

Künstlerporträt

Vibrierende Formen

Ein Atelierbesuch bei Michelle Concepción

Von Eugen El

Der erste Eindruck eines aufgeräumten, laborartigen Ateliers täuscht: Wenn die Malerin Michelle Concepción an ihren Bildern arbeitet, dann ist in ihrem Raum im zweiten Obergeschoss der Offenbacher „Zollamt Studios“ kein Durchkommen möglich. Seit 2014 arbeiten Künstler, Designer, Filmemacher und Musiker Tür an Tür im ehemaligen Gebäude des Beschaffungsamtes der Bundeszollverwaltung, inmitten der als schwierig geltenden Nachbarstadt Frankfurts. Normalerweise nutzt Concepción mehrere Arbeitstische gleichzeitig. Ihre Acrylbilder entstehen in horizontaler Position, auf Leinwand und Papier. Sie trägt die mit Wasser verdünnte Farbe mit breiten Pinseln, in mehreren sich überlappenden Schichten auf. Die Bilder brauchen viel Zeit zum Trocknen.

Nicht zufällig lassen ihre Arbeiten an kleinste Organismen denken, die man nur unter einem Mikroskop zu sehen bekommt. Schon während ihres Studiums an der School of the Art Institute in Chicago hat sich Concepción, 1970 in San Juan (Puerto Rico) geboren, für die mit dem bloßen Auge kaum wahrnehmbaren Strukturen interessiert. Sie entwickelte aber auch eine Vorliebe für die deutsche Malerei der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: für den Blauen Reiter und den Expressionismus, für Max Beckmann und Ernst Ludwig Kirchner. Insbesondere deren Umgang mit Farbe hat Concepción fasziniert. In den neunziger Jahren kam Michelle Concepción nach Deutschland. Die Liebe führte sie nach Offenbach. Dort absolvierte sie denn auch ein Gaststudium an der Hochschule für Gestaltung (HfG), in der Malereiklasse von Adam Jankowski.

Concepción kann man einen hohen Grad an geradezu unternehmerischer Professionalität bescheinigen. Sie wird von mehreren Galerien im In- und Ausland vertreten. Kürzlich zeigte die Galerie Arte Giani ihre Arbeiten auf der „Kunst Messe Frankfurt 15“. Im Auftrag von Innenarchitekten fertigt Concepción auch Auftragsarbeiten an, die sich oft an früheren Werken aus ihrem Portfolio orientieren. In solchen Fällen müsse sie eine Zeitreise unternehmen, berichtet die Künstlerin. Denn dann greift sie eine bereits mehrere Jahre zurückliegende Arbeitsweise auf.

Michelle Concepcións Werke sind keine Illustration wissenschaftlicher Zusammenhänge. Sie lassen vielerlei Blickwinkel zu. Die Formen auf ihren Leinwänden und Blättern vibrieren. Sie wirken zuweilen wie Körper. Auch ein genauer Blick auf ihre feine Struktur lohnt sich. Die neuen, helleren Bilder zeugen zudem von einem Entwicklungsschritt. Dafür greift Concepción auf eine Serie von verspielt-experimentellen Papierarbeiten zurück, die in ihrem vorherigen, wesentlich kompakteren Atelier entstand. Dort hat sie notgedrungen improvisieren müssen. Die räumliche Einschränkung habe sich für sie ausgezahlt, erzählt Concepción. Neue Wege auszuprobieren, Risiken einzugehen, sei für ihren künstlerischen Lernprozess unentbehrlich. Dabei müsse man auch die Möglichkeit des Scheiterns in Kauf nehmen.

Der Umzug in die „Zollamt Studios“, deren Nutzung auf fünf Jahre beschränkt ist, hat es Michelle Concepción wieder ermöglicht, an großen Formaten zu arbeiten und auf mehreren Ebenen zu experimentieren. Manchmal bereitet sie ihre Arbeiten mit detaillierten Skizzen und mehreren Probedurchgängen vor. Nichtsdestotrotz bleibt der malerische Prozess ausschlaggebend. Concepcións Atelier oszilliert zwischen Ordnung, Struktur, Planung und dem Eigensinn der Malerei.

Eine kürzere Fassung dieses Beitrags ist in der Tageszeitung Offenbach-Post erschienen.

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erstellt am 12.2.2015

Michelle Concepción in ihrem Offenbacher Atelier. Foto: Eugen El

Michelle Concepción Pearl 27, Acryl auf Papier, 100×70 cm, 2013

Michelle Concepción Pearl 26, Acryl auf Papier, 100×70 cm, 2013