In seinem neuen Roman zeichnet Klaus Modick die Stimmung in der Künstlerkolonie Worpswede zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach und erzählt dabei die Geschichte eines der berühmtesten dort entstandenen Gemälde. Stefana Sabin hat das Buch gelesen.

Buchkritik

Der Wille zum Werk

Von Stefana Sabin

An der Hamme, nur zwanzig Kilometer nordöstlich von Bremen, liegt eine kleine Stadt, eher ein Städtchen, von etwa 9.000 Einwohnern, das berühmter als manche norddeutsche Großstadt ist: Worpswede, jener niedersächsische Erholungsort mitten im Teufelsmoor, wo Ende des 19. Jahrhunderts eine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft von Künstlern entstand. Angeregt von dem weiten Horizont, dem besonderen Licht und dem Wolkentheater, getrieben nicht zuletzt von einer spätromantischen Sehnsucht nach einer naturnahen Lebensweise, ließen sich zuerst Fritz Mackensen, Hans am Ende und Otto Modersohn in Worpswede nieder. Ihnen folgten nur wenige Jahre später Fritz Overbeck und Heinrich Vogeler, Paula Becker und Clara Westhoff, denen sich für kurze Zeit auch der Dichter Rainer Maria Rilke zugesellte.

Die Spannungen zwischen diesen Künstlern, ihre ästhetischen Verwandtschaften und ihre stilistischen Entfremdungen, die unterschwellige Konkurrenz und die vordergründige Solidarität stellt Klaus Modick in einem Roman dar, dessen Handlung um die Geschichte einer kurzen Künstlerfreundschaft, nämlich derjenigen zwischen Vogeler und Rilke, kreist.

Schon in seinem Roman „Sunset“ (2011) hatte Modick, der 1951 in Oldenburg geboren wurde und inzwischen wieder ebendort lebt, eine Künstlerfreundschaft – genauer: die Schriftstellerfreundschaft zwischen Bertolt Brecht und Lion Feuchtwanger – zum erzählerischen Vorwurf gemacht und den Konflikt zwischen dem eigenen ästhetischen Anspruch und dem ersehnten Publikumserfolg thematisiert. Auch im neuen Roman inszeniert Modick das schwierige Lavieren zwischen dem Aufrechterhalten des künstlerischen Anspruchs und der Versuchung des (Verkaufs-)Erfolgs.

So ist Modicks Vogeler ein authentischer Künstler und zugleich ein Karrierist – von einem unerschütterlichen Willen zum Werk getrieben und von Selbstzweifeln gequält. Dabei erscheint Vogeler als Gegenpol zu Rilke, der keine Zerrissenheit kennt und der seine dichterische Selbstgewissheit geradezu vorführt. Der Unterschied im Temperament und in der künstlerischen Einstellung wird in den Liebesbeziehungen erkennbar: Während Modicks Vogeler ein bürgerliches Familienleben führt, flirtet sein Rilke ungeniert mit den Worpsweder Künstlerinnen. „Clara und Paula waren schon früh erschienen und nahmen auf der Terrasse links und rechts von Rilke Platz, was den Dichter sichtlich entzückte,“ heißt es über das Sommerfest auf Vogelers Anwesen, dem Barkenhoff.

Heinrich Vogeler: Sommerabend am Barkenhoff oder Das Konzert, 1905
Heinrich Vogeler: Sommerabend am Barkenhoff oder Das Konzert, 1905

Die Geschichte von Vogelers Gemälde „ Sommerabend am Barkenhoff oder Das Konzert“ gibt den Erzählrahmen des Romans ab. Das Gemälde ist ein Gruppenbild der sogenannten Worpsweder „Familie“: Im Vordergrund steht Vogelers Frau Martha in grünem Kleid auf der Terrasse, an ihren Füßen ein eleganter Windhund; im Hintergrund sind die Freunde zu erkennen: links Paula Modersohn-Becker und neben ihr Clara Rilke-Westhoff, hinter ihnen Otto Modersohn; rechts findet das Konzert statt, bei dem Vogeler als Cellist auftritt, neben ihm sein Bruder Franz als Geiger und sein Schwager Martin als Flötist. Es ist ein großformatiges Gemälde, das in Worpswede entstand und zum ersten Mal 1905 anlässlich der Nordwestdeutschen Kunstausstellung in Oldenburg gezeigt und dort mit der Großen Medaille ausgezeichnet wurde.

Modick stellt sich das Sommerfest auf dem Barkenhoff und die Szene, die Vogeler zu seinem Bild inspirierte, vor: „In diesem Moment,“ erzählt Modick, „sah er zum ersten Mal das Bild, die Möglichkeit jedenfalls oder eine Ahnung jenes Bildes, das ihn dann noch mehr als vier Jahre beschäftigen sollte. Bevor er sich neben Franz setzte, um das Cello zu stimmen, warf er mit dem Bleistift eine hastige Skizze in sein stets griffbereites Arbeitsbuch.“ Von der ersten Skizze über das langsame Heranreifen der Komposition und bis zur Vernissage in Oldenburg rekonstruiert Modick in einem subtilen Wechsel von Beschreibung und Handlung, Rückblenden und Vorausschau die Entstehung des Gemäldes und zugleich die Lebenswirklichkeit hinter der gemalten Idylle – und macht das Gemälde zum Seismographen der Beziehung zwischen Vogeler und Rilke.

Denn auf dem Sommerfest, das Vogeler auf seinem Bild festhielt, war Rilke eine herausragende Präsenz, „ein rätselhaftes, frühreifes Genie, unter dessen Worten und Blicken die Frauen schmolzen.“ War Vogeler zuerst von Rilkes künstlerischer Kompromisslosigkeit ebenso wie von seiner Selbstinszenierung als genialer Dichter fasziniert, so glaubte er hinter dem ironiefreien Ernst seiner Worte eine narzisstische Rücksichtslosigkeit zu erkennen und wandte sich langsam von ihm ab – und entfernte ihn schließlich aus dem Bild.

„Er hätte zwischen Paula und Clara sitzen sollen, so wie er zwischen ihnen gesessen hat, als er damals auf dem Barkenhoff erschien,“ denkt Modicks Vogeler. „Aber da, wo er hätte sitzen sollen, ist der Platz leer.“ Rilkes auffällige Abwesenheit lässt das Gruppenbild irgendwie unfertig erscheinen. „Es ist eine Sensation“, heißt es auf der Oldenburger Vernissage über das Bild. Und Modicks Vogeler weiß: „Es ist nicht fertig …“

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erstellt am 11.2.2015

Klaus Modick
Konzert ohne Dichter
Roman
Gebunden, 240 Seiten
ISBN: 978-3-462-04741-7
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015

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