Buchkritik

Friederike Roth – Abendlandnovelle

Von Otto A. Böhmer

Manche Schriftsteller schreiben viel und muten der Öffentlichkeit ständig neue Werke zu, andere lassen sich gern mal von Ladehemmungen heimsuchen, was der Anerkennung durch die literarische Kritik aber keinen Abbruch tun muss, im Gegenteil. Schließlich gibt es noch die Schriftsteller, die zwischenzeitlich vom literarischen Erdboden verschwinden: Lange Zeit sind sie abgetaucht, erfahren manchmal sogar von ihrem eigenen Tod aus der Zeitung, bis sie den Vorruhestand quittieren und wieder aus der Versenkung auftauchen. Zu diesen Autoren gehört die Schriftstellerin Friederike Roth (Jg. 1948), in den Achtziger Jahren mit diversen Preisen bedacht und von der Kritik meist freundlich behandelt, die 1993 in ihrem Hausverlag Suhrkamp eine letzte Veröffentlichung hatte (Wiese und Macht). Danach probte sie, aus welchen Gründen auch immer, das vorläufige Verstummen, so dass es fast zwangsläufig dazu kam, dass man sich nicht mehr so ganz häufig an sie erinnern wollte. Nun hat sie sich wieder zu Wort gemeldet und einen schmalen Band namens Abendlandnovelle vorgelegt, der das Wagnis eines Neuanfangs thematisiert und dabei, erfreulicherweise, über mehr zu berichten weiß als über persönliche Schreibblockaden. Die Abendlandnovelle ist ein Prosagedicht, das von der Selbstüberschätzung unserer Wissensbemühungen erzählt, die wir gern für nützlich, fortschrittsfördernd und zeitresistent halten, obwohl sich uns, mindestens einmal am Tag, der ungute Verdacht aufdrängt, dass unsere fein ausgeklügelten Erkenntnismaschinchen zwar ständig heißlaufen, wir aber nichts Bleibendes zustande bringen. Mit Friederike Roth ist daher zu fragen: „Liegt es im naturhaften Gang der Natur/ dass sie irgendwann immer/ zurückkehren wird zu sich selbst?/ Oder liegt es begründet in des Menschen Natur?“ Diese Frage ist auch für professionell grübelnde Philosophen nicht zu beantworten; wer sich dem Wagnis unterzieht, über die eigene Befindlichkeit hinauszudenken und das Große und Ganze in den Blick zu nehmen, kommt zwar zu Einsichten nach Hausmacherart, sieht sich dabei jedoch wiederholt auf des Rätsels Anfang zurückgeworfen: „War wüst und leer es/ am Anfang/ und auf der Tiefe finster/ und auf dem Wasser/ schwebender Geist? War/ im Licht der Finsternis/ schon beschlossen/ der Tag in der Nacht/ im Abend der Morgen?“ Spannender als abstrakte Überlegungen zu unserer aller Seinsgeschichte muten existentielle Mutmaßungen an, die in den persönlichen Lebensbereich gehen, nach der Jugend und ihren Träumen fragen, nach Liebe und Angst, Alter und Tod. Auch hier geht es nicht recht voran: „Ein neues Leben? Der alte Gedanke./ Die Stunde Null? Der kalte Betrug./ Neu gemischt alle Karten? Das alte Spiel./ Aufs Neue und immer wieder vergessen/ was vorher war.“ Friederike Roth gönnt sich, jenseits persönlicher Reflexionen, eine spielerische Dekonstruktion jener überkommenen Lebenswelt, die wir als Abendland bezeichnen und, folgt man versierten Endzeitpropheten, seit einiger Zeit gern vom Untergang bedroht sieht. Das könnte auch der HERR selbst so sehen, der sich, nach Ewigkeiten dumpfen Müßiggangs, von seinem Ruhesitz hoch über dem griechischen Meer aufscheuchen lässt und neue Gesamtmaßnahmen in Erwägung zieht: „Voll Eifer und voller Hingabe/ beschäftigt der HERR über dem griechischen Meer/ sich in flirrender Hitze/ mit der Beobachtung des schleichenden Abendlanduntergangs/ einerseits/ um andererseits daraus/ sein Notbootprogramm zu konstituieren.“ Sonderlich aktiv wird der Herr allerdings nicht, er ist mit der Zeit arg unbeweglich und faul geworden: So „beabsichtigt“ er „durchaus nicht/ das Abendland noch zu retten./ Er will nur mit den Abendlandgedanken/ und speziell den Abendlanduntergangsgedanken/ ein wenig spielen.“
Insgesamt gibt es nicht viel Erbauliches zu vermelden: der Fortschritt findet nicht statt, die Träume kommen uns abhanden, sogar das Prinzip Hoffnung wird auf Dauer ähnlich welk und alt wie wir selbst. Mit solchen Ausblicken versehen kann man schon mal verrückt werden, zumindest aber in Maßen depressiv, aber es hilft alles nichts, da muss man durch, muss „irgendwie halbwegs zum Ende hinexistieren./ Nach dem Alter kommt/ Tod. Keine Jugend.“ Einer Schriftstellerin geht es dabei vielleicht eine Spur besser, sie kann sich, „das alt gewordene, überalterte Kindlein“, an die einstige Kraft der Worte halten, auch wenn die ja mit in die Jahre gekommen sind und nicht mehr viel hergeben.
Friederike Roths Abendlandnovelle ist ein knappes, von leiser Ironie getragenes Befindlichkeitsprotokoll, das seiner Autorin die letzten Illusionen nimmt, den Leser aber nicht ganz mutlos zurücklässt. Schließlich blitzt doch immer wieder das Schöne auf, und sei es nur, um uns eine weiteres Mal an die große Vergänglichkeit zu erinnern. Das dazugehörige Bild ist hartnäckig, es lässt sich nicht mehr verdrängen: „Einmal vielleicht/ sich selbst vorstellen können, nur so/ als einen Menschen ohne Wissen/ von sich und dem eigenen Ende vom/ Lied von der Erde.“

Otto A. Böhmer

erstellt am 02.2.2011

Friederike Roth
Abendlandnovelle
Suhrkamp Verlag, Berlin 2010

Buch bestellen