Als ihn der schwarze Tod holte, war das Land, für das er als Soldat und Dichter gekämpft hatte, verloren. Das Werk des Luís de Camões, der die Edda der Portugiesen verfasste, ist in der Sammlung „Com que voz? Mit welcher Stimme?“ Übersetzern aus vier Jahrhunderten willkommen gewesen. Bernd Leukert hat sie gelesen.

Buchkritik

Die liebe Seele

Luís de Camões in Übersetzungen aus vier Jahrhunderten

Von Bernd Leukert

Luís de Camões? Im Vergleich zu Voltaire oder Vergil, die ebenfalls Schöpfer von Nationalepen waren, ist der portugiesische Kämpfer und Dichter bei uns eher unbekannt und wenig verbreitet, obwohl im 19. Jahrhundert umfangreiche deutsche Übersetzungen seiner Werke erschienen, die von den damaligen deutschen Poeten begeistert aufgenommen wurden. Mit der Gedichtsammlung „Com que voz? Mit welcher Stimme?“ ist nun eine weitere Möglichkeit eröffnet, diesen Poeten kennenzulernen.

Er wurde wohl 1524 geboren, in dem Jahr, in dem in deutschen Landen der Bauernkrieg ausbrach, Erasmus von Rotterdam und Martin Luther miteinander stritten und sich entzweiten, Macchiavelli seine Komödie ‚Mandragola’ schrieb und der portugiesische Entdecker des Seewegs nach Indien, Vasco da Gama, starb. Luís Vaz de Camões stammte wahrscheinlich aus niederem Adel, war humanistisch gebildet und gehörte zur Gesellschaft des Königs João III in Lissabon. Nach zwei Jahren als Soldat in Nordafrika, wo er im Kampf ein Auge verlor, kehrt er zurück, kommt 1552 wegen tätlichen Streitigkeiten mit einem Höfling ins Gefängnis, wird vom König begnadigt und segelt zum Kriegsdienst nach Indien und später nach Macao. Nach siebzehn Jahren in königlichem Dienst tritt er die Heimreise mit Manuskripten und einem kleinen Vermögen an und verliert alles bei einem Schiffbruch. Der junge König, Dom Sebastião I, gewährte ihm eine kleine Rente. 1580 erobert Herzog Alba Portugal, dessen Nationalepos ‚Die Lusiaden’ Camões (1572) verfasst hatte, für Spanien. Der Dichter stirbt völlig verarmt an der Pest im selben Jahr.

Camões, der vermutlich an der Universität von Coimbra studierte, war fähig, nicht nur in der Sprache der traditionellen Dichtung von Petrarca bis Tasso zu dichten. Er bezog auch die Alltagssprache der Matrosen, Fischverkäufer und Handwerker mit ein, und seine Wortschöpfungen sind bis heute Bestandteil des Portugiesischen.

Das Besondere der Anthologie „Com que voz? Mit welcher Stimme?“ ist nun, dass sie Übertragungen jeweils eines Gedichts von verschiedenen Übersetzern vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart versammelt und damit auch Übersetzungsgeschichte dokumentiert.

Vorführen lässt sich das zum Beispiel mit dem 80. der Sonette von Camões, zu dem er sich von Petrarcas Sonett CCCV (= 305) anregen ließ. Alma minha gentil, que te partiste/ Tão cedo desta vida descontente,/ Repousa lá no Céu eternamente,/ E viva eu cá na terra sempre triste./ …

Die anima bella, die schöne Seele, die bei Petrarca aus dem Himmel auf das freudlose Leben des lebendig Toten herabblickt, wird bei Camões zur Alma minha gentil, die auf den traurigen Hinterbliebenen schaut. Der Dichter hofft, dass die Verschiedene sich noch ans Leben und seine Liebe für sie erinnern kann, und bittet sie, bei Gott um ihre möglichst schnelle Wiedervereinigung im Jenseits zu flehen.

Von der – bis auf das Initial „R.“ – anonym übertragenen Version aus dem Jahr 1803 bis zur Fassung der Hamburger Übersetzerin Maralde Meyer-Minnemann (2012) bekommt man in diesem Fall zehn unterschiedliche deutsche Sonette, und jedes einzelne ist eine individuelle und zugleich epochengebundene Annäherung an das eine Original. Kurios ist dabei eine oberschwäbische Version aus dem Jahr 1855, die der Sprachwissenschaftler Karl Moritz Rapp angefertigt hat: Du guote liobe säl, so bist denn gango/ Und so ûrpletzlich, ous dor zeitlichkoit!/ So winsh î drobbo dior de ebig froid/ Und luog-dor nåch mit ódrucknote wango./ … – Bei Friedrich Notter, der auch Dantes ‚Commedia’ übersetzte, wurde sieben Jahre später aus der ‚guten, lieben’ eine „verstörte Seele“. In den ‚Blüthen Portugiesischer Poesie’ (1863) des Theologen Friedrich Wilhelm Hoffmann wird sie zur „holden Seele“, dann, bis in die Gegenwart hinein, immer wieder zur „lieben Seele“. Was sich allein bei dieser Anrede verfolgen lässt, betrifft freilich das ganze Gedicht und die ganze Sammlung, die auch eine Auswahl der ‚Lusiaden’ umfasst. Von Mal zu Mal öffnet sich ein neuer Ausschnitt einer über 400 Jahre hinweg sich wandelnden Textgestalt, die etwas von der Gesinnung der Sprachmittler verrät, von den temporären Konventionen, Tabus oder einer dem politischen Druck ausweichenden Vorsicht in der Wortwahl.

So ist das ein Buch für Menschen, die die Sprache als ein sinnliches Kraftfeld begreifen, ein Buch, in dem die Nuance über Wohl und Wehe entscheidet und die Differenz als Bereicherung empfunden wird. Und es hält manchen Einblick in die zeitgenössische Situation des selbstverständlich katholischen Dichtersoldaten bereit, etwa, wenn er im siebten Gesang der ‚Lusiaden’ gegen die deutschen Protestanten hetzt: Siehe die Deutschen, eine trotzige Heerde,/ die auf so weiten Feldern weidet;/ Rebellisch gegen Petrus Nachfolger,/ Erfindet sie einen neuen Hirten und eine neue Secte:/ Es gnüget ihr nicht ihr blinder Irrthum,/ Sondern du siehst sie in schändlichen Kriegen beschäftigt,/ Nicht gegen den allerstolzesten Ottomanen,/ Sondern sich ihres Oberherrn zu entledigen.

Der Elfenbein Verlag, der schon Camões’ „Lusiaden“ und „Sämtliche Gedichte“ zweisprachig veröffentlichte und für 2015 die „Dramen und Briefe“ ankündigt, fächert mit „Com que voz? Mit welcher Stimme?“ nicht nur die sprachlichen Interpretationen auf, die vom Herausgeber Rafael Arnold mit Sorgfalt und Geschick ausgewählt wurden, sondern bringt mit dem Œuvre des portugiesischen Nationaldichters die poetische Kultur des 16. Jahrhunderts ins Bewusstsein und die starke Wirkung, die sein Werk in den Übersetzungen der Romantiker hinterließ und bis in die Gegenwart ausstrahlt. Wer sich also die Zeit nimmt, in dieses Buch hineinzugehen, wird sein Vergnügen finden. Und wer des Portugiesischen mächtig ist, wird doppelte Freude daran haben.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 10.2.2015

Luís de Camões
Com que voz? Mit welcher Stimme?
Übersetzungen aus vier Jahrhunderten
Hrsg., komm. und mit einem Vorwort vers. von Rafael Arnold
Gebunden, 424 Seiten
ISBN 978-3-941184-25-1
Elfenbein Verlag, Berlin 2013

Buch bestellen