Auf umsichtige Weise hat die Darmstädter Autorin Barbara Zeizinger historisches Wissen in fiktionale Erzählung überführt. Wie nah die wachgerufenen Bilder von Tötungen im italienischen Dorf Ceregnano vom 25. April 1945 an die Gegenwart heranrücken, wird im Gespräch mit Eric Giebel deutlich.

Gespräch mit Barbara Zeizinger

Schuld und Sühne

Eric Giebel: In deinem Roman „Am weißen Kanal“ behandelst du ein historisches Ereignis, das Massaker von Ceregnano am 25. April 1945. Wie hat der Stoff des Romans zu dir gefunden?

Barbara Zeizinger: Ich habe am Schuldorf Bergstraße Italienisch unterrichtet und den Austausch mit einem italienischen Liceo in Adria organisiert. In diesem Zusammenhang lernte ich meinen Kollegen Ivo Zambello kennen, der dort in der Nähe in Ceregnano lebt. Er hat mir das tragische Geschehen in seinem Heimatdorf erzählt. Ein lokaler Autor hat darüber das einzige Buch, das es über das Massaker gibt, geschrieben. Das habe ich übersetzt und von da an war für mich klar, dass ich die Geschichte erzählen werde. Allerdings habe ich andere Schwerpunkte gesetzt. In dem historischen Buch geht es hauptsächlich um die Partisanenbewegung. In meinem Roman spielt sie nur indirekt eine Rolle.

Christoph Ransmayr beschreibt in seinem mitteleuropäischen Lehrstück „Przemyśl“ historische Ereignisse, um nach sechs Seiten zu dem überraschenden Zwischenergebnis zu gelangen: „Gewiß – die abendliche Feierlichkeit dieses Allerheiligentages kann auch anders verlaufen sein: Vielleicht wurde die Republik ohne Blechmusik ausgerufen, vielleicht standen auch die Zedern des Ringplatzes damals schon nicht mehr […]“. Ist diese Art der historischen Spekulation, wie es gewesen sein könnte, deiner Meinung nach ein brauchbares Mittel, Lücken in der historischen Faktenlage literarisch zu schließen?

Das kommt darauf an, welches Ziel der Autor mit seinem Buch verfolgt. Für die Ursachen des Untergangs der freien Republik Przemyśl, die Ransmayr beschreibt, mögen Zedern und Blechmusik relativ unerheblich gewesen sein. Wichtig sind meiner Meinung nach die Ereignisse, die das historische Geschehen prägten. Aber selbst die sind ja unterschiedlich interpretierbar. Von Ludwig XVI. weiß man, dass er am Abend der Französischen Revolution in seinem Tagebuch den Aufruhr mit keinem Wort erwähnte, sondern lediglich in sein Tagebuch schrieb, er habe Milch getrunken. Dies ist eine historische Tatsache, aber ich kann nicht definitiv wissen, ob das aus Angst oder Dummheit geschah. (Seinem späteren Verhalten entsprechend neige ich dazu, es als Dummheit zu bewerten.)
Der Weg meines Protagonisten Günther orientiert sich relativ streng an dem, was in diesem Feldzug wirklich passiert ist. Er marschiert (und fährt) mit seiner Einheit von Südtirol nach Süditalien, wie tatsächlich Tausende anderer Soldaten. Der Kampf mit den amerikanischen Texas-Rangers beim Kloster Montecassino ereignet sich im Roman genau an dem Tag, an dem er 1944 stattgefunden hat, und für die Amerikaner gibt es dort noch heute ein Denkmal. Da konnte ich auf zahlreiche Quellen zurückgreifen. Aber dennoch ist ein Roman nie ein Sachbuch, weil die Figuren, selbst wenn sie historisch nachvollziehbar handeln, immer so fühlen und denken, wie ich es mir vorstelle. Aber ich glaube, dass es damals Soldaten wie Günther mehr als genug gegeben hat und er daher so etwas wie eine historische Wahrhaftigkeit verkörpert.

„Ein junger Soldat in Uniform der Luftwaffe kam in den Hof, schritt zielstrebig zu dem Feldwebel. Günther hörte noch, wie er sagte, er würde dafür bürgen, dass drei Gefangene nichts mit den Überfällen der letzten Tage zu tun hätten. […] Der junge Soldat salutierte, winkte seine Schützlinge zu sich und verließ mit ihnen schnell den Hof.“ Günther hingegen verpasst den richtigen Moment, sich für Giorgio einzusetzen und ihn zu retten. Ist dieser von dir aufgezeigte Handlungsspielraum der Wehrmachtssoldaten, durch Courage Zivilisten vor dem sicheren Tod zu bewahren, in historischen Quellen belegt oder deine „utopische“ Annahme, um Menschlichkeit von Bestialität zu trennen?

Das ist belegt. Es gibt sogar noch ein anderes Beispiel. In dem italienischen Buch, das ich erwähnte, ist angeführt, dass in einer ähnlichen Situation die Wachsoldaten einfach flüchteten und die Gefangenen allein ließen. Letztlich hätte Günther außer einer Ablehnung seiner Bitte ja nicht viel riskiert.

Sühne meint die stellvertretende Wiedergutmachung von Schuld. Günthers Sühne misslingt. 60 Jahre nach dem Massaker kann er erneut ein Kind nicht retten. Nicht das Kind, sondern er selbst ertrinkt im Rhein. Und es bleibt Irene vorbehalten, sich vor Giorgios Grab zu verbeugen. Warum braucht es so viel Zeit, bis Schuld gesühnt wird und zur Versöhnung beiträgt?

Ich finde Sühne und Wiedergutmachung schwierige Begriffe, denn selbst wenn Günther das Kind gerettet hätte, wäre Giorgio ja nicht wieder lebendig geworden. Warum es so lange dauert, bis Schuld gesühnt ist? Ich denke, es hat etwas mit Schuldgefühlen zu tun, die Menschen unterschiedlich gut und lange verdrängen können. Für Günther ist insofern typisch, dass ihn das Geschehen als alten Mann wieder eingeholt hat. Es braucht offensichtlich sowohl im privaten Bereich als auch im kollektiven Bewusstsein (der erste Auschwitz-Prozess fand achtzehn Jahre nach Kriegsende statt!) eine gewisse Zeit, ehe man sich mit traumatischen Erlebnissen auseinandersetzten kann. Und wir wissen aus der Forschung, dass das sowohl für Täter als auch für Opfer gilt. Beide Gruppen konnten nicht mit ihren Kindern darüber sprechen, aber eine Generation später mit den Enkeln.

In diesen Tagen lesen wir von Massakern der Al-Shabaab in im Nordosten Kenias. 28 getötete Bus-Passagiere, 36 getötete Arbeiter eines Steinbruchs. Christen und Moslems wurden getrennt, die Christen aus nächster Nähe durch Kopfschüssen hingerichtet. Wir Nachkommen deutscher Soldaten, die sich an zwei verbrecherischen Weltkriegen beteiligt haben, sind immer noch mit der Aufarbeitung beschäftigt. Das ist eine uneingeschränkt notwendige Arbeit. Vergessen wir dabei den Blick auf die Gegenwart und werden wir dafür von unseren Enkeln zur Rechenschaft gezogen werden?

Man kann sich mit der Vergangenheit beschäftigen, ohne den Blick auf die Gegenwart zu vernachlässigen. Ich habe beispielsweise einige Gedichte über all die schrecklichen Ereignisse der jüngsten Vergangenheit geschrieben, das letzte ganz aktuell über die Verfolgung der Jesiden. Im Übrigen bin ich der Meinung, dass historische Themen viel mit der Gegenwart zu tun haben. Der Faschismus und der darauffolgende Vernichtungskrieg sind für mich Beispiele dafür, wie dünn unsere Zivilisationsschicht letztlich ist. Und das ist ein Thema, das für mich ganz aktuell ist, wie nicht nur deine Beispiele zeigen. Es ist nicht weit weg, sondern betrifft auch immer noch uns in Europa, siehe Srebrenica, das für mich wirklich ein Sündenfall war. Ich glaube, unsere Enkel werden uns ganz andere Dinge vorwerfen, ich nenne nur unsere Gerechtigkeitslücke und den mangelnden Klimaschutz.

Welche neuen Projekte sind seit der Fertigstellung des Romans an dich herangetreten und wollen als nächstes bearbeitet werden?

Zurzeit schreibe ich hauptsächlich Gedichte, und im Hinterkopf nistet gerade eine mögliche Romanidee. Sie handelt von der Gegenwart. Mehr wird nicht verraten.

Das Gespräch führte Eric Giebel.

Kommentare

Kommentar eintragen









VG-Nummer: | erstellt am 09.2.2015

Barbara Zeizinger
Barbara Zeizinger
Vita

Barbara Zeizinger

Barbara Zeizinger wurde 1949 in Weinheim geboren. Sie studierte Germanistik, Geschichte und Italienisch in Mannheim und Frankfurt. Lebt in Darmstadt. Sie veröffentlicht Lyrik, Prosa, Essays und Reiseberichte.

Letzte Veröffentlichungen:

Kuba- Am leichten Ufer des Wassers, Reisebericht, Wiesenburg Verlag, 2 Aufl. 2010

Bildort, dreisprachige Lyrik (deutsch, italienisch, polnisch),Verlag Ars Pro Memoria 2013, Starachowice, Polen

Weitwinkel nah, Lyrik, Pop Verlag, 2013

Am weißen Kanal, Roman, Pop Verlag 2014

barbarazeizinger.de