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Vergangenes Fehlverhalten gärt im Innern weiter und kann noch nach Jahrzehnten irrationale Reaktionen auslösen. Diese Eigenart von Menschen, die sich mit ihrer eigenen Schuld nicht offen auseinandersetzen, hat Barbara Zeizinger zum Thema ihres Buches „Am weißen Kanal“ gemacht. Aus Enkelinnenperspektive erzählt sie, wie erst nach dem irritierend erfolgten Tod des Großvaters die schuldhafte Verstrickung erkennbar wird, die den hoch betagten Staatsanwalt ein Leben lang begleitet hat. Eric Giebel stellt den Roman, aus dem ein Auszug nachfolgend veröffentlicht wird, vor.

Buchkritik

Addio, Giorgio! Addio, Coccinella!

Von Eric Giebel

Mein toter Vater schaut mir über die Schultern. Bevor er etwas sagen kann, gebe ich ihm bereits die Antwort: „Nein, Vater, ich kann es nicht gut sein lassen, ich kann die Vergangenheit nicht ruhen lassen. Mord verjährt nicht.“

Aus dem gleichen Reflex heraus begibt sich die Protagonistin Irene Fischer in Barbara Zeizingers Roman „Am weißen Kanal“ auf Spurensuche. Im Nachlass ihres Großvaters Günther Rosenbach findet Irene die Fotografie eines unbekannten Jungen. Auf der Rückseite hat Rosenbach handschriftlich vermerkt: „Giorgio, zwei Tage davor“. WER ist Giorgio? Zwei Tage vor WAS? Irene betritt Leerräume des Schweigens, des Verdrängens, in denen die Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht und der SS im Zweiten Weltkrieg geleugnet oder als aufgearbeitet und abgeschlossen präsentiert werden sollen. Sie fahndet nach Schuld, nicht nach einer kollektiven, sondern nach der individuellen Schuld ihres Großvaters.

Rosenbach, achtzigjähriger Staatsanwalt im Ruhestand, ertrinkt im Februar 2005 im Rhein. Sein Versuch, ein Kind zu retten, das beim Spielen am Ufer in den Fluss gerät und abgetrieben wird, endet tragisch. Das Kind wird vom eigenen Vater aus dem Fluss gezogen. Rosenbach, dessen Hilfe nicht nötig ist, zahlt seinen Rettungsversuch mit dem Leben. Was Zeizinger am Beginn des Romans als Rätsel und als sinnlosen Tod von Irenes geliebten Großvater präsentiert, entwickelt sich zu einer Metapher einer späten und verunglückten Sühne.

Zeizinger lässt den jungen Wehrmachtssoldaten Rosenbach in Italien gegen die Aliierten kämpfen. Aus einem unerfahrenen Rekruten, der mit einer Fotokamera im Gepäck in den Krieg zieht, wird ein Mensch, der 1944 am Monte Cassino versucht, Stellung zu halten, Leben zu behalten. Ein Jahr später, in den letzten Tagen des Krieges, soll Rosenbach mit seinen Kameraden den Rückzug der Deutschen in der Poebene sichern. Nahe der Küste, wo der Fluss und der Canalbianco das Land in einen Fleckenteppich zwischen Wasserwegen, der nur mit Brücken zusammengehalten wird, teilt, dort ist die Lage des Salò-Regimes (Repubblica Sociale Italiana) und der deutschen Wehrmacht sehr unübersichtlich. Eine Unterscheidung zwischen Partisanen und Zivilbevölkerung findet nicht mehr statt.

Rosenbach lernt Giorgio kennen, fotografiert ihn, fährt mit ihm eine Runde Motorrad. Obwohl oder gerade weil er so viele Menschen in Gefechten getötet hat, sieht er in Giorgio einen Mitmenschen, ein vierzehnjähriges Kind, nicht einen Feind. Doch die Ermordung von Wehrmachtssoldaten durch Partisanen soll gerächt werden. Zivilisten, unter ihnen Giorgio, werden verhaftet. Wir ahnen die verhängnisvollen Geschehnisse und folgen doch atemlos, folgen, um Gewissheit zu haben und Zeugnis ablegen zu können: Die Menschen werden hingerichtet.

In Giorgios letztem Moment der Freiheit krabbelt eine Cocinella, ein Marienkäfer, von seinem Zeigefinger auf den seiner Schwester. Eine zarte, letzte Berührung. Dann stürmen die Soldaten das Haus und verschleppen den Jungen. Auf dem Weg zwischen Verhaftung und Erschießung Giorgios führt uns die Autorin zu der Frage nach Handlungsspielräumen, zu der Frage nach individueller Schuld.

Rosenbachs Einheit wird mit der Exekution beauftragt. Giorgio, der Rosenbach unter den Soldaten erkennt, hofft vergeblich auf dessen Hilfe. Am Ende wird Rosenbach nicht zum Mörder an Giorgio, aber er kann ihn auch nicht retten. Er hat nicht den Mut, seine Vorgesetzten, um das Leben des Jungen zu bitten. Rosenbach entfernt sich von dem Schießkommando. Er wird zum Befehlsverweigerer und Deserteur, der einer standrechtlichen Erschießung im Chaos des Kriegsendes entgehen kann.

Giorgio ist ein reales Opfer des Massakers von Ceregnano vom 25. April 1945, das drei Menschen überlebt haben. Irene, die Romanfigur, wird eine Blume auf Giorgios Grab legen, Erinnerungsarbeit und Versöhnung im realen Leben leisten und die Flüsse Po und Rhein zu einem europäischen Strom zusammenführen.

Weil ich nie gelernt habe, meinen Vater mit meinen Worten zu überzeugen, leihe ich mir welche aus. „Das Verbrechen […] schreit zum Himmel. Das müssen wir in unserem kollektiven Gedächtnis bewahren. Die Opfer haben ein Recht auf Erinnerung und Gedenken, Erinnerung an das barbarische Unrecht, das ihnen angetan worden ist, und sie haben ein Recht, dass ihre Namen erinnert werden. Denn sie sind ja nicht anonyme Opfer eines anonymen schicksalhaften Geschehens, sondern sie haben Namen und Gesichter, die wir bewahren wollen.“ (Bundespräsident Joachim Gauck, Sant'Anna di Stazzema/Italien, 24. März 2013)

Hai sentito, Giorgio? Hörst du, Vater?

Originalauszug

Barbara Zeizinger: Am weißen Kanal

Februar 2005

Irene atmete tief durch, lief langsam die Böschung hinunter, bis sie mit den Stiefelspitzen im Wasser stand. Der Rhein war leicht über das Ufer getreten. Regnerisches Wetter der letzten Februarwoche hatte Treibholz angeschwemmt. Seit einer Stunde riss die Wolkendecke immer mehr auf und erste Sonnenpunkte schaukelten auf den Wellen. Irene zog ihre Daunenjacke aus, warf sie mit kräftigem Schwung in den Rhein. Trotz Ufernähe war die Strömung stark, trug die Jacke schnell weiter, doch bald füllte sich der Stoff mit Wasser. Mit der rechten Hand über den Augen verfolgte sie den roten Punkt, der kleiner und kleiner wurde, bis er völlig unsichtbar war. Sie setzte sich in den feuchten Sand. Was hatte Großvater gefühlt, als das Wasser in Mund und Nase eindrang, er spuckte, röchelte, nicht mehr atmen konnte? Großvater, gefangen in seinem vollgesogenen Wintermantel, der ihn in die Tiefe zog.
Reglos schaute sie den Wellen hinterher, die, je länger sie auf das Wasser starrte, zu einer glatten Oberfläche verschwammen. Alles war wie sonst im Winter. Am gegenüberliegenden Ufer die Baumreihe mit Mistelballen zwischen den Ästen, in der Flusskrümmung Ausläufer eines kleinen Weilers, von dessen Häusern Rauch aufstieg.
Die Stiefel voller Wasser, das bei jedem Schritt um ihre Füße schwappte, lief Irene zum Parkplatz zurück. Dort stand der schwarze Corolla immer noch allein. Bei laufendem Motor, die Heizung auf Höchststufe, sah sie durch die Bäume ein Containerschiff, dessen bunte Fracht in der inzwischen strahlenden Wintersonne glitzerte.
In Strümpfen fuhr sie auf der Hauptstraße nach Gernsheim. Berufsverkehr und eine Ampel ließen die Wagenkolonne nur meterweise vorankommen. Sie hätte ihre Stiefel anlassen sollen. An der Kreuzung bog sie nach rechts in den Promenadenweg Richtung Hafen ab und konnte schon von Weitem die heruntergelassenen Rollläden an der Imbissbude sehen. Aus der gegenüberliegenden Gaststätte kamen zwei Männer in Arbeitsanzügen heraus. Am Eingang empfing sie Zigarettenrauch, einer der Männer hielt ihr die Tür auf.
Innen roch es nach Eiern und Speck. Drei Männer, der Kleidung nach Kollegen der Raucher, frühstückten. Irene setzte sich an den kleinen Tisch neben der Theke. „Eine heiße Zitrone, bitte!“ Wortlos nahm die Kellnerin, eine kräftige Frau Mitte Fünfzig, die Bestellung entgegen. Zu der heißen Zitrone brachte sie ein Glas Schnaps. „Trinken Sie, geht aufs Haus. Sie sehen aus, als könnten sie ihn vertragen.“
Irenes Augen füllten sich mit Tränen und ihre Nase lief. Mit der Jacke hatte sie alle Taschentücher in den Rhein geworfen. Ihre Füße kribbelten. Sie fuhr sich mit dem Ärmel über das Gesicht und holte einen zerknitterten Zeitungsausschnitt aus ihrer Hosentasche. Sie legte ihn auf den Tisch, strich, ehe sie ihn las, mehrmals mit den Händen darüber.
Ehemaliger Staatsanwalt durch tragischen Unfall im Rhein ertrunken.
Bei dem Versuch, ein Kind zu retten, ist am Sonntag der achtzigjährige Günther R. aus Gernsheim im Rhein ertrunken. Der vierjährige Junge war bereits von seinem Vater erfasst und festgehalten worden. Nachdem der Junge in Sicherheit war, wollte der Mann Günther R. zu Hilfe kommen. Doch dieser war von der wegen Hochwassers starken Strömung bereits umgerissen und weggetrieben worden. Obwohl der Vater sofort den Rettungsdienst alarmiert hatte, konnte die Leiche noch nicht gefunden werden. Günther R. war viele Jahre am Landgericht in Darmstadt tätig gewesen.
Irene trank den Schnaps in einem Zug aus. Im Auto holte sie ihr Handy aus dem Handschuhfach. Markus hatte dreimal angerufen und eine SMS geschrieben. Liebes, kann Dich nicht erreichen. Bin bis vier Uhr in der Schule. Komme heute Abend. Kopf hoch. M.

***
„Da bist du ja endlich!“ Ihre Mutter umarmte sie und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Ich war dort.“
„Wo?“
„Wo es passiert ist.“ Irene zog die Stiefel aus und bewegte die Zehen auf und ab. „Meine Strümpfe sind immer noch nass.“
Ihre Mutter ging in die Küche. „Komm, hier ist es warm.“ Mit fahrigen Bewegungen öffnete sie mehrere Schranktüren und warf sie lautstark wieder zu. „Weißt du, wo er den Kaffee hat?“
Irene schob im unteren Fach Zucker beiseite und holte eine Dose hervor. „Hatte“, sagte sie.
Ihre Mutter zählte mit dem Messlöffel Kaffee in das Filterpapier. Ihre Hand zitterte und sie verschüttete Pulver, das sie in Zeitlupe mit einem Lappen von der Arbeitsfläche wischte. „Ich habe bei denen angerufen“, sagte sie. „Niemand weiß, warum er sich eingemischt hat. Das Kind war eigentlich längst gerettet. Der Vater hatte mehrmals >ich habe ihn< gerufen, schon um seine schreiende Frau zu beruhigen, hat er gesagt, aber auch um deinen Großvater abzuhalten, ihm weiter entgegenzugehen. Weiß der Himmel, warum er nicht umkehrte.“
Sie warf den Lappen in die Spüle und holte zwei Tassen aus dem Schrank. „Der Mann, also der Vater, meint, Großvater wollte ihnen helfen, ans Ufer zu kommen, was gar nicht nötig war. Niemand kann etwas dafür, hörst du! Höchstens er selbst.“
Irene versuchte sich auf das Blubbern des Kaffees zu konzentrieren. Ohne hinzusehen, wusste sie, dass die Mundwinkel ihrer Mutter zuckten und sie sich mit beiden Händen durch die rötlichen Haare fuhr. Auch Großvaters Küche hätte sie mit geschlossenen Augen beschreiben können. Die noch von Großmutter ausgesuchten Hängeschränke aus massiver Buche sollten für die Ewigkeit sein. Den Kühlschrank, der nur bei geschlossener Küchentür geöffnet werden konnte, die erst vor kurzem angeschafften Stühle und den Tisch mit Plastikdecke, an dem sie jetzt saßen. „Wieso war der Junge überhaupt so nah am Wasser?“
„Er wollte einen Stock herausfischen, glaube ich.“ Ihre Mutter goss Kaffee in die Tassen. „Warum konnte Großvater nicht einfach im Park spazieren gehen?“ Sie öffnete den Kühlschrank. „Es gibt keine Milch.“
„Er liebte den Fluss.“
„Aber mit achtzig muss man sich nicht mehr in die Strömung stürzen!“
„Mama!“
„Meinst du, ich vermisse ihn nicht? Wollte nicht wissen, wieso er morgens früh dorthin gefahren ist? Und die Tage danach, bis er gefunden wurde!“ Ihre Stimme überschlug sich. „Immer musste er sich einmischen!“
“Mama!“
Irene schüttelte den Kopf, schaute zur Uhr an der Wand, verfolgte, wie der Sekundenzeiger bei jeder Bewegung leicht nachzitterte.
„Er war wie ein Vater für dich.“
Manchmal war er sehr streng, dachte Irene.
Mit vierzehn wollte sie mit drei anderen Mädchen auf einem bewachten Campingplatz am Rhein zelten. Großvater war dagegen, fuhr schwere Geschütze auf. Junge Mädchen könnten von Betrunkenen belästigt oder überfallen werden. Schließlich mischte sich ihr Vater ein und sagte, sie würden nicht im Wilden Westen leben und Irene sei kein Baby mehr. Als ihre Freundinnen sie am nächsten Tag abholten, wäre sie lieber zu Hause geblieben. Nachts konnte sie nicht schlafen, weil sie unheimliche Geräusche hörte und glaubte, an der Zeltwand Schatten zu sehen.
Das Handy ihrer Mutter klingelte. „Helga Fischer“, meldete sie sich, „Sonja, ich weiß.“ Während sie telefonierte, trug sie mit der freien Hand die Kaffeetasse zur Spülmaschine. Ihre Stimme klang verärgert.
„Können sich Bewährungshelferinnen eigentlich nie frei nehmen?“, fragte Irene, nachdem ihre Mutter das Gespräch beendet hatte.
„Nicht wenn über die Bewährung neu verhandelt werden muss, weil ihr Schützling gegen die Auflagen verstoßen hat. Aber du solltest die Wohnung nicht allein ausräumen.“
„Ich habe in der Redaktion Bescheid gesagt.“
„Und deine Serie?“
„Die kann warten.“

Womit anfangen? Irene hatte noch nie eine Wohnung aufgelöst. Wie sollte sie entscheiden, was verkauft, weggeworfen oder aufgehoben wird. Ihre Mutter wollte eine Anzeige aufgeben, damit fremde Menschen kämen, die Großvaters Bilder, Bücher, seinen Schreibtisch, sein Leben betrachteten und überlegten, was es ihnen wert sei. Der Ort ihrer Kindheit würde aufgeteilt werden.
Unwillkürlich zog sie im Wohnzimmer die Vorhänge zurück. Lass Licht rein, Kind, hatte Großvater immer gesagt, Licht ist gut für die Seele. Als kleines Mädchen hatte sie sich gefragt, ob diese Seele Großvater wehtat, weil er Irene oft lange anschaute, bis es ihr unangenehm war. Fragte sie ihn, woran er dachte, bat er sie fast immer, ihre Frage zu wiederholen. An nichts Besonderes, sagte er dann, aber sie hatte ihm nie geglaubt.
Am besten fing sie im Arbeitszimmer an. Sie setzte sich auf die Liege neben dem Schreibtisch. Die Decke am Fußende hatte sie Großvater vor fünf Jahren aus Mexiko mitgebracht. Ausgebreitet zeigte sie einen Indianer mit Kopfschmuck und Schild, aber Großvater hatte die Decke auch dieses Mal so zusammengefaltet, dass von dem ganzen Bild nur ein Bein sichtbar war.
Irene wunderte sich, dass vor dem großen Schrank einer der schweren Holzstühle aus dem Wohnzimmer stand und die obere Tür nicht richtig geschlossen war. Unordnung hatte Großvater nicht ertragen und mit Irene immer geschimpft, wenn sie Spielsachen oder Schulbücher herumliegen ließ. Sie stieg auf den Stuhl und schloss die Schranktür vollständig.
Im Regal waren die Bücher nach Themen geordnet. Großvater verreiste nicht gern, las aber, sicherlich auch wegen ihr, viele Reiseberichte. Die würde sie behalten. Vielleicht auch einige der zahlreichen Geschichtsbücher. Juristische Lexika und Sammlungen von Gesetzen konnten weggeworfen werden. Die wenigen Romane müsste ihre Mutter durchsehen.
Rechts standen historische Bücher in Zweierreihen. Sein Interesse begann bei den alten Griechen und nahm, der Menge nach zu urteilen, mit dem neunzehnten Jahrhundert und noch mehr ab dem Zweiten Weltkrieg zu. Irene fragte sich, warum sie das nie bemerkt, er nie darüber gesprochen hatte, auch, warum ihr sonst so überkorrekter Großvater die Bücher nach einem nicht chronologischen System geordnet hatte, dessen Logik sie nicht verstand. Griechen, Römer, das Mittelalter besetzten die ersten Reihen, ein bisschen Bismarck, Bundesrepublik und DDR, der Rest war unsichtbar geblieben.
In willkürlichen Stapeln legte sie Bücher auf den Boden. Als kleine Staubflöckchen aufflogen, öffnete sie das Fenster, worauf sofort ein kräftiger Windstoß die Gardinen aufblähte und über Großvaters Schreibtisch fegte. Wie Vögel, die nicht landen wollen, flogen Papiere im Zimmer auf und ab, bis sie sich, nachdem sie das Fenster wieder geschlossen hatte, auf dem Boden verteilten. Warum hatte Großvater seinen Schreibtisch nicht aufgeräumt?
Irene rieb sich die Schläfen und sammelte alles wieder auf. Zwischen Briefen und Zeitungsausschnitten lagen mehrere kleine, an den Rändern gezackte Fotos. Sie zeigten Großvater in Uniform vor einem Panzer. Großvater in sommerlicher Berglandschaft. Er war jung und lachte in die Kamera.

Mit freundlicher Genehmigung des Pop-Verlags, Ludwigsburg

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VG-Nummer: | erstellt am 09.2.2015

Barbara Zeizinger
Am weißen Kanal
Taschenbuch, 219 Seiten
ISBN 978-3-86356-094-2
Pop Verlag, Ludwigsburg 2014

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