Parmenides war einerseits ein klar denkender Vorsokratiker, andererseits ein griechischer Träumer im Süden Italiens, der gegen Zweifel an der eigenen Existenz nicht immer gefeit war. Otto A. Böhmer hat ihm Prüfungen auferlegt.

Holzwege

Halte den Gedanken fern

Der Philosoph Parmenides

Von Otto A. Böhmer

Der Philosoph Parmenides, der, den versprengten Chronisten zufolge, im sechsten Jahrhundert vor Christus in Elea, im unteren Italien, gelebt und sich besonnen haben soll, war den Dingen und Menschen gegenüber von jeher ungnädig gestimmt; sie machen sich breit in den Räumen, dachte er öfter, verstellen den Blick, drohen durch schiere Anwesenheit. Was er, Parmenides, suchte, war die vollkommene Weite einer noch unberührten Landschaft; keine Menschen sollte sie bergen, keine unnützen Gegenstände, wie leergefegt sollte sie sein, diese Landschaft, eine zur endlosen Ebene werdende Berg-und-Tal-Senke, die in sich ruhte und im Sonnenlicht stand. Im Traum hatte er schon einmal gesehen, was er suchte. Er war in der nachlassenden Hitze der Tage eingeschlafen unter einem Baum, und im jäh einsetzenden Traum geriet er alsbald in Bewegung; er wurde gefahren, verließ das Haus der Nacht. Abseits vom Wege der Menschen sah er nun, was er sehen wollte, aber es ließ sich nicht halten. Parmenides wurde wach, weil Viehzeug auf ihm krabbelte; er öffnete die Augen, sah durch die schüttere Baumkrone hindurch den sich dunkel färbenden Himmel, den es kaum kümmern konnte, wenn man ihn wieder und wieder mit Lichtern behängte. Mühsam erhob sich der Philosoph; seine Glieder schmerzten, und ihm kam es vor, als habe ein steinalter Mann sich breitgemacht in ihm. Ich habe die Merkzeichen gesehen, dachte er, Merkzeichen des Bleibenden, Einen, das ich selber nicht bin. Schade. Wer fängt die Dinge auf, wenn sie ins Nichts stürzen, wer beordert die Menschen ins Grab, wem obliegt jede zeitlose Wiederkehr? So bleibt nur noch Kunde von dem Wege, dass das Sein ist.

Wie sein Kollege Heraklit hatte Parmenides auch einen Namensvetter, einen berufsmäßigen Spaßmacher, der seine Künste vor genügsamem Publikum vorführte. Dieser andere Parmenides, von dem der Philosoph erst spät Kenntnis erhalten hatte, kam eines Tages in einen kleinen Ort in der Nähe von Elea. Dort hatte der Philosoph bei einem wohlhabenden Freunde den Abend verbracht. Parmenides, dem das Sein selbst mittlerweile zu einem guten Freund geworden war, hatte anschließend seinen Rausch ausgeschlafen, und er wurde nun, am späten Morgen, von Vogelgezwitscher geweckt, das bis zu seiner Bettstatt hin schlug.

Er taumelte ins Freie und ging in Richtung des blödsinnigen Lachens, das ihn auf dumpfe Weise neugierig machte und ärgerlich stimmte. Er kam an einen kleinen Platz, der von Menschen umsäumt wurde, die Parmenides, dem nun die Augen klarer geworden waren, wie die eigentlichen Entdecker der Einfältigkeit vorkommen wollten. Sie waren es, die das Gelächter anstimmten und sich in Zurufen ergingen. Der Grund ihrer Heiterkeit aber war der andere Parmenides, der Spaßmacher: er mühte sich vor ihnen ab, schnitt alberne Grimassen, die auf seinen Namensvetter, den Philosophen, der den ihm fremden Witzbold sofort erkannte, wie Drohgebärden wirkten. Der Spaßmacher schien eine altvergessene Verzweiflung überspielen zu wollen; er schlug Purzelbäume, die ungemein kraftvoll und tolpatschig aussahen; er spiegelte die Sonne ab von seiner hellbunt gefärbten Nase; er johlte und gurgelte, und sein Reden – er versuchte sogar zu reden – war herrlich fordernd und unverständlich. Die Menschen lachten und sparten nicht mit Beifall. Auf einmal aber kehrte für einen Augenblick Ruhe ein, so als sei eine Art Denkpause angesagt, die möglicherweise nur ihm, dem hinzustoßenden Philosophen, gelten mochte, der jetzt von den Zuschauern wahrgenommen wurde – und auf einmal war die Denkpause beendet, und das unerhört-dämliche Gelächter brandete wieder auf, das nun allerdings dem anderen Parmenides galt, dem Philosophen, denn der war fast gänzlich unbekleidet und stand so vor ihnen, wie er die letzte Nacht verbracht hatte; in scharfsinnig-trunkener Nacktheit. Parmenides rannte davon, und der andere Parmenides lachte mit den ihn befeuernden Schaulustigen hinter ihm her. Im Hause seines Freundes angekommen, schrieb der Philosoph dann einen Satz nieder, den bis heute keiner so recht verstanden hat: „Halte von diesem Weg des Suchens den Gedanken fern, und es soll dich nicht vielerfahrene Gewohnheit auf diesen Weg zwingen, walten zu lassen das blicklose Auge und das dröhnende Gehör und die Zunge.“

Einige Tage später saß Parmenides am Fluss und ließ seinen Gedanken ihren Lauf. Die aber waren träge und kreisten in sich, was an der spätsommerlichen Wärme liegen konnte, die alle lähmte, oder an dem seltsamen Umstand, daß der Philosoph seit ein paar Tagen Zweifel hatte, Zweifel an seiner eigenen Person. An einem beliebigen Morgen war er nach dem Aufstehen vor einem beliebigen Spiegel stehengeblieben, aus dem ihm aber kein alter Bekannter entgegenstarrte, sondern nur ein sehr alter und sehr fremder Mann, der ihm wie eine leibhaftige Drohung vorkam. Parmenides rieb sich die Augen, aber es änderte sich nichts; der Greis da vor ihm blieb und war stumm. So alt bin ich wahrhaftig noch nicht, dachte der Philosoph – oder sollte ich mich da traurigerweise schon irren? Vielleicht sind die Jahre dahingeflogen in göttlich-rasender Eile, ohne dass es die Sterblichen, zu denen ich zähle, bemerkt hätten.

Seit jenem Morgen hatte der Philosoph, wie gesagt, seine Zweifel, und während er am Flusse saß und ein stiller und warmer Wind ihm wie zum Trost über die Haare strich, kamen ihm seine Zweifel auf einmal sehr sinnvoll und nützlich vor. Er sah Kinder im Fluss, die sich freuten, und es war ihm, als würde er von herrlichen Frauen, die alle bereit gewesen wären, seine Mutter zu werden, zurückgetragen zum Garten der Zeit.

Natürlich träumte er längst, das ließ der Tag sich nicht nehmen, und während die eine, nun wieder selbstsichere Stimme in ihm sich im Zuspruch verlor, machte man ihn bis auf Widerruf – glücklich.

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erstellt am 09.2.2015

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Parmenides
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