Das Museum Wiesbaden zeigt nach den Stationen Winterthur und Bottrop Zeichnungen des amerikanischen Künstlers Fred Sandback (1943-2003), der für seine minimalistischen Raumplastiken bekannt ist. Isa Bickmann empfiehlt den Besuch der Ausstellung, die nur noch bis zum 22. Februar 2015 zu sehen ist.

Ausstellung

Der Akt des Schauens als skulpturale Methode

Von Isa Bickmann

Er kam zum Aufbau seiner Ausstellungen nur mit einer Tasche oder einem Köfferchen, in dem sich alle Exponate befanden. Während für andere Bildhauer Kräne, Hubwagen oder gar Sattelschlepper unabdingbar sind, war die Zusammenarbeit mit Fred Sandback keine logistische Herausforderung. Das vereinfacht bis heute Ausleihe und Handling, reduziert die Kosten für den Aussteller. Auch das Restaurieren ist simpel: Einfach neues Garn kaufen in der vom Künstler vorgegebenen Farbe und schon ist ein gerissener Faden ersetzt! Eine Versicherung wird ebenfalls nicht benötigt. Es geht nur um die Idee, die mit ein paar Acrylwollfäden am Ausstellungsort – nach den Vorgaben des Künstlers – ausgeführt wird.

Doch leicht hat es sich der Künstler nicht gemacht: Denn allen Ausstellungen voraus gingen intensive Vorarbeiten und endeten keineswegs mit seiner Ankunft vor Ort, wie sich der Galerist Gianfranco Verna erinnert:

„Er kam also im Dezember 1972 nach Zürich. Das notwendige Material für seine Skulpturen brachte er in seiner Tragtasche mit. Damals verwendete er feste, mit Stoff überzogene Gummischnüre. (Wenig später ging er dazu über, fast ausschließlich mit weißem, schwarzem und farbigem Acrylgarn zu arbeiten.) Für zwei Werke nahm Fred wortwörtlich Maß an zwei Gegebenheiten unseres Galerieraums, an einer dominierenden Längswand und an einer abgeschrägten Ecksituation. Damit war die Ausstellung vollständig. Leere und die Gegenwärtigkeit des Eingriffs ergänzten sich in vollkommener Weise. Seine Zusammenarbeit mit unserem Galerieraum ließ also zwei Werke entstehen, die es in genau dieser Form zuvor nicht gegeben hatte. Es dauerte trotzdem mehrere Tage, bis alle Entscheidungen präzisiert und getroffen waren und er die Skulpturen gebaut hatte.“ (Zit. nach Kat., S. 75)

Fred Sandbacks Radikalität, mit der er das Volumen einer Skulptur in einen leeren Zwischenraum verwandelte und damit die Imagination dessen förderte, was wir unter dem Außen und Innen, Masse und Leere verstehen, hat viele Künstler beeinflusst, und besonders heute, wo die minimalistische Formensprache bei der jüngeren Künstlergeneration wieder auflebt, genießt Fred Sandback hohes Ansehen.
Der 1943 in Bronxville, New York, geborene, in Yale ausgebildete Künstler hatte früh Förderung durch europäische Galerien erfahren. Diese waren offen für Sandbacks künstlerische Praxis, die aus Austasten, Probieren, Studieren und Markieren bestand. Bei Konrad Fischer in Düsseldorf und bei Heiner Friedrich in München fanden 1968 seine ersten Einzelausstellungen statt. Da war er noch Student in Yale. Es vereinfachte sicherlich auch die Zusammenarbeit mit deutschsprachigen Händlern, dass Sandback als Schüler 1961/1962 im Austausch auf das Theodor-Heuss-Gymnasium in Heilbronn gegangen war. So kamen früh Werke in hiesige öffentliche und private Sammlungen. 1969 erhielt er seine erste institutionelle Ausstellung im Museum Haus Lange, Krefeld. Auch an Harald Szeemanns berühmter Schau „When Attitudes become Form“ (Bern 1969/Venedig 2013) nahm er teil.

Man ordnet Sandback bis heute in den Kontext der Minimal Art ein, doch erklären sich gerade aus den Zeichnungen deutliche Unterschiede: Das Serielle wird bei ihm zur Varianz, die Präsenz des Materials erhält bei ihm Durchlässigkeit. Die eine klare Kontur verweigernden Acylwollfäden finden in jenen Zeichnungen mit ebensolcher diffuser Kontur ihr Pendant. Sein Werk sei kein Environment oder von konzeptueller Natur, bekräftigte der Künstler. Man betritt einen Raum, der diese Verspannungen enthält. Man spürt den Raum, den sie einfassen und erfährt auf diese Weise das Werk körperlich. Mark Godfrey nennt den von den Schnüren, Drähten und ab 1973 Wollfäden umschriebenen Raum „Magnetfeld“ (Kat., S. 139). Es sind Skulpturen ohne Inneres. Und so reduziert sie sind, sie lassen den Raum neu erleben.
Die Wiesbadener Ausstellung zeigt 140 Zeichnungen aus den Jahren 1967 bis 2000. Sie sind autonom, Ausstellungen vorbereitend und nachbereitend, aus der Raumerinnerung entstanden, aber nie im Sinne von Vorzeichnungen zu deuten. Man könnte das zeichnerische Werk Sandbacks auch als Meditationen über den Raum begreifen. Heinz Liesbrock weist in seinem Katalogbeitrag darauf hin, dass Sandback durchaus in der europäischen Tradition steht. Josef Albers hatte zwar vor Sandbacks Ausbildung in Yale unterrichtet, aber über den Albers-Schüler Robert Engman lernte Sandback „bewusstes und genaues Sehen“. (Kat., S. 70 f.) Dieses genaue Sehen tritt in der gesamten Wiesbadener Ausstellung so eindringlich auf, dass man sich ihm kaum verschließen kann. Fläche und Raum werden auf dem zweidimensionalen Medium abwechselnd sichtbar. Es sind die Möglichkeiten, nach denen der Bildhauer suchte. Dieter Schwarz vergleicht sie in seinem Text mit einer „musikalischen Partitur“ (Kat., S. 18). Fred Sandback selbst schrieb 1975:

„Eine Arbeit, die nur aus einigen Linien besteht, erscheint zunächst sehr puristisch und geometrisch. Mein Werk ist keines von diesen Dingen. In mancher Hinsicht verdeutlichen dies die Zeichnungen besser als die dreidimensionalen Werke. Meine dreidimensionalen Werke stellen nie präzise Verbindungen zur Geometrie des Raumes her: Die Verbindung ist immer eher lose, doch in den Zeichnungen ist klar, dass die Ränder des Papiers überhaupt keine Rolle spielen, solange sie weit genug von der Zeichnung selbst entfernt sind. In beiden Fällen sind die Linien nicht Destillationen von irgendetwas, sondern einfache Tatsachen, Produkte meiner Aktivität, die nichts außerhalb ihrer selbst repräsentieren. Sie sind keine Beispiele eines Systems oder einer Ordnung, die umfassender ist als sie selbst, im Gegensatz zur konstruktivistischen Linie, die sich die Naturwissenschaft zum Vorbild nimmt. Mein Interesse gilt dem Bewusstsein für eine existierende lokale Ordnung, im Gegensatz zur Schaffung einer anderen Ordnung.“ (Zit. nach Kat., S. 25 f.)

Raumansicht im Museum Wiesbaden, 2014

Nach der Hälfte der Ausstellungsrunde betritt man einen Raum, der von einem trapezförmigen Werk aus hellblauem Acrylgarn eingenommen ist. Nach den vielen Zeichnungen ist es ein Raum der Ruhe. Der zweite Raum mit plastischen Arbeiten, die aus Privatsammlungen stammen, erscheint dagegen sehr gefüllt, und man betritt ihn am besten allein. Außerdem umfasst die Ausstellung auch die späteren Arbeiten auf Papier, die keinen Bezug mehr zu Raumplastik haben, wie die ab 1993 entstehenden Schnitte in Passepartout-Karton, die Holzreliefs (ab 1995) und ab 1998 die expressiven Pinselzeichnungen in Schellack auf Mylar (d.i. eine Polyesterfolie), die seinen Konzepten nah und gleichzeitig fern erscheinen.

Sandback selbst sprach bei seinen dreidimensionalen Arbeiten von Skulpturen, aber mehr noch sind sie eigentlich Zeichnungen im Raum. 1989 schrieb er: „Strickgarn eignet sich wunderbar, um die Proportionen, Zwischenräume und Gestalten zu machen, aus denen die Orte bestehen, die ich sehen und in denen ich sein möchte. Es ist wie eine Schachtel mit Farbstiften, nur dass ich sie benutzen kann, um daraus eine dreidimensionale Skulptur statt eine Zeichnung auf Papier zu machen.“ (Zit. im Kat., S. 174)

Die Zeichnungen spiegeln den „Akt des Schauens als skulpturale Methode“ (Edward A. Vazquez im Kat., S. 182). Sandback hat diese Prozesse auf dem Papier immer wieder durchgespielt, in einem langwierigen, konzentrierten Verfahren. Der Künstler lehrt uns dabei, den Raum zu sehen. Aber seine Werke sind noch mehr als das: Sie sind präsent, ihr Auftritt ist durchdrungen von großer Bescheidenheit. In Zeiten, in denen sich Skulptur oftmals groß, glänzend und spiegelnd in den Vordergrund drängelt, öffnen sich Sandbacks Werke für eine Materialität der Leere. Sie umfassen mentale Räume mit nichts mehr als einem Strich. Und mehr braucht es dazu eigentlich auch nicht.

Fred Sandbacks Schriften sind frei zugänglich unter: http://fredsandbackarchive.org

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erstellt am 08.2.2015

Fred Sandback Untitled (Sculpture for Kunsthaus Zürich), 1985 Bleistift und Farbstift auf blauem Papier, 49,8 × 60 cm Ege Kunst und Kulturstiftung, Freiburg i. Br., Fred Sandback © 2014 The Fred Sandback Archive

Ausstellung in Wiesbaden

Fred Sandback. Drawings

Bis 22. Februar 2015

Museum Wiesbaden

Das Material. Foto: Isa Bickmann

Raumansicht im Museum Wiesbaden, 2014

Fred Sandback Untitled, 1988 Farbkreide auf Papier, 99,5 × 70,5 cm Annemarie und Gianfranco Verna, Fred Sandback © 2014 The Fred Sandback Archive

Ausstellungskatalog

Fred Sandback
Zeichnungen
Festeinband, 208 Seiten, 239 farb.­­ u. 5 s/w-Abb.
ISBN: 978-3-941263-67-3
Richter Verlag, Düsseldorf

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Fred Sandback Untitled, 1975 Farbstift auf Papier, 46 × 59 cm Kunstmuseum Winterthur, Ankauf 2010, Fred Sandback © 2014 The Fred Sandback Archive

Fred Sandback Untitled, 1998 Schellack auf mylar, 2 Teile, 27,8 × 43 cm Sammlung Büsser, Fred Sandback © 2014 The Fred Sandback Archive