Das Ensemble der Oper Stuttgart besticht bei der Wiederaufnahme von „Jenufa“ durch Kraft, Ausdruck und Zusammenklang mit dem Orchester, das in Hochform musiziert. Währenddessen „trällert“ am Schauspielhaus Bochum Helene Fischer zu Shakespeare. Großes Theater findet heute nur noch in der Oper statt, meint Thomas Rothschild.

Oper und Theater

Viel Lärm um Jenufa

Von Thomas Rothschild

Am Ende erklärt Laca, dass er bei Jenufa bleiben möchte. Sie singt: „Zu dir führt mich die große Liebe, die dem Herrgott wohl gefällt.“ Zuvor hat Laca ihr die Wange mit dem Messer aufgeschlitzt, weil sie den gemeinsamen Ziehbruder Števa liebt. Er „verzeiht“ Jenufa (tschechische Schreibweise: Jenůfa), dass sie von Števa, einem Weiberhelden, der die entstellte Frau inzwischen verlassen hat, ein Kind bekommen hat, das die Stiefmutter, die „Küsterin“, mittlerweile getötet hat. Laca ist glücklich und verfällt in der Stuttgarter Inszenierung in eine Lachorgie. Jenufa stimmt in das Lachen ein, aber in das Lachen mischt sich ein Weinkrampf. Ihr Glück ist das pure Elend. Ein gewaltiger Schluss einer überwältigenden Aufführung. Großes Theater findet heute in der Oper statt.

Die Inszenierung von 2007 gehörte zu den absoluten Höhepunkten der Intendanz Puhlmann, und Jossi Wieler, selbst ein bewährter Janáček-Regisseur, hat sie mit guten Gründen nach acht Jahren wieder ins Programm aufgenommen. Calixto Bieito, bekannt für die krude Grausamkeit seiner früheren Regiearbeiten, hat sich hier, ausgerechnet bei diesem krassen Stoff, zurückgenommen und statt auf Drastik und knallige Effekte auf eine subtile psychologische Zeichnung der Figuren, aber auch auf differenzierte Arrangements des Chors gesetzt. Die 1904 uraufgeführte Oper, zu der Janáček selbst das Libretto geschrieben hat, erinnert in der Opfergeschichte einer Frau an das bürgerliche Trauerspiel des 18. und 19. Jahrhunderts, aber auch an Nikolaj Leskovs „Lady Macbeth von Mzensk“, die Schostakowitsch dreißig Jahre nach „Jenufa“ als Vorlage für seine gleichnamige Oper wählte, oder an Alexander Ostrovskijs „Gewitter“, das Janáčeks eigener „Katja Kabanova“ von 1921 zugrunde liegt.

„Jenufa“ liefert eins der hervorragendsten Beispiele für die Verquickung der Moderne mit nationaler Folklore, die für die osteuropäische Oper kennzeichnend ist. Insbesondere in den Chören hat die böhmische und mährische Volksmusik ihre Spuren hinterlassen. Nicht zufällig gehört Milan Kundera zu den leidenschaftlichsten Bewunderern Janáčeks. Die Wiederaufnahme an der Staatsoper Stuttgart hatte jedoch mit einer zusätzlichen Attraktion aufzuwarten: Angela Denoke, eine der großen Sängerinnen unserer Tage und eine begnadete Schauspielerin dazu, kehrte an den Ort zurück, an dem ihre internationale Karriere begonnen hat. Sie sang die verhärtete Küsterin, die Jenufas Kind ermordet. Und sie verlieh der Figur bei all dem Schrecken jene Tragik, die die Fabel ihr abverlangt.

Freilich, wäre der Abend nur um die Denoke herum arrangiert, wäre es eine halbe Sache. Mit Rebecca von Lipinsky steht ihr eine ebenbürtige Jenufa gegenüber. Auch das übrige Ensemble, allen voran Pavel Černoch als Laca, besticht durch Kraft, Ausdruck und Zusammenklang mit dem von Slyvain Cambreling geleiteten Staatsorchester, das in Hochform musizierte.

Am Abend vor der Wiederaufnahme – Shakespeares „Viel Lärm um nichts“ am Schauspielhaus Bochum. Auch hier Musik. Aber sie ist nicht von Janáček, sondern aus der Disco oder von Helene Fischer: „Atemlos“. Wann erlässt jemand ein Gesetz, das die inflationäre Verwendung von austauschbarer Popmusik ohne Sinn und Zweck im Sprechtheater verbietet? Dass Shakespeare ein Meister des Wortspiels war, weiß man, all jenen Übersetzungen zum Trotz, die diese Dimension seiner Dramen verfehlen. In keinem seiner Stücke jedoch sind sie von so zentraler Bedeutung wie in den Dialogen zwischen Beatrice und Benedikt in „Viel Lärm um nichts“. Sie drängen die eher dürftige Liebesintrige, die nicht zu Shakespeares am besten konstruierten gehört, an den Rand.

Wortspiele aber kommen nur durch eine minutiöse Sprachregie zur Geltung. Davon gab es in Bochum keine Spur. Stattdessen: viel Klamauk bei einem Stück, das in ein Sanatorium mit der Fassade eines italienischen Herrenhauses verlegt wurde. Wehmütig erinnern wir uns an Christiane von Poelnitz und Joachim Meyerhoff als Beatrice und Benedikt in Jan Bosses Wiener Inszenierung. Klamauk alleine reichte der in Bochum abhanden gekommenen Regie – Lukas Langhoff war eine Woche vor der Premiere aus dem Projekt ausgestiegen – nicht aus. Wie man weiß, spielen sich zurzeit Tragödien ab unter Flüchtlingen aus Afrika, die Sizilien in überfüllten Booten zu erreichen versuchen. Das wäre ein Drama wert. Auf Shakespeares Komödie lassen sie sich nur um den Preis der läppischen Beliebigkeit aufpfropfen. Wenn gegen Ende die Drehbühne tut, wofür sie eingerichtet ist: sich nämlich dreht, kommen die armen Schwarzen in ihren Booten zum Vorschein, ein Effekt, nicht mehr, wie das bis zum Überdruss wiederholte Tischtennisspiel oder eben „Atemlos“. Ob das dem Herrgott wohl gefällt? Es ist zum Lachen. Oder doch zum Weinen.

Einmal mehr gewinnen wir den Eindruck: das Theater gibt sich selber auf. Großes Theater findet in der Oper statt.

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erstellt am 07.2.2015

Szenenfoto Oper Stuttgart: A.T. Schaefer

Oper in Stuttgart

Jenufa

Von Leoš Janáček
In tschechischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Musikalische Leitung Sylvain Cambreling
Regie Calixto Bieito
Bühne Susanne Gschwender

Oper Stuttgart

Szenenfoto Oper Stuttgart: A.T. Schaefer

Schauspiel in Bochum

Viel Lärm um nichts

Von William Shakespeare

Regie Olaf Kröck und Ensemble nach einer Idee von Lukas Langhoff

Schauspielhaus Bochum

Das Schauspielhaus Bochum. Foto: Jürgen Landes