Porträt

Darren Aronofsky – der dunkle Romantiker

Von Kai Mihm

Was die Aufmerksamkeit, den Hype und die Gunst der Kritiker betrifft, war 2010 ein interessantes Kinojahr. Dachte man im Sommer bereits, mit Inception wäre der Spitzenreiter der Kritiker-Bestenlisten gesetzt, so wurde man im Herbst mit dem Start von The Social Network eines Besseren belehrt – praktisch über Nacht waren Christopher Nolans Kapriolen Schnee von gestern. Man darf zwar davon ausgehen, dass sich an David Finchers Status als Abräumer aller wichtigen Filmpreise nichts Grundlegendes mehr ändern wird, aber kurz vor dem Beginn der awards season taucht nun noch einmal ein Film auf, der als filmisches dark horse ein bisschen Spannung ins Rennen bringt: Black Swan von Darren Aronofsky, ein glamouröses, unheimliches und erotisches Nachtstück, dessen künstlerisch-intellektuelle Ambitionen sich nicht so leicht fassen lassen wie bei der Konkurrenz.

Nicht dass Aronofsky ein Regisseur wäre, der bei solchen Dingen nach marktstrategischem Kalkül vorginge. Als Jahrgang ’69 gehört er zwar zur gleichen Generation wie Fincher, Nolan, Wes Anderson und Paul Thomas Anderson und bildet mit diesen bei allen Unterschieden in scope und Stil eine Art „New New Hollywood“. Anders aber als die Kollegen hat er in den zwölf Jahren seiner Karriere trotz jeder Menge Kritikerlob und einer Reihe von Auszeichnungen, darunter der Goldene Löwe in Venedig für The Wrestler, die Aura des eigenwilligen Außenseiters nie ganz abgeschüttelt. Man erinnere sich nur, dass er nach Pi – System im Chaos und Requiem for a Dream zwar als neuer Wunderknabe der amerikanischen Independentszene galt, sich bis zu seinem nächsten Film jedoch geschlagene sechs Jahre Zeit ließ – mehr als genug, um das Momentum wieder zu verlieren –, um dann mit The Fountain einen ultrapersönlichen, selbst nach mehrmaligem Sehen kaum durchschaubaren New-Age-Trip über die letzten Dinge vorzulegen. Seine Eltern hatten wenige Jahre zuvor den Krebs besiegt.

Dabei hat Aronofsky es dem Zuschauer ohnehin nie leicht gemacht. Das fing mit seinem ersten Film Pi an, den er, ganz dem Klischee des Guerilla-Filmmakers entsprechend, über Monate mit Freunden an Wochenenden drehte. Im Mittelpunkt des in kontrastreichem Schwarz-Weiß gedrehten Films steht ein wenig identifikationstauglicher, paranoid vor sich hinbrabbelnder nerd namens Max Cohen, der mittels Kabbala und Mathematik versucht, das Mysterium das Daseins zu ergründen. Im Rückblick wirkt dieser Ultra-Low-Budget-Trip über den Verfolgungswahn eines säkularen amerikanischen Juden zwischen verschwörerischen Ultraorthodoxen und nicht minder bedrohlichen Afroamerikanern wie eine rohe Vorstudie zu A Serious Man von den Coens.

Als Kontrapunkt zu hippen, leicht konsumierbaren Drogenfilmen à la Trainspotting kam danach Requiem for a Dream daher. Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Hubert Selby Jr. über den unaufhaltsamen Niedergang von vier Süchtigen ist ein Höllensturz, den man erlebt haben sollte, den man jedoch kein zweites Mal durchstehen will. Selbst der Venedig-Gewinner The Wrestler lässt sich trotz des mächtig gehypten Comebacks von Mickey Rourke (der den Part von Nicolas Cage übernahm) und jeder Menge Auszeichnungen lediglich als Achtungserfolg in Sachen Publikumsresonanz verbuchen.

„Wenn ich ins Kino gehe“, sagte Aronofsky in einem Interview, „möchte ich in eine andere Welt entführt werden.“ Mit Blick auf seine eigenen Filme zeigt sich, dass eine andere Welt bereits durch eine kleine Veränderung des Fokus entstehen kann. Der Vergleich mag auf den ersten Blick ein wenig unfair erscheinen, aber während seine Generationsgenossen Nolan und Fincher ehrfurchtsvoll von Wirtschaftsimperien und jugendlichen Milliardären erzählen, verschiebt Aronofsky in seinen Filmen die Perspektive und zeigt den dreckigen Unterbauch einer durch und durch psychotischen Gesellschaft, die nach Ruhm, Rausch und Wohlstand giert. Wann immer in seinen Filmen Vertreter des Kapitals auftauchen, steht Ärger an. Nicht umsonst sind in Pi ein paar mörderische Broker hinter Max’ Formel her, müssen Jennifer Connelly in Requiem for a Dream und Marisa Tomei in The Wrestler sich für dekadente Anzugträger prostituieren. Natalie Portman martert sich in Black Swan, um dem New Yorker Bildungsbürgertum ein unvergessliches Entertainment zu bieten. Bemerkenswert übrigens auch, dass Aronofsky bei seinem bitterbösen Blick auf Mechanismen der Dominanz und der Demütigung keinerlei Unterschied macht zwischen high art und low art, zwischen einer trivialen Quizshow, Striptease-Einlagen, Wrestling-Turnieren und einer Tschaikowsky-Inszenierung. Hier wie dort wird der Mensch zum Material. „Ich bin nur ein altes Stück Fleisch“, sagt Randy „The Ram“ Robinson zu seiner Tochter, ein Satz, der auch aus dem Mund von Sara Goldfarb oder von dem eiskalt abservierten Ballett-Superstar (Winona Ryder) in „Black Swan“ stammen könnte.

„Der Körper ist der Kerker der Seele“, heißt es in The Fountain einmal. Tatsächlich zeigen sich die Seelenqualen von Aronofskys Protagonisten fast immer auch in körperlichem Verfall. Am markantesten natürlich in Requiem for a Dream, wo der Niedergang der drei zentralen Charaktere sich in ihrer Versehrtheit spiegelt, aber auch in The Wrestler, in dem bereits der Anblick von Randys geschundenem Leib alles über die Abwärtsspirale seines Leben erzählt. Oder jetzt in Black Swan, wo die Alabasterhaut der Protagonistin im wahrsten Wortsinn zu einem Spiegel ihrer Seele wird. Jenseits solcher direkten Sinnbilder nutzt Aronofsky wie kaum ein zeitgenössischer Regisseur die Physiognomie der Figuren für dramaturgische Effekte. Er geht mit der Kamera ganz nah ran an gefletschte Zähne, wulstige Lippen und aufgerissene Augen, stilisiert kleinste Regungen ins comichaft Groteske.

Auch sonst zeichnen seine Produktionen sich durch eine sehr physische Inszenierung aus. Aronofsky setzt die filmischen Mittel auf eine Weise ein, die einer Attacke auf die Sinne des Zuschauers gleichkommt. Er arbeitet mit Zeitraffer und Fischauge-Objektiven, mit übersteuerten Toneffekten und Splitscreen, schnellen Schnittfolgen, Subliminalbildern und der eindringlichen Musik seines brillanten Stammkomponisten Clint Mansell; er schreckt weder vor pathetischen Gesten zurück noch vor melodramatischen Effekten oder surrealen Übersteigerungen. Anders gesagt: Er bricht mit dem Ideal der unsichtbaren Regie und lässt keine Chance aus, die Emotionen aufzupeitschen. Fast scheint es, als wolle er auf diese Weise auch sein Publikum, noch betäubt vom letzten Blockbuster, um jeden Preis wieder zum Fühlen bewegen. Diese wenig zimperliche und noch weniger subtile Art hat ihm häufig den Vorwurf eingebracht, ein Showman zu sein, der sich für seine Charaktere nicht wirklich interessiert. In Wahrheit aber bekommen Aronofskys Filme gerade durch die virtuose Alles-oder-nichts-Stilistik eine Unmittelbarkeit, die sie den inszenatorischen Überhöhungen zum Trotz ungemein real wirken lässt.

Und dass er auch leisere Töne anschlagen kann, zeigt er immer wieder in kurzen Momenten des Glücks, die er seinen Helden schenkt. Insbesondere in den Paarszenen zwischen Mickey Rourke und Marisa Tomei, zwischen Jared Leto und Jennifer Connelly oder Hugh Jackman und Rachel Weisz erweist er sich als altmodischer Romantiker. Und wenngleich er sämtliche seiner Figuren durch die Hölle schickt, betrachtet er sie – anders als etwa Todd Solondz – mit Respekt und lässt ihnen selbst in den demütigendsten Situationen ihre Würde. Und nicht nur das. Auf eine seltsame Weise strahlen Aronofskys Helden gerade in den Momenten vor dem tiefsten Sturz eine ungeheure Erhabenheit aus: Jennifer Connelly, die nach einer einzigen vergossenen Träne mit kühlem Blick den Kajal nachzieht, bevor sie zu einer grauenvollen Orgie bei ihrem Drogendealer „Big Tim“ aufbricht, Mickey Rourke, wie er hünenhaft in den Seilen steht, bevor er zum letzten Sprung ansetzt, oder Natalie Portman, die ganz eins geworden ist mit ihren Dämonen und zum Finale noch einmal in die Gesichter ihrer ahnungslosen Zuschauer blickt. Darren Aronofsky, der große, dunkle Romantiker seiner Generation, findet die Schönheit im Tragischen. Das macht ihn bei aller Modernität schon wieder zu einem Klassiker.

Kai Mihm

erstellt am 02.2.2011

Black Swan – Trailer

The Wrestler – Trailer

Requiem for A Dream – Trailer