Vierteljährich erscheint eine neue Weltempfänger-Bestenliste, aus der die Chefredakteurin der Zeitschrift LiteraturNachrichten, Anita Djafari, ihren favorisierten Buchtitel auswählt und den Faust-Lesern vorstellt.

Gary Victor ist unter den haïtianischen Autoren in seiner Heimat der meistgelesene Schriftsteller. In seinen surreal anmutenden Werken spiegeln sich kenntnisreich die schwierigen sozialen Realitäten der Inselrepublik. Victor hat Agrarwissenschaft studiert und zunächst im Planungsministerium des Landes gearbeitet. Später wirkte er als Journalist, Drehbuchautor und Romancier. Im kleinen, auf karibische Literatur spezialisierten Verlag Litradukt sind erstmals Werke des bis heute in Haïti lebenden Autors auch deutschsprachigen Lesern zugänglich geworden.

anita djafaris buchtipp

Schweinezeiten in Haiti

Weltempfänger 22 – Platz 3

Diesmal empfehle ich den so genannten Voodoo-Krimi aus Haiti: Schweinezeiten von Gary Victor. Eines so reißerischen Untertitels hätte es gar nicht bedurft, denn ich kann versprechen, Sie werden ihn mögen, auch wenn Sie kein eingefleischter Krimi-Leser sind. Dieser schmale Roman ist gute Literatur, die es in sich hat. Gleich auf den ersten Seiten geht es zur Sache, wenn Kommissar Azémar direkt und ohne Umschweife zwei Leute aus dem Weg räumt. Ein Schuss in den Kopf des einen, der nächste direkt ins Herz des anderen. Der Mann ist fertig, es ist brüllend heiß, und er hat einen Höllenjob in einem Land, in dem so ganz und gar nichts in Ordnung zu sein scheint. Wie soll man da als aufrechter Polizist für Ordnung sorgen?

Ein Kind wurde entführt, er soll es aus den Klauen der mit Menschen und Organen handelnden Verbrecher befreien, die weigern sich, also macht er kurzen Prozess. Lange Umwege kann er sich nicht leisten, um Verbrechen in diesem korrupten und maroden System auf der schon lange vor dem großen Erdbeben 2010 gebeutelten Inselhälfte – auf der anderen Hälfte, der“ DomRep“ entspannen wir im All-Inclusive-Karibik-Urlaub – aufzuklären. Das verursacht bei ihm permanenten Brechreiz, die Schüsse, die er abgibt, sind seine Art, sich davon zu befreien, nur so kann er sich „übergeben.“ Auch wenn die Eingangsszene zunächst einen anderen Eindruck vermittelt: Dieser Polizist versucht, einen anständigen Job zu machen und weil er sich nicht korrumpieren lässt, ist er einerseits ein armer Teufel, der kaum über die Runden kommt; andererseits gilt er als einzigartig intelligenter Ermittler, den man zwar bemitleidet, aber gleichzeitig um seine Fähigkeiten beneidet und an dem man deshalb nicht vorbei kommt. Kein Wunder, dass er das alles nur mit Hilfe des lokalen Schnapses, tranpe, erträgt. Er ist Alkoholiker, und damit ist er nicht allein unter den klugen und sensiblen Kommissaren in der Kriminalliteratur, die einem mit all ihren Schwierigkeiten ans Herz wachsen: Es sind schließlich nicht die schlechtesten Zeitgenossen, die die Zustände im Kopf nicht aushalten und sich entschieden haben, mit allen Mitteln gegen das Unrecht zu kämpfen.

In seiner verzwickten Lage kann er sich auch um seine kleine Tochter nicht angemessen kümmern, weshalb er sie vorsichtshalber in die Obhut von Schwestern in einer Art Kloster der „Kirche des Bluts der Apostel“ gegeben hat, damit sie dort eine Erziehung bekommt, um für die Adoption ins Ausland vorbereitet zu werden. Azémar wollte sie schützen und muss nun im Laufe seiner Ermittlungen feststellen, dass auch dieser Ort Teil eines höchst kriminellen, internationalen operierenden Netzwerks ist, das mit Menschen handelt und diese zu abscheulichen Experimenten missbraucht und ausschlachtet.

Einen so dicht geschriebenen Kriminalroman, in dem auf wenigen Seiten hochkomplexe Vorgänge und Hintergründe fast en passant mit einer rasant vorangetriebenen hochspannenden Handlung verknüpft werden , habe ich lange nicht gelesen. Mit dem Protagonisten Azémar habe ich mich angefreundet, ich will unbedingt wissen, wie es mit ihm und seinem Kampf gegen das Böse weitergeht.

Man könnte fast meinen, dass er eine Art Alter Ego des Autors Gary Victor ist – in Haiti ein bekannter Journalist mit einer populären Kolumne im Radio. Gary Victor kämpft mit seinen Mitteln gegen die maroden Verhältnisse in seinem Land und bekämpft seinen Brechreiz, indem er nicht schießt, sondern schreibt. Sehr zu unserer Begeisterung.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 04.2.2015

Weltempfänger 22

Komplette Liste hier

Gary Victor (Screenshot)
Gary Victor

Gary Victor
Schweinezeiten
Aus dem Französischen von Peter Trier
130 Seiten
Softcover
isbn 978-3-940435-11-8
Litradukt

Buch bestellen