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Die zwischen Ratio und Gefühl changierende Kunst des Druckgraphikers, Zeichners und Malers Helmut Werres hat viele Facetten. Sie ist eine Kunst sowohl der Versenkung als auch des genauen Hinschauens und Hinterfragens. Mal stationär im Atelier, mal ambulant auf Reisen ausgeführt, ist sie eine Auseinandersetzung mit dem familiären Alltag und der Endlichkeit unseres Lebens. Eugen El und Alexandru Bulucz haben Helmut Werres in seinem Atelier besucht.

Kunst

»Hinterzeichnen«

Faust-Gespräch mit Helmut Werres

Eugen El: Wie kommst Du zu den Motiven Deiner malerischen Arbeiten?

Helmut Werres: Es sind fast immer kleine Dinge. Zum Beispiel kleine Figuren aus dem Überraschungsei. Ich fotografiere sie aus verschiedenen Perspektiven, mache Ausschnittsvergrößerungen und benutze sie als Vorlagen zum Malen. Verfremdungen entstehen. Es geht nicht mehr darum, den Ausgangspunkt zu erkennen.

Alexandru Bulucz: Deine Arbeiten sind sehr präzise ausgeführt. Wie wichtig ist dabei die Geduld?

Das haben mich schon viele Leute gefragt. Ich empfinde das aber gar nicht so als Geduld. Geduld ist etwas, das oft mit Leidensfähigkeit verwechselt wird. Für mich hat diese Arbeitsweise viel eher etwas mit Versenkung zu tun.

E.E.: Die Formate der malerischen Arbeiten sind sehr kompakt…

Bei den Wochenbildern sind es immer die gleichen Formate. Die ursprüngliche Idee war, jede Woche ein Bild zu malen. Ich habe aber schnell gemerkt, dass die Produktion unregelmäßig ist: manche Bilder brauchen einfach sehr lange, weil sie in Schichten gearbeitet sind und zwischendurch trocknen müssen. Wenn ich alla-prima, also sehr schnell malen würde, dann wäre es vielleicht möglich, jede Woche ein Bild zu malen. Auch bei diesen kleinen Bildern geht’s um’s Vergrößern und Verkleinern.

A.B.: Unser Kontakt kam zustande, nachdem ich auf eine Deiner Ausstellungen mit einem Gedicht reagierte. Meistens ist es umgekehrt: Auf einen Textausschnitt wird mit einem Bild reagiert, das dann eine illustrative Funktion hat. Du selbst hast einen Text von Thomas Mann illustriert. Welche Gemeinsamkeiten zwischen Text und Bild würdest Du hervorheben?

Wenn ich ein Buch illustriere, verhalte ich mich ein bisschen wie ein Regisseur. Ich suche Stellen im Text, die in meinem Kopf Bilder entstehen lassen, und versuche, diese Bilder aufs Papier zu bringen. Dabei findet immer eine individuelle Interpretation statt. Als ich Ende der Achtzigerjahre den Auftrag erhielt, Manns „Tod in Venedig“ zu illustrieren, wusste ich nicht, wie ich da vorgehen sollte. Es hat ein gutes Dreivierteljahr gedauert, bis ich die erste Zeichnung dazu gemacht habe. Ich habe mich zuerst über den Text informiert, ihn mehrfach gelesen, Sekundärliteratur gelesen. Ich habe nicht geschaut, was andere Illustratoren gemacht haben, ich habe auch nicht den Film „Tod in Venedig“ gesehen. Dann fing ich an, den „Tod in Venedig“ abzuschreiben. Immer wieder zwischendurch, dort wo ich es für nötig hielt, habe ich dann gemalt und gezeichnet.

E.E.: Ist man beim Abschreiben noch näher am Text, hat man zum Text einen intensiveren Bezug?

Ich dachte, wenn ich schon nicht selber der Schriftsteller bin, dann kann ich wenigstens so tun, als ob, indem ich es abschreibe. Ich wollte so nah wie möglich an den Prozess des Schreibens kommen, wobei Schreiben natürlich ein wesentlich komplexerer Prozess ist als Abschreiben.

E.E.: Es gibt Zeichner, die sagen, das Zeichnen selber sei als Vorgang nah am Schreiben, weil man meist am Tisch sitzt und mit dem Stift arbeitet.

Das sehe ich nicht so. Ich stelle mir das Schreiben immer als einen geistigen Prozess vor, das Zeichnen hingegen findet auf einer Zwischenebene zwischen Ratio und Gefühl statt.

A.B.: Kurz zur Mappe mit den Porträts Deiner Familienmitglieder: Bei unserer ersten Begegnung im Liebiegcafé haben wir uns auch über Krankheit und Demenz unterhalten. Deine Ausführungen darüber hatte ich als Meditation innerhalb der Grenzen der Zeichenkunst, der Malerei empfunden. Wie wichtig sind Krankheit und Tod in Deinen Arbeiten?

Der Tod ist sehr wichtig und auch allgegenwärtig. Meine leibliche Mutter ist sehr früh gestorben. Demenz ist gegenwärtig, weil mein Großvater mütterlicherseits dement war, allerdings sehr spät erst, mit Anfang 80. Er war Maler und Buchkünstler. Der Tod ist immer präsent gewesen bei mir und ist es bis heute. Momentan bin ich in einer Phase, in der ich versuche, ihn in mein Leben zu integrieren, ihn nicht als Bedrohung, sondern als Veränderung wahrzunehmen. So gibt es z.B. eine Serie von acht Schädelzeichnungen. Ich zeige die Schädel aus ungewöhnlichen Blickwinkeln. Jeder Totenkopf dreht sich jeweils um ein Viertel, ein bisschen wie bei einem Totentanz.

A.B.: In diesen kleinen Figuren hatte ich die Vorankündigung des Todes gelesen. Die straffe Gesichtshaut und die hervorgehobenen Wangenknochen erinnern stark an einen Alkoholiker…

2012 gab es im Frankfurter Museum Giersch eine Ausstellung von der Darmstädter Sezession, an der ich beteiligt war. Da habe ich einige dieser Arbeiten gezeigt. Es gibt gemalte Stillleben von mir, wo ich Spielzeugautos stark vergrößere. Die kleinen Spielzeugautos sind ohne digitale Hilfe, mit purer Modellbaukunst, verkleinert, was ich sehr bewundere. Dabei entstehen Abstraktionen. Diese Abstraktionen habe ich wieder mit in die Vergrößerung genommen. Diesen Prozess finde ich spannend. Das Gleiche mache ich mit den Köpfen der kleinen Figuren, die die Spielzeugautos „fahren“. So entsteht eine andere Form von Porträtmalerei. In meiner Arbeit hole ich Sachen in den Fokus, die man normalerweise so nicht wahrnimmt.

A.B.: Heißt das, dass Du die Wirkung im Betrachter lenken möchtest?

Nein. Ich bin ja selber oft überrascht. Und ich lasse auch meine Hilfsmittel mitspielen: die Fotografie, den Computer. Durch die Vergrößerung ergeben sich Unschärfen. Durch das Ausdrucken mit dem Tintenstrahldrucker ergeben sich Farbnuancen, die ich so sonst nicht sehen würde. Ich habe dadurch viel über Farbe gelernt, über Farbwirkung, Farbzusammensetzung, wie Farben aufeinander reagieren.

E.E.: Gibt es Dinge, die Du nur in der Malerei verhandeln kannst bzw. nur in der Zeichnung? Ist Dir die Parallelität der beiden Medien wichtig?

Es gibt eine bestimmte Materialität, die die Malerei hat, die der Zeichnung aber abgeht. Man kann natürlich auch mit Farbstiften zeichnen. Ich habe zum Beispiel auch Farbflächen gezeichnet. (Helmut Werres zeigt eine Arbeit: eine kleine Holzkiste, die er innen wie außen monochrom in rot mit Buntstift bemalt und poliert hat.) Wenn ich Farbflächen mache, mache ich es mit dem Stift. Das empfinde ich als intensiver, sowohl vom Prozess, als auch von der Farbigkeit her. Dabei entsteht eine sehr spannende, intensive monochrome Farbfläche.

Ausstellungsansicht Helmut Werres, Bonn, 2010

A.B.: Ich würde Dich gerne nach dem Werdegang befragen. Du hattest einen Großvater, der Maler war. Gab es etwas auf diesem Weg, das Du als eine Einsicht, einen Einschnitt, eine Zäsur, die weitergeholfen hat, hervorheben würdest?

Es hat lange gedauert, bis ich mir selbst gegenüber zugegeben habe, dass ich bildende Kunst machen will. Ich dachte, an meinen in der Familie hochgeachteten Großvater komme ich nie heran. Dann habe ich ein Studium der Kunsterziehung angefangen, um schnell zu merken, dass mir das nicht liegt. Schließlich bin ich zur freien Kunst gekommen und dabei geblieben.

E.E.: Gab es im Studium an der Kunstakademie prägende Lehrer?

Lehrer sind immer prägend. Man entscheidet sich für einen bestimmten Lehrer. Fritz Schwegler in Düsseldorf zum Beispiel, der leider letztes Jahr verstorben ist. Ich habe von ihm eine bestimmte, selbstkritische Haltung gelernt, die viel mit Worten, Wörtern und Begriffen zu tun hat. Im Studium kursierte der Begriff „hinterzeichnen“, als Synonym zu „hinterfragen“. Später in Braunschweig habe ich dann gelernt, genau hinzuschauen.

E.E.: War das in einer Zeit, wo figurative Malerei nicht angesagt war?

Es gibt immer viele Strömungen, die nebeneinander existieren. Es gibt einen Mainstream, der als das im Moment einzig Gültige angesehen wird. Oft wird aber verdrängt, dass es gleichzeitig auch andere Formen von bildender Kunst gibt. Nach dem Zweiten Weltkrieg war jede Form figurativer Kunst verpönt, weil sie im Dritten Reich die Staatskunst war. Man wurde schnell in die Nähe von Nazis gerückt. Abstrakte Kunst war angesagt.

A.B.: Du lehrst gerade Zeichnen an der Hochschule Darmstadt…

Ich versuche, den Studenten zu erklären, dass es zunächst nicht darum geht, Kunst zu machen, sondern sehen zu lernen. Anfangs handelt es sich es um schlichtes Abbilden. Wir alle haben vorgeprägte Bilder, Vor-Bilder im Kopf. Sie stehen uns oft im Weg, wenn wir zeichnen wollen. Wenn man jung ist, neigt man dazu, diese Vorbilder nachzuahmen. Ich versuche meine Studenten dazu zu bringen, nicht so zu zeichnen wie jemand anderes, sondern ihre eigene Art zu finden.

A.B.: Ich habe hier zwei Aspekte der Nachahmung gesehen: einerseits als eine Vorstufe, sich das Zeichnen beizubringen, andererseits als ein Problem der Mimesis in der Kunst, als eine Nachahmung der Realität. Bei Deinen Reisezeichnungen kann man nicht von Nachahmung sprechen. Worum handelt es sich da?

Es geht um Reiseaufzeichnungen. Für mich sind das Landschaftszeichnungen. Wenn ich eine Landschaft zeichnen will, muss ich in die Landschaft gehen bzw. dahin fahren oder mich in dieser Landschaft bewegen, gedanklich oder realiter. Ich setze mich in den Zug, schaue aus dem Fenster und zeichne. Ursprünglich habe ich alle Impressionen aufgezeichnet auf einem DIN A3-Blatt. Später hatte ich die Idee, durchgehend zu zeichnen. Ich fing an, mit gefalteten Papierbögen zu arbeiten. Ich habe schnell bemerkt, dass auch der Zug zeichnet: es gibt Vibrationen, die sich natürlich beim Zeichnen aufs Blatt übertragen. Daraus ist eine Art seismographische Aufzeichnung geworden. Diese Reisezeichnungen gehören zur Reihe der 'ambulanten' Zeichnungen, die unterwegs, also ambulant, nicht stationär, im Atelier, entstehen. So zeichne ich z.B. auch bei Konzerten oder in Museen. Ich zeichne dabei übrigens blind, d. h., ich schaue beim Zeichnen nicht aufs Papier, nur auf das zu zeichnende Objekt.

A.B.: Es ist immer noch wichtig, auch in der Kunst wie in der Literatur, zu sagen, bei wem man studiert hat.

Ich habe es mir angewöhnt, in meiner Vita nicht mehr zu erwähnen, bei wem ich studiert habe.

E.E.: An deutschen Kunsthochschulen ist der Professor eine überragende Meisterfigur, die man oft nachahmt.

In meiner Studienzeit traf man sich mit der ganzen Klasse und dem Professor meist einmal pro Woche zum sogenannten Colloquium. Es war wichtig, kontinuierlich zu arbeiten. Nachahmung bleibt natürlich nicht aus. Ob das in anderen Ländern anders ist? Ich denke, es ist zutiefst menschlich, einen Mentor zunächst nachzuahmen. Es ist jedoch die Aufgabe des Professors, dafür zu sorgen, dass es bei der Nachahmung nicht bleibt.

A.B.: Es ist schwer, sich auf diesem Markt durchzuschlagen. Tragen Rückschläge dazu bei, dass man überlegt, aufzuhören?

Nein, diese Frage stellte sich mir nie. Ich war aber viele Jahre lang fälschlicherweise davon überzeugt, dass ich entdeckt werden müsste. Das passiert natürlich nicht, wen man sich nicht regt. Ich hatte ganz lange ein sehr dünnes und spärliches Netzwerk. Erst spät habe ich gelernt, mich um solche Dinge zu kümmern.

A.B.: Dein Bild „Selbst mit Finger“ hat mich sehr beschäftigt. Welche Funktion haben die darin gezeigten Gesten und Gebärden?

Das Bild ist 2010 für eine Bonner Ausstellung mit dem Titel „Paternoster“ entstanden. In der Zeit hatte ich mich viel mit meiner Familie und der Frage beschäftigt, wo komme ich her, was habe ich von meinen Vorfahren erhalten und wie kann ich das zeigen. Ich habe sieben Familienmitglieder, die für mich wichtig waren, gezeichnet: beide Großelternpaare, meinen Vater und meine beiden Mütter. Ich habe versucht, von jeder Person Fotos aus unterschiedlichen Lebensaltern zu finden, und habe sie übereinander gezeichnet. Dies palimpsestartige Übereinanderschichten ist ein weiteres Prinzip meiner Arbeit. Dann habe ich darüber nachgedacht, wie ich klar machen kann, dass ich von ihnen allen etwas empfangen habe. Schließlich kam die Idee: ich halte die Hand auf, ich zeige nach oben. Dieses Selbstporträt habe ich dann unter die Porträts der Familienmitglieder gehängt.

E.E.: Woran arbeitest Du gerade?

An den Wochenbildern arbeite ich kontinuierlich weiter. Es gibt einige Stillleben-Vorhaben, einige private Porträtideen, die ambulanten Zeichnungen mache ich weiter. Da sind Porträt-Aufträge, die ich bearbeiten muss und will. Gerne würde ich wieder einen Text illustrieren.

A.B.: Ist Kunst so etwas wie Hoffnung auf etwas Besseres, eine Richtungsgabe, ein Richtungssinn?

Ich würde mit Karl Valentin antworten: Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.

Das Gespräch führten Alexandru Bulucz und Eugen El.

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erstellt am 03.2.2015

Helmut Werres: Selbst. 40×30 cm, Öl auf Malplatte, 2010.

Vita

Helmut Werres

1953 in Nettetal/Niederrhein geboren.
1974-80: Studium der Bildenden Kunst in Düsseldorf und Braunschweig.
Seit 1991: Mitglied der Darmstädter Sezession.
Zahlreiche Gruppen- und Einzelausstellungen.
Lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.

helmut-werres.de

Helmut Werres: 75. Wochenbild, Öl auf Malplatte, 2012.

»In meiner Arbeit hole ich Sachen in den Fokus, die man normalerweise so nicht wahrnimmt.«

Im Atelier von Helmut Werres. Foto: Eugen El

Helmut Werres: 52. Wochenbild, Öl auf Malplatte, 2010.

»Im Studium kursierte der Begriff hinterzeichnen, als Synonym zu hinterfragen

Helmut Werres: Von Frankfurt am Main nach Tübingen. 100×70 cm, Tintenstift auf Papier, 2011.