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Über die Zumutungen des Alters hat die Schriftstellerin Natascha Wodin einen Roman geschrieben, dessen Titel schon programmatisch anmutet: Alter, fremdes Land. Wodin ist es hoch anzurechnen, dass sie den Niedergang eigener Befindlichkeiten ohne Larmoyanz oder Aufdringlichkeit beschreibt, meint Otto A. Böhmer.

Buchkritik

Etwas Besseres als den Tod findet man sogar im Alter

Von Otto A. Böhmer

Wir leben, und wir wissen, dass wir leben. Das ist das Problem, das wir haben, und die Zumutung, mit der wir umzugehen lernen, ohne sie in ihrem Grunde begreifen zu können. Das Bewusstsein, das uns als Begleiter gegeben wurde, werden wir nicht los, was auch bedeutet, dass wir von unserem Dasein wie aus einer Geschichte erfahren, die wir uns ständig neu erzählen müssen. Diese Geschichte kann dauern – besonders dann, wenn wir, was eine unumkehrbare Tendenz zu sein scheint, immer älter werden. Über die Zumutungen des Alters ist viel geschrieben worden, meist im Tonfall bemühter Aufmunterung, wobei sich besonders Psychologen, Theologen und andere Seelenkundler hervorgetan haben, weniger die zeitgenössischen Schriftsteller, die zwar auch vor sich hin altern, darüber aber anscheinend nicht so gerne reden – (Ausnahmen, wie etwa der unermüdliche Martin Walser, bestätigen die Regel). Im Alter kehrt der Mensch heim, er erkennt manches wieder, anderes nicht. Lebensabendfüllend ist das nicht; man kann dabei, mit Blick auf den verbleibenden Rest, depressiv werden.

Über dieses, insgesamt nicht gerade frohsinnsfördernde Thema hat die Schriftstellerin Natascha Wodin (Jg. 1945) einen Roman geschrieben, dessen Titel schon programmatisch anmutet: Alter, fremdes Land. Man altert, meist in vertrauter Umgebung, widmet diesem Vorgang in der Regel nicht mehr Aufmerksamkeit als unbedingt nötig, wird dann aber mit einer Art Erkenntnisschock bedacht: Wer feststellt, dass er unwiderruflich alt geworden ist, sieht sich auf feindliches Terrain versetzt, er befindet sich in fremdem Land. Lea, die Protagonistin des Romans, der Autorin bis zur Kenntlichkeit nachempfunden, macht ihre Alterserfahrungen vorwiegend in Berlin, wo sie ein eingefahrenes, eher im Halbschatten denn im Erfolgslicht abschnurrendes Leben führt. Dabei stellt sie fest, dass es keiner großen physiognomischer Bestandsaufnahme bedarf, um auf sein Alter(n) gestoßen zu werden; dafür reichen auch kleine Begebenheiten aus der Abteilung Spaß im Alltag: „Sie hatte während einer Fahrt durch Mecklenburg an einer Tankstelle gehalten, um sich ein defektes Rücklicht auswechseln zu lassen. Weil es draußen stürmte und regnete und die menschenleere Tankstelle auf offener Strecke lag, hatte sie sich vor dem Aussteigen ein Kopftuch umgebunden. Nachdem der alte, ausgedorrte Tankwart, der Lea an die Figur eines Grass’schen Kaschuben erinnerte, nach langem Kramen … das benötigte neue Rücklicht schließlich gefunden und … eingesetzt hatte, sagte er liebevoll: So, das hätten wir auch wieder, Muttchen.“

Was harmlos beginnt, wird danach weniger lustig; fast automatisch wird man an eine vielstrapazierte Einsicht erinnert, die da lautet: Altern ist nichts für Feiglinge. Besonders dann nicht, wenn man sich zu sehr damit beschäftigt: Lea gerät zunehmend in schwärzliche Stimmungen, die weitere Krankheitssymptome im Gefolge haben, denen die Ärzte ratlos, vor allem aber uninteressiert begegnen; schließlich gibt es inzwischen so viele Alte, dass man, bei unfreundlicher Betrachtung der Dinge, auch von einer Altenplage sprechen könnte, die uns, die wir alle selbst auf dem langen Marsch ins Alter sind, heimgesucht hat. Natascha Wodin ist es hoch anzurechnen, dass sie den Niedergang eigener Befindlichkeiten ohne Larmoyanz oder Aufdringlichkeit beschreibt. Eine Wendung nimmt der Roman, als Lea, eher zufällig, in einen Chatroom gerät und sich dort in der Anonymität geheimer Begierden und Wünsche verfängt. Den Kitzel, den sie dabei verspürt, erschließt sich dem Leser, der dieses Metier allenfalls vom Hörensagen kennt, nicht ohne weiteres; er nimmt zur Kenntnis, dass im Dunkel virtueller Begegnungsstätten Beziehungen entstehen, die, wenn’s denn gewollt wird, sogar leibhaftig werden können. Immerhin lernt Lea auf diese Weise noch einmal die Leidenschaftlicheit kennen, die ihr in Gestalt eines jungen russischen Pianisten begegnet, der ihr Sohn sein könnte. Ist er aber nicht: „Sie kam zu ihm, er spielte ihr vor, dann schliefen sie miteinander. Jedes Mal, wenn sie wieder ging, war es für sie ein Abschied für immer, … ein kaum noch erhofftes Glück. Immer war ihr bewusst, dass er ihr nur für einen Augenblick überlassen war, einen wundersamen, flüchtigen Augenblick.“ Danach aber ist Schluss. Lea verlässt den Chatroomkeller, kehrt ans Tageslicht zurück. Von nun hat sie auszuhalten, was ihr zugedacht wird; es gibt keine Ausflüchte mehr.

Natascha Wodin hat ein anrührendes Buch geschrieben. Alter, das fremde Land, wird wohnlich, wenn man sich in ihm einzurichten versteht. Lea kann das, es bleibt ihr nichts anderes übrig. Und etwas Besseres als den Tod findet man sogar noch im späten Leben, auch wenn es zuletzt immer enger wird: „Es blieb die tägliche Erschütterung über das Rätsel des Lebens, der Duft der blühenden Linden. So vieles, das ungelebt war, das sie nicht gesehen, nicht erfahren, nicht ausprobiert hatte. So viele Möglichkeiten, die sie nicht ergriffen, nicht erkannt hatte. So vieles, wofür es zu spät war.“ Oder etwa doch nicht zu spät? „(…) wenn sie doch noch einmal einschlief in der dunkelsten Stunde, der Stunde zwischen Nacht und Morgen, dann träumte sie vom Suchen, immer wieder vom Suchen, als gäbe es wirklich etwas zu finden.“

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erstellt am 31.1.2015

Natascha Wodin
Alter, fremdes Land
Roman
Gebunden, 216 Seiten
ISBN: 978-3-99027-057-8
Jung und Jung, Salzburg und Wien 2014

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