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Bevor Matthias Beltz am 27. März 2002 an einem Herzinfarkt starb, wurde er am 31. Januar 1945 geboren. Dazwischen fand in seinem Leben die lange deutsche Nachkriegsgeschichte statt, in der er zu einem großartigen Kabarettist wurde. Harry Oberländer gratuliert ihm zum 70. Geburtstag.

Zum siebzigsten Geburtstag von Matthias Beltz

Gnade für niemand – Freispruch für alle

Von Harry Oberländer

Die christliche Endzeit der MASSNAHME ist abgelaufen, die Geschichte hat den Prozeß auf die Straße vertagt, auch die gelernten Chöre singen nicht mehr, der Humanismus kommt nur noch als Terrorismus vor, der Molotow Cocktail ist das letzte bürgerliche Bildungserlebnis. Was bleibt. Einsame Texte, die auf Geschichte warten. Und das löchrige Gedächtnis, die brüchige Weisheit der Massen, vom Vergessen gleich bedroht.
Heiner Müller

Ihr Hauptcharakterzug?
Oberhesse, also Tapferkeit auch ohne Feindberührung
Matthias Beltz

Darüber, wie die Dipl.-Handelslehrerin Martha Beltz am 31. Januar 1945 ihren zweiten Sohn Matthias zur Welt brachte, gibt es bereits mythenverdächtige Erzählungen. Draußen lag Schnee, und drin in der Stube sei es eine Sturzgeburt gewesen, der kleine Matthias habe sturzartig den Mutterleib verlassen, und die Enkelin der Hebamme sei Schuld an seinen großen Ohren: sie habe ihn damals daran aufgefangen.
Historisch gesichert ist jedenfalls, dass am 31. Januar 1945 die Rote Armee Königsberg eingekesselt hatte und ihre Panzer bereits an der Oder standen, das Vernichtungslager Auschwitz war am 29. Januar befreit worden. Von Westen näherten sich die Amerikaner dem Rhein. Ziemlich rasch, nämlich im März, April erreichten sie auch den hessischen Vogelsberg und den Geburtsort Wohnfeld. „Kommt der Mensch auf die Welt“, kommentierte Matthias Beltz später, „dünnhäutig wie China-Porzellan. Und die Erwachsenen sind die ersten Elefanten, die der Mensch kennenlernt in seinem Elend. Überall wird er ausgelacht, und die eigenen Eltern sind die schlimmsten.“ (Notschlachten 72) Aber mal langsam: Der Vater kommt als Elefant nicht mehr in Betracht, weil im Osten verschollen und zu diesem Zeitpunkt vermutlich schon tot, während die Mutter die Familie durchbrachte, indem sie für die US-Besatzer an diese gerichtete Bittgesuche und demokratisch klingende Glaubensbekenntnisse übersetzte. Die Großmutter Oma Graf bevorzugte den kleinen Matthias, wie sein älterer Bruder Michael berichtet: „Ich durfte auf einem Ackerstück Bohnen pflanzen. Matthias musste aus seinem Kinderwagen zugucken und – zuhören. Als Matthias gut drei Monate alt war, verdrückten sich einige Nazis und wurden Demokraten. Da mein Bruder diesen Vorgang nicht so recht verstand, plädierte er auf vielen Veranstaltungen immer wieder für die Einführung der Monarchie. Einer seiner Slogans: Gnade für niemand – Freispruch für alle!“

Ja, aber soweit sind wir noch nicht. Erst einmal zog die Familie nach Gießen. Ab 1955 besuchte Matthias das Alte Realgymnasium (heute Herderschule). Er las Edgar Allan Poe, E.T.A. Hoffmann, Kafka und Wilhelm Busch, er las auch Beckett und Adorno und war froh, sie nicht zu verstehen. Denn er hatte das Gefühl, dass diese Werke ihn, den Leser, verstanden. Er hörte im Radio den Frankfurter Wecker mit dem Rundfunkorchester unter Leitung von Willy Berking. Auch die Familie Hesselbach zog er sich zunächst noch im Radio rein, bis die Serie 1960 ins Fernsehen kam. Der Frankfurter Wecker hatte Conférenciers, also humoristische Ansager, wie Peter Frankenfeld und Hans Joachim Kulenkampff oder auch Heinz Schenk. Matthias hörte und sah auch Heinz Erhardt und den großen Wolfgang Neuss. Die Verehrung, die Heinz Schenk bei ihm genoss, war aber vielleicht die größte unter allen. Nicht nur, dass er ihn zum Mainzer Trio rechnete (neben Anna Seghers und Carl Zuckmayer), nein, er hat ihn in einem seiner schönsten Gedichte auch unter großen Geistern pointiert hervorgehoben:

Hölderlin

Hölderlin, du feiges Schwein
Schließt in Tübingen dich ein
Robert Walser, dumme Sau
Versteckst dich hinter Drahtverhau
Friedrich Nietzsche, Philosoph
Wirst verrückt und blöd und doof
Und als Suizid-Genie
Feiert sich Jean Améry.
An nur einen gern ich denk’:
Vom blauen Bock den alten Schenk. (1984, Gut und Böse S. 342)

Das Eintreffen der Amerikaner im Vogelsberg, wo – wir erinnern uns – der kleine Matthias mit schwarzen Locken als Liebling der Oma Graf im Kinderwagen liegen und bei allem nur zuschauen durfte, hat er später auch recht differenziert dargestellt, denn er war freilich mehr als ein begnadeter Sprücheklopfer.
„Nach der militärischen Niederlage in Form der bedingungslosen Kapitulation war Deutschland nach 1945 ein besetztes Land. Die Sieger diktierten das Recht, was sich im Nachhinein als Wohltat herausstellt. Die Amerikaner wollten wissen, wer vom deutschen Volk wie stark Nazi gewesen oder geblieben war. Um das herauszufinden, erstellten sie einen Fragebogen, der wahrheitsgemäß beantwortet werden sollte von den Deutschen; so brachten die Amerikaner den Glauben an die empirische Sozialforschung zu uns.
Der Schriftsteller Ernst von Salomon, ein rechter Geselle aus der Terroristenszene der Rathenau-Mörder und ein Liebhaber preußischer Simulationen, beantwortete die Fragen mit einem umfangreichen Buch*, das in den 50er Jahren zu einem Bestseller wurde.“ (Gut und Böse S. 306) *Ernst von Salomon, Der Fragebogen, Rowohlt 1951
Nach der bedingungslosen Kapitulation gab es „das Volk“ eigentlich schon gar nicht mehr, zumindest das deutsche nicht, es wurde durch die wohltätige Einführung der empirischen Sozialforschung zur Bevölkerung. Erst 1989 schafften es die werktätigen Massen der DDR, wieder zum Volk zu mutieren und ihre Städte zu Heldenstädten zu weihen. Nun kann wieder herumlaufen, wer da will, und schreien: Wir sind das Volk. Da ist es doch vielleicht besser auf das bewährte Aux armes citoyens! zurückzugreifen und die Geschwister unter der Beltz’schen Parole Liberté, Egalité, Varieté zu versammeln.
Nach dem Abitur 1964 ging Matthias Beltz zum Studium der Jurisprudenz zunächst nach Marburg, dann 1966 nach Frankfurt am Main. Dieser unserer kleinen Stadt blieb er treu bis zum Tod, weshalb – wer wenn nicht er – berechtigt ist, ihre Krone zu tragen. Die Frankfurter Krone ist bekanntlich die Hauskrone Karls VII. (sprich: des siebten) wird aber aus unerfindlichen Gründen in München verwahrt, und die Schatzkammer der Residenz verweigert die Restitution. Aber nicht nur die Frankfurter Krone wird Matthias Beltz vorenthalten, er hat auch den Goethepreis und die Goetheplakette niemals erhalten, sondern musste sich zu Lebzeiten mit dem Adolf-Grimme- und dem Deutschen Kleinkunstpreis bescheiden. In Österreich wurde er darüber hinaus 1999 Sieger beim 3. Vorarlberger Blindverkosten in Schwarzenberg, und der Freistaat Bayern verlieh dem Oberhessen Beltz postum wenigstens den Bayerischen Kabarett-Ehrenpreis.
Was immer da im Bregenzer Wald verkostet wurde, in einem Haubenlokal vermutlich, mein liebstes Beltz-Stück über Frankfurt am Main ist die Balkanisierung in der Straßenbahn, veröffentlicht 1997 in dem Band „Notschlachten – die sieben Weltverbrechen“. Das Verbrechen, meint Matthias Beltz, lauere draußen auf der Straße, und da gehöre es auch hin.
Besonders in einer hochgefährlichen Stadt wie Frankfurt. Hass gebe es hier, wie einst in England, wo Katholiken gegen Protestanten kämpften und alle gegen alle, weil eben so wenig Platz war auf der Insel und der Tunnel nach Europa noch nicht gebaut. So sei die Stimmung in Frankfurt auch, besonders in der Erlebnisstraßenbahn, der Linie 11. Sie fährt, Frankfurter wissen das, von Ost nach West und von West nach Ost, also von Fechenheim nach Höchst und wieder zurück. Sie ist der Frankfurter Orientexpress. Und was sich dort einmal zugetragen hat, erzählt Matthias Beltz so:
„Neulich saß ein rabenschwarzer Neger in der Bahn, da kamen so zwei Glatzenbuben rein, die immer rufen ‚Deutschland den Deutschen’, weil sie selbst noch nichts geleistet haben für Deutschland. Die sehen den Neger und schreien rum: ‚Gucke mal ein Schwarzfahrer.’
Da habe ich zu denen gesagt: ‚Wenn man als Deutscher einen Raum betritt, Kameraden, dann sagt man guten Tag oder mindestens Heil Hitler – wegen der Höflichkeit. Und außerdem: ‚Bevor es in Deutschland Deutsche gab, sind hier leider lauter Ausländer rumgelaufen: Franken, Chatten, Alemannen, Kelten, Goten und Vandalen, dann noch Römer. Deutsche gibt’s hier erst seit dreihundert Jahren, also spielt euch nicht so auf, ihr Einwanderer.’ Und wie sie gemault haben, die Nazibuben, da habe ich sie angeschrien: ‚Deutsch sein, heißt das Maul halten, wenn ein Erwachsener mit euch spricht. Schultz!* Unsere Treue heisst Ruhe – und sitz!’ Da waren sie ruhig. Der Ton macht die Musik – da hilft kein Techno und kein Pop, klare Klänge braucht das Volk.’“ *(Schultz heißt der Adjutant des Gestapochefs Erhardt in Ernst Lubitschs Spielfilm: Sein oder Nichtsein, 1942).
Die Sachsen, die hat Matthias Beltz zwischen Goten und Vandalen hier vergessen, die Leute von PEGIDA die, wenn sie sich mit „Heil Hitler“ begrüßen, natürlich nur einen Scherz machen, und auf die allemal das Beltz’sche Passepartout anzuwenden ist: „Im Mittelpunkt der Veranstaltung steht der Mensch.“ Als Matthias 1971 sein Referendariat in Darmstadt abbrach und seine juristische Karriere aufgab, wurde er Arbeiter bei Opel Rüsselsheim. Inzwischen hatte er auch mich kennengelernt und gemeinsam hatten wir uns als Revolutionäre in den Kampf gestürzt. Die Gruppe war entstanden, als der SDS sich aufgelöst hatte, und nannte sich – getreu der bereits erwähnten von den Amerikanern eingeführten empirischen Sozialforschung „Betriebsprojektgruppe“ (ehrlicherweise muss man hinsichtlich der Sozialforschung erwähnen, dass auch die Professoren Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, ganz zu schweigen von Horst Kern und Michael Schumann, einen gewissen Anteil daran hatten). Matthias Beltz war Mitglied im SDS gewesen, dessen qualvolle Auflösung mir erspart geblieben ist, weil ich gerade erst Abitur gemacht hatte und neu in Frankfurt war. Das sozialforschende Projekt machte ein fremdes Wesen zu Gegenstand seines Interesses, nämlich den Arbeiter. Dieser sollte zunächst genau beobachtet, beschrieben, bewertet und erkannt werden und zwar natürlich soweit auch vorhanden in seiner Gestalt als Arbeiterin, was wegen der Korrektheit hier anzufügen ist. Der durchschaute Arbeiter (m./w.) sollte dann vermittels zielgerechter Agitation zu revolutionärem Handeln bewegt werden. Heute nennt man das: durch Impulsgaben. Und darum hieß die Gruppe „Revolutionärer Kampf“ und schlug alle Warnungen in den Wind, wie die von Jürgen Habermas: “Wo das Unerträgliche auf Definitionen noch wartet, wo das Unrecht noch nicht manifest, die Empörung keine Reaktion von Massen ist, muss Aufklärung den Parolen erst vorangehen. Wer unter diesen Umständen eine revolutionäre Umwälzung taktisch ins Auge fasst und agitatorisch betreibt, verfällt schlicht einem Wahn.“
Länger als andere hat Matthias Beltz es bei Opel in Rüsselsheim ausgehalten. Es gab dort etwas zu lernen, hat er einmal gesagt, gesellschaftliche Realität außerhalb studentischer Zirkel, Buchhandlungen und alternativer Teestuben. Er hat das mit der Ernsthaftigkeit und Konsequenz betrieben, wie später seine künstlerische Karriere. „Ich hab ja auch selber Revolution gewollt, das geb’ ich zu. Ich wollte mal Revolution machen. Revolution war ja global gedacht. Wir wollten die ganze Welt verändern und nicht nur die eigenen Eltern ärgern. Das war ein subjektiver Spaßfaktor, den haben wir einfach mitgenommen. Jetzt kann man heute doch mal fragen: Lag das Böse darin, die Revolution gewollt zu haben oder lag es darin, sie nicht gemacht zu haben?“
Matthias Beltz hat das 2001 in der Berliner Akademie der Künste vorgetragen, als Bettina Röhl, eine der Töchter Ulrike Meinhofs, eine Debatte über den Außenminister Joschka Fischer losgetreten hatte, bei der es um die Frage ging, ob Fischer einst Molotow-Cocktails geworfen habe, und in deren Verlauf die Oppositionsführerin Angela Merkel verlangte, Fischer solle sich von der 68er-Bewegung insgesamt distanzieren. Um die historischen Relationen zurechtzurücken, hat Matthias Beltz so radikal wie nötig formuliert: „Ich gehöre auch zu den Spontiverbrechern aus Frankfurt, meine Damen und Herren, das kann man sagen, und ich muß auch sagen, das ist vollkommen richtig … Es gab kein schlimmeres Verbrechen als die Belagerung der Springer-Druckerei 1968. Dagegen ist die Belagerung von Leningrad nun wirklich nix gewesen, denn sie war angekündigt. Adolf Hitler hat gesagt, seit 5:45 wird zurückgeschossen.“

Matthias Beltz war Komiker, aber nie ein gefälliger Komödiant. „Wir meinen es nicht gut mit irgendwem, drum ist auch so gut, was wir meinen“, hat er gesagt, und das ist einer seiner ziemlich besten und ernstesten Sätze. Als Kabarettist hat er von den Anfängen mit Carl Napps Chaos Theater und dem vorläufigen Frankfurter Fronttheater bis zum Tigerpalast, über die Duo-Programme mit Heinrich Pachl bis zu seinen Soloprogrammen, Büchern und Theaterstücken niemals den Anspruch aufgegeben, die falsche Welt in der wir leben, vor Gericht zu stellen. Sein Spagat zwischen Heinz Schenk und Carl Napp auf der einen, Nietzsche, Carl Schmitt und Beckett auf der anderen Seite und seine Artistik aus Assoziationsketten, Wortwitz, Reimen, Sprüchen, Aphorismen und nicht zuletzt ebenso begnadeten wie gnadenlosen Kalauern waren sein Mittel, das Schlechte Falsche Hässliche im Vollzug des kabarettistischen Prozesses freizusprechen. Es ist eine Kränkung, dass die Welt sich weder durch echte noch durch beabsichtigte, simulierte oder virtuelle Revolutionen wirklich ändern lässt, nein, nicht wirklich. Aber bevor da Bitterkeit aufkommen konnte, hat Matthias dafür gesorgt, dass gelacht wurde. Seit seinem frühen Tod am 27. März 2002 fehlt er uns. Heute wissen wir besser denn je, wie wichtig, wie politisch, wie befreiend das Lachen ist.
Je suis Matthieu.

Kommentare


Bernd Stocker - ( 21-02-2015 01:49:04 )
super. Alles Gute
Bernd

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erstellt am 31.1.2015

Matthias Beltz, Foto: privat
Matthias Beltz, Foto: privat

»Kinder haben alles vor sich. Man muss sie erschrecken. Greise haben alles schon hinter sich: man muss sie beobachten.«

Matthias Beltz

Matthias Beltz, Fotos: privat
Matthias Beltz, Foto: privat
Matthias Beltz, Foto: Harald Schöder
Matthias Beltz, Foto: Harald Schöder
Foto: Maria Ostermann
Foto: Maria Ostermann
Treffen in Frankfurt

70. Geburtstag von Matthias Beltz

Am Samstag, 31. Januar 2015, 16:30 Uhr, Treffpunkt: Wasserhäuschen, Matthias-Beltz-Platz, Frankfurt-Nordend

Die Bürgerbewegung FRAHUMKOMINKA (Frankfurter für Komik in der Katastrophe) lädt ein zu einem spontanen Treffen mit gepflegtem Parlando aus Anlass des 70. Geburtstages unseres unvergessenen Freundes Matthias Beltz. Die Veranstaltung unter dem Beltz’schen Motto „Wir meinen es nicht gut mit irgendwem, drum ist auch so gut, was wir meinen“ findet auch bei schlechtem Wetter nicht im Saale statt. Ungesponserte Getränke sind erhältlich.