Neben der Entdeckerlust interessierte sich David Livingstone immer für die Menschen, denen er auf seinen langen, entbehrungsreichen Reisen begegnete. Er lernte die Sprachen der verschiedensten Stämme im südlichen Afrika und verkündigte mit großer Überzeugungskraft den christlichen Glauben. Ebenso verschaffte er sich großen Respekt als Arzt. Als überzeugter Gegner der Sklaverei half Livingstone, wo er konnte, den Menschhändlern das Handwerk zu legen. Weltberühmt machte ihn aber die Durchquerung der Kalahari und die Entdeckung der Sambesi-Fälle, denen er den Namen Victoria-Falls gab. Die beschwerliche Forschungsreise begann in Begleitung seiner Familie. Als die Gefahren für Leib und Leben von Frau und Kindern zu groß wurden, schickte er sie zurück nach England. Von den Anfängen der Reise ohne Familie und der Entdeckung der Victoria-Fälle wird im folgenden Ausschnitt berichtet.

Achter Reisebericht

David Livingstone: Reisen und Entdeckungen im südlichen Afrika

Von der Kalahari zu den Victoria-Fällen. 1849 – 1856

Nachdem ich meine Familie nach England abgeschickt hatte, trat ich Anfang Juni 1852 meine letzte Reise von Kapstadt aus an. Diese Reise erstreckte sich vom südlichsten Ende des afrikanischen Kontinents bis nach St. Paul de Loando, der Hauptstadt von Angola, an der Westküste, und von hier durch das ganze südliche Zentralafrika in schiefer Richtung nach Kilimane (Quilimane) in Ostafrika. Ich bediente mich anfangs des landesüblichen Verkehrsmittels, des außerordentlich schwerfälligen, von zehn Ochsen gezogenen Wagens; meine Begleiter waren zwei christliche Betschuanen aus Kuruman – die besten Diener, welche ich je gehabt habe –, zwei männliche Bakuena, und zwei junge Mädchen, welche als Wärterinnen mit unseren Kindern nach Kapstadt gekommen waren und nun wieder in ihre Heimat nach Kolobeng zurückkehrten. Die Art, in Afrika mit Wagen zu reisen, ist schon so oft beschrieben worden, dass ich hier nichts weiter zu sagen brauche, als dass sie der Gesundheit zuträglich und sehr angenehm für diejenigen ist, welche es mit Kleinigkeiten nicht zu genau nehmen und gern im Freien verkehren. Wir setzen über den Orange-Fluss und betreten ein unabhängiges, von Griquas und Betschuanen bewohntes Gebiet. Unter Griquas versteht man jede Mischlingsrasse von Eingeborenen und Europäern. Die hier in Betracht Kommenden stammten von Holländern einerseits und Hottentottinnen und Buschweibern andererseits ab. Mischlinge der ersten Generation halten sich für besser als die der zweiten, und alle besitzen in gewissem Grad die charakteristischen Merkmale beider Eltern. Sie wurden viele Jahre durch einen frei gewählten Häuptling, namens Waterboer, regiert, welcher aufgrund eines Vertrags alljährlich von der Kolonial-Regierung eine kleine Summe zur Unterhaltung von Schulen in seinem Gebiet erhielt und sich als eine höchst wirksame Schutzwache unserer Nordwest-Grenze erwies. Solange dieser tüchtige Häuptling regierte, wusste man gar nichts von Viehdiebstahl, und er trieb tatsächlich ganz allein eine furchtbare Streitkraft von plündernden Matatees, welche in die Kolonie einzufallen drohte, zurück……

Viele Hunderte sowohl von Griquas als Betschuanen sind durch den Unterricht englischer Missionare zu Christen gemacht und teilweise zivilisiert worden. Ich erkannte jedoch sofort, dass die Schilderungen von dem Erfolg des Evangeliums unter denselben mit zu lebhaften Farben gemacht worden waren. Ich erwartete einen höheren Grad von christlicher Einfalt und Reinheit, als er bei ihnen und bei uns existiert. Ich suchte keine tiefere Einsicht als andere, Lug und Trug zu entdecken, aber ich erwartete einen Charakter, wie ihn nach unserer Ansicht die ersten Jünger hatten – und ich wurde enttäuscht. Als ich indes im weiteren Verlauf meiner Reise zu den eigentlichen Heiden in die Gegenden kam, in welchen sich der Einfluss der Missionare noch nicht geltend gemacht hatte, und die dortigen Menschen mit den christlichen Eingeborenen verglich, kam ich zu dem Schluss, dass, wenn man die Frage auf die unparteiischste oder auf wissenschaftliche Weise untersuchen wollte, die durch die Wirksamkeit der Missionare zustande gebrachte Veränderung sich unstreitig als sehr bedeutend herausstellen würde……..

Nachdem wir 10 Meilen stromabwärts gefahren waren, kamen wir zu der Insel Nampene, am Anfang der Stromschnellen, wo wir die Kähne verlassen und längs des Ufers zu Fuß weitergehen mussten. Am nächsten Abend schliefen wir der Insel Tschondo gegenüber, überschritten dann den Lekone oder Lekwine und waren zeitig am nächsten Morgen auf der Insel Sekotes, Kalai genannt….

Da dies die Stelle war, wo wir uns nach Nordosten wenden wollten, beschloss ich am folgenden Tag, die Victoria-Fälle zu besuchen, die von den Eingeborenen Mosioatunya oder früher Schongwe genannt wurden. Von diesen Fällen hatten wir oft gehört, seit wir in das Land gekommen waren, und Sebituane richtete wirklich die Frage an uns: »Habt ihr Rauch in eurem Land, welcher tost?« Sie gingen nicht nahe genug, um sie zu untersuchen; sie blickten sie nur mit Staunen aus der Ferne an und sagten in Bezug auf den Rauch und den Lärm: »Mosi oa tunya« (d. h. hier tost Rauch). Früher hieß der Ort Schongwe; die Bedeutung dieses Namens kenne ich nicht. Das Wort, welches Topf bedeutet, klingt ähnlich, und vielleicht soll es heißen: siedender Kessel; aber ich weiß es nicht mit Bestimmtheit. In der Überzeugung, dass Oswell und ich die einzigen Europäer waren, welche je den Zambesi im Zentrum des Landes besuchten, und dass diese Stelle das Bindeglied zwischen dem bekannten und unbekannten Teil des Flusses ist, nahm ich mir dieselbe Freiheit wie die Makololo und gab dem Wasserfall einen englischen Namen; es ist der einzige Fall, in dem ich in diesem Teil des Landes einen Ort benannte. Es gibt keinen besseren Beweis dafür, dass dieser Fluss früher unbekannt war, als dass ein Herr, der nie gereist war, der aber einen großen Teil seines Lebens mit dem Studium der Geografie Afrikas zugebracht hatte und alles kannte, was von Ptolemäus an über diese Gegend geschrieben war, wirklich, während ich auf dem Roten Meer fuhr, im Athenäum behauptete, dieser prächtige Fluss, der Leeambye, stehe mit dem Zambesi nicht in Verbindung, sondern fließe unter der Kalahari-Wüste hin und verschwinde; ferner, der Zambesi entspringe, wie alle alten Karten zeigen, auf eben den Hügeln, zu denen wir jetzt gekommen sind. Diese bescheidene Behauptung ist ungefähr so, als ob ein Eingeborener von Timbuktu erklärte, die Themse und der Pool seien verschiedene Flüsse, während er weder den einen noch den anderen gesehen hat. Leeambye und Zambesi haben aber ganz dieselbe Bedeutung, nämlich Fluss.

… . Die Fälle sind auf drei Seiten von 300–400 Fuß hohen Bergketten eingeschlossen, die mit Waldbäumen bedeckt sind, zwischen denen der rote Erdboden durchschimmert. Etwa eine halbe Meile von den Fällen ließ ich den Kahn zurück, mit dem ich bis hierher gekommen war, und bestieg einen leichteren mit Leuten, die mit den Fällen genau bekannt waren, und, in der Mitte des Stromes fahrend, zwischen hervorstehenden Felsen hindurch, mich an eine Insel brachten, die hart am Rand des Abgrunds lag, über welchen das Wasser hinunterstürzte. Hier war Gefahr, von der Strömung zu beiden Seiten der Insel mit fortgerissen zu werden; aber der Fluss war jetzt niedrig, und wir fuhren an eine Stelle, wo es, wenn das Wasser hoch ging, ganz unmöglich war zu fahren. Aber obwohl wir die Insel erreicht hatten und nur wenige Ellen von der Stelle entfernt waren, von wo aus ein Blick das ganze Rätsel lösen sollte, so glaube ich doch, dass niemand sehen kann, wohin die Wassermasse geht; sie schien sich in der Erde zu verlieren, da die gegenüberliegende Seite des Spaltes, in der sie verschwand, nur 80 Fuß entfernt war. Wenigstens konnte ich mir es nicht erklären, bis ich voll Scheu bis an den äußersten Rand kroch und in einen großen Spalt schaute, der von einem Ufer des Zambesi bis zum anderen reichte; da sah ich, dass der Strom etwa 1000 Ellen breit war, 100 Fuß tief hinunterstürzte und dann plötzlich in einem Raum von 15–20 Ellen eingeengt wurde. Die Fälle sind nichts weiter als ein Riss in den harten Basaltfelsen vom rechten nach dem linken Ufer des Zambesi, der sich am linken Ufer noch etwa dreißig bis vierzig Meilen weit fortsetzt. Wenn man rechts von der Insel in den Spalt hinunterblickt, sieht man nichts als eine dichte weiße Wolke, auf welcher sich, als wir dort waren, zwei glänzende Regenbogen zeigten. Aus dieser Wolke erhob sich eine große Dunstsäule 200–300 Fuß hoch, welche dicker wurde, die Farbe von dunklem Rauch annahm und in einem dichten Regen herunterfiel, der uns bald bis auf die Haut durchnässte. Dieser Regen fällt hauptsächlich auf der entgegengesetzten Seite des Spaltes, und wenige Ellen vom Rand steht eine Gruppe immergrüner Bäume, deren Blätter stets nass sind. Von ihren Wurzeln rieseln eine Unzahl kleiner Bäche in den Abgrund zurück; aber während sie an der steilen Wand herabrinnen, leckt sie die aufsteigende Dunstsäule rein vom Felsen weg, und sie steigen wieder empor. Sie fließen beständig hinunter, aber erreichen nie den Boden. Ich sagte oben, dass wir fünf Dunstsäulen aus dem geheimnisvollen Abgrund aufsteigen sahen. Sie werden offenbar durch das Aufschlagen des herabstürzenden Wassers in den nicht nachgebenden spaltförmigen Raum gebildet. Von den fünf Säulen waren zwei zur Rechten und eine zur Linken der Insel die größten. Es war jetzt niedriger Wasserstand im Leeambye, aber soweit ich es beurteilen konnte, war es ein 500–600 Ellen breiter, am Rand des Abgrunds wenigstens 3 Fuß tiefer Strom. An drei Stellen nahe an diesen Wasserfällen, darunter auch auf der Insel in der Mitte des Stroms, auf welcher wir uns befanden, richteten drei Batoka-Häuptlinge Gebete und Opfer an die Barimo. Sie beteten mitten im Tosen des Wasserfalls, im Angesicht des glänzenden Regenbogens in den Wolken. Sie müssen mit Ehrfurcht auf die Szene blicken. Furcht mag sie zur Wahl dieses Ortes bestimmt haben. Der Fluss selbst ist geheimnisvoll für sie. Die Schiffer singen: »Leeambye, niemand weiß, woher er kommt und wohin er geht.« Das Farbenspiel des doppelten Regenbogens in den Wolken, das sie sonst nur am Himmel bemerkten, mag sie auf den Gedanken gebracht haben, dass dies die Wohnung der Gottheit sei. Einige Makololo, die mit mir nach Gonye kamen, betrachteten diese Erscheinung mit gleicher Ehrfurcht. Den Regenbogen am Himmel nennen sie Motse oa barimo, d. h. Götterstab. Nachdem ich mich an dem schönen Anblick ergötzt hatte, kehrte ich zu meinen Freunden in Kalai zurück, und als ich Sekeletu sagte, er habe nichts Sehenswerteres in seinem Land, bekam er auch Lust, am nächsten Tag hinzugehen. Ich begleitete ihn, um auf der Insel Beobachtungen anzustellen, aber der Himmel war ungünstig; daher beziehen sich meine Beobachtungen nur auf Kalai (17° 51' 54” südlicher Breite, 25° 41' östlicher Länge).

Sekeletu gestand, er habe Angst, dass er von dem Abgrund verschlungen werden möchte, ehe er noch die Insel erreichte. Seine Begleiter warfen zum Vergnügen Steine hinunter und wunderten sich, dass sie in Stücke sprangen und selbst verschwanden, ehe sie noch den Boden erreichten.

Aus: David Livingstone, Reisen und Entdeckungen im südlichen Afrika. Von der Kalahari zu den Victoria-Fällen.

Mit freundlicher Genehmigung © Edition Erdmann, Wiesbaden

Die Reiseberichte werden ausgesucht und eingeleitet von Clair Lüdenbach

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erstellt am 30.1.2015

Sie mussten mit Löwen kämpfen, litten unter unbekannten Krankheiten mit ungewissem Ausgang, sahen ungeahnte Wunder, gerieten immer wieder in Lebensgefahr, erlebten Unglaubliches, hungerten, verdursteten fast und wurden Gäste großherziger Herrscher: die reisenden Entdecker zwischen dem 14. und 19. Jahrhundert.
Die Reihe mit Fundstücken aus diesen Reisebeschreibungen in Faust-Kultur versammelt, bewahrt frühe Erfahrung des Fremden und gerettete kulturelle Erkenntnisse. Das ergibt ein beträchtliches Lesevergnügen.

Die Wortwahl der Dokumente entspricht nicht in allen Fällen dem derzeitigen Stand politischer Korrektheit (Anm. d. Red.).

David Livingstone
David Livingstone

David Livingstone
Reisen und Entdeckungen im südlichen Afrika
Von der Kalahari zu den Victoria-Fällen
Leinen mit Schutzumschlag, 392 Seiten, 27 Abb.
EAN: 978-3-86539-843-7
Edition Erdmann, Wiesbaden 2013

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