In ihrem als Szenenspiel angelegten Beitrag zur experimentellen Reihe Manifeste 14 reflektiert Hannahlisa Kunyik die prekären Lebens- und Arbeitsbedingungen der jungen Künstlergeneration.

Manifeste 14

Moneyfest

Szenenspiel in 11 Szenen

Von Hannahlisa Kunyik

Für K. Für F&F, H&G, A, E, J, D, T, C und U, MF, DM, DD, Z und alle anderen.

Personen:

K: Junge Künstlerin, kurz vor ihrem Abschluss an einer Kunstakademie in der Hauptstadt eines kleinen, aber (großteils) deutschsprachigen Landes. Wurde neuerdings für einen Kunstpreis nominiert. Es stehen zehntausend auf dem Spiel. Sie fragt sich: Wird sie den Preis gewinnen? Und wenn ja, um welchen Preis? Und vor allem: was, wenn nicht?! Einstweilen gibt es Aufregung, Aufmerksamkeit, Anerkennung und Medienrummel.

D: Mitteljunger Künstler. Befreundeter Kollege von K. K und D schätzen ihre Arbeiten (gegenseitig) und haben bereits gemeinsame Sache gemacht. D und K rufen sich an, um Arbeiten und Probleme zu sprechen. D hat momentan nach einem langen Skype-Nachmittag zur Ks Medienauftrittsstrategien bei K eigentlich etwas gut.

L: Auftraggeber von K. Herausgeber eines Sammelbandes zu politischer Philosophie. K ist inhaltlich sehr an Ls Arbeit interessiert. K arbeitet soeben an der Gestaltung und Produktion dieses Bandes. Dies seit einem halben Jahr (oder länger?) immer wieder in Schüben. Trotz, oder gerade wegen ihres quasi-egalitären Kommunikationsstils sind (bisher) noch keine Gelder (gen K) geflossen.

V: Mitteljunge Kunsttheoretikerin. Mitherausgeberin der Publikation, welche K gestaltet, ergo ebenfalls Auftraggebende von K. Hat ein sehr freundliches Verhältnis zu K. V und K unterhalten sich gerne über ihre (Nicht-) Beziehungen.

A: Eine von drei besten Freundinnen K.s Hat zur Zeit aufregenden Sex und einen netten Spielpartner. A schreibt soeben ihre zweite Masterarbeit fertig.

Mutter: Sehr berufs- und lebenserfahren. Seit einem Unfall aber vorerst aus dem produktiven Gefecht gezogen.

E: Ks ehemalige Professorin. Lebt und arbeitet in einer türkischen Metropole. K verehrt E.

M: Ks Mitbewohner, sehr sportlich und trotzdem sympathisch. Hat eine Anstellung und sagt intelligente Dinge. M ist aber gerade auf Urlaub mit Freunden. K muss sich während des erzählten Geschehens also ihren Morgenkaffee selber machen.

Katz: Künstlerin. Mitherausgeberin eines Magazins rund um Kunst und Umgebung. Katz hat auch eine coole Tochter. K schreibt für dieses Magazin. Alle machen alles für frei.

Isa Genzken: Hat nach einer großen Retrospektive im mumok zur Zeit eine Ausstellung in Ks Stadt. Der Titel der Ausstellung lautet: I am Isa Genzken, the only female fool. Isa Genzken war niemals arme Künstlerin. Sie hat früh mit Modeln ihr Geld verdient und bald einmal ein Jetset Leben geführt. So wird es sowohl in der Führung durch die Ausstellung über sie, als auch in Vorträgen über Genzken erzählt. Isa Genzken wird als Person selbst nicht auftreten, nur als Figur, als Diskursträgerin quasi.

Nachbar: Wohnt unter K, in Ks alter und etwas kleinerer Wohnung. Rettet K zum Beispiel, wenn ihr die Türe ins Schloss fällt, während sie am Gang und ihr Essen am Herd…

Journalistin: Freundlich und professionell. Sogenannte freie Dienstnehmende beim staatlichen Rundfunk. Sonst nichts Näheres bekannt.

B: Ks Bankbetreuerin.

(Alle Personen und Kommuniktationen könnten durchaus frei erfunden sein!)

1. und einziger Akt

0. Szene

Erster des ersten Herbstmonats.
Im Postfach von K eine E-Mail von B:

Sehr geehrte Frau K,
wie soeben telefonisch besprochen, habe ich soeben die Überziehung Ihres Überziehungsrahmens zwecks Mieteinzahlung genehmigt. Unser Institut erwartet die Ihrerseits zugesagte Honorareinzahlung – welche den überzogenen Überzug dann wieder decken sollte – innerhalb der kommenden Woche.
Vielen Dank, dass Sie Kundin unseres Instituts sind!
MfG,
B

1. Szene

Zwanzigster des Sommermonats davor.
Im Facebook Chat:

D: holla! na, wie läuft deine bewerbung?
lust n manifest zu schreiben? das macht n freund von mir. geht um kunst und politik. und ich hätt gerne eine (spannende) frau(enposition) (über die begrifflichkeiten können wir streiten, du weißt was ich mein)

{schickt einen Link}

jona macht das

K: hey! geil! meine bewerbung ist bis morgen auf eis gelegt, weil morgen hab ich abgabe vom zwischenfinalen layout, aaaahh, streeeess!!! aber: sehr gerne zusammenstückel ich ein manifest. die frage ist nur: bis wann?!

und wer ist jona?

{googlegoogle}

ah, jetzt weiß ich wer jona…

D: irgendwann. noch nicht. ich muss dich noch vorschlagen.

K: gut! fein, dass du dabei an mich denkst!

2. Szene

Einundzwanzigster dieses Sommermonats
Nachricht von D an K:

D: also wenn du bis in 2 wochen ein manifest schaffst wärst du direkt dabei.

K, zu sich (mit vielen kleinen Schweißperlen auf der Stirn): schwitz schwitz, ich muss dies noch ein­reichen, und das noch abgeben, dann das interview, und ich wollte endlichendlich ein paar tage in den urlaub nachfahren zu M…, ich sollte absagen, ich brauch ruhe, außerdem K, sei doch bitte nicht die quotenfeministin die ausnahmefrau!, warum sind da sonst keine künstlerinnen dabei? eine spannende frauenposition, geht's noch?!, es heißt offenbar nicht umsonst weltbühne für Autoren und Künstler.

3. Szene

Dreiundzwanzigster des Sommermonats.
Journalistin und K einander gegenüber in einem Radiostudio. Zugegebenermaßen kein besonders schönes Radiostudio, aber darauf kommt es ja nicht an. Außerdem: K ist auf dem Weg ein paar Tode gestorben, vor Aufregung. Aber sie hat sich eine Performance ausgedacht. Auf keinen Fall wird sie sich zu tief in die Karten schauen lassen. (Sie ist doch nicht blöd!) Alleine für die Chance, eventuell zehntausend (zehntausend!!) ihre persönliche Geschichte preisgeben? Pah! Ihr könnt sie mal.

Journalistin: Frau K, können wir uns duzen?

K: Äh, ja, klar!

Journalistin: Wenn du bitte kurz deinen Namen ins Mikrophon sagst, Namen, Alter und wo du zur Zeit studierst.

K (Räuspert sich, setzt dann ihre Radiostimme auf): Ähäm. Mein Name ist K, ich bin 28 Jahre alt … ach nein, oh Gott, ich bin 27! Nochmal bitte.

(etwas später. Die beiden sitzen einander immer noch gegenüber, Journalistin hält das Aufnahmegerät in Ks Richtung)

Journalistin: K, wie bist du eigentlich zur Kunst gekommen?

K (auf diese Frage vorbereitet, im gezielt professionellen Tonfall): Für die Aufnahmeprüfung an der Akademie hatte ich einen Masterplan. Demnach galt es, auf drei Ebenen – mittels Wissenschaft und Theorie, mit Alltags- und subkulturellen Strategien, aber dann auch als von einer Institution legitimierten Künstlerin in der symbolischen Ordnung mitzumischen. Ich nannte das damals Symbolische Revolte und verfasste dafür das PRINZIP POSTPOTENZ. Außerdem…

Journalistin (fällt ihr lächelnd ins Wort): Was heißt Prinzip Postpotenz?

K: Ähm, kurz off the record bitte! Also, ich hab gestern mit meinem Mitbewohner besprochen, dass es vielleicht besser wäre, das einfach so stehen zu lassen – Journalistin: Ich denke, es wäre wichtig für die Hörerinnen und Hörer zu verstehen, was Prinzip Postpotenz heißt.

K: Okay. Einen Moment bitte… (Denkt kurz nach)… Also. Das Schimpfwort Präpotenz weißt ja auf den Status vor der richtigen Potenz hin, ja? Für mich war aber wichtig quasi, diese Potenz zu überwin­den, überkommen, übersehen, oder übersteigen, ich weiß nicht. Und stattdessen also durchaus sich limitierte Plätze anzueignen, sich Ressourcen anzueignen, Positionen anzueignen, und die dann aber zu brechen oder gebrochen zu besetzten: durch Schwäche, Ironie, Queerness, Unangemessenheit und so weiter.

Journalistin: Du erwähntest vorher, dass du neben deinem ersten Studium, dem Soziologiestudium Drag Shows performt hast – wie haben diese Drag Shows ausgesehen?

K: Hmm. ehrlich gesagt, auf diese Frage bin ich überhaupt nicht vorbereitet. Außerdem, das ist auch schon wirklich enorm lange her! Ich würde viel lieber noch was zu meinem Verhältnis zu Kunst sagen…

Journalistin: Bitte!

K: Also, wenn wir uns vorstellen, dass wir eben nicht nur von Luft und Liebe, oder Anerkennung; bzw. von Wasser und Brot leben, sondern auch von Bedeutung, dann war mir wichtig, in dieser Bedeutungsherstellung mitzumachen. Das kann man natürlich auch an anderen Orten, das muss jetzt nicht unbedingt die Kunst sein, das kann durchaus woanders stattfinden, mittels Journalismus, oder Bildungsarbeit, oder ganz anderen Sachen. Aber in der Kunst sind halt – zumindest am untersten Level der Produktion – Leute unterwegs, die sich Dinge anschauen auch abseits von Verwertbarkeit, Funktionsbezogenheit oder Notwendigkeit. Man kann das als politische Person kritisieren und sagen, wer kann sich das leisten, sich mit nicht notwendigen Dingen zu beschäftigen, oder mit Dingen, die auf den ersten Blick nicht notwendig erscheinen? Aber ich halte diese NichtNotwendigkeit eben für enorm notwendig.

Journalistin

K, (fühlt sich im Eloquenzfluss hörbar wohl): Außerdem. An keinem anderen Ort lässt es sich so sehr mehrdimensional denken, und nicht nur denken, sondern auch angewandt denken, wie in der Kunst! Ich kann mich als Künstlerin zu Raum, zu Körper, zu Bild, zu Text, zu Sound, zu sozialen Gefügen… zu allem … äh, mich verhalten! Alles kann ich als Gegenstand, als Material, als Medium verwenden! Ich würde das dann professionellen Dilettantismus nennen..

Journalistin: mhm!

4. Szene

Sechsundzwanzigster des selben Sommermonats
E-Mail nach dem Wochenende nach der Besprechung des zu Beginn erwähnten Layouts. Zu dritt hatte man den Kauf von Schriften besprochen, welche K für das Weiterarbeiten benötigt. Nach der Ablieferung der Überarbeitung sollte K das erste Zwischenhonorar ausgezahlt bekommen. K hatte schließlich danach gefragt, weil das NichtGeld immer knapper wurde.

K: Betreff: Bitte dringend: Material!
Liebe L, lieber V,
es ist mir nicht möglich, den Kauf der besprochenen Schriften privat vorzuschießen.
Ich ersuche darum eine/n von euch, diese zu kaufen: link.
damit ich am Zwischenendentwurf weiterarbeiten kann!
Danke!
Lg,
K.

5. Szene

Einundreißigster des letzten Sommermonats. Abends.
In einem Lokal in der Nähe des Museums, in dem Isa Genzken zur Zeit ihre Ausstellung hat. Die Leute die um den Tisch sitzen, inklusive K und Katz, kommen soeben von einem Vortrag über Isa Genzken. Genauer: zu deren Durchsetzungsstrategien in der männlich dominierten Kunstszene des Rheinlandes der 1980er. Draußen hat‘s geregnet, alle sind mehr oder weniger nass.

Katz: Ich versteh nicht, ist der Titel jetzt sarkastisch oder zynisch zu verstehen? Zu Beginn fand ich den super, aber als ich mir dann ihre Interviews rund um die Ausstellung durchgelesen habe ist mir ganz anders geworden (im zitierenden Tonfall) „Mir scheint, ich wäre die einzige Frau, die keine Kinder bekommen hat…“

K: Ich muss gestehen, ich musste mir in der Diskussionsrunde einen antifeministischen Kommen­tar verkneifen. Ich mein, zum einen wird über sie als sehr strategische Akteurin gesprochen, die weiß, wie sie in welche Kreise kommt. Dann aber wird „narriert“, wie sehr es ihr zusetzt, immer auf ihre Exehe mit dem Richter zurückgeworfen zu werden… Da denk ich mir, tschuldige, aber wer heiratet, ist erstmals sowieso selber schuld, und wer dann noch dazu einen Gerhard Richter heiratet umso mehr! 80er Gegenrevolte hin und her. Ich mein, man weiß doch, worauf man sich einlässt, oder? Die ist ja nicht blöd. Das weiß man doch! Okay, die Ausgangssituation ist doppelmoralisch, der Richter muss sich nicht… Trotzdem. Warum regt mich das so auf?! Das regt mich auf.

Katz: Ich find es blöd, dass sie die Hanne Darboven nicht in ihrer Ausstellung hineingenommen hat. Dafür all die großen Typen von Graham bis Weiner. Dabei hieß es doch eben, dass sich die Genzken ganz stark an der orientiert hat… Ich mein, ich versteh ja die Haltung, jetzt nicht die Feministin performen zu wollen, aber dann keinen einzigen Bezug zu einer Künstlerin herzustellen, gerade wenn es den offenbar gibt, das find ich schon … bedenklich.

K: Jetzt reden schon wieder über sie als Person, nicht über Ihre Kunst.

Katz: Naja, es sind schon wichtige Gesten!

6. Szene

Am Morgen danach
Im Postfach von K eine E-Mail von L

Liebe K,
könntest du nicht Varianten erarbeiten, wo du nicht so viele Schriften brauchst? Bzw. habe ich in Erinnerung, dass die besprochenen Erneuerungen nicht unbedingt alle neue Schriften brauchen…
Lg und bis nächste Woche!
L

7. Szene

Unverortet

E: Why do you do this job?

K: Because I love designing books, as you know. And I like the topic of the book. And – vor allem – did I need a job to make some money! Money that I need now and…

E: If you were merly a designer I‘d talk differently with you. I‘d tell you look, this is a pro bono job. But it‘s not meant to be a pro bono job –

K: Meine Worte.

E: Plus, you are – although designing – not a designer. You are an artist! There will be other ways for you to make money. Don‘t please others, please yourself.

Mutter: Du kannst in einer Mail an deine Auftraggeber doch nicht schreiben, dass du dich ärgerst!

K: V hat auch geschrieben, dass sie sich ärgert!, dass sie unsere finanziellen Abmachungen nicht schriftlich festgehalten hat. Außerdem, ich ärgere mich auch! Ich arbeite seit einem halben Jahr an dem Ding und jetzt dauert die Honorierung immer noch bis St. Nimmerlein! Ich habe keine Anstellung!

Mutter: Was passiert ist, ist passiert. Aber bitte, in Zukunft lass die Emotionen aus der professionellen Kommunikation. Hast du zumindest den Auftrag schriftlich?

K (Stimme blickt zu Boden): Nein.

Mutter: Du hast keinen Auftrag, keinen Wisch?! Kose-K! Bei solchen Beträgen macht man doch nichts nicht schriftlich!!! Kose-K.Sobald ich wieder im Büro bin lass ich dir alle Unterlagen zukom­men. Da wird jeder Arbeitsschritt festgehalten, jedes Extra! Ich werde Pa fragen, ob er einstweilen –

K:

E: It‘s always the same. You always have to discuss the money for material, especially for fonts. This is why so many Designers work with two or three fonts only…

K: But they wanted an artistic design, this is why they asked me to do it, didn‘t they?! And now, now…

E: I know. But you should not let that to get too close to you. Take the money your grandpa gave you for those shoes, survive the next weeks till their money comes and next time you‘ll behave different­ly from the beginning. No pauschalhonorar anymore.

K: In their opinion my honorar is extra good. Because they know of other publications which have an entire production budget worth my fee…

E: There are always people who work for less, even for no money. You should not compare to – or even compete with that! Honestly, when it comes to money I prefer to work with bankers. Bankers are very decent. They know to value your work and they pay you on time. In contrast to people in the art world. They are the worst. When it comes to money, they are the worst.

Eine Stunde später. Nachricht von L in Ks Postfach:

Liebe K,
wir bedauern es, dass du den eindruck hast, dass wir deine arbeit nicht wertschätzen. dies ist in keinster weise der fall! unsere ausdrücke der begeisterung beim letzten treffen zu deinem entwurf sollten eigentlich auch ein anderes bild ergeben.
kurz zum finanziellen: … (ein paar zeilen später) und könntest du die Schriften, die du für deinen weiteren entwurf für notwendig hältst, vorläufig besorgen? so würden wir sehen, ob uns die geplanten änderungen in der form zusagen. erst dann macht es überhaupt sinn für uns, die Schriften definitiv zu kaufen.
Lg,
L

8. Szene

Nachbar klopft bei K, er hat Curry gemacht, ob sie auch was essen möchte.
K, hocherfreut, bringt eine Flasche Wein, die jemand anders ein andermal gebracht hat.
Beim Essen sitzend.

K: Hast du schon für mich gevotet, Publikumspreisdings, weißt schon?

Nachbar, lacht: Das hast du mich jetzt schon drei Mal gefragt! Ja doch!

K: Sorry. Peinlich

(beide schmatzen genüsslich.)

Nachbar, scherzhaft: Ja, wenn bei dir einmal der Wohlstand ausbricht… Vielleicht hab ich dann auch was davon!

K, sichtbar frustriert: Haaaha. Ich hab den ganzen Sommer lang gehackelt, Bewerbungen geschrieben und Zeug gemacht, und jetzt weniger als keinen Cent.

Nachbar: Es gibt so Zeiten.

9. Szene

K sitzt auf ihrem Arbeitsplatz, den sie gerne ihr Atelier nennt. Das Handy läutet, A ist dran.

K: Haaaallo!

A: Hallo! Na?

K: Selber Na! Kommst du voran? Darf ich dich morgen nach deiner Abgabe abholen?

A: Ja, kannst mich gerne abholen, ich weiß nur nicht wann genau ich fertig werde. Was machst denn du gerade?

K: Ich hab Stress mit Text.

A: Wann muss der fertig sein?

K: Gestern.

A: Scheiße

K: Ja. Und ich hab ein bisschen Angst, dass er als Manifest … hm, ein bisschen selbstgerecht wird.

A: Kopf hoch. Das liegt in der Natur eines Manifests!

K: Danke, sehr lieb. Aber sag, ganz was anderes: kannst du mir bis Samstag noch ein bisschen… Geld borgen?

10. Szene

am Abend darauf
Nachricht von K an M

Hey du! Voll scheiße, ich kann doch nicht nachkommen. Das Geld haben die immer noch nicht ein­gezahlt, weil sie sich noch nicht darauf einigen konnten, wer was wie zahlt, und wo und wann. Voller Dreckscheiß. Bin voll k.o. Sag allen einen lieben Gruß! Kussi

11. Szene

Tag danach
K liegt frisch geduscht im Bett. Es ist vormittags nach einer rastlosen Nacht in welcher K in Gedanken mit V und L richtig, ähm, Klartext gesprochen hatte. Darüber, dass die das Ding ohne ihre, Ks Arbeit und ihren Einsatz doch in der Form gar nicht machen könnten, ohne diesen „Pauschalpreis, der sich nicht nach Aufwand oder Stundenlohn richtet“. Dass sie sich nicht so tun sollten, als würden sie ihr, K, was schenken mit dem Auftrag. Dass sie jetzt endlich die verdamm­ten Schriften kaufen sollten, oder sie, K, aussteige aus dem Ding! („Arial“! K verwendet sicher nicht Arial!) Dann sollen sie doch sehen, wer ihnen ein Artwork für den Umschlag, das komplette Layout, den Satz, die gesamte Bildbearbeitung und dazu noch eine eigene Fotoreihe macht, und das alles um zweitausend. Und vorallem, dass sie das Geld, das Zwischenhonorar vorgestern, vorvorgestern gebräucht hätte, spätestens morgen und übermorgen. Nicht in drei Wochen. Das dies die offenen Rechnungen gerade einmal abdeckte. Wenn überhaupt. Zwischenhonorar. Studentin.
Sie hatte sich dabei im Büro von L gesehen, wie sie alles in ruhigem, professionellen Ton und ohne den hier hörbaren Gram, und ohne die verzweifelten Details sagen würde. Völlig korrekt, weil sie ja im Recht liegt. (Und das von halb sechs bis neun Uhr morgens. Schlaflos, versteht sich.) Jetzt, nach einer Dusche und kleinem Frühstück mit dem Rest an Brot und Käse,

K, zu sich: Ich muss D absagen, ich kann diesen Text nicht schreiben. Für diesen Text müsste ich den ganzen Konflikt mit L und V aus mehr Distanz – und abstrahieren! Und ich müsste das mehr anonymisieren. Ich kann ja nicht die E-Mails hier reinkopieren, das lässt sich ja alles nachverfolgen! Das kostet mir den Kragen und alle potentiellen weiteren Aufträge. Das ist einfach verrückt. Ich mach mir alles kaputt. Indiskret nennt man das!

Ks andere Stimme: Na dann mach halt aus der Ausstellung eine Publikation und aus der Skulptur ein Graphikdesign!

Erste Stimme in K: Es ist egal. Immer der selbe Shit. Die Leute wollen einen Text über Kunst und
Politik, aber wir müssen einfach einmal über Geld reden. Es muss einmal ordentlich über Geld geredet werden. Und dass C und U über BürgerInnengeld, über bedingungsloses Grundeinkommen reden ist ja schön und gut. Bis das soweit ist, womit man nicht rechnen kann, müssen wir über zu verdienendes Geld reden. Über das Geld, das andere durchaus für Arbeit bekommen, weil sie wissen wie man das macht, was sich monetär gehört. Nicht wie so eine Kunststudentin-Künstlerin, die davon überhaupt keine Ahnung hat. Diese ganze Kulturkacke. Unser Budget ist knapp…

Andere Stimme von K: Wir müssen nicht nur über Geld reden, sondern dieses verdammt nocheinmal auch einfordern. Bei jedem Job. Bei jedem gottverdammten Job! Wenn du nicht gerade etwas für deine Freundinnen machst.

X. Szene

Nachricht von K an Jona, D im CC:

Lieber Jona,
Noch unbekannter Weise: hallo!
Danke, dass ihr auf meinen Text wartet. Das ehrt mich! Dennoch, wichtige Frage: Gibt‘s eigentlich ein Budget, ein Honorar für den Text?
Schöne Grüße,
K.

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erstellt am 26.1.2015

Manifeste 14 ist eine zunächst lose Ansammlung von Manifesten der Künstlerinnen und Künstler Jos Diegel, Tarik Goetzke, Norman Hildebrandt, Timon Jansen, Hannahlisa Kunyik, Gian Spina und Jonas Englert zur Relevanz von Kunst. Im nächsten Schritt soll eine Symbiose entstehen, die die Rechtfertigung beziehungsweise Infragestellung der Existenzberechtigung von Kunst zum Inhalt hat. Die Manifeste materialisieren sich in Text, bewegtem Bild und Ton. Manifeste 14 wurde von Jonas Englert initiiert.

Die Autorin
Hannahlisa Kunyik. Foto: Carolina Frank
Hannahlisa Kunyik. Foto: Carolina Frank

Hannahlisa Kunyik

Künstlerin, Studium der Soziologie, der bildenden Kunst (Bildhauerei und performative Kunst, Video und Videoinstallation) (Wien), Typographie und Bewegtbild (Istanbul). Lebt und arbeitet derzeit in Wien.
 
Performances, Screenings, Ausstellungen (beispielsweise in/für/bei/an):
Hilger Next/Wien, PERFORMANCErum/Aarhus, Luminale/Frankfurt (Main), afip/Offenbach, BaskiHazBeden/Istanbul, Stromboli/Hall (Tiol), Kunstraum Niederösterreich/Wien, Brut/Wien, Garage X/Wien, fluc/Wien, Dom/Salzburg, Fabrik/Hallein, Regionale/Steiermark,…

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