»Freiwillig entläßt die Natur keinen aus ihrer Vormundschaft, und es gibt keine geborenen Söhne der Freiheit«, schrieb Schelling. Aber sobald der Mensch sich mit der äußeren Welt in Widerspruch setzt, beginnt er zur Philosophie zu schreiten. Doch gibt es dann einen Weg zurück? Otto A. Böhmer ertappte den feschen Philosophen bei einer Versuchung.

Holzwege

Philosophie des Bockbiers

Der Philosoph Friedrich Wilhelm Joseph Schelling

Von Otto A. Böhmer

Der Philosoph Friedrich Wilhelm Joseph Schelling befand sich mit seinem Schüler und Assistenten Dorfmüller auf einer jener Wochenendexkursionen, die Schelling in dem Maße schätzte, wie sie Dorfmüller, einem zur Rundlichkeit neigenden jungen Mann, missfielen. Er, Dorfmüller, wäre lieber zu Hause geblieben und hätte bei einem Glas Wein dem kaum hörbaren Zuspruch seiner Gedanken gelauscht; die Treue zu seinem Lehrer aber ließ ihn die Einladungen Schellings, welche ohnehin wohl eher als Abkommandierungen im Dienste des Geistes zu verstehen waren, immer wieder „gerne und mit frohem Herzen“, wie er sagte, annehmen. Schelling, dem der Ruf einer gewissen Maßlosigkeit vorausging, der inzwischen auch das schläfrige Erlangen erreicht hatte, wo der Philosoph als Professor Dienst tat, pflegte auf seinen Wochenendexkursionen gern und ausgiebig „ins Herz der Natur zu schauen“; dabei kannte er, seinem Ruf gemäß und Dorfmüller zur Plage, weder Maß noch Ziel: Er eilte durch Wälder und Auen und sah nur das, was er sehen wollte. Sein Schüler hatte Mühe zu folgen, was auch für die Sprechstunden galt, die Schelling in die Natur verlegt hatte: Der Philosoph redete meist mit sich selbst, und dem ihm nacheilenden Dorfmüller oblag es, nicht den Anschluss zu verlieren und gegebenenfalls mit dem einen oder anderen Stichwort auszuhelfen. Dreißig und mehr Kilo­meter konnte der Herr Professor an einem Tag laufen, und am Abend war er zumeist bester Dinge, während der Assistent seine Blasen kühlte und sich wie ein in die Jahre gekommener Frischling vorkam.

An diesem Wochenende waren Schelling und Dorfmüller in den Frankenwald gefahren, und die Tortur nahm zunächst ihren gewohnten Verlauf. Der Philosoph erreichte schon bald seine gefürchtete Durchschnittsgeschwindigkeit, und sein Schüler keuchte ihm hinterdrein. Es ging auf moosigem Untergrund leicht bergauf; Dorfmüller wischte sich den Schweiß von der Stirn. Ich werde mich erkälten, dachte er. Schelling blieb stehen. „Ganze Zeitalter sind über der Erforschung der Natur verflossen“, rief er, „und Sie, lieber Dorfmüller, lahmen wie am allerersten Tag. Einzelne haben mit dem Blick in die Natur ihr Leben hingebracht und nicht aufgehört, auch die verschleierte Göttin anzubeten. Was aber ist, frage ich, der ganze Ruhm des scharfsinnigsten Zweiflers gegen das Leben eines Mannes, der eine Welt in seinem Kopfe und die ganze Natur in seiner Einbildungskraft trug?“ „Nichts“, sagte Dorfmüller, „aber da vorne, jenseits der Wegbiegung, sehe ich ein Gasthaus. Vielleicht sollten wir dort einkehren und uns stärken.“ „Ich für meine Person bin stark genug“, meinte Schelling, „aber Ihnen und der sehr irdischen Schwächlichkeit zuliebe will ich einer Pause zustimmen.“ Nanu, dachte Dorfmüller, was ist denn in ihn gefahren? Seitdem ich mit ihm durch die Wälder stapfe, und das ist schon mehr als ein Menschenleben her, haben wir immer um jeden Restaurationsbetrieb einen großen Bogen gemacht. Woher dieser Sinneswandel? Am Ende, so scheint es, kann sogar ein Philosoph auf volkstümliche Weise weise werden. – Wie nicht anders zu erwarten, waren sie die einzigen Gäste des etwas heruntergekommen wirkenden Etablissements, das den Namen „Zum Kuhlacher Ochsen“ trug. „Ich hätte gern ein Glas Wein“, sagte Schelling, als der Wirt, der wie ein finsterer Pantoffelheld aussah, sich nach ihren Wünschen erkundigte. „Wein ist aus!“ war die Antwort. „Aber es gibt noch Bockbier.“ Der Philosoph schüttelte sich. „Schon im Vorhof des Fegefeuers wurde des Bockes Bier ausgestoßen“, murmelte er. „Aber sei’s drum.“ „Mir bringen Sie bitte eine Brotzeit“, sagte Dorfmüller mit glühendem Gesicht. „Und ein schönes großes Bier.“ Der Wirt ging und kam kurz darauf mit Brot, einer gewaltigen Speckwurst und zwei noch gewaltigeren Humpen zurück. „Zum Wohle!“ sagte er drohend. Der Philosoph nahm einen vorsichtigen Schluck; ihm wurde warm und kalt zugleich. Ich fühle mich wie ein Nadelkissen, dachte er. Eine Erfahrung, die ich schon immer missen wollte. – Missmutig äugte er auf seinen Assistenten, der mit vollen Backen kaute und Schaum am Mund hatte. „Wenn Sie soviel essen und trinken, Dorfmüller“, knurrte er, „werden Sie nur dick und nie klug.“ „Ich bin dick“, entgegnete Dorfmüller. „Meine Klugheit hat also Gewicht. Wenn Ihnen übrigens Ihr Bier nicht mundet, dann lassen Sie es doch einfach stehen.“ „Das kann ich mir bei meinem Gehalt nicht leisten“, sagte Schelling. Er trank, und aus dem stichelnden Unbehagen in ihm wurde langsam ein sanftes Behagen. Als er den Humpen geleert hatte, war die Schwere der Welt von ihm gewichen. Sie zahlten und verließen das Gasthaus. Über den Wäldern stand eine mattrote Sonne. In der Ferne wuchsen Höhenzüge auf; ihre Kammlinie glich einem Schnittmuster am stetig absinkenden Himmel. „Ein Licht wie im Spätherbst“, rief Schelling. „Es ist später Herbst“, sagte Dorfmüller. Der Weg führte bergab und stieg dann, nach einer Kehre, steil an. „Es gab eine Zeit“, sagte der Philosoph, „da war der Mensch noch einig mit sich selbst und der ihn umgebenden Welt. In dunklen Rückerinnerungen schwebt dieser Zustand auch dem verirrtesten Denker noch vor…“ Er blieb stehen. „Was ist denn“, sagte Dorfmüller, „Sie sind ja ganz bleich im Gesicht.“ „Mir ist nicht zum besten“, murmelte Schelling. „Die sich drehende Natur, – wenn Sie verstehen, was ich meine. Plötzlich aufkommende Ideen zu einer Philosophie des Bockbiers…“ „Jaja“, sagte Dorfmüller, der sich so gut fühlte wie schon lange nicht mehr. „Ich glaube, sie sollten jetzt ruhig sein. Haken Sie sich bei mir ein. Sie tun mir leid, aber ich sehe mit stillem Vergnügen, dass Sie auf mich angewiesen sind. Eine schöne und, wie ich fürchte, vergängliche Erfahrung. Betrachten Sie sich als mein Schüler. Ich werde die Gelegenheit nutzen: Auf diesem Weg sollen Sie zu hören bekommen, was ich Ihnen schon immer sagen wollte.“

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erstellt am 26.1.2015

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Friedrich Wilhelm Joseph Schelling