Der 1925 in Frankfurt am Main geborene französische Publizist, Soziologe und Politikwissenschaftler Alfred Grosser (Professor am Institut d'études politiques de Paris – ,Sciences Po’) hat die Geschichte der beiden Länder Deutschland und Frankreich wie kein anderer beobachtet und kommentiert. Als „Mittler zwischen Franzosen und Deutschen, Ungläubigen und Gläubigen, Europäern und Menschen anderer Kontinente“ erhielt er 1975 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Der unabhängige Denker wird am 1. Februar 2015 neunzig Jahre alt.

Porträt

Streitbar und auf dem Qui Vive

Alfred Grosser, der kritische Mittler zwischen Frankreich und Deutschland

Von Petra Kammann

Alfred Grosser. Foto: Petra Kammann
Alfred Grosser. Foto: Petra Kammann

Alfred Grossers kritischer Optimismus hat die Bundesrepublik entscheidend begleitet. Gefragt war er als Kommentator im legendären „Frühschoppen“, als Buchautor, Redner und Brückenbauer. Noch vor wenigen Tagen nahm er im deutschen Fernsehen Stellung zu den Attentaten islamistischer Terroristen in Paris. Immer wieder verweist er auf Hintergründe und Hürden, die ein friedliches Zusammenleben gefährden und Integration verhindern.

Häufig sprach Alfred Grosser, der in Frankfurt geborene Franzose, aus historischem Anlass an symbolträchtigen Orten in Deutschland. So konnte man ihn beispielsweise mehrfach in der Frankfurter Paulskirche erleben: 1971 als Laudator der ZEIT-Herausgeberin und Friedenspreisträgerin Marion Gräfin Dönhoff, 1975 wurde er selbst als Friedenspreisträger dort gefeiert, am 3. Oktober 1990 sprach er anlässlich der Wiedervereinigung Deutschlands und 2010 gedachte Alfred Grosser hier der Pogromnacht von 1938. Auch im Deutschen Bundestag sprach er 2014 als Ehrengast im Gedenken an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs und die Überwindung des Militarismus in Deutschland. Zu Ehren Alfred Grossers gibt es zudem seit sieben Jahren an der Johann Wolfgang Goethe-Universität eine Gastprofessur für Bürgergesellschaftsforschung mit seinem Namen.

Der seit 1992 emeritierte Politologieprofessor beschäftigt sich in immer neuen Varianten mit der wechselseitigen Wahrnehmung Frankreichs und Deutschlands, verteidigt die Deutschen in Frankreich und die Franzosen in Deutschland. Das ist ob seiner Vita alles andere als selbstverständlich.

Am 1. Februar 2015 wird Alfred Grosser 90 Jahre alt. Bis heute hat er sich einen jungen, spitzbübischen Blick bewahrt. Dabei – betrachtet man seinen Lebenslauf – waren seine Erfahrungen alles andere als sorglos. 1933 musste der Achtjährige mit seinen Eltern und der älteren Schwester Margarethe Frankfurt und Deutschland in Richtung Frankreich verlassen. Dem Vater war die Arbeitserlaubnis als Leiter des Clementine Kinderhospitals entzogen worden. Als die Nazis den Vater, der im Ersten Weltkrieg „für das Vaterland“ gekämpft hatte und dafür mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse ausgezeichnet wurde, schließlich noch aus dem Verband der Träger des Eisernen Kreuzes herauswarfen und der kleine Alfred, weil er Jude war, in der Schule krankenhausreif geschlagen wurde, beschloss die Familie außer Landes zu gehen und im französischen Saint Germain-en-Laye ein Krankenhaus für Kinder aufzubauen. Der Vater starb jedoch bereits ein Jahr später. Das Krankenhaus, das die Mutter nun als Sanatorium weiterführte, musste 1939 wegen der drohenden Kriegsgefahr schließlich ganz geschlossen werden.

Die Familie Grosser hatte jedoch das Glück, in Frankreich bald naturalisiert zu werden. „Die Eingliederung war schon nahezu vollkommen, als uns am 1. Oktober 1937 ein entscheidender Glücksumstand zuteil wurde: Durch eine Verordnung des Justizministers Vincent Auriol wurde meiner Mutter, Frau Lily Rosenthal, Witwe von Paul Grosser, und ihren beiden minderjährigen Kindern die französische Staatsbürgerschaft verliehen, was uns vor allem davor bewahrte, von der Regierung Daladier im September 1939 wie die anderen von Hitler verfolgten Deutschen als ,Feinde’ in französische Lager interniert zu werden“, erinnert sich Grosser in seinem Werk „Verbrechen und Erinnerung. Der Genozid im Gedächtnis der Völker“, das 1993 publiziert worden ist. Auch erzählt er, dass seine Eingliederung in Frankreich durch eine Vielzahl positiver Erfahrungen wie zum Beispiel durch die „überaus bewunderungswürdigen Lehrerinnen der städtischen Schule“ erleichtert worden sei: „Da gab es zum Beispiel einen Elektriker: Er kam zu meiner Mutter und sagte: ,Ihr Mann hat eine große Rechnung zurückgelassen, aber er war Kriegsveteran wie ich. Zwar nicht auf derselben Seite, aber Veteran ist Veteran. Sie bezahlen halt, wenn Sie können’.“

1940 musste Alfred Grosser mit der Schwester auf dem Fahrrad vor der Wehrmacht fliehen. Während der Flucht zog sich Margarethe, die nun Marguerite hieß, eine Blutvergiftung zu, an deren Folgen sie 1941 im südfranzösischen Saint-Raphaël starb. 1943 floh die Mutter Lily Grosser vor der Gestapo nach Cannes, ihr Sohn geriet auf Umwegen nach Marseille, wo er mit falschen Papieren als Lehrer an einer katholischen Bruderschule unterrichtete. 1944 erhält er die bedrückende Nachricht, dass die Schwester und der Schwager des Vaters von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert worden sind.

Im November 1945 kann Alfred Grosser endlich mit seiner Mutter wieder nach Saint Germain-en-Laye zurückkehren. Er arbeitet schon bald am „Wochenkurier“ des französischen Kriegsministeriums für die deutschen Kriegsgefangenen mit und kann 1947 bereits seine erste Deutschlandreise in die drei Westzonen antreten. Im selben Jahr gründet Emmanuel Mounier auch das „Comité français d´échanges avec l’Allemagne nouvelle“, wo die Mutter als Sekretärin arbeitet. Alfred Grosser wird 1950/51 stellvertretender Leiter des UNESCO-Büros in Wiesbaden zur Vorbereitung eines internationalen Jugendinstituts. Nach dem erfolgreichen Studium der Politikwissenschaft und Germanistik bekommt er schon als 30-Jähriger einen Lehrstuhl am angesehenen Institut d'études politiques de Paris.

Rückblickend meint Alfred Grosser im Gespräch: „Während des Exils in Saint-Raphaël – der zunächst sogenannten freien Zone, dann unter italienischer Besatzung – hatten wir nicht wirklich zu leiden. Der Untergrund wäre hingegen ganz anders gewesen, wenn ich nicht im September 1943 in Grenoble den Verbindungsmann verfehlt hätte, der mich ins Maquis führen sollte: Entweder wäre ich im Vercors umgekommen, oder ich hätte mit dem Bild von einem barbarischen Massaker in der Erinnerung überlebt. …“ Inmitten des Grauens sieht Alfred Grosser immer auch Ansatzpunkte, die eine Hinwendung zum Positiven ermöglichen. Vor Gymnasiasten, denen er gerne seine Erfahrungen weitergibt, bekennt er, dass er seinem Schicksal zum Trotz ein glücklicher Mensch geworden sei. Auch wenn er schon als Kind wegen seiner Zugehörigkeit zum Judentum massive Diskriminierung hatte erleiden müssen, habe diese Erfahrung in seinem Innern keine „geistigen Spuren“ hinterlassen, lediglich die Überzeugung sei geblieben, dass man „Verführte aufklären“ müsse, denn die wahren Schuldigen seien die Verführer.

In Frankreich fühlte sich Alfred Grosser somit gut aufgehoben und zusätzlich durch seine Erfahrungen bereichert: „Mit neun Jahren kam ich nach Frankreich und lebte mich schnell ein, den Kontakt zur deutschen Sprache und Kultur habe ich jedoch nie verloren. Meine Haltung ist: Man soll offen sein für den geistigen Reichtum einer Kultur, selbst dann, wenn in ihrem Namen Massenmorde vollbracht worden sind. Die grausamen Seiten der Kriegszeit haben mich außerdem zweierlei gelehrt. Als ich erfuhr, dass ein Teil meiner Familie in Auschwitz umgekommen war, wurde mir bewusst, dass ich eine Menschengruppe (die Deutschen) nie kollektiv für schuldig halten würde. Nach dem Krieg wollte ich jedoch gerade deshalb, weil ich unter dem verbrecherischen Geschehen gelitten hatte, für den Aufbau eines anderen Deutschlands mitverantwortlich sein. Das Gefühl der Mitverantwortlichkeit, das in ein Mitwirken mündet, ist beglückend.“

Alfred Grossers Mutter, ab 1948 Sekretärin des „Comité français d’échanges avec l’Allemagne nouvelle“, unterstützte das deutsch-französische Engagement ihres Sohnes bis zu ihrem Tod im Jahre 1968. Aus dieser Erfahrung resultiert sowohl Alfred Grossers Dankbarkeit als auch seine Zielstrebigkeit. 1959 heiratete der jüdische Atheist seine katholische Doktorandin Annie Jourcin. Es sollte eine lebenserfüllende Liebe und Verbindung werden, die trotz aller beruflichen Engagements für ihn bis heute Priorität hat. Stolz zeigt er bei jedem Treffen Fotos von seinen vier Söhnen und deren Familien. Mit gleichem Stolz spricht ist er auch von seiner Frau, die sich bis heute um arme oder kranke Kinder in Paris kümmert. Dieses soziale Engagement schätzt er genauso hoch wie die Arbeit seiner universitären Kollegen.

Nach und nach machte sich Alfred Grosser weltweit einen Namen als engagierter Befürworter der deutsch-französischen Verständigung. Dafür wurde er vielfach geehrt, unter anderem mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, dem Grand Prix de l'Académie des Sciences morales et politiques und dem Großen Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband der Bundesrepublik. Zu Recht. Die Normalisierung der deutsch-französischen Beziehungen ist zu einem großen Anteil zweifellos sein Verdienst. Man kann in ihm auch den Prototyp des gebildeten Europäers sehen. Trotz schlimmer Erfahrungen ist er sich immer auch seiner Privilegien bewusst. Diese lassen ihn weder überheblich noch gar elitär werden. Vielmehr ist er dankbar: „Ich stamme aus einer privilegierten Familie, die Kultur und Selbstsicherheit zu vermitteln hatte. Ich habe einen schönen Beruf – und bin dabei sogar Beamter, d.h. dass ich nicht arbeitslos werden kann. Ich bin gesund, meine Frau und meine Söhne sind unversehrt. Aber es geht auch um eine Grundeinstellung, für die ich wenig kann. Sie ist weitgehend angeboren, doch versuche ich, sie durch Selbstkontrolle aufrecht zu erhalten. Diese Einstellung ist: Zufrieden sein, ohne sich zufriedenzugeben und so viel Freude wie möglich zu empfangen und zu geben …“ Natürlich hindert ihn diese gelassene Grundstimmung nicht daran, immer wieder den Finger in neue Wunden zu legen und sich einzumischen. Auch mag er sich von keiner Gruppierung vereinnahmen lassen. Treu hingegen bleibt er seiner toleranten Grundeinstellung. So gibt es für ihn seit dem Mauerfall zwar ein Deutschland, nicht aber die Deutschen, ebenso wenig wie es die Franzosen, die Araber oder die Juden gibt.

Heute empfindet Grosser, der in der Mendelssohnstraße 92 seine frühe Kindheit verbracht hat, Frankfurt zwar als seinen Geburtsort, nicht aber als seine Heimatstadt und er betont: „Ich bin ein Franzose, der sich mit Deutschland beschäftigt.“ Dennoch zieht es ihn immer wieder nach Frankfurt. Beharrlich rüttelt er stets von neuem die Erinnerungen wach und verbindet diese jeweils mit dem aktuellen Zeitgeschehen. So ließ er zum Beispiel nicht locker, bis man seinem Vater, dem beliebten Arzt und Leiter der Kinderklinik Paul Grosser, die Ehre zurückgab, die ihm gebührte. Erst viele Jahre später, 1998, durfte der in Paris lebende Publizist zusammen mit Ignaz Bubis die Tafel einweihen, die am Clementine Kinderkrankenhaus, das sein Vater bis 1933 in Frankfurt gleitet hatte, angebracht wurde. Darauf stehen noch heute neben des Vaters Namen auch die Namen aller Ärzte und Kinder, die Opfer der Nazis geworden waren.

Der politisch wachsame und stets bestens informierte Grosser macht es sich zur Aufgabe, jeweils das Recht und das Unrecht beider Seiten zu sehen. So beklagt er die Opfer des Stalinismus ebenso sehr wie die des Nazismus. Und in Frankreich stellt er unbequeme Fragen zum Algerienkrieg. Zu den jüngsten Ereignissen erklärte er, es müsse klar gesagt werden, dass es einen Unterschied zwischen Muslimen und Islamisten gebe. Mit Blick auf Dresden, sagte er, in Deutschland gebe es nicht nur „Pegida“, sondern – anders als in Frankreich – „eine wunderbare Aufnahmepolitik für syrische Flüchtlinge“. Er begrüßt die Asylpolitik Deutschlands und fordert, dass Frankreich bereit sein müsse, mehr Flüchtlinge aufzunehmen um „die ganze Politik um Lampedusa“ nicht allein Italien zu überlassen. Wenn von Emigration die Rede ist, weiß er, wovon er spricht.

Alfred Grosser kennt grundsätzlich keine Denktabus. So hat er sich in einem der letzten Bücher „Die Freude und der Tod“ u.a. mit seinem eigenen Tod auseinandergesetzt. Im Grab möchte er neben seiner Frau und dem Rest seiner Familie liegen. Auch fand er ein Zitat, das Simone de Beauvoir nach Sartres Tod geschrieben haben soll und das er sich in einer Todesanzeige vorstellen kann: „Sein Tod trennt uns: Mein Tod wird uns nicht wieder zusammenbringen. Es ist schon schön, dass unsere Leben so lange im Einklang sein durften.“ Und obwohl er an ein Leben nach dem Tod nicht glaubt, endet er mit der schelmischen Bemerkung: „Allerdings würde ich doch gerne kurz aufstehen, um die Nachrufe lesen zu können.“

Doch das letzte Wort, das hat der geistig wie eh und je so präsente 90-jährige Alfred Grosser hoffentlich noch lange nicht gesprochen.

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erstellt am 26.1.2015

Alfred Grosser

Alfred Grosser im Jahr 1975. Foto der langjährigen Leiterin des Friedenspreissekretariats, Ursula Assmus. Grosser spricht in „Mein Deutschland“ in diesem Zusammenhang von der „gütigen umsichtigen, stets begeisterten, organisationsgewandten Ursula Assmus, die viele Friedenspreisträger ,bemuttert' hat.“

Kurzbiografie

Alfred Grosser

1925 in Frankfurt am Main geboren

1933 Emigration der gesamten Familie nach Frankreich, Staatsexamen in Germanistik

Teilnahme an der Résistance

1950 bis 1951 stellvertretender Leiter des UNESCO-Büros in der Bundesrepublik, Dozentur an der Sorbonne

ab 1956 hauptamtlicher Forschungsdirektor an der „Fondation nationale des sciences politiques“ und Professor am „Institut d’études politiques“ in Paris. Ständiger Dialog zwischen den Nationen, Kolumnist, u.a. in „Le Monde“

1975 Friedenspreis des Deutschen Buchhandels
Wegbereiter der deutsch-französischen Aussöhnung als Generalsekretär des „Französischen Komittees für den Austausch mit dem neuen Deutschland“

2012 Deutsch-Französischer Medienpreis der Robert Bosch Stiftung

Alfred Grosser
Die Freude und der Tod. Eine Lebensbilanz
ISBN 978-3-644-00991-2
Rowohlt E-Book, Reinbek 2011

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Weitere Bücher von Alfred Grosser
sind antiquarisch erhältlich:

Das Deutschland im Westen.
Eine Bilanz nach 40 Jahren.
Hanser Verlag

Vernunft und Gewalt
Hanser Verlag

Mein Deutschland
Hoffmann und Campe Verlag

Was ich denke. Quer denken
Goldmann Verlag

Wie anders ist Frankreich?
Verlag C.H. Beck

Auszüge aus einem Interview

Alfred Grosser

Wie war das, als Sie erstmals Ihre Geburtsstadt Frankfurt wiedergesehen haben? Konnten Sie nach Ihren Erlebnissen den Deutschen so unbefangen begegnen?

Als Journalist interviewte ich 1947 den ersten Oberbürgermeister Frankfurts, Walter Kolb, der selbst dem Konzentrationslager Buchenwald entkommen war. So eine Begegnung ist natürlich beeindruckend.

Ist denn trotz der vorherigen brutalen Konfrontation der beiden Länder überhaupt eine gewisse Unbefangenheit und Offenheit möglich?

Ja. Denn dieser Krieg war im Kern kein deutsch-französischer Krieg, sondern ein Krieg gegen Hitler. Es ist auch nicht so, dass alle Franzosen im Widerstand waren. Ich selbst verstehe mich als Franzose, der sich um Deutschland kümmert, ein Franzose, der in Deutschland geboren ist.

Haben Sie damals Deutsch gesprochen?

Nein, Deutsch war meine Kindersprache. Als ich dann Germanistik studierte, habe ich die Sprache wieder neu gelernt. Bücher schreiben auf Deutsch kann ich erst seit den 60er Jahren. Und ganz zweisprachig ist man nie. Ich habe das Glück, in beiden Sprachen keinen Akzent zu haben. Wenn ich damals hier in Frankreich einen deutschen Akzent gehabt hätte, wäre alles viel schwieriger gewesen. Damit wurde ich ein normaler Franzose, anders als Sarkozy. Er trägt eigentlich noch seinen ungarischen Namen.

Wer Ihre Reden, Ihre Aufsätze, Ihre Artikel kennt, dem fällt immer wieder Ihre kritische Distanz in beide Richtungen auf, sowohl nach Frankreich als auch nach Deutschland, und meist immer in provozierender Form, nämlich möglichst immer im jeweiligen „Lager“. Hat das Methode?

Dieser kritische Ansatz gilt genauso für mein Verhältnis zur katholischen Kirche Frankreichs. Tatsächlich bin ich Atheist, aber ich werde dort brüderlich aufgenommen. So habe ich für ein neues Buch eines befreundeten französischen Erzbischofs auf sein Verlangen ein Vorwort geschrieben, in dem ich meinen Atheismus betone. Das wäre in Deutschland unmöglich. Meine Frau ist übrigens katholisch, ich selbst war während des Krieges in einem katholischen Internat untergebracht. Grundsätzlich ist es immer wichtig, die Positionen und die Beweggründe aller Beteiligten einzubeziehen. So gibt es in Frankreich Untersuchungen zu dem, was in den Außengebieten der Städte passiert, in den Banlieues, dort, wo die Jugendlichen islamisch sind. Das Ergebnis: Sie werden vollständig diskriminiert und ziehen sich auf eine andere Identität als die französische zurück.

Welche Rolle hat eigentlich Bonn für die Entwicklung des deutsch-französischen Verhältnisses gespielt? Wäre diese Entwicklung in dieser Form auch mit Berlin als Hauptstadt möglich gewesen?

De Gaulle hat mir einmal dazu gesagt, dass diese Entwicklung im wesentlichen nur möglich war, weil Deutschland geteilt war. Es ging also um diese Grundtatsache, nicht um die Stadt Bonn als Hauptstadt. Die Annäherung selbst, diese positive Entwicklung, hat viel mit den Maßstäben auf den unteren Ebenen zu tun. So habe ich kürzlich eine kleine Stadt am Neckar besucht, wo das schlagend deutlich wird. Es gibt einen Austausch mit einer ebenso großen Stadt in der Bretagne. Jedes Jahr besuchen sich gut 200 Menschen, in beiden Richtungen. Das ist wirklich ein echter Austausch.

Haben denn die Franzosen eigentlich auch Interesse an Deutschland?

Das ist immer im Einzelnen zu sehen. So besuchte ich ein Gymnasium im südlichen Nîmes, wo es das sogenannte AbiBac, das zweisprachige Abitur, gibt, so etwas gibt es auch in Toulouse, und das funktioniert jeweils bestens. Auch deutsche Kulturzentren wie in Montpellier und Aix-en-Provence arbeiten gut. Eine solche Arbeit und solche Anstrengungen strahlen aus.

Das Gespräch führte Petra Kammann.

Rede von Alfred Grosser vor dem Deutschen Bundestag am 3. Juli 2014 anlässlich einer Gedenkstunde zum 100. Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges. (Ab 26:43)