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Das nicht zu denken, was andernorts Tatsache geworden ist, rächt sich. So ist es auch mit der Geopolitik nach dem Zweiten Weltkrieg, die aus den europäischen Einschätzungen verschwand. Mit den internationalen Krisen der Gegenwart aber ist die Geopolitik in die politische Agenda zurückgekehrt. Die Deutschen werden begreifen müssen, dass sie als Macht in der Mitte Europas eine besondere Verantwortung für die Zukunft der EU haben, meint Herfried Münkler in seinem Essay.

Essay aus der Zeitschrift Tumult

Vom Nutzen und Nachteil geopolitischen Denkens

Europas Defizite bei der Gestaltung historisch-kultureller Räume

Von Herfried Münkler

In Deutschland ist geopolitisches Denken nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Verruf geraten. Wer mit geopolitischen Kategorien argumentierte, also die geographische Struktur von Räumen, deren geschichtliche und kulturelle Prägung oder die Fruchtbarkeit der Böden und das Vorhandensein von Bodenschätzen, als Leitfaden politischer Zielsetzung ins Spiel brachte, geriet in den Verdacht, einem neuerlichen Versuch zur Veränderung politischer Einflusszonen das Wort zu reden. Mit der Zeit verlagerten sich die Argumentationslinien in Deutschland immer stärker hin zu rechtlichen Begründungen und moralischen Forderungen, während man zu geopolitischen Überlegungen auf Abstand ging. Man konnte sich das politisch leisten, denn die Konstellationen des Ost-West-Konflikts hatten ein Denken in geopolitischen Kategorien für die Deutschen zur theoretischen Spielerei ohne praktisch-politische Folgen werden lassen.

Das hat sich zwischen 1989 und 1991, mit dem Zerfall des Warschauer Pakts und schließlich der Sowjetunion, geändert – nur dass wir das lange nicht bemerkt haben. Mit den ökonomischen und sozialen Folgen der Wiedervereinigung beschäftigt, haben wir übersehen, welche Bedeutung die Wiederentstehung einer europäischen Mitte für die Wahrnehmung Deutschlands durch seine Nachbarn, ebenso aber auch für das Agieren des vereinten Europa an seinen Rändern hatte. Mit der Eurokrise, dem Ukraine-Russland-Konflikt und dem Zerfall der politischen Ordnung im Nahen Osten, im Levantekrieg der IS-Milizen, ist die Geopolitik in die politische Agenda der Deutschen und der Europäer zurückgekehrt. Sie ist dabei auf ein politisches Denken gestoßen, das auf die Rückkehr dieser »Gespenster der Vergangenheit« nicht vorbereitet war.

Dabei hätte man sich nur die nach 1945 entstandene »Weltordnung« anschauen müssen, um eine Vorstellung davon zu bekommen, dass der Bedeutungsverlust geopolitischen Denkens in Deutschland und im restlichen Europa das Ergebnis einer politischen Ausnahmesituation und nicht eines zivilisatorischen Fortschritts war, als was er gerne wahrgenommen wurde. So hatten die USA etwa darauf geachtet, dass sie im atlantischen und pazifischen Raum die jeweils gegenüberliegende Küste kontrollierten, um auf diese Weise die Sowjetunion als weltpolitischen Gegenspieler daran zu hindern, Zugang zu den Weltmeeren zu bekommen und zum maritimen Gegenspieler der USA zu werden. Die US-Geopolitik setzte darauf, dass im Sinne von Admiral Alfred Thayer Mahan, einem maritimen Geostrategen, die Kontrolle der Weltmeere der Schlüssel zur Weltherrschaft sei, und gleichzeitig folgte sie Mahans theoretischem Widerpart, dem britischen Geographen Halford J. Mackinder, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts erklärt hatte, die Zeit der reinen Seeherrschaft sei vorbei, und wer Weltmacht sein wolle, müsse die Küstenregionen der Weltmeere kontrollieren. Genau das taten die Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg – und was ihnen in Europa eher leicht fiel, verwickelte sie in Ostasien in mehrere Kriege. Sicherlich war die Nato auch eine Wertegemeinschaft, aber mehr noch war sie ein geostrategisch konstituierter Verbund, denn sonst hätten die Militärdiktaturen Portugals, Griechenlands und der Türkei nicht dazugehören dürfen. Die Protestbewegungen der 1960er Jahre haben diesen Widerspruch gespürt, ihn aber nicht begriffen, weil ihnen geopolitisches Denken zutiefst fremd war. Der von dem Historiker Heinrich August Winkler favorisierte wertepolitische Begriff des »Westens« übersieht dessen geopolitische Fundierung.

Wenn man heute über geopolitisches Denken spricht, muss man zwischen einer starken und einer schwachen Variante unterscheiden. Ersterer geht es um geopolitische Handlungsimperative: Sie schreibt vor, was zu tun und was zu lassen ist. Zweitere hingegen weist darauf hin, dass bei politischer Planung auch Aspekte der Geopolitik zu beachten sind und dass, auch wenn man selbst andere Prioritäten setzt, die politischen Mit- und Gegenspieler in geopolitischen Kategorien denken könnten. Dies zu missachten, war der Fehler der europäischen Verhandlungsstrategie in der Ukraine: dass man die Interessen des großen Nachbarn der Ukraine, Russlands, nicht in Betracht gezogen und die Äußerung des russischen Präsidenten Putin nicht ernst genommen hatte, wonach der Zerfall der Sowjetunion »die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts« gewesen sei. Hätte man es getan, wäre man auf russisches Gegenhandeln vorbereitet gewesen oder hätte Russland in die Assoziierungsgespräche einbezogen. Die Politik der EU ist in die selbstgestellte Falle ihrer geopolitischen Naivität gegangen. Es ist leicht vorherzusagen, dass der sich jetzt abzeichnende Alimentierungswettbewerb um die Ukraine die Europäer sehr viel Geld kosten wird: Lehrgeld.

Anlässlich des Gedenkens zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor einhundert Jahren ist viel über Schuld und Verantwortung der Deutschen gesprochen und einmal mehr darüber gestritten worden. Es wäre sinnvoll, den Blick darüber hinaus auf zwei mentale Dispositionen der politischen Entscheider im Sommer 1914 zu werfen: die Niedergangsängste in Österreich-Ungarn und die Einkreisungsängste im Deutschen Reich. In der Retrospektive ist verschiedentlich erklärt worden, dieserart Ängste der Deutschen seien unbegründet gewesen, es habe sich um pure Obsessionen gehandelt. Das mag so sein oder auch nicht, ändert aber nichts daran, dass die Akteure in der Julikrise 1914 ihre Entscheidungen im Bann solcher Wahrnehmungsfilter getroffen haben. Die Debatte darüber, ob diese Ängste nun begründet waren oder nicht, gibt bestenfalls Aufschluss darüber, was geschehen kann, wenn politische Entscheidungen unter den Bedingungen mangelhafter Lagekenntnis getroffen werden. Dass die politisch-militärische Elite in Moskau schon vor dem Sturz der ihr zugeneigten Führung in Kiew unter Niedergangs- und Einkreisungsängsten litt, konnte keinem verborgen bleiben, der die russische Führung beobachtete. Der Umsturz in Kiew hat diese Ängste zweifellos verstärkt. Eine psychologisch kluge und geopolitisch kundige EU hätte das bei ihrem Agieren in der Ukrainefrage berücksichtigt.

Man wird sich solche Fehler seitens der EU auch darum nicht mehr leisten können, weil die größte geopolitische Herausforderung Europas nicht der Schwarzmeerraum und die Kaukasusregion, sondern der Nahe und Mittlere Osten sind, wo die nach dem Ersten Weltkrieg von Briten und Franzosen errichtete Ordnung unter den Schlägen der IS-Milizen zerfällt und nicht abzusehen ist, welche Alternativen verfügbar sind und wie eine stabile Ordnung dieses Raumes aussehen könnte. Gleichzeitig verfügen die Europäer aber nicht über die Option, so zu tun, als gingen sie die dramatischen Entwicklungen dort nichts an und sie könnten sich, wie die Osterspaziergänger in Goethes Faust, zurücklehnen, wenn »fern hinter der Türkei die Waffen aufeinanderschlagen«. Der Zerfall der Ordnung im Nahen und Mittleren Osten wird Europa in Mitleidenschaft ziehen, wirtschaftlich durch steigende Rohstoffpreise und sozial durch anwachsende Flüchtlingsströme aus diesen Räumen. Die Europäer werden also aus Eigeninteresse heraus in die Stabilität dieses Raumes investieren müssen, und das ist etwas anderes als die humanitäre Hilfe, auf die man sich bislang glaubte beschränken zu können. Dazu aber bedarf es eines geopolitischen Konzepts, das von den Menschen des betreffenden Raumes unterstützt werden muss. Ein solches Konzept gibt es bislang nicht, und man kann auch nicht sagen, dass sich die Europäer über diese Herausforderung bislang viele Gedanken gemacht hätten.

Geopolitisches Denken im 21. Jahrhundert folgt anderen Gesichtspunkten als das des späten 19. Jahrhunderts, als sich die Geopolitik zu einer akademischen Disziplin entwickelte. Damals gab es noch keinen Flugverkehr, also auch keine Luftwaffe, keine Interkontinentalraketen und keine Kampfdrohnen; Meerengen, Landspitzen und Inseln hatten noch eine herausragende Bedeutung für die Kontrolle des Schiffsverkehrs und damit der Weltwirtschaft. Mittlerweile ist absehbar, dass das Abschmelzen der Polkappen die Routen des Schiffsverkehrs revolutionieren wird. Zeitweise hat man gemeint, diese Veränderungen würden zum Relevanzverlust geopolitischen Denkens führen; tatsächlich haben sie zu einer Veränderung der geopolitischen Leitkategorien geführt, und an die Stelle der geostrategischen Schlüsselpositionen der klassischen Land- und Seekriegsführung sind sehr viel stärker ökonomisch als militärisch ausgerichtete Vorstellungen getreten. Insgesamt hat die Kontrolle des Fließenden und Strömenden gegenüber der des Festen und Starren an Bedeutung gewonnen: Die Beherrschung der Ströme von Menschen und Gütern, Kapital und Informationen ist unendlich viel wichtiger als die Besetzung territorial begrenzter Räume. Putins Griff nach der Krim ist Letzterem zuzurechnen, die globale Überwachungspolitik der USA hingegen Ersterem. Man kann darin den klassischen Gegensatz zwischen Land- und Seeimperien sehen, ebenso aber auch ein Aufbäumen der veralteten Formen von Imperialität gegen deren moderne Nachfolger. In jedem Fall ist es eine Konkurrenz zwischen zwei Modellen geopolitischen Denkens, die man im Anschluss an Deleuze und Guattari mit den Begriffen des »Glatten« und des »Gekerbten« sowie den entsprechenden Assoziationsfeldern erläutern kann.

Und die Europäer? – Sie müssen darauf achten, dass sie in dieser Entwicklung den Überblick behalten, selbst wenn es bloß darum geht, die Strategien der anderen dechiffrieren zu können. Daran hat es zuletzt gehapert: Aber die Europäer werden auf mittlere Sicht nicht umhin kommen, ihre eigene Position geopolitisch zu definieren. Und die Deutschen werden begreifen müssen, dass sie als Macht in der Mitte Europas eine besondere Verantwortung für die Zukunft der EU haben: Sie müssen Süd- und Mitteleuropa, aber auch West- und Osteuropa zusammenhalten und den Zentrifugalkräften entgegenwirken. Nicht Expansion, sondern Kohäsion lautet der geopolitische Leitbegriff ihres Handelns. Die zentrale politische Aufgabe der Bundesrepublik Deutschland in den nächsten Jahren wird darin bestehen, die Zentrifugalkräfte in Europa in zentripetale Dynamiken umzuwandeln. Das wird jedoch ohne eine geopolitische Schulung des Denkens kaum möglich sein.

Mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift TUMULT.

Der Politikwissenschaftler Prof. Dr. phil. Herfried Münkler (geb. 1951) lehrt an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Kommentare


wirhätteneswissenmüssen - ( 27-02-2015 12:22:46 )
Jaja, das Glatte und das Gekerbte, das Rohe und das Unverdaute. So ist sie, die intellektuelle Elite dieses Landes, die nicht mal den Osterspaziergang korrekt aus dem Gedächtnis zitieren kann, aber zu faul zum Nachschlagen ist. Das würde keinem Russen mit Puschkin passieren.

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erstellt am 25.1.2015

Herfried Münkler
Herfried Münkler
TUMULT Winter 2014/15