Der leidenschaftliche Streit darüber, ob Wilhelm Furtwängler während der Nazi-Herrschaft nun ein Opportunist war oder nicht, lässt sich aus seinen musikalischen Interpretationen nicht heraushören. In Luzern dirigierte er seine letzte Neunte. Hans-Klaus Jungheinrich hat sich die neu aufgearbeitete Aufnahme angehört.

Klassik

Die Gabe

Luzern 1954: Wilhelm Furtwängler mit Beethovens Neunter

Von Hans-Klaus Jungheinrich

Politische Indienstnahme großer Musik: Zwei besondere Aufführungen der Beethoven’schen Neunten Symphonie, beide von Wilhelm Furtwängler dirigiert, markieren diese Tatsache. Im Jahre 1942 ein Festkonzert vor der versammelten Nazi-Prominenz in Berlin – mitten im Eroberungskrieg, die militärischen Organe des Regimes noch sieggewohnt, die Menschenvernichtungsfabriken schon in Betrieb. Und im Sommer 1951 als eine neuerliche Haus-Weihe am Anfang des Nachkriegs-Festspielbetriebs in Bayreuth, ein nicht nur auf den Festspielgründer verweisender Termin, sondern auch zwielichtig auf jene Tradition des Hauses Wahnfried bezogen, die dann doch hinfort von den Wagnerenkeln bedeutsam und politisch opportun in den Hintergrund gerückt wurde. Von diesen Repräsentationsdaten unterscheidet sich die vor kurzem als Tondokument veröffentlichte Wiedergabe der Neunten bei den Luzerner Festwochen am (21. und) 22. August 1954. Es wäre dies ein ganz „normales“ Musikereignis gewesen, hätte es sich nicht um den letzten Konzertauftritt des kranken Dirigenten gehandelt, der nur drei Monate später verstarb. So darf man diese Beethoven-Interpretation (seine 103. der Neunten!) als ein „Testament“ des Musikers betrachten – im vollen Bewusstsein dessen, dass Furtwängler (wie später Sergiu Celibidache) zu jenen Künstlern gehörte, die an den Augenblickscharakter der geschehenden Musik glaubten und deren phonographischer Fixierung mit profundem ästhetischen Misstrauen begegneten. Umso verstörender, dass Furtwängler sich in Berlin 1942 zum Kulturhelden einer Veranstaltung machen ließ, die den „kairos“ der monumentalen symphonischen Freudenbotschaft mit dem Selbstausdruck einer verbrecherischen Staatsmacht koordinierte. Weit davon entfernt, sich als kulturlose „Barbaren“ zu verstehen, bewiesen die Nazis die Kompatibilität von Beethoven und Auschwitz. War sich ein Mann von der erlesenen, erlauchten Geistigkeit Furtwänglers bewusst, vor einer Bande von potentiell bereits Gehenkten (der Idee einer von Menschenwürde bewegten Urteilskraft musste deren Todverfallenheit selbstverständlich sein) aufzuspielen? War die Beethoven-Gabe nach seiner Mutmaßung irgend dazu angetan, die Zuhörenden zu bessern, ihnen wenigstens eine Ahnung von Humanität zu vermitteln? Gewiss war Furtwängler keine dümmliche Musikhure, aber es ist möglich – und sogar wahrscheinlich -, dass er zumindest für die Dauer des (ihm halb und halb aufgezwungenen) Berliner Konzerts alle „äußeren“ Bedingungen auszublenden vermochte und sich in seiner Wahrnehmung ganz auf die Werk-Innerlichkeit konzentrierte. Mochte er die glänzenden Augen der begeistert zuhörenden Politikerkaste (man kann sie auf Filmaufnahmen sehen) aber doch noch für einen heilen Restbestand von deutschem Idealismus halten?

Eine noch so zeitnahe wie die Luzerner Aufführung der Neunten 1954 konnte solche Fragen nach der prekären „Karriere“ dieses Werkes und seines berufenen Meisterdirigenten nicht zum Verstummen bringen. Gleichsam in einer verzweifelten „Credo quia absurdum“-Anstrengung verschweißte sich Furtwänglers Künstlerschaft nach wie vor mit den auch von den großdeutschen Nazis favorisierten deutschen Großwerken – mit Wagner sowohl als auch insbesondere mit Beethovens Neunter, als wolle er in solcher Unbeirrbarkeit deren politische „Unschuld“ klarstellen. An dieser Treue zu praktisch ohnmächtiger Geistesmacht verzehrte sich Furtwängler wohl auch in seinen letztlich tragisch umwitterten Nachkriegsjahren. Dabei spielen freilich auch tragikomisch-satyrhafte Motive hinein, und diese färben zumal die Luzern-Darbietungen von 1954 und deren Background. Im Sommer 1954 war der in Luzern hauptsächlich beschäftigte Klangkörper das von dem ingeniösen Musikmanager Walter Legge gegründete Philharmonia-Orchester aus London, ursprünglich ein Schallplattenorchester. Legge verpflichtete dafür den nach 1945 zunächst (wie Furtwängler) mit einem öffentlichen Dirigierverbot belegten Herbert von Karajan. Es bedurfte in Luzern einigen diplomatischen Geschicks, um die eifersüchtige Diva Furtwängler im Festspielrahmen mit einem weitgehend von dem Erzrivalen Karajan geprägten Klangkollektiv zu liieren. Und so ist anzunehmen, dass sich bei dieser Gelegenheit seine aktuellen Animositäten gegen das Feindbild Karajan vor trübe (?) alte Erinnerungen an die Berliner Kriegszeiten schoben.

Obgleich das Tondokument, zumal in der Sicht Furtwänglers, kaum mehr ist als die „Fotografie“ eines lebendigen Musik-Ereignisses, ist der außergewöhnliche Rang der Furtwängler-Interpretation auch so noch erfahrbar. Natürlich sind erhebliche Abstriche an der Klangtechnik (Remastering 2014) zu machen, doch das Ohr „justiert“ sich schnell und stellt sich auf das etwas verschmälerte akustische Spektrum ein. Frappierend aber teilen sich der enorme dynamische Ambitus mit, die Steigerungsfähigkeit bei beweglichem, aber „organisch“ entwickeltem Tempoaufbau. Obgleich der rhetorische Duktus stark willensbetont anmutet, wird der Anschein einer unforcierten, „natürlichen“ Linienentfaltung nicht verlassen. So klingt etwa der Scherzo-Mittelteil unverhetzt gesanglich. In einen gewissermaßen neuen Aggregatzustand gerät die Musik im Finale, namentlich in den vokalen Abschnitten. Hier bekommt sie, ausgehend von den prononciert militärmusikalischen Passagen, etwas Peitschendes, eine immer schärfer angezogene aggressive Dringlichkeit. Da macht Furtwängler wie wenige sonst auf eine „dämonische“ Dimension des Menschheits-Appells aufmerksam, aufs gewaltsam Dröhnende, Überrumpelnde, auf eine revolutionäre Energie, die auch Widriges unter sich begräbt. Alles andere als eine gesittet-gutbürgerliche Gabe! Beethoven, nicht SA-Mann, aber Jakobiner. Immerhin ist Furtwängler hier jedoch auch imstande, seinen Ruf als Nichtperfektionist zu konterkarieren. Denkt man an das himmelstürmend Unzureichende so mancher Vokalsolisten-Artikulation (insbesondere bei der Stelle kurz vor der Schlussstretta) und betrachtet dies sogar als essentiell für die nach den Sternen greifende Poetik des Werkes, so zeigt sich das Luzerner Sängerkleeblatt in der Tat als glückhaft vierblättrig – Elisabeth Schwarzkopf, Elsa Cavelti, Ernst Haefliger und Otto Edelmann in einigen atemberaubenden Stern-Minuten von Ensemble-Eintracht und Klangkultur. Den Part einer raueren, spontanen Wucht versieht glaubwürdig der in den Frauenstimmen geradezu grell ausfahrende Lucerne Festival Chorus.

Kommentare


Tillmann - ( 24-01-2015 12:09:57 )
Herzlichen Dank für diese Besprechung!
"etwas Peitschendes, eine immer schärfer angezogene aggressive Dringlichkeit."
"gewaltsam Dröhnende, Überrumpelnde,[..] eine revolutionäre Energie, die auch Widriges unter sich begräbt."
"Beethoven, nicht SA-Mann, aber Jakobiner."

Wie sehr Furtwängler daran gelegen sein muss, diese, mit bildugsbürgerlichem Kunstgenuß unvereinbare, brutale Dimension schillerschen Idealismus´nicht, wie heute durchweg üblich, zu glätten, eher gerade herauszuarbeiten, zeigt am deutlichsten vielleicht sein notengetreues und dadurch gar nicht mehr schönes "prestissimo" der letzten Takte. In anderen Versionen als der besprochenen teils noch drastischer zu hören. Es gibt eine Zusammenstellung, die das eindrucksvoll dokumentiert: http://youtu.be/LSfZQEWDBCQ

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erstellt am 23.1.2015

Das Berliner Philharmonische Orchester unter Leitung von Wilhelm Furtwängler, bei einem Werkpausenkonzert in einer Halle der AEG Werke in Berlin, 1942. Foto: Bundesarchiv / Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst – Zentralbild (Bild 183)

Ludwig van Beethoven: 9.Symphonie d-moll
Elisabeth Schwarzkopf (Sopran), Elsa Cavelti (Alt), Ernst Haefliger (Tenor), Otto Edelmann (Bass), Lucerne Festival Chorus, Philharmonia Orchestra, Leitung: Wilhelm Furtwängler
(Mitschnitt aus dem Luzerner Kunsthaus von 22. August 1954)
CD / Audite 95.641

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