Der Dichter, Philosoph und Performance-Künstler Afrizal Malna ist eine der Zentralgestalten der zeitgenössischen indonesischen Künste und gilt als wesentlicher Vordenker seines Landes. Im Vorfeld der Literaturtage Südostasien hat Claudia Kramatschek mit Malna gesprochen.

Gespräch

»Der Körper ist meine wichtigste Sprache«

Claudia Kramatschek: Wir im Westen wissen sehr wenig über indonesische Literatur, noch weniger aber über indonesische Lyrik. Welche Rolle spielt sie in Indonesien?

Afrizal Malna: Eine sehr wichtige – vielleicht sogar eine wichtigere als die Prosa. Die moderne Literaturkritik beispielsweise beschäftigt sich stärker mit der Lyrik als mit anderen Genres. Allerorten wird mit Gedichten experimentiert. Zugleich ist da die Vergangenheit: Bevor sich in ganz Indonesien der Monotheismus ausbreitete, pflegten wir eine ‚orale Literatur’. Dazu gehörten beispielsweise das Rezitieren von Mantras oder das sogenannte ‚gendhing’, eine auf Gedichten fußende musikalische Ausdrucksform. Mantras repräsentieren die transzendentale Verbindung von Leib und Seele mit der Kosmologie – einige Stämme glauben etwa daran, dass der Körper von magischen Kräften beseelt oder von Geistern heimgesucht werden kann und sprechen in beiden Fällen rituelle Gebete aus. Diese Formen des Glaubens sind noch heute virulent, auch wenn wir den Islam und das Christentum umarmt haben. In manchen Gemeinschaften verfügt die Poesie daher noch immer über eine Verbindung zu solch einem magischen Glauben. Die indonesischen Leser lesen inzwischen allerdings lieber Prosa, weil diese leichter zu verstehen und nicht so komplex aufgebaut ist wie Lyrik. Dennoch fühlen sich junge Schriftsteller noch immer ermutigt, Lyrik zu verfassen. Allerdings erhalten sie nur wenig Anleitung, was gute und was schlechte Lyrik ist, welchen Band es sich zu kaufen lohnt und welchen nicht.

In Indonesien werden rund 100 Sprachen gesprochen. Sie schreiben in nur einer Sprache, der offiziellen Landessprache Indonesisch. Was heißt das angesichts dieser Vielfalt?

Ich bin in Jakarta geboren und aufgewachsen. Jakarta ist ein melting pot, voller Menschen von anderen Stämmen, Inseln, Ländern. Das Indonesische war mein einziges Kommunikationsmittel. Zugleich werden Sie wissen, dass diese Sprache eben nicht für alle Indonesier die Muttersprache ist. Es ist vielmehr die Sprache, die man außerhalb der eigenen vier Wände spricht. Innerhalb kehren die Menschen zu ihrer Muttersprache zurück. Zugleich hat das Indonesische keine eigene Schrift. Es lieh sich Buchstaben aus dem Lateinischen, aber auch aus dem Arabischen. Manchmal befinde ich mich also inmitten von Menschen, die eine mir völlig unbekannte Sprache sprechen. Diese linguistische Diversität gibt mir das Gefühl, als beträte ich eine dunkle Straße zwischen dem Körper und der Sprache. Zugleich scheint mir diese Straße wie der Korridor zu einer Schattenwelt der Sprache, einer reinen Repräsentation jenseits von Konzepten oder Bedeutungen. Kurz gesagt: Ich glaube nicht mehr daran, dass Sprache etwas offiziell repräsentiert. Wenn Gedichte in Indonesien nur auf Indonesisch geschrieben werden, stellt die indonesische Lyrik eine beständige Zerstörung der lokalen Sprachen dar. Zugleich fordert der indonesische Nationalismus die Verwendung des Indonesischen. Die Frage nach dem Gebrauch des Indonesischen ist also nicht nur für mich, sondern für alle indonesischen Dichter schwer zu beantworten, denn sie offenbart die Widersprüche unserer eigenen Existenz.

1945 erlangte Indonesien die Unabhängigkeit. Sie sind 1957 geboren, in den noch recht neuen Staat hinein. Inwiefern wirkte sich dieser Umstand auf Ihren Werdegang als Schriftsteller aus?

Er löste eine Menge Chaos in mir aus: Zum einen war da die lange Geschichte der Kolonisierung. Dann die Frage, ob man Indonesisch oder Englisch sprach. Tatsächlich kämpften die meisten meiner Generation sehr hart darum, Englisch sprechen zu können – ganz zu schweigen von der jetzigen Generation. Ich selbst dagegen habe bis heute keinen Zugang zum Englischen gefunden, obwohl ich immer englischsprachige Musik gehört habe. Und was die Geschichte betrifft: Einerseits haben wir zu viel von unserem Erbe zerstört. Andererseits ist die Gegenwart stark überschattet von den historischen Altlasten unseres Landes: dem Mangel an Selbstvertrauen, von Panik und Phobien, einem Mangel an Transparenz seitens des Staates. Zugleich wagten wir nicht zu sehen, dass die Religion Teil der Kolonisierung war, die unseren Charakter bis heute erodieren lässt. Noch immer kontrolliert die Religion unser Bewusstsein und verhindert, dass die junge Generation die Herausforderungen der Gegenwart mit Zuversicht meistert.

Demnach spielt die Politik für Sie als Lyriker eine wichtige Rolle?

Ja, ich halte die Politik für etwas sehr Wichtiges. In meinen frühen Gedichten fügte ich Dinge ein, die ökonomische Botschaften enthielten: z.B. Coca-Cola, Stadtbusse, Zeitungen usw. Das war ab Mitte der 1980er Jahre, als Jakarta sich in eine Industriestadt mit einer wachsenden Zahl internationaler Investoren verwandelte. Themen wie die Ölpolitik, der Kalte Krieg und die nukleare Gefahr waren an der Tagesordnung, auch sprach man plötzlich von der Computertechnologie. Zudem war es nur wenige Jahre nach Erlangung der Unabhängigkeit zu politisch motivierten Morden gekommen: 1948 musste sich das Militär neu formieren, und viele der damaligen Führer wurden getötet. Suharto regierte das Land anschließend für weitere 32 Jahre. Bis heute verstehe ich nicht, wie man politische Morde im Namen der Nation, des Nationalismus oder der Religion gutheißen kann.

Tatsächlich heißt es in einem Ihrer Gedichte: language is a monster – Sprache ist ein Monster.

Verständlicherweise, denke ich. Wir sollten gegenüber allen medialen Repräsentationen von Sprache, Kunst, Kultur und Religion misstrauisch sein. Wir brauchen die Sprache, um zu leben. Aber was nützt sie inmitten einer Kultur der Korruption, die mittlerweile den Charakter Indonesiens beschädigt? Worte sollten produktiv wirken. Doch genau das Gegenteil geschieht. In einem solchen System wird auch die Sprache selbst gefährlich. Um diesen negativen Virus zu bekämpfen, versuche ich so gut wie möglich zu ergründen, auf welche Weise mein Körper jede kleinste Erfahrung absorbiert.

Sie waren lange Zeit Mitglied in dem politisch ausgerichteten Theater SAE. Theater ist das Ergebnis von einem Körper, der sich im Raum bewegt. Welche Rolle spielt der Körper in Ihrer Arbeit als Lyriker?

Früher glaubte ich, dass man als Poet sehr deutliche Worte finden muss. Aber irgendwann begann ich mich zu fragen, was die Objekte bedeuten, die mich umgeben. Ich begann die Dinge zu beobachten – und ließ diesen Glauben hinter mir. Die Objekte änderten sich nämlich andauernd: ihre Form, ihre Funktion, ihre Farbe, ihre Bewegung. Von der Öllampe zum elektrischen Licht, von der Schreibmaschine zu Computern, vom Telefon zum elektronischen gadget, vom Pferd zu den Autos: All das ändert sich viel schneller als die Sprache. Mein Körper wiederum befindet sich an vorderster Front inmitten all dieser Veränderungen. Dass ich mir meines Körpers so bewusst wurde, hat in der Tat mit meiner Arbeit für das Theater zu tun. 1995, drei Jahre vor Suhartos Fall, wurde das SAE Theater aufgelöst. Bis dahin hatte ich mehr oder weniger alle Stücke für SAE geschrieben, seit den 1980er Jahren. Die Proben dort fanden von sieben Uhr morgens bis nachmittags um fünf Uhr statt – die Männer manchmal mit nacktem Körper, die Frauen manchmal nur in Unterwäsche. Dieser Umgang mit dem Körper unterschied sich extrem von jener Uniformität, die Suharto angestrebt hatte und die Schulkinder gleichermaßen wie Staatsdiener betraf. In dieser Zeit begann ich zu begreifen, dass der Körper ein Schlachtfeld ist, auf dem sämtliche Erfahrungen und Erinnerungen ausgetragen werden. Der Körper ist deshalb meine wichtigste Sprache. Manchmal schreibe ich in nacktem Zustand, um die richtigen Worte zu finden. Oder ich verletzte mich, um zu begreifen, was Schmerz ist. Ich verinnerliche also mit Hilfe meines Körpers und begreife mit seiner Hilfe zugleich die Worte, die meinen Körper latent mit dem Außen verbinden. Diese Spannung zwischen dem internen und dem externen Ich half mir, die Wirklichkeit jenseits der Sprache zu verstehen.

Die deutsche Fassung verdankt sich der englischen Übersetzung des Interviews durch Sartika Dian Nuraini.

Aus: LiteraturNachrichten Nr. 121
Mit freundlicher Genehmigung von Litprom

Claudia Kramatschek ist freie Kulturjournalistin, Literaturkritikerin und Jurorin der Bestenliste Weltempfänger.

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erstellt am 19.1.2015

Afrizal Malna
Afrizal Malna © Krzysztof Zielinski

50 out of 1000: Afrizal Malna from Berliner Künstlerprogramm on Vimeo.