Ferdinand Kramer (1898–1985) zählt zu den bedeutendsten Architekten und Produktgestaltern des 20. Jahrhunderts. Vor allem Kramers radikal modernen Bauten für die Frankfurter Universität regen bis heute gleichermaßen die einen auf wie die anderen an, meint Astrid Hansen in ihrem Essay.

Essay

Die Architektur Ferdinand Kramers: Genial oder banal?

Von Astrid Hansen

Was wurde nicht schon alles über Ferdinand Kramer geschrieben? Seine Arbeiten der Zwanzigerjahre zählen unumstritten zum bedeutenden Erbe dieser Jahre in Deutschland und finden entsprechend Anerkennung. Sogar einige seiner Möbel werden heute nachgebaut oder im Antiquitätenhandel hochpreisig an Liebhaber verkauft. Und wie sieht es mit seinem Nachkriegswerk aus? Nun, jeder, der die Bauten – insbesondere die Universitätsbauten, die zwischen 1953 und 1965 entstanden sind – kennt, ob aus eigener Anschauung oder eigenem Erleben, äußerst sich über sie, wobei es offenbar nur Wertschätzung oder Ablehnung gibt.

Die „Kramer-Bauten“, wie sie schon seit eh und je nach ihrem Architekten genannt werden, regen bis heute gleichermaßen die einen auf wie die anderen an. Dass seine Bauten noch immer Stein des Anstoßes sind, würde Kramer sicher gefallen, doch dass man sie derart verkommen lässt und sogar zum Abbruch freigeben möchte, das hätte ihn ratlos und wohl auch traurig gestimmt. Denn es geht, damals wie heute, nicht allein um die Schönheit der Bauten, sondern um die mit ihnen verbundene Frage, in welchen Räumen wir wohnen und arbeiten wollen.

Wenn auch vieles auf dem alten Campus rund um die Bockenheimer Warte verwahrlost und verändert ist, noch immer spürt man bei genauerem Hinsehen die mit dieser Architektur verbundene Geisteshaltung jenes demokratischen und zukunftsweisenden Wiederaufbauwillens, für den Namen wie Max Horkheimer, Friedrich Rau und viele andere stehen. Es ist diese Geisteshaltung und deren historische Dimension, die seit Jahren einen Protest gegen den Abbruch der Bauten aufrechterhält, obwohl doch Politik und Wirtschaft immer wieder darauf hinweisen, dass ein Abbruch der Bauten unabwendbar sei. Zumindest ein Teil der Gesellschaft aber will dieses Erbe erhalten sehen – egal ob oder gerade weil es sich um ein sogenanntes unbequemes Erbe handelt. Die Kramer-Bauten sind – wie viele andere Bauten der Nachkriegsmoderne – längst ein Teil jenes kollektiven Gedächtnisses geworden, das weder den Nationalsozialismus noch die Folgen des Zweiten Weltkrieges bzw. den Wiederaufbau vergessen will. Die radikal modernen Bauten, die nicht jener gefälligen Nierentischästhetik der restaurativen Republik folgen, erzählen eben eine andere Geschichte des Wiederaufbaus nach dem deutschen Zivilisationsbruch von 1933 bis 1945. Kramer wollte mit seiner Architektur, seinem Bauen für die Wissenschaft einen gesellschaftlichen Wandel forcieren, ihn begleiten. Am Ende wurde es auch eine Geschichte von Missverständnissen – bis heute.

Ferdinand Kramer, 1898 in Frankfurt geboren und 1985 in seiner Heimatstadt verstorben, zählt zu den bedeutendsten Architekten und Produktgestaltern des 20. Jahrhunderts. Er hatte 1918 bis 1922 bei Theodor Fischer in München Architektur studiert – einen kurzen Ausflug ans Bauhaus gewagt und diesem enttäuscht 1919 wieder den Rücken zugekehrt. Seit 1922 zurück in Frankfurt, wurde Ernst May auf den jungen begabten Architekten aufmerksam und engagierte ihn als Mitarbeiter für die Abteilung Typisierung im Stadtplanungsamt. In diesen Jahren entstanden Arbeiten wie z. B. der berühmte Kramer-Ofen (1926), Typenmöbel für die Hausrat GmbH (1925), zeitlose Fenster- und Türbeschläge (1925–1930), aber auch Stühle und andere Möbel für die Firma Thonet. Neben der Siedlung Westhausen realisierte Kramer 1928 bis 1930 gemeinsam mit Mart Stam und Werner Moser nach einem Wettbewerbsgewinn das Altersheim der Henry und Emma Budge-Stiftung an der Hansaallee. Als 1930 Ernst May mit einem Teil seiner Mitarbeiter in die Sowjetunion ging, blieb Kramer in Frankfurt und machte sich selbstständig. Sein wohl wichtigstes Werk in diesen Jahren war das sogenannte Haus Erlenbach, das er 1930 realisierte. Hier zeigt sich nicht nur Kramers vollendete eigene Handschrift, sondern auch seine Nähe zu dem von ihm stets bewunderten – älteren – Adolf Loos. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten und der darauffolgenden Gleichschaltung wurde 1937 ein Berufsverbot gegen Kramer erlassen, da er laut Reichskammer der bildenden Künste nach Prüfung seiner persönlichen Verhältnisse die „für die Ausübung des Berufs als Architekt erforderliche Zuverlässigkeit “ nicht besitze. Seit 1930 war Kramer mit der jüdischen Modeschöpferin Beate Feith verheiratet. Nachdem Beate Kramer bereits Anfang 1938 in die Staaten emigrieren konnte, verließ Kramer wenige Monate nach seiner Frau – wenn auch widerwillig – in letzter Minute Deutschland ebenfalls. In New York lebend, erhielt er 1940 die Zulassung, den Architektenberuf ausüben zu dürfen. Sein einziger Auftrag in dieser Zeit blieben zwei Einfamilienhaussiedlungen für das ebenfalls in die USA emigrierte Institut für Sozialforschung.

Obwohl Ferdinand Kramer in den Vereinigten Staaten zunehmend vor allem als Produktgestalter erfolgreich war, suchte er nach 1945 eine Möglichkeit, nach Deutschland zu remigrieren. Er selbst erzählte immer wieder gerne die Geschichte, dass er Max Horkheimer zufällig an der Grand Central Station in New York getroffen und dieser ihn aufgefordert habe, nach Frankfurt zu kommen, um dort die Universität aufzubauen. Belegt ist, dass das Institut für Sozialforschung ihm eine Europareise finanzierte und der Bildungsreformer Friedrich Rau – damals Kurator der Universität – die Anstellung Kramers durchgesetzt hat. Denn mit der Kramer'schen Sachlichkeit konnte Horkheimer bekanntermaßen wenig anfangen. Das für ihn 1953 neu eingerichtete Rektorat ließ er sofort wieder ummöblieren und auch Kramers enger Freund Theodor W. Adorno – der ebenfalls nach Frankfurt zurückkehrte – ging mit ihm im Rahmen seiner Funktionalismuskritik in den Sechzigerjahren hart ins Gericht. Dennoch war seine auch in den Vereinigten Staaten aufrecht gehaltene enge Verbindung zum Institut für Sozialforschung für seinen beruflichen Werdegang mitverantwortlich.

Als Kramer 1952 die Leitung des Universitätsbauamtes übernahm, stoppte er alle bereits laufenden Baumaßnahmen. Zukünftig sollte allein das Universitätsbauamt die Neubauten in Abstimmung mit den Institutsleitern verantworten. Damit zog Kramer den Unmut der freien Architekten und des Stadtplanungsamtes auf sich, das in den ersten Jahren durch Baustellenstilllegungen Kramer das Leben schwer zu machen suchte.

Während er seine Entwürfe schließlich durchsetzen konnte, fand sein Appell an die Verantwortlichen der Stadt, die Universität aus dem Stadtkörper herauszulösen und auf freiem Gelände eine neue entwicklungsfähige „Cité Universitaire“ bzw. „Campusuniversität“ zu errichten, keinen Widerhall. Dieses Ansinnen scheiterte nicht nur aus „sentimentalen Gründen“ – wie Kramer meinte –, sondern vor allem an den noch vorhandenen Vermögenswerten der Universität in Form von Grundstücken und bereits wiederaufgebauter und neu erstellter Einrichtungen. Man sah als Universität aufgrund der Kriegszerstörungen in der unmittelbaren Umgebung des eigenen Geländes hinreichende Entwicklungsmöglichkeiten, sofern die Stadt ihrer Verantwortung nachkäme und die Grundstücke vorsorglich für die Universität kaufen würde. Doch weder die Stadt Frankfurt noch das Land Hessen sorgten in den kommenden Jahrzehnten dafür, dass für die Entwicklung der Universität ausreichend Reserveflächen vorgehalten wurden.

In Abstimmung mit Max Horkheimer und Friedrich Rau entwickelte Kramer für das Gebiet zwischen Georg-Voigt-Straße und Bockenheimer Landstraße einen Generalbebauungsplan für eine moderne, wenn auch innerstädtische „Campusuniversität“. Dieser im Laufe der Jahre immer wieder modifizierte Bebauungsplan ordnete die Universität nach ihren Funktionseinheiten und verlieh ihr eine Struktur, die selbst nach zunehmender Übernutzung und mangelndem Bauunterhalt noch funktionsfähig war. Bei den Neubauten plante man, nachdem die Studentenzahl bereits in den Fünfzigerjahren erheblich angestiegen war, Reserven ein; man rechnete also bereits mit einer Massenuniversität.

Einen ersten Schritt zu dieser „offenen Universität“ vollzog Kramer während der Semesterferien 1953 durch die Erweiterung des Haupteingangs, der man auch symbolischen Charakter beimaß. In das 1906 errichtete neobarocke Jügelhaus – das Hauptgebäude der Universität – schnitt Kramer mit „entschiedener Geste“ einen sieben Meter breiten Eingang. Den Eingriff, der unter den Professoren Empörung auslöste, verteidigte Friedrich Rau in der Öffentlichkeit nicht als eine ästhetische, sondern als „eine bauliche Notwendigkeit“ und stellte sich damit vor Kramer. Dabei schwebte dem Bildungsreformer Rau eine Universität „jenseits von Abkapselung und Zunftenge“ vor. Er wollte schon damals eine „offene und integrierte Universität“ und Ferdinand Kramer war dafür sein Architekt. „Wie mit einem Messer des aufklärerischen Gedankens“ habe Kramer den neuen Eingang in die Fassade geschnitten, wird es später heißen, und tatsächlich ist der Umbau des Eingangs und des sich im Erdgeschoss anschließenden Rektorats der Beginn des demokratischen Aufbaus der Universität. Die Vision eines „erträumten anderen Deutschlands“ und einer Universität ohne Hierarchie hatte hier ihren Ausgangspunkt. Und, dies sei am Rande erwähnt, für viele Architekten wurde Kramers Umgang mit dem historischen Erbe zum Vorbild.

„Die Jugend soll nicht mehr in mythische Schicksalshöhlen eintreten, sondern in den hellen Rahmen und Raum des Bewusstseins vom Menschen und seiner Geschichte“, hat Kramer einmal über die Intention seiner Universitätsbauten gesagt. Mit seinen Mitarbeitern, zu denen unter anderem Walther Dunkl, Helmut Alder, Klaus Peter Heinrici und bis 1960 Franz-Josef Mühlenhoff zählten, entwickelte Kramer bis zu seiner Pensionierung 1964 rund 23 Universitätsbauten, denen im Wesentlichen ein Baukastenprinzip zugrunde liegt, das zugleich individuelle Entwürfe zuließ. Das erste Institutsgebäude, das Kramer als Leiter des Bauamtes errichtete, war 1953 das Englische Seminar und Amerika-Institut im Kettenhofweg. Mit der Planung des Gebäudes hatte man bereits 1951 begonnen und damit auch den Bauplatz festgelegt, sodass es einen von Kramer allerdings kritisierten Fixpunkt innerhalb des neuen Bebauungsplanes darstellte. Für das Gebäude selbst, für das ebenfalls bereits Festlegungen getroffen worden waren, entwickelte Kramer einen neuen Entwurf. Nachdem die Universität mit dem Bau begonnen hatte, wurden die Arbeiten seitens der Stadt mit der Begründung, dass „in ästhetischer Hinsicht an dem Bau Korrekturen vorgenommen werden müssten“, gestoppt. Der Entwurf, so hieß es in der Argumentation der Baubehörde, entspräche nicht den Anforderungen, „die man an die äußere Gestaltung von Bauwerken in dieser bevorzugten Lage in unmittelbarer Nachbarschaft der Universität stellen“ müsse.

Diese Auseinandersetzung zwischen dem Stadtplanungsamt und dem Universitätsbauamt wurde zwar 1953 beigelegt, sie machte aber deutlich, dass sowohl die Stadt als auch viele Professoren mit der Bauaufgabe Universität andere gestalterische Vorstellungen verbanden, als Kramer sie zu realisieren bereit war. Mit dem Bau des Amerika-Institutes und Englischen Seminars knüpfte er an seine in den Dreißigern in Deutschland zurückgelassenen Arbeiten wie das Haus Erlenbach an, griff aber zugleich auch neue Entwicklungen auf. Der Stahlbetonskelettbau zeigt seine Konstruktion und ist mit einem gelben Klinker sowie Glasprismen ausgefacht. Besonderes Augenmerk hat die Eingangsfassade erfahren, die nahezu geschlossen, aber durch sparsame Akzente wie ein großes Foyerfenster, ein abgehängtes weit auskragendes Vordach über dem Eingang sowie mehrteilige Treppenhausfenster im Detail durchgestaltet ist.

Auch die nun folgenden Bauten waren als Stahlbetonskelettbauten konzipiert und mit einem gelben Klinker, der aus Holland importiert wurde, ausgefacht. Ein besonders schönes Beispiel war das 1954 erbaute, inzwischen abgebrochene Geologisch-Paläontologische Institut, bei dem die Ausfachungen über die Konstruktion hinausragten, sodass die Fassade eine plastische Wirkung aufwies.

Die 1954 bis 1957 erbauten Institute für Pharmazie und Lebensmittelchemie in der Georg-Voigt-Straße wiederum erhalten ihre Plastizität durch die Verwendung von Brisesoleils – einfache Betonpanele –, die vor Sonne schützen sollen. Das aus mehreren Funktionseinheiten, darunter einem eigenständigen Hörsaalbau, bestehende Institutsgebäude liegt in einer natürlichen Mulde, die nicht nur aus funktionalen, sondern auch ästhetischen Erwägungen heraus belassen wurde. Über einen überdachten Steg werden die Institute mit der Straße verbunden. Da der Bau von der Straße abgerückt ist, kann er von Betrachtern gut wahrgenommen werden.

Von ganz ähnlichen Gedanken getragen wie die Bauten für die Pharmazie sind die Bauten des Biologischen Camps, die neben dem Botanischen Garten 1954 bis 1956, nicht weit vom Universitätscampus, entstanden sind. Die Fassaden werden durch offene funktionsbedingte Loggien, die mit geschlossenen Wandflächen alternieren, geprägt. Die unterschiedlichen Institutsbauten werden hier nicht nur durch einen offenen, sondern einen verglasten, aufgeständerten Gang verbunden. An dessen Ende befindet sich eine sogenannte Minimaltreppe, die Kramer bereits 1928 entwickelt hatte. Im Garten des Biologischen Camps steht auch das kleine Gärtnerhaus aus dem Jahre 1954. Bei diesem kleinen Wohnhaus mit seinen Natursteinwangen hat Kramer, wie nicht selten in seinem Werk, Le Corbusier zitiert. 1957 wiederholte er dieses Thema beim Wochenendhaus der Familie von Metzler in Arnoldshain /Taunus, dem ersten Wohnbau nach seiner Rückkehr nach Deutschland.

Das von ihm für die Universität abgeforderte Bauvolumen in den Fünfziger- und Sechzigerjahren verlangte im Wesentlichen eine Standardisierung der einzelnen Baudetails sowie der Einrichtung.

Für die Eingangstüren wurden grundsätzlich Stahl-Glas-Türen verwendet, die Innenräume wurden mit Sperrholztüren in Stahlzarge ausgeführt. Bei den Türklinken griff man auf die Reichsnormtürklinke von Hans Poelzig zurück und die Böden waren in den Instituten in aller Regel mit schwarzem Linoleum belegt, das mit den Oberflächen der von Kramer entworfenen Tische korrespondierte. Die Professorenzimmer waren allesamt mit einem Sofa oder einer Liege ausgestattet, in den Foyers der Institute standen Designklassiker wie der Sessel „butterfly“ von Kare oder der von Niko Kralj entworfene, sehr schöne Sperrholzklappsessel.

Für das 1959 / 1960 erbaute Philosophicum entwickelte Kramer in Zusammenarbeit mit der Firma Otto Kind GmbH, Kotthausen / Köln mit dem kd-Programm neue Stahlmöbel, welche später auch in anderen Instituten sowie der 1965 fertiggestellten, von Kramer erbauten Stadt- und Universitätsbibliothek Anwendung fanden.

Das Philosophicum als reiner Stahlskelettbau stellte konstruktiv eine Besonderheit innerhalb der Universitätsbebauung dar und war eines der ersten seiner Art in der Bundesrepublik. Konzipiert war es als neungeschossiges Hochhaus für zwölf geisteswissenschaftliche Seminareinheiten. In den nur zehn Meter tiefen Baukörper sind die einzelnen Geschosse nur hineingeschoben und damit äußerst variabel. Die weißen Brüstungsplatten sind an den Stützeninnenseiten befestigt. Nach außen treten die unterschiedlichen Nutzungen der Räume jedoch nicht in Erscheinung – außer an den oberen Ecken des Gebäudes, die mit Betonplatten geschlossen sind und die Fassaden wie Klammern einfassen. Hier befanden sich Räume, die nicht belichtet werden mussten sowie eine archäologische Abgusssammlung, die ihr Tageslicht über Glaskuppeln erhielt. Zwei Versorgungstürme an der Westseite des Baus, ausgefacht mit geschlossenen bzw. durchfensterten Betonplatten sowie Glasprismen für die Treppenräume, ergänzen das Bauprogramm. In „Abkehr zur dunklen Studierstube“ hat Kramer hier funktionale, helle Arbeitsräume geschaffen, die in ihrer Askese vom Nutzer eine Konzentration auf das Wesentliche verlangen. Die Universität ist hier einsehbar, transparent, insbesondere dann, wenn das Gebäude sich am Abend in das Negativ seiner Tagesansicht verkehrt.

Über diesen äußerst subtil angelegten Baukörper, der sich heute in einem optisch erbärmlichen Zustand befindet, stand 2012 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu lesen, es handele sich um eine „banale Baracke“, für deren Erhalt sich zwar eine kleine Gruppe von Personen einsetze, deren Abriss aber notwendig sei. Dieser kleinen Gruppe gehört auch Alexander Kluge an, der den möglichen Abriss der Frankfurter Universitätsbauten in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zuvor als „Affenschande“ titulierte. Kluge, der als junger Assistent den Wiederaufbau der Frankfurter Universität unmittelbar miterlebt hatte, hat – anders als Theodor W. Adorno oder Marx Horkheimer – Kramers Architektur bewundert und geschätzt. Wie der „schöne Ferdi“ mit seinen buschigen Augenbrauen, Hut und Zigarre durch die Straßen Bockenheims streifte und seine Ideen für die Universität entwickelte, das hat Kluge so sehr fasziniert, dass er bereits 1958 dessen Bauten in der Zeitschrift Christ und Welt pries.

Am Ende seiner Amtszeit – schon als freier Architekt – baute Kramer die Stadt- und Universitätsbibliothek. Es ist das größte Werk, das er je realisieren konnte und sicher eines seiner prägnantesten. Der dreiteilige Baukörper, der sich in Verwaltung, Zwischenbau und Magazin bzw. Lesesaal gliedert, wurde für den bundesdeutschen Bibliotheksbau wegweisend. Es waren der Verzicht auf den sogenannten Bücherturm, die kleinen separaten Carrels, die neben großen Lesesälen das konzentrierte Arbeiten ermöglichen sollten, und vieles andere mehr, das diesen Bau über die Grenzen Frankfurts hinweg so bedeutend macht.

Nachdem Ferdinand Kramer mit seiner zweiten Frau Lore eine Familie gegründet hatte, baute er 1968 sein eigenes Haus in Frankfurt. Dieses Wohnhaus, das zur Straße hin eher unscheinbar wirkt und nicht nach der großen Geste heischt, entwickelt – wie übrigens alle Kramer-Bauten – im Inneren seine große Qualität. In ihm sind alle Antworten gegeben, die Kramer in seinem Architektenleben gestellt hat – die einmal für richtig gefundene Form braucht nicht verändert zu werden. Vor der weißen Wand kann sich der Mensch entfalten: „Weiß ist ein Hintergrund. Was da ist, wird vor ihm kräftiger, wenn es überhaupt Kraft hat“. Was er auf kleinstem Raum in den Zwanzigerjahren für das Wohnen am Existenzminimum entwickelt hatte, ergänzte er im amerikanischen Exil mit der dort vorgefundenen Tradition – z. B. Veranden, die bei ihm als Loggien wiederkehren. Was für die Studentenwohnheime in Frankfurt im Kleinen Gültigkeit hatte, übertrug er auf die Wohnbauten seiner großbürgerlichen Auftraggeber. In seinem eigenen Wohnhaus finden sich schließlich viele Elemente wieder, die auch die Universitätsbauten prägen. „Die Wohnbauten“, so der Architekt und Autor Dietrich Worbs, „die Ferdinand Kramer zwischen 1923 und 1972 im Verlaufe eines halben Jahrhunderts voll tiefgreifender politischer, sozialer und auch künstlerischer Auseinandersetzung errichtet hat, zeigen eine erstaunliche und gestalterische Wandlungsfähigkeit, aber auch ein beharrliches Festhalten am einmal als funktionell als richtig Erkannten.“

In der vorliegenden Fassung wurde auf Fußnoten verzichtet.

Aus: FRANKFURT 1950–1959. Architekturführer. Hrsg. von Deutscher Werkbund Hessen & Wilhelm E. Opatz © Niggli Verlag, Zürich 2014

Mit freundlicher Genehmigung des Verlags

Dr. Astrid Hansen arbeitet im Landesamt für Denkmalpflege Schleswig-Holstein. Sie publiziert im Bereich Denkmalpflege und Kunstgeschichte mit dem Schwerpunkt Nachkriegsarchitektur und ist verantwortlich für die Zeitschrift Die Denkmalpflege.

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erstellt am 17.1.2015

Englisches Seminar, Amerika-Institut. Ca. 1953, vermutlich von F.Kramer fotografiert. © Ferdinand Kramer Archiv Frankfurt

Essay aus:

FRANKFURT 1950–1959. Architekturführer
Hrsg. von Deutscher Werkbund Hessen & Wilhelm E. Opatz
Fotografien von Ursula Edelmann u. Georg Dörr
Broschiert, 160 Seiten mit 60 Abb.
ISBN 978-3-7212-0906-8
Niggli Verlag, Zürich 2014

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Englisches Seminar, Eingang, 1953. © Ferdinand Kramer Archiv Frankfurt

Universität, Jügelhaus. Foyer und der Haupteingang. Blick vom Rektorat. Foto: Sigrid Neubert, 1953. © Ferdinand Kramer Archiv Frankfurt

Biologischer Campus. Gewächshaus und Laborgebäude. Foto: Herbert Schwöbel, 1954. © Ferdinand Kramer Archiv Frankfurt

Biologischer Campus. Gärtnerhaus, 1954. © Ferdinand Kramer Archiv Frankfurt

Geologisch-Paläontologisches Institut, 1954. Foto mit Stempel auf Rückseite: Bilderdienst Grieshaber © Ferdinand Kramer Archiv Frankfurt