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Für viele Ostukrainer war die Ganzheit des Landes, das ehemals Sowjetunion hieß, selbstverständlicher als die ukrainische Unabhängigkeit, die sie ihrerseits als Separatismus empfanden. Im zweiten Teil ihres Essays beleuchtet Ljudmila Belkin die kontinuierliche Entwicklung sezessionistischer Bestrebungen in der Ostukraine seit 1991.

Essay

Donbass. Zur Vielheit in der Ukraine

Von Ljudmila Belkin

Teil II

Der Sezessionismus

Blick auf Wohngebiete in Donezk
Blick auf Wohngebiete in Donezk

Je mehr sich die Situation polarisiert, desto schwieriger wird es, Lücken zwischen verschiedenen Interessen innerhalb einer Frontlinie wahrzunehmen. Seit dem Beginn des bewaffneten Konflikts im Donbass hat sich in den westlichen Medien die Bezeichnung „prorussische Separatisten“ etabliert. Mehr noch: Im medialen Fokus stehen meist die Ukraine und Russland als handelnde Subjekte des Konflikts. Weitgehend ausgeblendet wird dabei eine entscheidende Komponente, nämlich der ostukrainische Sezessionismus.

Sezessionistische Bestrebungen gab es in der Ostukraine seit der Unabhängigkeitserklärung im Jahr 1991. Für viele Ostukrainer, und zwar ungeachtet ihrer ethnischen Zugehörigkeit, war die Ganzheit des Landes, das ehemals Sowjetunion hieß, selbstverständlicher als die ukrainische Unabhängigkeit, die sie ihrerseits – darin besteht die wahre Ironie der Geschichte – gerade als Separatismus empfanden. Der Osten litt unter dem Phantomschmerz des zerbrochenen „großen Landes“. Kritiker sehen hier lediglich den unfreien Konservatismus: den Konservatismus der Wattejacken, den sovok (umgangsprachlicher Neologismus für „sowjetisch“), als Festhalten an einer überkommenen Denkweise. Dabei ist die Nostalgie der geopolitischen Scherben eine Erscheinung, der man auf den Ruinen alter Imperien öfter begegnet: zum Beispiel in jenen Regionen der Westukraine, die immer noch Heimweh nach der K.-u.-k.-Monarchie haben.

Die Neigung, geopolitische Bündnisse zu schließen, bewegt auch den neuen ukrainischen Europäer. Abgesehen von der Annäherung an die Werte, die er mit Europa verbindet, verspricht er sich mehr Nutzen und Freiheit von der Europäischen Union als vom Bündnis mit Russland. Indem jedoch die proeuropäische – wie auch die nationale – ukrainische Bewegung auf die Trennung von der russischen Kultur setzt, gerät sie in Konflikt mit dem „prorussischen“ Element der ostukrainischen Identität. Die ablehnende Haltung gegenüber dem Russischen kann die multivektorielle Ostukraine nicht teilen und sieht sich durch sie mitangegriffen.

In den 23 postsowjetischen Jahren ist der Boden der Gemeinsamkeit gewachsen, er wurde jedoch stets durch die Politik der gesamtukrainischen Regierungen erschüttert, die eine Machübernahme für die jeweiligen regionalen Interessen zu nutzen verstanden. Die politische Dynamik dieser Zeit ähnelte der einer Schaukel: Je stärker die Dominanz eines regionalen Lagers war, desto spürbarer wurden die sezessionistischen Tendenzen im Lager der Rivalen.(1) 1994 wurde in den Gebieten von Donezk und Lugansk einen Referendum durchgeführt, in dem es um den föderativen Status der Ukraine und um die Anerkennung des Russischen als zweiter Amtssprache neben dem Ukrainischen ging. Bei beiden Fragen stimmte die Bevölkerung mehrheitlich mit „Ja“. Das Referendum blieb jedoch ohne Folgen.(2)

Einer der Höhepunkte der Entfremdungsdynamik zwischen den Regionen war die Orangene Revolution von 2004, die der Osten als Niederlage seiner Interessen erlebte. 2004 und 2008 fanden in der Stadt Severedoneck (Lugansker Gebiet) die „Kongresse der regionalen Deputierten“ statt. Im Rahmen des ersten Kongresses entstand das Projekt der Süd-Östlichen Ukrainischen Autonomen Republik, das die Regionen von Lugansk, Donezk, Charʼkov, Dnepropetrovsk, Saporoshje, Cherson, Nikolaev, Odessa und die Autonome Republik Krym umfasste. Das Projekt sah eine Autonomie in den Grenzen der Ukraine vor. Der zweite Kongress forderte den Status der Blockfreiheit für die Ukraine.(3)

Zeitgleich zu diesem vor allem auf der Ebene der Parteipolitik verhandelten Szenario entstanden nichtparteiliche separatistische Organisationen mit ultranationalistischer Agenda. So kam es in den 1990er Jahren zur Wiederbelebung des Don-Kosakentums: in Russland, aber auch in der Ostukraine und auf der Krym. Im Gebiet von Lugansk kam es zu einem Konflikt, als die neuen Kosaken einen Treueschwur gegenüber Russland ablegten. Auf die Vorwürfe der lokalen Organisation der Ukrainischen Republikanischen Partei, die darin eine Gefährdung der territorialen Ganzheit der Ukraine sah, lautete die lapidare Antwort: Mit „Russland“ sei nicht die heutige Russische Föderation gemeint; die Eidesformel entspreche den Idealen der Väter, die in den Grenzen des russischen Imperiums dachten.(4)

Eine historische Argumentation, die auch belegt, dass damals der Staat Ukraine nicht für alle seiner Bürger eine akzeptierte Tatsache war. Die neue Staatlichkeit stieß bei ihnen viel eher auf Skepsis als auf Zustimmung.(5) Ein weiteres Exempel dieser Skepsis und der damit verbundenen Suche nach staatlicher Autoritäten ist die im Jahr 2005 entstandene Organisation „Republik Donezk“. Ihr Programm war vaterländischer Rhetorik verpflichtet und enthielt aus den Zeiten des russischen Imperiums tradierte Ideen wie etwa die Führung durch die russische orthodoxe Kirche und die Parolen des “Vaterländischen Krieges” von 1941 bis 1945. Die Organisation wurde verboten.

Auf der Flucht aus Lugansk
Auf der Flucht aus Lugansk

In den Ereignissen des Winters und des Frühlings 2014 sind die Denkstrukturen, Symbole und auch einzelne Figuren der sezessionistischen Geschichte der Ostukraine deutlich erkennbar.(6) Die Unruhen begannen parallel zum Aufstand auf dem Maidan, eskalierten jedoch erst nach dem 23. Februar, als die neue Regierung in Kiew das Gesetz vom 10. August 2012 wieder aufhob, das in dreizehn Regionen der Ukraine der russischen Sprache de facto den Status einer Amtssprache verliehen hatte.

Während der Proteste zwischen März und Mai 2014 besetzten die Gegner der neuen Kiewer Regierung die öffentlichen Gebäude in Charʼkov, Lugansk und Donezk sowie in anderen Städten der beiden letzteren Gebiete.(7) Es gab mehrere Umsturzversuche in Dnepropetrovsk; sie blieben erfolglos.(8) Am 9. März 2014 wurde bei der öffentlichen Versammlung des Anti-Maidan in Saporoshje die Formierung der Süd-Östlichen Front ausgerufen, die alle zum Maidan oppositionellen Organisationen konsolidieren sollte. In Odessa kam am 1. März 2014 eine Volksversammlung zusammen, die Forderungen nach dem Status des Russischen als zweiter staatlicher Sprache und nach Föderalisierung der Ukraine an die lokalen und zentralen Regierungen stellte.

Die Regierung in Kiev war nicht imstande, eine politische Antwort auf die Protestwelle zu geben. Ob dies aus Schwäche oder aus Mangel an Strategie geschah, ist aus heutiger Sicht kaum zu beurteilen. In jedem Fall verstrich dabei wertvolle Zeit, in der die Mehrheit der Aufständischen noch offen für mögliche Konfliktlösungen gewesen wäre.

Die Tragödie vom 2. Mai in Odessa, als Dutzende Anhänger der Anti-Maidan-Bewegung bei einem Feuer im besetzten Gewerkschaftshaus umkamen, bedeutete einen entscheidenden Einschnitt. Nach den Bombardierungen durch die so genannte Antiterror-Operation gab es für die Aufständischen kein Zurück mehr. Die Gewalt der Aufständischen, die Plünderungen, Folterungen und Erschießungen der Andersdenkenden – auf dem staatenlosen Territorium, zu dem der Donbass de facto wurde, hatte jeder Macht, der eine Waffe trug –, stoßen die Bevölkerung freilich auch von diesem Lager ab.

Die Vielheit des Donbass existiert nicht mehr, weil der Krieg die Freiheit der Entscheidung in den Zwang zur Entscheidung verwandelt hat. Ein Facebook-Freund, der seine Stadt Donezk trotz des andauernden Beschusses und trotz der Macht der Volksrepubliken, die er wütend hasst, nie verlassen hat, schrieb nach der Unterzeichnung des Vertrags zum Sonderstatus des Donbass: Um den Schock dieses Regierungsbeschlusses – der in seinen Augen ein Verrat ist –, zu überwinden, habe er zunächst versucht, sich zu betrinken. Nachdem das nicht funktioniert habe, habe er Vorteile und Nachteile der entstandenen Situation abgewogen und sei zum Schluss gekommen: „Insgesamt gibt es nichts Gutes, doch die Zeit der Verzweiflung ist noch nicht gekommen.“

1 Es gibt durchaus auch einen westukrainischen Separatismus. Er wird momentan jedoch kaum diskutiert, wahrscheinlich um das Bild der monolithischen ukrainischen Nation nicht zu gefährden.

2 Vgl. Evgenij Morin, Donbass: Das vergessene Referendum 1994. In: The Kiev Times vom 12. Mai 2014 (http://thekievtimes.ua/society/372400-donbass-zabytyj-referendum-1994.html).

3 Vadim Kolesničenko, Severodoneck II. In: Versii vom 22. Februar 2008 (http://versii.com/news/145957/).

4 Vgl. Oleg Medvedev, Auf Luganščina werden zwei Kosakentume wiederbelebt. In: Nezavisimaja gazeta vom 28. Mai 1992 (http://www.ualberta.ca/~khineiko/NG_92_93/1141769.htm).

5 Ein vergleichbares Argument führt Andrej Lavin, der Pressesprecher der aufständischen Kampfeinheit von Pavel Drjomov, im Bezug auf die Sowjetunion: „Und noch – das genetische Gedächtnis. Wir sind in der Mehrheit sowjetische Menschen geblieben. Die meisten leisteten einen Eid auf die Sowjetunion [während des Militärdienstes], ich auch. Den Eid legt man ein Mal im Leben ab. Damals wurde dies uns sehr gut eingeprägt. Die, die jetzt gegen uns sind, die können zwei oder drei Mal einen Eid ablegen, denen ist es egal.“ Das Interview mit Andrej Lavin und Pavel Korchagin in: Novorossia vom 23. August 2014 (http://novorossia.su/ru/node/5546).

6 Für eine der ersten systematisierenden Zusammenfassungen des Aufstands und seiner ostukrainischen Gründe vgl. Serhiy Kudelia, Domestic Sources of the Donbas Insurgency. In: Ponars Eurasia, Memo Nr. 351, September 2014 (www.ponarseurasia.org/memo/domestic-sources-donbas-insurgency).

7 Vgl. die Zusammenstellung der Besetzungen staatlicher Gebäude in der Ostukraine in: Osteuropa, Nr. 5–6, Mai-Juni 2014.

8 Offensichtlich siegte in der Stadt Dnepropetrovsk das rationale Modell einer Führung, die in einer unitären Ukraine mehr Sicherheit sah. Der stellvertretende Gouverneur Boris Filatov erklärte, dass Dnepropetrovsk sogleich eine proukrainische Position annahm, während die Eliten von Donezk und Lugansk Vergünstigungen für ihre Region von den zentralen Regierung forderten. »Wir werden nicht mit einem Arsch auf zwei Stühlen sitzen«, so Filatov. In: Obozrevatel vom 20. August 2014 (obozrevatel.com/interview/41283-boris-filatov-myi-v-otlichie-ot-donetskih-ne-pyitalis-usidet-zhj-na-dvuh-stulyah.htm).

Mit freundlicher Genehmigung von MERKUR – Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken

Kommentare


tricki - ( 20-01-2015 03:41:04 )
Vielen Dank für diesen wirklich aufschlussreichen Artikel. Ich habe den Eindruck, dass es ihnen gelingt, die Situation sehr sachlich und doch mit "Herzblut" darzustellen, so dass es mir als Deutscher etwas besser gelingt zu begreifen, was in der Ukraine vor sich geht.

Ljudmila Belkin - ( 20-01-2015 04:07:41 )
Ich habe zu danken für Ihren freundlichen Kommentar. Es freut mich sehr, dass Sie die Rolle der Darstellungsweise hervorheben. Seit Jahren beschäftige ich mich damit, das Fremde bzw. Unbekannte zu vermitteln – das Wissen allein reicht nicht. Deswegen arbeite ich mit Rhetorik und Bildern – das hilft der Annäherung und dem Begreifen. Doch natürlich haben Sie auch recht, wenn Sie von "Herzblut" sprechen. In diesem Fall ist das Wort beinahe buchstäblich zu verstehen.

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erstellt am 17.1.2015

Eine Fassung dieses Textes ist in MERKUR – Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken erschienen:

MERKUR - Januar 2015