Den Dokumentarfilmern Walter Heynowksi und Gerhard Scheumann, die in der DDR arbeiteten, wurde im Westen Deutschlands politische Voreingenommenheit unterstellt. Nun sind die wichtigsten Filme des Teams Heynowski & Scheumann als Box mit 5 DVDs erhältlich. Sie sind unverzichtbar für jeden, der sich für die Geschichte des Dokumentarfilms interessiert, meint Thomas Rothschild.

DVD

Propaganda

Dokumentarfilme von Walter Heynowksi und Gerhard Scheumann auf DVD

Von Thomas Rothschild

„Porträt des deutschstämmigen Siegfried Müller (gen. 'Kongo-Müller'), der 1964 als Major der kongolesischen Armee und Söldnerführer, der in zehn Wochen die abtrünnige Äquatorial-Provinz 'erledigte', traurige Berühmtheit erlangte. Alkoholselig und freundlich lachend schildert er seinen Werdegang und enthüllt eine verbrecherische Landsknechtsmentalität. Da er glaubt, westdeutschen Journalisten Rede und Antwort zu stehen, macht er aus seiner antikommunistischen Weltsicht keinen Hehl. Seine Interviewer wiederum nutzen seine Aussagen zu wütenden und polemischen Attacken gegen Westdeutschland. Der teilweise beeindruckende Film, mit dem Heynowski & Scheumann international berühmt wurden, entlarvt die subjektive Herangehensweise seiner Macher und ihre eigentliche politische Zielsetzung; ein Paradebeispiel des 'gelenkten Dokumentarismus'. Vgl. auch 'PS zum lachenden Mann'. – Ab 16 möglich.“

Dies schrieb der „Filmdienst“ über den Film „Der lachende Mann“ von Walter Heynowski und Gerhard Scheumann aus dem Jahr 1966. Die Kritik wurde wortwörtlich ins „Lexikon des Internationalen Films“ übernommen.

Der „Filmdienst“ (früher: „film-dienst“) ist das Organ der Katholischen Filmkommission für Deutschland und erscheint seit 1947. Er wird überall zitiert, als stünde hinter ihm eine ideologiefreie Versammlung unabhängiger Kritiker. Nicht Siegfried Müller, genannt „Kongo-Müller“, der für zahlreiche Morde im Kongo verantwortlich war und dessen „Arbeitgeber“ Moïse Tschombé von den führenden Politikern und Wirtschaftsbossen Deutschlands empfangen wurde, erregt seine Empörung, sondern der „gelenkte Dokumentarismus“. Worin bestehen die „wütenden und polemischen Attacken gegen Westdeutschland“? In den Bildern, die Tschombé mit Lübke oder Brandt zeigen? Der „Filmdienst“ kann dem Film keine einzige Lüge, keine einzige Fehlinformation, keine einzige Fälschung nachweisen. Danach fragt er auch gar nicht. Ihm genügt die Tatsache, dass Heynowski und Scheumann in der DDR arbeiten und nicht in der Bundesrepublik, um eine „eigentliche politische Zielsetzung“ zu unterstellen. Vergeblich sucht man in der Kritik des „Filmdiensts“ von Alfred Hitchcocks „Der zerrissene Vorhang“ aus dem selben Jahr 1966 einen Hinweis auf dessen „eigentliche politische Zielsetzung“, auf „wütende und polemische Attacken gegen die DDR“. Die Kritik des „Filmdiensts“ an dem Dokumentarfilm „Der lachende Mann“ ist ein Paradebeispiel des “gelenkten Journalismus”. Sie entlarvt die subjektive Herangehensweise kirchlicher Filmbewertungen und ihre eigentliche politische Zielsetzung. Sie betreibt die Propaganda, die sie anderen vorwirft. Sage keiner, er hätte das nicht gewusst.

„Der lachende Mann“ und weitere „Propagandafilme“ des Teams Heynowski & Scheumann – etwa über Geschosse, mit denen die amerikanischen Streitkräfte Menschen in Vietnam zerfetzt haben oder über Salvador Allendes Abschiedsrede – sind jetzt als Box mit 5 DVDs bei absolut MEDIEN erhältlich. Sie sind unverzichtbar für jeden, der sich für die Geschichte des Dokumentarfilms interessiert, aber auch für jeden, der, anders als der „Filmdienst“, nicht alles für „gelenkten Dokumentarismus“ hält, was aus der DDR kommt. Zum Beispiel die erschütternden Dokumentationen über Chile oder Kampuchea. Ja, die Filme von Heynowski und Scheumann nennen die Gegner beim Namen. Sie entlarven nicht die „subjektive Herangehensweise ihrer Macher“, sondern von Mächtigen in Westdeutschland geschützte Verbrecher und Scharlatane wie den „Kongo-Müller“ oder die „Wahrsagerin von Bonn“ Buchela. Sie verstellen sich, wie später Michael Moore, sie nutzen das Mittel der Ironie im Interview, im Kommentar und in der Musik sowie die Kontrastmontage wie Marcel Ophüls. Man muss ja nichts ungeprüft glauben. Wenn sich aber herausstellt, dass diese Filme mit ihrer „eigentlichen politischen Zielsetzung“ nicht weniger wahr sind als, sagen wir, die Fernsehsendungen von Gerhard Löwenthal aus jenen Jahren, sollte ihnen mehr Kredit gewähren als ihren kirchen- und staatsfrommen Kritikern. Nicht „Der lachende Mann“ ist der Skandal, sondern dass der Film in der Bundesrepublik verboten wurde. Und auch die zwei kurzen Filme aus dem Jahr 1941, die Heynowski und Scheumann im Stuttgarter Stadtarchiv aufgefunden haben, hätte man am Ort veröffentlichen können. Dann hätte man den DDR-Dokumentaristen den Vorwand für „polemische Attacken“ entzogen. So war es aber nicht.

Kommentare


Ulrich Kriest - ( 20-01-2015 12:25:04 )
Lieber Kollege Rothschild,
werfen sie doch mal einen Blick in den aktuellen Film-Dienst! Sie werden staunen, wie die Welt 2015 ausschaut. Da brauchen wir nicht die Schlachten von 1966 nachzustellen. Und dass das "Studio H & S" schließlich in der DDR abgewickelt wurde, hätten sie ganz am Rande auch erwähnen können.
Mit freundlichen Grüßen, Ulrich Kriest

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erstellt am 16.1.2015

W. Heynowksi und G. Scheumann. © absolut Medien GmbH

Studio H&S – Walter Heynowksi und Gerhard Scheumann
Filme 1964-1989
5 DVDs
absolutMEDIEN, 2014

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