Debbie Lim ist eine Lyrikerin aus Sydney. Gern behandelt sie in ihren Gedichten Tiere, die sie mit ihrer poetischen Charakterisierung in fiktive Mythen verwickelt. Eric Giebel hat neben ihr Gedicht Recalling the Bats seine Übertragung ins Deutsche gesetzt: Fledertiere, sich ihrer vergegenwärtigen.

Flughunde oder auch Flugfüchse, die großen Verwandten unserer in der nördlichen Hemisphäre beheimateten Fledermäuse, erfreuen sich bei den Menschen keiner großen Beliebtheit. Sie sind Vegetarier und ernähren sich von Blüten und Früchten. Viele sehen in ihnen nur Plünderer, die über Obstbäume herfallen. Die australische Lyrikerin Debbie Lim lässt in ihrem Gedicht „Recalling the Bats“ diese Tiere in einem anderen Licht erscheinen und führt uns zum Ursprung des Lebens auf unserem Planeten.

Gedicht von Debbie Lim

Fledertiere, sich ihrer vergegenwärtigen

Getragen von der Luft?
Glaub es nicht! Sie stammen
von den Vulkanen:
Ätna, Krakatau, Pinatubo,
all jenen, deren Namen
auf einer Frequenz tiefer
als menschliche Knochen klimpern.
Vor allem aber jagten die Namenlosen
vor unserer Zeit
geradewegs
eine alles beherrschende Eruptionssäule in die Luft.
Von langsam pumpender Asche,
dicht wie eine Unterwasser-
Schlammlawine, wurden sie herausgeschleudert:
heiße Schlacken,
die sich zu verkohlten Körpern abkühlen,
weggeschwemmt
von klaren Strömungen. Weit entfernt
vom Ursprung, siedelten sie
unter trüben Baldachinen, zwischen
Felsen, leere Pechschwärze
der Höhlen. Beweise gefällig?
Nimm einen lebenden Flugfuchs
eingewickelt in ein Handtuch oder jedes Stück Stoff
ausreichend dick, ihn zu beruhigen,
und schau in die Augen: es ist nichts
weniger als das Glühen
reinen Achats. Rück näher, Du wirst
eine Million goldener Glühfäden
sehen, die sich wie belebtes Holz biegen,
das winzige Sehloch
eine schwarze Röhre, die
endlos in diesen
kleinen kochenden Körper hineinführt. Beug Dich über – Du wirst beißenden Rauch riechen,
das Nasenloch durchdringende
Ammoniak, das heraufsteigt
vom orangenen, vom versengten Pelz: Du wirst verstehen,
warum diese Kreaturen
wie ein unnachgiebiges Uhrwerk
um regengeschwollene
Früchtekugeln mäandern: es ist ein Gegenmittel
zum ewigen
Hochofen ihrer Lungen, dem heftigen
Geklammer ihrer Herzen.

Nur die Nacht bringt Erleichterung: eine Aula aus Blättern
verstärkt die Stimmgebung,
welche
den heißen trockenen Abrieb der Feuersteine nachahmt,
funklend in der Dunkelheit. Nur dann
beruhigt die Luft
die gebackenen Lederflügel, die,
zu lange
in der nackten Sonne gehangen,
zu einem leistungsfähigen Selbsterhitzungs-
apparat des Todes werden.
Sodass die Fledertiere – in Erinnerung –
sich
unter Baumstämme schleifen
          oder von Ästen fallen,
einer nach dem anderen.
Wo sie liegen: Lavaklumpen,
die sich auf dem Boden abkühlen.

Übertragung: Eric Giebel

Debbie Lim wurde 1976 in Sydney, Australien geboren. Bachelor of Psychology (Honours), Macquarie-Universität Sydney, Master of Science (Research Psychology), Universität von New South Wales, Sydney. Sie arbeitet freiberuflich als Medical Writer und Editor. Ihre Gedichte erscheinen regelmäßig in der Anthologie-Reihe „Best Australian Poems“ (Black Inc.). Bei Vagabond Press wurde 2012 ihr erster Lyrikband „Beastly Eye“ veröffentlicht.

Kommentare

Kommentar eintragen









VG-Nummer: | erstellt am 13.1.2015

Debbie Lim
Debbie Lim
Debbie Lim

Recalling the Bats

Borne of the air?
Do not believe it. They came
from the volcanoes:
Etna, Krakatoa, Pinatubo,
all those whose names
thrum at a frequency lower
than human bones.
But most of all, the nameless ones
before our time –
blown straight
up a surveying column of cloud.
From slow-pumping ash
dense as an underwater
roll of mud, they were flung:
hot cinders
cooling to charred bodies
which floated off
on clear currents. Far away
from the source, they populated
dim canopies, between
boulders, the empty
black pitching of caves. Need evidence?
Take a live flying fox
wrapped in a towel or any cloth
thick enough to calm it,
and look into the eye: it is nothing
less than pure agate
glowing. Peer closer, you'll see
a million gold filaments
flexing like animated wood,
the pinhole pupil
a black pipeline travelling
endlessly into that
tiny boiling body. Lean over –
you'll smell acrid fumes,
the nostril-opening
ammonia rising
from orange-singed fur: you'll understand
why these creatures gorge
with such relentless clockwork
on rain-swollen
globes of fruit: it is an antidote
to the eternal
furnace of their lungs, the furious
clamping of their hearts.

Only night brings relief: an auditorium of leaves
amplifying vocalisations
which mimic
the hot dry rub of flint stones
sparking into darkness. Only then
does air soothe
baked-leather wings which,
hung too long
in the naked sun,
become an efficient self-heating
apparatus of death.
So that the bats – remembering –
drag themselves
down trunks
           or drop from branches
one by one
where they lie: lumps of lava
cooling on the ground.

Mit freundlicher Genehmigung der Autorin
Aus: „Beastly Eye“, Vagabond Press, Sydney 2012