Otto A. Böhmer erzählt von einem Frühlingstag in Frankfurt und vom Philosophen Martin Buber, der an der Trägheit seiner Studenten leidet. Nach dem Seminar begibt sich Buber in die Aufführung eines besonderen Puppentheaters, die ihn dazu bringt, über das Wesen der Heiterkeit nachzudenken.

Holzwege

Puppentheater der Denker

Der Philosoph Martin Buber

Von Otto A. Böhmer

Der Philosoph Martin Buber ging die Bockenheimer Landstraße hinunter, wie er es oft tat, wenn er gerade ein Seminar hinter sich gebracht hatte, welches unbefriedigend verlaufen war. Es liegt etwas in der Luft, dachte er, und das ist nicht nur der Frühling mit seinen lauen und einschläfernden Winden, seinen vergeblichen Vogelstimmen und den merkwürdigen Sehnsüchten, die aufgeworfen werden aus den Bleikammern der menschlichen Befindlichkeit. In seinem Seminar hatte sich die Frühjahrsmüdigkeit ins Unerhörte ausgewachsen: Die Studenten, ohnehin dezimiert in ihrer Zahl durch eine angebliche Grippewelle, die über Frankfurt hinwegschwappte, dösten; auf Fragen seinerseits reagierten sie ausweichend oder gar nicht, und als dann noch die Strahlen der Frühlingssonne direkt in den Seminarraum hineinstachen und ihn, den leidenden Honorarprofessor, zu blenden begannen, war schier gar keine Aufmerksamkeit mehr zu erzielen. Einer der Studenten, ein an sich träges Großbürgersöhnchen, wurde mit einem Mal lebhaft und wies seine Kommilitonen auf die Staubfahnen hin, die, von der Sonne eigenartig illuminiert, über den einzelnen Tischen standen und sich danach langsam suchend aufeinander zubewegten. Buber hatte daraufhin einen letzten Versuch unternommen, für seine Sache zu werben; er schleuderte eine provokante These zum Zusammenhang von Religion als Wissenschaft vom Gottesbetrieb und den resignativen Tendenzen in der gegenwärtigen deutschen Philosophie in den Raum, aber man schien ihn nur belächeln zu wollen, wie er da stand, ein einsamer Mensch, den die Staubwölkchen mittlerweile so dicht umschwärmten, als wären sie die unmittelbaren Resultate seiner sehr vergeblichen Rede. Buber hatte daraufhin sein Seminar abgebrochen; er schickte seine Studenten – mit freundlichen Worten, schließlich war und blieb er ein höflicher Mann – zurück in den Frühling, der ihn alsbald selber umgab, ein mildes Lüftchen, dem ein kurioser Glanz innewohnte, der sich in den Häuserschluchten verbreitete wie ein träges Lauffeuer. Manchmal gefiel ihm dieses Frankfurt, eine Stadt, die stets kleiner war, als es von außen her den Anschein hatte; es gab noch Winkel und Nischen, in die man sich zurückziehen konnte – Fluchtpunkte, fast dörflich anmutende Refugien, an die man geriet, ohne schon zum Flüchtling geworden zu sein.

Buber bog in eine Nebenstraße ab und entdeckte dort ein Schild, das ihn auf „Donniwettis Puppentheater der Großen“ hinwies; von diesem Etablissement hatte er bereits gehört: Richard Windsheimer betrieb es, ein ehemaliger, nicht mehr ganz junger Philosophiestudent, der, wie es hieß, eines bemerkenswerten Tages sein Studium mit dem Ausruf „Genug ist genug!“ beendet hatte und sich fortan, begünstigt durch ein solides väterliches Erbteil, dem Puppenspiel widmete. Winds­hei­mer, der zudem als Stimmenimitator und Dialektkünstler eine gewisse Bekanntheit erlangt hatte, brachte auf seiner Bühne nur selbstgeschriebene Stücke zur Aufführung; dabei ließ er gerne Frankfurter Dichter und Denker auftreten, allen voran Goethe, den er als kapriziösen, Hessisch redenden Beau präsentierte, dazu einen ewig grantelnden Schopenhauer und, als Publikumsliebling, die philosophische Nachwuchshoffnung Amalfo, eine rundliche, unendlich gutmütig dreinblickende Puppe, von der behauptet wurde, dass sie einem real existierenden jungen Denker namens Wiesengrund-Adorno nachempfunden sei, der in Fachkreisen bereits als die kommende Größe Frankfurter Denkanstrengungen galt. Buber löste eine Eintrittskarte und betrat das Theater. Es wurde gerade, vor zahlreich erschienenem Publikum, die Nachmittagsvorstellung gegeben: Goethe und Schopenhauer saßen zusammen beim Wein, während Amalfo, fleißig wie immer, an einem Nebentisch hockte und seine Aphorismen-Sammlung vervollständigte. „Jaja“, sagte Goethe. „Trunken müssen wir alle sein! / Jugend ist Trunkenheit ohne Wein; / Trinkt sich das Alter wieder zu Jugend, / So ist es wundervolle Tugend. / Für Sorgen sorgt das liebe Leben / Und Sorgenbrecher sind die Reben. Prost!“ – „Prost!“ sagte Schopenhauer. „Bevor Sie weiterreden, lege ich hier, vor Zeugen, für den Fall meines Todes noch das Bekenntnis ab, dass ich die deutsche Nation wegen ihrer überschwenglichen Dummheit verachte und mich schäme, ihr anzugehören.“ „Aber, aber“, erwiderte Goethe, „wer wird denn so streng sein? Hans Adam war ein Erdenkloß, / Den Gott zum Menschen machte, / Doch bracht’ er aus der Mutter Schoß / Noch vieles Ungeschlachte.“ „Wohl wahr“, sagte Schopenhauer, „aber der simple, eigentliche Gelehrte, zum Beispiel der gemeine Frankfurter Professor der Philosophie, sieht den denkenden und originellen Kopf an wie wir den Hasen, der erst nach seinem Tode genießbar und der Zurichtung fähig ist – auf den man aber, solange er lebt, bloß schießen muss.“ „Sie sollten sich schämen“, rief da Amalfo und sprang auf. „Solch eine Professorenschelte! Ich selbst avanciere in diesen Tagen zum Professor, und wie ich gesehen habe, ist auch soeben der gute Professor Buber gekommen, ein Mann von stupender Gelehrsamkeit und so ganz anders als Ich und Du. Wer liebte und Liebe verrät, meine Herren, tut Schlimmes nicht nur dem Bilde des Gewesenen, sondern diesem selber an. Mit unwiderstehlicher Evidenz nämlich drängt in die Erinnerung eine unwillige Gebärde beim Erwachen, ein abwesender Tonfall, eine leise Hypokrisie der Lust sich ein und macht die Nähe von einst schon zu der Fremdheit, die sie heut’ geworden ist.“ „Ach was“, sagte Schopenhauer, „er faselt – faselt wie immer . . . Vielleicht sollte ich euch lieber meinen Lieblingswitz erzählen?“ „Den kennen wir schon“, sagte Goethe, „bedenkt: Am Jüngsten Tag, wenn die Posaunen schallen / Und alles aus ist mit dem Erdenleben, / Sind wir verpflichtet, Rechenschaft zu geben / Von jedem Wort, das unnütz uns entfallen.“ „ Ich erzähl’ ihn trotzdem“, sagte Schopenhauer. „Also: Der eingebildete Philosoph Hegel ging eines Tages am Haus des wirklichen Philosophen Schopenhauer vorbei, welcher gerade aus seinem Fenster schaute. ‚Guten Tag, Schopenhauer‘, rief Hegel, ‚wenn ich so ein Gesicht wie Ihr hätte, würde ich lieber gleich meinen Allerwertesten aus dem Fenster hängen.‘ ‚Das habe ich schon gemacht‘, antwortete Schopenhauer, ‚und wissen Sie was: Alle Leute haben mich gegrüßt und gerufen: Guten Tag, Herr Hegel!!‘“

Schopenhauer lachte, das Publikum stimmte mit ein. Buber erhob sich; er verließ das Puppentheater und ging zurück in den Frühling, der nun schon dunkler wurde – und kühler. Ein leichter Wind war aufgekommen, der den Philosophen vorwärts schob. Es ist leicht, sich lustig zu machen, dachte er. Aber es ist schwer, sein Denken so heiter zu halten, dass es das grundernste Besinnen dazu bringt, an sich selbst zu zweifeln.

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erstellt am 12.1.2015

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Martin Buber im Jahr 1963. Quelle: Dutch National Archives, The Hague / Wikipedia