Der Germanist und Benjamin-Forscher Burkhardt Lindner ist in der Nacht vom 7. Januar 2015 in seinem Haus in Frankfurt am Main überraschend gestorben. Unter der Wirkung dieser schockierenden Nachricht erinnert Martin Lüdke an seinen Freund und Kollegen.

Nachruf

Burkhardt Lindner gestorben

Verworrene, persönliche Erinnerungen unter der Wirkung einer schockierenden Nachricht

Von Martin Lüdke

Der Germanist und Benjamin-Forscher Burkhardt Lindner ist in der Nacht vom 7.Januar 2015 in seinem Haus in Frankfurt am Main überraschend gestorben. Er hatte sich offenbar an seinem Schreibtisch noch einige Notizen gemacht, im Zweifelsfall immer über Probleme, die mit Walter Benjamin zusammenhingen, war dann, gegen zwei Uhr morgens noch einmal in die Küche gegangen und dort am Kühlschrank tot zusammengebrochen. Diese schockierende Nachricht wurde durch die Tatsache, dass bereits wenige Stunden später in seinem Wikipedia-Eintrag neben seinem Geburtsdatum, 31. Oktober 1943, auch sein Todesdatum vermerkt war, 7. Januar 2015, in ein fast schon surreales Licht gerückt. Geradezu in einem Benjaminschen Kontext. Eines seiner, wenn ich mich richtig erinnere, Lieblingszitate von Benjamin lautete: „Zitate in meiner Arbeit sind wie Räuber am Weg, die bewaffnet hervorbrechen und dem Müßiggänger die Überzeugung abnehmen.“ An solchen Einsichten hatte er seine unverhohlene Freude. „Im Sommer fallen die dicken Leute auf, im Winter die dünnen.“ Das Kryptische Benjamins und die Verwurzelung vieler seiner Einsichten in der unmittelbaren (Lebens-)Erfahrung reizte Burkhardt Lindner ebenso wie die systematische Auseinandersetzung mit dem, was er als Benjaminsche Theorie (oft allererst) rekonstruierte. (Das Rätselhafte der seltsamen Bekanntmachung seines Todes lässt sich vermutlich leicht auflösen. Wenige Stunden nach seinem Tod rief ein Verlag bei Lindners zu Hause an, erfuhr die Nachricht und setzte sie offenbar gleich bei Wikipedia, vielleicht etwas hemdsärmelig, man könnte auch sagen pietätlos, jedenfalls unmittelbar um.)

In Benjaminschen Zusammenhängen habe ich Burkhardt Lindner kennen gelernt, zunächst als Kollegen an dem germanistischen Seminar der Frankfurter Universität. Wir haben gemeinsam „Materialien zur ästhetischen Theorie Theodor W. Adornos“ in der Theorie-Reihe bei Suhrkamp herausgegeben. Das heißt, wir haben viele gemeinsame Interessen gehabt, sind u.a. auch gemeinsam mit unseren Familien in Urlaub gefahren. Wir haben einige Seminare gemeinsam bestritten, unter anderem, über mehrere Semester verteilt, eine Veranstaltung zu Sartres fünfbändigem Riesenepos über Flauberts „Der Idiot der Familie“. Burkhardt Lindner war, anders als ich, ein überaus seriöser Wissenschaftler, der sich mehr und mehr als international anerkannte Benjamin-Kapazität etablierte. Doch er blieb zugleich ein politisch engagierter Zeitgenosse. Zusammen mit dem Sartre-Übersetzer und Herausgeber Traugott König, mit dem Publizisten und Literaturkritiker Lothar Baier, mit Gisela von Wysocki, Wolfram Schütte, Wilfried Schoeller und Hans-Jürgen Schmidt trafen wir uns regelmäßig, mindestens einmal pro Monat, zu einer Diskussion über neuere theoretische Ansätze. Wenn sich Burkhardt und Wolfram Schütte, beide Jean-Paulianer, an Jean Pauls Nebenfiguren im „Titan“ begeisterten, wirkte ihr Enthusiasmus ansteckend auf uns alle. Wir waren damals von der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule zutiefst geprägt und spürten aber spätestens Ende der siebziger Jahre ihre immer mehr schwindende Geltungskraft – und suchten nun nach neuen, anderen, zeitgemäßeren Ansätzen. Hier zeigte sich Burkhardt Lindner at his best: in der Personalunion von engagiertem Hochschullehrer, kritischem Intellektuellen und seriösem Wissenschaftler.

Nach dem Ende meiner Universitätstätigkeit und Verankerung in dem, was Adorno zurecht „Kulturbetrieb“ genannt hatte, war zwar unsere gemeinsame Interessenbasis etwas geschmolzen, doch unsere Wege gingen keineswegs auseinander. Wir sahen uns im Gegenteil viel häufiger als je zuvor, und zwar auf der Laufbahn des Frankfurter Sportvereins 1880, wenn wir dort, über einige Runden gemeinsam, unsere Runden drehten. Bei diesen Gelegenheiten erzählte er immer noch von seinen Projekten, etwa von dem Benjamin-Handbuch, in das er viel Arbeit und Energie investiert hatte, 2006 erschienen, seiner Arbeit an der kritischen Gesamtausgabe der Benjaminschen Schriften. Aber auch, und in den letzten Jahren immer häufiger, von seiner Familie, seinen Söhnen, auf die er stolz war, seinen Enkeln, über die er glücklich war. Burkhardt Lindner lief regelmäßig auf dem 1880, Wind und Wetter ungeachtet, seine Bahnen, immer eine von ihm festgelegte Zeit, dreißig Minuten. Selbst am Abend vor seinem Tod hat er dort noch einmal seine Runden gedreht. Auch dort wird er fehlen. Aber weiß Gott nicht nur dort. Als wir uns das letzte Mal trafen, es ist einige Wochen her (ich war durch einen Muskelfaserriss verhindert), hatten wir endlich wieder einmal ein Familientreffen verabredet. Dazu wird es nicht mehr kommen. „Auf Halbmast“ heißt ein kurzes Stück aus Benjamins „Einbahnstraße“, das den Prozess beschreibt, der auf den Tod eines uns nahestehenden Menschen folgt und mit dem Satz endet: „Wir grüßen ihn zuletzt in einer Sprache, die er schon nicht mehr versteht.“

Bei Faust Kultur gibt es die Aufzeichnung eines Gesprächs zwischen Alexander Kluge und Burkhardt Lindner, naturgemäß über Walter Benjamins Passagen-Werk. Hier können wir die souveräne Gelassenheit des weltbekannten Benjamin-Forschers noch einmal erleben.

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erstellt am 09.1.2015

Burkhardt Lindner