Die finnische Dichtung befindet sich seit einigen Jahren in einem dynamischen und vielversprechenden Umbruch. Dabei entstehen auch außerhalb von Helsinki Zentren für zeitgenössische Lyrik. In seinem Text über die jüngsten Entwicklungen finnischer Lyrik wirft der audiovisuelle Performer und Dichter Max Oravin einen perspektivenreichen Blick auf das Verlagskollektiv „Poesia“ und die „Helsinki Poetry Connection“. An ausgewählten Texten in englischer Übersetzung verdeutlicht er, welche Kraft der noch weitgehend unbekannten finnischen Lyrik innewohnt. Damit wird die Reihe „Babelsprech.International“ eröffnet, die von Max Czollek und Max Oravin auf Faust-Kultur betreut und herausgegeben wird.

Lyrik

Junge finnische Dichtung: eine Annäherung

Von Max Oravin

Dezember 2013

In den letzten Monaten habe ich hauptsächlich in Finnland gelebt. Ich bin ein paar mal aufgetreten, habe Lesungen und Performances besucht und mit vielen Dichtern gesprochen. Langsam, im Laufe der Wochen, hat sich in mir ein Bild der zeitgenössischen Dichtung kristallisiert. Es ist ein vages Bild, nicht mehr als eine Skizze: Meine noch embryonale Beherrschung der finnischen Sprache macht mich von äußeren Eindrücken und Informationen aus zweiter Hand abhängig. Ich hoffe, dass diese Skizze dennoch die vibrierende Szene dieses kleinen Landes andeuten kann. Dabei möchte ich mich auf zwei in meinen Augen bedeutende Phänomene gegenwärtiger Dichtung konzentrieren: die Szene rund um den Kleinverlag Poesia und die Veranstaltungen der Helsinki Poetry Connection.

1. Poesia: ein Verlagskollektiv in Jyväskylä

Für finnische Verhältnisse ist Jyväskylä mit seinen etwa 130.000 Einwohnern eine ausgewachsene Stadt. Ein Viertel davon sind Studenten. Das alte hölzerne Stadtzentrum wurde in den Fünfzigerjahren eingerissen und zubetoniert, und trotz der Nähe der unvermeidlichen Seen und Wäldern ist es schwer, dem Lärm der Autobahnen zu entkommen. Hier wird Eishockey gespielt, vor monströsen Einkaufszentren gesoffen, vor Studentenbars geprügelt. Und doch wurde diese unscheinbare Stadt im letzten Jahrzehnt zum neben Helsinki wohl wichtigsten Zentrum finnischer Dichtung.

Für Dichter gibt es in Jyväskylä zwei zentrale Treffpunkte. Der eine ist die einzige Künstlerbar der Stadt: Vakiopaine. Hier finden neben Konzerten und den allabendlichen Besäufnissen häufig Lesungen statt. Bei den unregelmäßig stattfindenden Open Mikes etwa ist es schwer, einen Sitz- oder auch nur Stehplatz zwischen den aufmerksam lauschenden Gästen zu ergattern. Und fast alle in Finnland neu erscheinenden Gedichtbände werden irgendwann von den Autoren selbst in Vakiopaine präsentiert.
Der zweite wichtige Treffpunkt ist Kirjailijatalo, das “Schriftstellerhaus”, ein etwa hundert Jahre altes Holzhaus im Universitätsviertel. Hier kann man in Literaturzeitschriften blättern, hier werden Lesungen gehalten, hier finden Sitzungen von Literaturvereinigungen statt. Das Haus steht Schriftstellern aus dem In- und Ausland als Residenz offen, meist ohne komplizierte Bewerbungsverfahren. Und manchmal darf ein verarmter Nachwuchsdichter einige Monate oder auch Jahre wohnen bleiben, da fragt niemand so genau nach. Wie in Vakiopaine sind auch die Veranstaltungen Kirjailijatalos überraschend gut besucht. (Dass mit Dezember 2013 der einzige feste Mitarbeiter des Schriftstellerhauses gekündigt wurde und ein spontaner Besucher seither meist vor verschlossenen Türen steht, gefährdet die Bedeutung dieses Begegnungsortes enorm.)
Kirjailijatalo wird vom Keski-Suomen Kirjailijat r.y., dem zentralfinnischen Schriftstellerverband, zur Verfügung gestellt. Diese staatliche Organisation leitet auch das für mich bemerkenswerte Ateljee-Kritik-Projekt: Schriftsteller bekommen einen kleinen Unkostenbeitrag, wenn sie die Manuskripte ihrer Kollegen lesen und kritisieren. Der Einstieg für Nachwuchstalente in die Szene wird somit bedeutend vereinfacht: Schnell findet sich ein bereits etablierter Dichter, der sich mit dem ersten Manuskript eines jungen Dichters beschäftigt. So bekommen die jungen Dichter, anstelle der üblichen formalen Ablehnungsschreiben, eine ehrliche, harsche Kritik. Und die etablierten Dichter behalten Überblick über die gegenwärtige Poesie und aufkeimenden Talente. Das Projekt wurde von Risto Niemi-Pynttäri initiiert, einem Professor für finnische Literatur an der Universität Jyväskylä, der die gegenwärtige Dichtung aufmerksam mitverfolgt. Im Moment ist er in den Aufbau einer neuen Schreibschule in Helsinki involviert. Dabei sucht er Inspiration auch im deutschsprachigen Raum: In einer Gastprofessur an der Wiener Universität im Sommersemester 2013 hat er die Wiener Schule für Dichtung kennengelernt, und eine Reise im Winter 2013 führte ihn zum Deutschen Literaturinstitut Leipzig.

Im Kirjailijatalo hält auch ein auf Dichtung spezialisierter Kleinverlag seine Sitzungen ab: Poesia. Poesia ist ein Kollektiv, von Dichtern selbst geführt. Der Verlag ist seit einigen Jahren im Besitz einer eigenen Druckerpresse und stellt Gedichtbände von hoher Qualität und Schönheit her, die in den großen Verlagshäusern Finnlands keine Existenzmöglichkeit fänden. Sämtliche Bücher sind dabei kostenlos als Download auf der Homepage des Verlages verfügbar, in Kombination mit den bibliophilen Ausgaben eine zeitgenössische Vertriebsform in der aufdämmernden Zeit raubkopierter E-Books.
Seit den späten 2000er-Jahren krempelt Poesia die finnische Dichtung um. Lange nur Insidern bekannt, folgte im Jahr 2013 erstmals auch öffentliche Anerkennung. Der Verlag und seine Autoren gewannen den zentralfinnischen Förderpreis für Literatur, den Runeberg-Preis und den Helsingin-Sanomat-Literaturpreis. Helsingin Sanomat ist die größte Tageszeitung Finnlands: Die junge Dichtergeneration ist somit ins Blickfeld einer breiten Masse von Lesern gerückt.

Vor gut zehn Jahren, das höre ich immer wieder, sahen die Bedingungen für zeitgenössische Lyrik anders aus. Es gab keinen einzigen unabhängigen Kleinverlag, und die vier großen Verlagshäuser behandelten die Dichtung stiefmütterlich. Austausch mit den europäischen oder amerikanischen Szenen fand kaum statt, die finnische Dichtung folgte ihren eigenen Gesetzen. Experimentelle Szenen wie Oulipo, FLARF oder Google Poetry, die für die junge Szene wichtig werden sollte, waren den etablierten Dichtern und ihren Lektoren unbekannt. Die neue Generation begann sich zu vernetzen, unpublizierbare Manuskripte wurden herumgereicht. Erster Anlaufpunkt wurde für viele das bis heute einflussreiche Magazin Tuli&Savu (“Feuer&Rauch”). 1994 gegründet, wurde die Redaktion des Magazins im Jahr 2002 von Leevi Lehto übernommen, einem damals fünfzigjährigen, der neuen Dichtung aufgeschlossenen Lyriker. Die ihm nachfolgenden, jährlich wechselnden Herausgeber stammten selbst aus der jungen Dichterszene und machten Tuli&Savu zur wichtigsten Plattform neuer Lyrik.
Es war auch Leevi Lehto, der 2005 in Helsinki den Verlag Poesia gründete. Er machte sich das aufkommende Book-on-Demand-Verfahren zunutze, um ohne jede Finanzierung die neue, experimentelle, unpublizierbare Literatur zu publizieren. 2007 übergab er die Leitung des Verlags an die Dichter Harry Salmenniemi und Miia Toivio und gründete selbst den ebenfalls auf Book-on-Demand basierenden Verlag ntamo.
Für einige Jahre führte Poesia die anarchische Veröffentlichungsstrategie fort. Dichter wie Teemu Manninen, Henrikka Tavi und Mikael Brygger nutzten Poesia als Experimentierfeld ihrer oft verspielten Dichtung. Harry Salmenniemi, der vielleicht einflussreichste Dichter der jungen Generation, konnte im Jahr 2008 seinen ersten Gedichtband im großen Verlagshaus Otava unterbringen.
Im Jahr 2011 änderte sich Poesia grundlegend: Der nun in Jyväskylä ansässige Verlag bekam eine klare Organisationsstruktur als Kooperativ, geführt von einer Gruppe von Dichtern. Und das Kollektiv begann, Bücher in hoher Qualität und in kleiner Auflage zu drucken. Ein in diesem Jahr veröffentlichter Band war Vastakaanon, der “Gegenkanon”, eine von Juri Joensuu, Marko Niemi und Harry Salmenniemi herausgegebene Anthologie finnischer Dichtung aus den Jahren 2000 bis 2010. Sie stellt heute den wohl besten Einstieg in die gegenwärtige Szene dar.
Seither produziert Poesia Bücher, die zunehmende Anerkennung erhalten: sei es Olli-Pekka Tenniläs Yksinkeltainen on kaksinkeltaista (2012), Übersetzungen des amerikanischen Undergrounddichters Sam Pink in Aion kloonata itseni ja tappaa kloonini ja syödä sen (2013) oder Henriikka Tavis ausdrücklich größenwahnsinniges Projekt, im Jahr 2013 je einen Gedichtband pro Monat herauszugeben (Teossarja 12). Mit den oben erwähnten Preisen hat sich Poesia nun offiziell im finnischen Literaturleben etabliert.

Auch ntamo, der Verlag des Poesia-Gründers Leevi Lehto, bemüht sich weiter um die Förderung der finnischen Dichtung, wenn auch in anderer Ausrichtung als Poesia. Der Verlag produziert weiterhin ausschließlich per Book-on-Demand und veröffentlichte auf diese Weise allein im Jahr 2013 über fünfzig neue Bücher. Viele kritisieren diesen enormen Output. Eine heftige Debatte darüber fand im Herbst 2013 in den Feuilletons und Internetforen statt und wurde als “ntamogate” bezeichnet. Eine versöhnliche Meinung hat etwa die einflussreiche Kritikerin Maaria Pääjärvi formuliert: ntamo produziere zwar eine hohe Anzahl schlechter Bücher, gleichzeitig aber auch Jahr um Jahr einige hervorragende Gedichtbände. Und dafür gebühre dem Verlag Anerkennung.
In den letzten Jahren wendet sich Herausgeber Leevi Lehto mit ntamo zunehmend von der experimentellen Strömung aus den Anfängen von Poesia ab, die, wie er wohl treffend bemerkt, mittlerweile im finnischen Literaturleben etabliert ist und keine Lobby mehr benötigt. Weiterhin finden in seinem Verlag Stimmen Gehör, die zu verstummen drohen.

*

Im Folgenden möchte ich einige der im Umkreis von Poesia aktiven Dichter vorstellen.
Hier, wie im nächsten Kapitel dieser Annäherung, ist die Auswahl der zitierten Gedichte der Verfügbarkeit von Übersetzungen und nicht unbedingt der Gewichtung innerhalb der finnischen Dichtungsszene geschuldet. Sämtliche Übersetzungen sind auf Englisch wiedergegeben.

Harry Salmenniemi ist vielleicht der einflussreichste experimentelle Dichter der jüngeren Generation. Obwohl er die Geschichte von Poesia entscheidend mitgeprägt hat, erscheinen seine Bücher im großen Verlagshaus Otava. Sein zweites Buch, Texas, sakset (Otava 2010), wurde mir gegenüber oft als Klassiker der neuen finnischen Dichtung bezeichnet.

Many people have loved
me, but none have been
an open field. Cucumbers;
somewhat plump calves.

(aus Runojä, Otava 2011. Übersetzt von Teemu Manninen. Weitere Gedichte aus diesem Band finden sich, vom Autor gelesen und mit englischer Übersetzung, auf lyrikline.org)

(…) The dull clank of metal on bone,
strikes at various consciousnesses, sometimes in Iceland,
near the coast, whale bones and tanks.
I saw a black-and-white picture of the waves,
and from then on I’ve thought waves are
black-and-white. No war, no peace will
last forever. The memory stick flashes, a hand
removes it from the computer. An organism must
continue long enough that its limits are exposed.
Sometimes, when you imagine you are a machine, sometimes
when you are a machine. A bottle of mineral water, empty-full, wine
on the floor, you walk naked towards the window.

(aus Kivirivit, Otava 2013. Übersetzt von David Hackston. Ein längeres Zitat dieser Passage ist auf der Homepage Books from Finland veröffentlicht. Dort findet sich auch eine englischsprachige Kritik des Buchs)

V. S. Luoma-aho ist von Philip K. Dick, William Burroughs und Science Fiction ebenso geprägt wie der amerikanischen Language Poetry und dem Kurzgeschichtenschreiber Donald Barthelme. Er ist ein aktives Mitglied des Poesia-Kollektivs.

Sometimes I urinate on the lens of my camera, just to take pictures
of angels. Sometimes I spit on my glasses, so that the world might be filled
with angels. Deep blue is the protecting archangel Michael.
Pink is protecting, unconditional love.
Sometimes the world’s texture is like an axe. Violet represents
the avocado of spirituality. The white in a cucumber is strong
expression. All eyeballs, that have a path or a trail behind them,
move. Pastel shades are ugly colours.

This is a portal /

(aus dem Gedicht “Metatron”. Remora, Poesia 2011. Übersetzt von Teemu Manninen)

Mikael Brygger ist seit Jahren als Organisator und Redakteur prägend für die junge Dichtergeneration. Seine eigene Dichtung steht in der experimentellen Tradition von Oulipo und FLARF.

Wolf

Sol: Lo owl of flow
solo so low, o follow

(aus Emily, Poesia 2008. Original in Englisch)

Béatrice

where may is b B be bee
may plus be may minus be
may times be may divided be
now what about Cassandra?

(aus Emily, Poesia 2008. Original in Englisch)

Olli-Pekka Tennilä, der 2013 den renommierten Runeberg-Preis für finnische Dichtung gewonnen hat, ist stark von Paul Celan beeinflusst und hat eine hohe Kunst des Wortspiels entwickelt: eine, wie er sie nennt, “homonymische logik”. Der Möglichkeit einer Übersetzung einer solchen Dichtungsart steht er selbst skeptisch gegenüber. Obwohl einer der einflussreichsten Dichter der jungen Generation, sind seine Gedichte bislang nur auf Finnisch verfügbar.

Kristian Blomberg ist Dichter, Herausgeber und Übersetzer (unter anderem von Stéphane Mallarmés Würfelwurf). Von seiner fragmentarischen, philosophischen Dichtung gibt es noch keine Übersetzungen.

Pauliina Haasjoki ist Teil des Poesia-Kooperativs. Ein kurzer Artikel über sie mit eingewobenem Interview findet sich auf Books from Finland.

I t   s o   h a p p e n e d   that they sat on the roof of the boat and arched
over the water in their delight, the sea carried them somewhere. The boat was
light to steer and understood like a horse; they were able to
lean, laugh and become drunken. There are no words for this.
The surface so steep that eyes had to be closed, the tender core
that splits almost immediately, for example humility.

Slow sounds break the water like long oars, and the long
ship slips forward. Enormous oars hit the water far away,
travel just below the surface, are lifted, drip,
are jerked backwards. Steady, narrow, powerful oars.

(aus Aallonmurtaja, Poesia 2011. Übersetzt von Hildi Hawkins. Weitere Passagen aus diesem Buch sind auf Books from Finland veröffentlicht)

Teemu Manninen ist seit Jahren als Dichter, Übersetzer und Herausgeber aktiv. Er ist Teil des Poesia-Kollektivs. Seine intensive Beschäftigung mit den Methoden der Dichtung, von alten Versformen bis hin zu postmodernen Kompositionstechniken, gab und gibt entscheidende Impulse für die zeitgenössische finnische Dichtung.

The larvae of the orange underwing crawl out of currant leaves in the spring,
barklice, blackflies, spiders from the entrails of plants rouse from torpor, the
sedge and the reed warblers,

the water fleas of a low-water pond, gnats delivering parasites, and
comformity, the yells of Biblical monkeys, spawn. Hedgehogs begin to move.
Under the arches

the great horned owl Apathy has eaten our spirits, even if I change her water
every week, but everywhere hundreds of grasshoppers are chirping, small
lizards with slimy feet in the cut pebble,

the dolphins of the sweet waters, turtles and crocodiles thrive as white water
surges down rapids and falls. Splashing is heard in the gloom of the fish.

(aus dem Gedicht “The Great Horned Owl”. Übersetzt vom Dichter)

Henriikka Tavi hat den Poesia-verlag von Anfang an mitgestaltet. 2007 gewann sie für ihr beim Teos-verlag erschienenes Debut Esim. Esa den Helsinki-Sanomat-Literaturpreis. Auf Books from Finland ist ein kurzer, englischsprachiger Essay über sie veröffentlicht.

But I write not to release my grip; I’m writing
to hold on to you. Perhaps you too need contact,
though you no longer exist. Perhaps you’re cold,
though you no longer exist. Perhaps you feel ill,
though you are no longer. Though you are no longer, I
shall write to you. I remember what you look like.

I remember things so little.

(aus Toivo, Poesia 2011. Weitere Ausschnitte aus diesem Gedichtband auf Books from Finland)

Miia Toivio führte den Poesia-Verlag von 2007-2009 gemeinsam mit Harry Salmenniemi.

Would we could arrive
of questions unburdened
somewhere

where our toes drop off
and our cheekbones, outlines.

Would there were a place
where warmth came quickly.

(aus Pysty hiljaisuus, Teos 2013. Übersetzt von David Hackston. Weitere Ausschnitte aus diesem Gedichtband finden sich auf Books from Finland, ebenso eine englischsprachige Kritik des Buchs)

Marko Niemi ist Dichter, Übersetzer, Veranstalter und Mitarbeiter des Poesia-Kollektivs. Er hat jahrelang mit digitaler Poesie experimentiert. Einige seiner englischsprachigen, teils interaktiven Internetgedichte finden sich auf logolalia.com, unlikelystories.org, rhizome.org und der Homepage von Poesia.

Mari Laaksonen gewann den finnischen Poetry Slam 2013. Sie ist eine der Organisatoren des Ateljee-Kritik-Projekts in Jyväskylä.

It’s not delusion that repeats. The white sheep shaped pillow under your desk
is a cat every time your gaze hits. Again and again under your desk
a microsecond of recognition and a perfect image in your brain.

Like the screaming voice of a man from the next room. The body is ready
before the sound is born. Doesn’t understand the world where the human sound is not
a sufficient condition of being.

(aus Galleria Noesis, ntamo 2013. Übersetzt von der Dichterin. Eine englisch untertitelte Performance eines weiteren Gedichts, “this kind of stone”, ist auf Youtube verfügbar)

Erkka Filander ist ein eigenwilliger, gerade zwanzigjähriger Dichter. Wie man mir erzählt, verließ er im Alter von fünfzehn Jahren die Schule, um sich konzentriert dem Schreiben zu widmen. Anders als seine etwas älteren Kollegen ist er stark von den englischen Romantikern wie etwa John Keats geprägt. Im Herbst 2013 gewann er für sein bei Poesia erschienenes Debut Heräämisen valkea myrsky (“Weißer Sturm des Erwachens”) den Helsinki-Sanomat-Literaturpreis und ist damit auch einer breiten Leserschicht bekannt geworden.
Von seinen Gedichten liegt noch keine Übersetzung vor.

Leevi Lehto ist in den frühen Fünfzigerjahren geboren, doch sein Einfluss auf die junge Generation ist unbestritten. An seiner Poetik reiben sich noch heute die finnischen Dichter. Auf leevilehto.net sind einige seiner Essays übersetzt, vor allem auch der einflussreiche “In the Beginning Was Translation“.

2. Helsinki Poetry Connection: Dichtung und Performanz

Im August 2013 wurde ich nach Helsinki geladen, um im Rahmen des Runokuu-Festivals eine kurze audiovisuelle Performance zu halten. Die Veranstaltung fand in einem Restaurant im ehemaligen Industriegelände Suvilahti statt, heute ein wichtiges Kulturzentrum. Die Intensität des Abends hat mich beeindruckt: Weit über hundert Menschen lauschten einem dichten Programm von finnischen und internationalen Künstlern. Poesie wurde geschrien, gesungen, von Videos illustriert, und im den Abend beschließenden Open Mike zeigte sich eine enorme Vielfalt an im Publikum schlummernden Talenten.
Eine ähnliche Intensität sowohl in der Darbietung als auch in der Aufmerksamkeit des Publikums erlebte ich einige Tage später in der von den Kaurismäki-Brüdern geführten Dubrovnik-Bar im Zentrum Helsinkis, eng in die Zuhörermenge gepresst, um Atemluft bangend. Wörter woben sich in improvisierte Musik, ein Kollektivroman wurde vorgetragen, und eine für mich besonders bemerkenswerte Gruppe dreier Dichter (Tuomas Timonen, Eino Santanen und Matti Kangaskoski) verschmolz unter dem Namen “Black Mödernism” Dichtung, Klangkunst und Diaprojektionen zu einem düsteren, vollkommenen Gebilde. Das Publikum reagierte mit einer für Dichtungsveranstaltungen seltenen Euphorie.

Mitveranstalter des Runokuu-Festivals war die Helsinki Poetry Connection, die seit einigen Jahren die Dichtungsszene Helsinkis prägt. Das Kollektiv wurde im Jahr 2008 vom Dichter und Performer Harri Hertell gegründet und verschrieb sich von Anfang an der mündlichen Dichtung in all ihren Formen: gesprochen, gerappt, gesungen. Diese auf Performanz im weiteren Sinn ausgerichtete Dichtung nennt man in Finnland “lavarunous”, Bühnendichtung. In der kürzlich erschienenen Anthologie der Helsinki Poetry Connection schreibt Kasper Salonen, seit 2013 Vorstandsdirektor des Kollektivs:

“Poetry exists all around us in myriad forms – from the collections and anthologies lining the shelves of bookshops to the objets trouvés of newspaper layout text art or the sprawling interactive poems found online – but on the stage (both proverbially and literally) it gains an element of sustained immediacy that is unattainable in any other setting.”

(Lava-antologia, Poesia 2013, S. 11. Original in Englisch)

Es geht um die dem gesprochenen Dichterwort eigenen Qualitäten. Im dünn besiedelten Finnland sind die verschiedenen Szenen eng miteinander verwoben: Die Anthologie wurde auf Poesia veröffentlicht, und Poesia-Dichter finden sich immer wieder auf Veranstaltungen der Helsinki Poetry Connection. Aber es gibt einen Unterschied der Gewichtung, eine Abgrenzung zu den meisten, vom Schriftbild besessenen Poesia-Dichtern. Die Lava-Anthologie wurde wohl auch deswegen mit gemischten Gefühlen aufgenommen, weil sie das gesprochene, gebrüllte, gerappte Wort in das Format eines klassischen Gedichtbands zu pressen versucht. Ein Dokumentarfilm oder eine Serie von Audiomitschnitten könnte dem Phänomen der Helsinki Poetry Connection weit eher gerecht werden.

Seit den Achtzigerjahren gibt es in Finnland eine Renaissance von Dichterlesungen, vor allem in Turku und Jyväskylä. Diese Lesungen blieben einem kleinen Kreis von Liebhabern vorbehalten. Die Helsinki Poetry Connection aber und mit ihr verwandte Organisationen der Hauptstadt (etwa Turun Runoviikko, Nihil Interit, Kirjan talo und Nuoren Voiman Liitto) plazieren Dichtung wieder in die Mitte der zeitgenössischen Kultur, offen für Einflüsse des Rap, der experimentellen Musik, der Film- und Performancekünste. Und die Aufmerksamkeit der Künstler anderer Sparten für die neue Art des Vortrags ist groß. Es ist interessant, dass auch ein der Performance fernstehender Dichter wie Harry Salmenniemi zunehmend mit modernen Komponisten und Avantgardefilmemachern zusammenarbeitet. Vielleicht zeichnet sich hier die nächste Phase der finnischen Szene ab: Dichtung, befreit von der Zwangsjacke des Literaturbetriebs.

*

Im Folgenden findet sich eine kleine Auswahl der unzähligen Protagonisten aus dem Umkreis der Helsinki Poetry Connection. Auch einige der bereits im Poesia-Kapitel vorgestellten Dichter könnten hier aufgenommen werden: Teemu Manninen etwa hat die Helsinki Poetry Connection von Anfang an mitgeprägt.
Anders als im vorherigen Kapitel können diese Ausschnitte nur ein dürftiges Bild der Intensität und meist hohen Qualität der auf Performanz ausgelegten Lyrik geben. Adäquate Videodokumentationen existieren noch nicht.

Harri Hertell ist Gründer der Helsinki Poetry Connection und als Dichter, Spoken-Word-Musiker und DJ aktiv.

We’ll hammer nails into two-by-fours
and irreverent coats of arms behind locked doors,
bring about world peace at the push of a button,
for a song by a nightingale long since gone
where this city was born.
The king’s carriage creaks past childhood traumas,
summer loving unfulfilled, unchecked,
that the music man on Fifth & Frederick
waters with his tin pan watering can
where the tramlines intersect

(übersetzt von Kasper Salonen)

Kasper Salonen ist ein zweisprachiger Dichter und Veranstalter. Im Januar 2013 wurde er zum ersten Vorstandsdirektor der Helsinki Poetry Connection in ihrem neuen Status als gemeinnütziger Verein gewählt.

but on the night of the first snow
through clouds or windows or treetops
they say lightning sparked a bright tear
blue as a glimpse of a nightmare, or paradise,
on the sky & upturned eyes.
and that’s how winter raged in on us
soft & electric: without thunder
or the noise of vanishing colours.

(aus dem Gedicht “winter current”, Lava-antologia, Poesia 2013. Original in Englisch)

and twitch, regress to find truth and switch one verb for another,
one melancholy or jolly electronicandid doing word decking the halls with boughs of holly
and whole shrouds of folly, the impenetrable lisps that dog our every whisper and step

(vom Dichter zur Verfügung gestelltes Zitat. Original in Englisch.)

Juho Nieminen ist vierfacher Gewinner des Helsinki Poetry Slams und seit der Gründung aktiv in der Helsinki Poetry Connection. Von ihm liegen keine Übersetzungen vor.

Juho Kuusi ist Dichter und Rapper. Er gewann den finnischen Poetry Slam 2013. Seine Aufnahmen sind auf Soundcloud verfügbar.

my skull to someone who likes to crack bones
my hands to the freezing hunter who has no hands to cut wood
or who is so busy feeding hungry mouths
that he only has the time to think about others

(aus dem Gedicht “Testamentti”, aufgeführt beim Coupe du Monde Poetry Slam 2013, Paris. Ein Video der Performance mit eingeblendeter Übersetzung findet sich auf dailymotion.com)

Matinpoika ist Dichter und Rapper. Von ihm sind keine Übersetzungen verfügbar. Seine Aufnahmen finden sich auf Soundcloud.

Eli Solana ist der Künstlername der Dichterin und Musikerin Elina Salo. Von ihr sind keine Übersetzungen verfügbar. Ihre Aufnahmen finden sich auf Soundcloud.

*

Es wäre unmöglich, all die Menschen zu nennen, die mir in den vielen, oft beiläufigen Gesprächen Informationen zur finnischen Dichterszene gegeben haben. Stellvertretend möchte ich an dieser Stelle meinen Hauptinformanten danken, die Fragen über Fragen geduldig beantwortet haben: Mari Laaksonen, Harry Salmenniemi und Kasper Salonen. Etwaige Fehler oder Verzerrungen liegen selbstverständlich alleine in meiner Verantwortung.
Dank auch an V. S. Luoma-aho und Kasper Salonen für die Versorgung mit Übersetzungen, ohne die mir das Schreiben dieser Annäherung unmöglich gewesen wäre.

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erstellt am 08.1.2015

Das Projekt Babelsprech ist ein zweijähriges, selbstorganisiertes und durch öffentliche Gelder finanziertes Projekt, dem es um die Vernetzung junger LyrikerInnen aus Deutschland, der Schweiz und Österreich geht. Nach einem ersten Treffen junger LyrikerInnen im September 2013 in Lana (Südtirol) finden regelmäßig Live-Lesungen in den drei beteiligten Ländern statt. Das Projekt endet mit der Herausgabe von Lyrik von Jetzt 3 durch die Kuratoren im Wallstein Verlag. Kuratoren sind die Autoren Robert Prosser (Österreich), Max Czollek (Deutschland) und Michael Fehr (Schweiz). Die Plattform www.babelsprech.org dient der öffentlichen Darstellung junger AutorInnen sowie der gemeinsamen Diskussion und gegenseitigen Information.

Die Reihe Babelsprech.International erweitert den babelsprech-Kreis junger deutschsprachiger Dichtung. Sie befasst sich mit der Darstellung von Lyrikszenen in bestimmbaren Orten. Diese können geographisch sein (Brasilien, Finnland, etc.) oder aber Bezogen auf ein bestimmtes Feld (wie z.B. der Gastbeitrag von Fullstop zum lyrischen Ich im Internet zeigt). Diese Erweiterung bilden wir auch organisatorisch ab: das Hilda Magazine, das US-amerikanische Magazin Full Stop und die holländische Seite Samplekanon und die Slowenische Seite I.D.I.O.T. sind Teil einer Kooperation, die sich der internationalen Vernetzung widmet.