Die Silvestergala des Stuttgarter Balletts, die Ballettdirektor Reid Anderson in seinem gebrochenen Deutsch persönlich ansagte, bestand aus fünfzehn kurzen Stücken und dauerte dreieinhalb Stunden. Zum Schluss gab es großen Jubel, Luftballons und herzliche Wünsche für 2015, berichtet Thomas Rothschild.

Ballett

Fifteen not quite easy pieces

Von Thomas Rothschild

Silvestergala 2014 des Stuttgarter Balletts: Schlussapplaus © Stuttgarter Ballett

Der gute Ruf des Stuttgarter Balletts weit über seinen Standort hinaus ist eng mit dem Namen John Cranko verbunden. Aber Cranko ist mehr als 41 Jahre tot. Normalerweise kann ein Ensemble nicht so lang von einem großen Namen zehren. Wenn das Stuttgarter Ballett auch heute noch eine „Marke“ ist, wenn sein Glanz nicht verblasst ist, so liegt das nicht nur an der Klugheit und Zärtlichkeit, mit der Crankos Hinterlassenschaft verwaltet wurde. Es liegt auch an den Persönlichkeiten, die sich dieser Aufgabe unterzogen – zunächst an Marcia Haydée und nun schon seit 18 Jahren an deren Nachfolger Reid Anderson. Er ist ein Ballettdirektor mit Weitsicht und Leidenschaft, der Traditionen pflegt und zugleich Raum schafft für neue Kräfte und Konzeptionen. Das Publikum dankt es ihm mit fast immer ausverkauften Häusern. Dass Anderson die Ausbildung des Nachwuchses besonders am Herzen liegt, ist ebenso kennzeichnend für seine Tüchtigkeit wie die Tatsache, dass ihn seine besten Mitarbeiter verlassen, um anderswo Ballettdirektoren zu werden – zuletzt Filip Barankiewicz, der ab 2017 das Tschechische Nationalballett leiten wird. Schon 2012 übernahm Christian Spuck die Direktion des Zürcher Balletts, wo er Erfolge feiert, Sue Jin Kang arbeitet seit dieser Saison in der gleichen Funktion beim Koreanischen National Ballett.

Eine weitere Hiobsbotschaft traf die Stuttgarter Fangemeinde erst vor kurzem: Der Startänzer Marijn Rademaker verlässt die Compagnie und kehrt in seine Heimatstadt Amsterdam zurück. Klar, dass die Silvestergala des Stuttgarter Balletts zu einem Abschiedsfest für den beliebten Solotänzer geriet.

Diese bei nicht gerade moderaten Preisen ausverkaufte Silvestergala, die der gewiss nicht publikumsscheue Reid Anderson in seinem gebrochenen Deutsch persönlich ansagte, dauerte mit zwei Pausen dreieinhalb Stunden und war keine Minute zu lang. Sie bestand aus fünfzehn kurzen Stücken, in denen dreizehn von den vierzehn Ersten Solisten plus zwei Gäste zumindest einen Auftritt hatten. Vier Stuttgarter Erstaufführungen und eine Uraufführung von Itzik Galili waren darunter.

Der Abend bot einen repräsentativen Überblick über die Choreographen, die mit der Compagnie arbeiten und sie geprägt haben, über Stilrichtungen und über das Repertoire von abstrakten Studien bis zu den großen Handlungsballetten, aus denen am Ende des zweiten Teils und im dritten Teil vier Kostproben gegeben wurden. Am Anfang stand, wie anders, eine Choreographie von John Cranko, die ihrerseits eine „Hommage à Bolschoi“, also an das klassische Ballett ist. Wie sehr sich das Tanztheater von dieser Tradition entfernt hat, wurde augenfällig, als gleich darauf „Mopey“ des Hauschoreographen Marco Goecke folgte. Bei ihm sind die Arme zumindest ebenso wichtig wie die Beine. Seine typischen fahrigen Armchoreographien haben freilich nichts von jenem raunend-mystischen Schwulst, der seit Mary Wigman und der Eurhythmie seine Anhänger findet wie Birkenstock-Sandalen und vegane Ernährung.

Für Marijn Rademaker hat Marco Goecke vor neun Jahren das Solo „Äffi“ geschaffen, in dem großenteils mit dem Rücken zum Publikum getanzt wird und das Gesicht, wenn es ihm doch zugewandt ist, im Schatten liegt, und das seit seiner Uraufführung zu den Paradestücken des scheidenden Tänzers gehört. Es durfte auch bei der Gala nicht fehlen. Davor sah man ein erst ein halbes Jahr altes Stück von Katarzyna Kozielska, dessen ruckartige Kontraste zur gestischen Musik von Gabriel Prokofiev, dem in England lebenden Enkel Sergej Prokofievs, ebenfalls von der zweckungebundenen Gestik junger Affen im Zoo inspiriert sein könnten.

Als Vermittlung zwischen Goeckes nervöser Modernität und der von Cranko zitierten Klassik kann man „Aus ihrer Zeit“ vom zweiten Hauschoreographen Demis Volpi begreifen. Der Pas de deux, der Birgit Keil, Crankos Primaballerina, gewidmet ist, atmet eine zeitlose lyrische Anmut, ohne in die Nähe des Kitsch zu geraten.

Zur Silvestergala war Marcia Haydée angereist und auch Hans von Manen, der legendäre langjährige Leiter des Nederlands Dans Theater. Von ihm wurden erstmals in Stuttgart die „Variations for two couples“ aufgeführt, in denen man zwei der besten unter den Ersten Solistinnen des gegenwärtigen Ensembles vergleichen konnte: Alicia Amatriain und Anna Osadcenko. Es ist kaum möglich, eine der anderen vorzuziehen. Sie gehören beide zur Spitzenklasse des gegenwärtigen Balletts, nicht nur in Stuttgart.

Ganz anders als die Choreographie, die Hans von Manen mit achtzig Jahren geschaffen hat, wiederum die am Jazzdance orientierte „Allure“ von Demis Volpi, mit der sich Myriam Simon sichtlich erfreut in Stuttgart vorstellte. Zu den Songs, die auf der Bühne gerne ausgebeutet werden, gehört Cole Porters „The Man I Love“. Er wird, unter anderem, für Javier de Frutos „3 with D“ benutzt, live auf der Bühne gesungen und auf der Gitarre begleitet von Dan Gillespie Sells, worüber man nicht unbedingt begeistert sein muss. Wer Sprünge und Pirouetten mag, kam eher bei „Don Quijote“ auf sein Kosten. Es gab heftigen Applaus für die perfekte Technik. Auch die gehört schließlich zum Ballett.

Ganz am Schluss: ein Pas de deux aus John Neumeiers „Kameliendame“ mit der aus Korea angereisten Sue Jin Kang und dem auf den Sprung zum Nederlands Dans Theater ansetzenden Marijn Rademaker. Großer Jubel, Luftballons und herzliche Wünsche für 2015. John Cranko hätte seine Freude daran.

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erstellt am 02.1.2015

The Chambers of a Heart © Stuttgarter Ballett

Don Guijote (Pas de deux) © Stuttgarter Ballett

Variations for two Couples © Stuttgarter Ballett