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Buchkritik

Ein Raum ohne Bücher ist wie ein Körper ohne Seele

Von Jürgen Lentes

Alexander Pechmanns kleine Enzyklopädie Das Haus des Bücherdiebs erzählt von Lust und Fluch des Büchersammelns

»Wer dieses Buch stiehlt,
Soll den Tod erleiden,
Soll im Kessel gekocht werden,
Soll von Fallsucht und Fieber heimgesucht,
Aufs Rad geflochten und gehängt werden.
Amen.«

Diesen Bannfluch aus einer Bibelhandschrift des 12. Jahrhunderts zitiert der 1968 in Wien geborene Übersetzer, Herausgeber und Übersetzer Alexander Pechmann in seinem gelehrten und anregendem Büchlein Das Haus des Bücherdiebs. Die Grenzen der Bibliophilie zur Bibliomanie sind so fließend wie auch die Definition des Stehlens. Es gab und gibt Menschen, denen es darum ging und geht, Exemplare eines seltenen Buches zu vernichten, bis auf das eigene, damit es niemand sonst besitze. Oder sie klauen seltene Exemplare, um das „Ich (fast) Allein-Gefühl“ zu haben. Andererseits: „Diebe“ haben in früheren Zeiten Bücher aus heruntergekommenen Klosterbibliotheken mitgehen lassen, um sie der Nachwelt zu erhalten. Die einen sind monomanische Egoisten, die anderen Exemplare einer zugegebenermaßen skurrilen Brüderschaft, die Freude daran empfinden, ihr persönliches Universum mit anderen zu teilen.

Im Gegensatz zu Sokrates, der das menschliche Gehirn höher schätzte als das „Buch“, liebt Alexander Pechmann die Bücher. Und die Menschen. Er gehört eindeutig zur oben skizzierten zweiten Kategorie. Wenn er ein Haus hätte, so Pechmann, dann würde er das sammeln, was links liegen gelassen, von den Mächtigen mit Auslöschung bedroht und von manisch besitzergreifenden Menschen dem Zugriff anderer Leser entzogen worden ist: „Mich interessiert das Vergessene, Erfolglose, das vom Kanon Ignorierte und vom Zeitgeschmack Beiseitegeschobene […] Ich träume von einem Bücherasyl! Eine Unterkunft für Bücher, die auf Kaffeehaustischen liegengeblieben sind oder achtlos in Zugabteilen zurückgelassen wurden, die auf herbstlichen Parkbänken und in elenden Wühlkisten Wind und Wetter ausgesetzt waren, und solchen, die in Altpapiertonnen geworfen wurden: Bücher, die Menschen gehörten, die nichts mit ihnen anzufangen wussten, weil zum Lesen angeblich keine Zeit war; Bücher, die in letzter Sekunde vor dem engstirnigen Eifer religiöser Fanatiker und politischer Ideologen gerettet wurden; Bücher von den Schreibtischen rotäugiger Zensoren, die darüber bestimmen wollten, welche Wahrheit gilt und welche Geschichte überleben darf; Bücher, die vor der Gier jener Sammler in Sicherheit gebracht wurden, die ihre wohlbehüteten Exemplare weder lesen noch verschenken wollten, sondern nur ihren materiellen Wert schätzten; Bücher, die als unverkäuflich, unlesbar, obskur und uninteressant beschimpft wurden – und jene Jammergestalten aus vergilbtem Papier, die jahrelang in der dunklen Ecke des obersten Regals einer Buchhandlung oder eines Antiquars vergeblich auf einen geneigten Leser warteten.“

Zugegeben, das ist ein weitgespannter Traum für eine potentiell einzurichtende Bibliothek, die vermutlich vollkommen neue Ordnungskriterien erfordern würde. Sie werden sich aber wundern, sollten Sie dieses Buch erstehen und denn auch lesen, was Menschen sich alles einfallen lassen, um ihre Buchschätze in eine Ordnung zu bringen.

Pechmann also würde die Türen seiner Bibliothek den Bücherfreunden nicht verschließen, so wie auch Mirko Schädel, der Verleger der Achilla Presse seine einzigartige Sammlung zur Kriminalliteratur in einer selbstausgebauten Scheune in Butjadingen Forschern und Lesern zugänglich macht.

In Pechmanns kleinen Essays begegnen wir dem „Bücherfresser“ Antonio Magliabechi, einem gelernten Buchhändler, der mit einem phänomenalen Gedächtnis gesegnet war und dem 1673 von Cosimo III. die Leitung der Palastbibliothek in Florenz übertragen wurde. Magliabechi stellte seine immense Belesenheit, seine herausragende Fähigkeit, Querverbindungen und Verweise aus dem Ärmel zu schütteln (quasi das Computer-Netzwerk auf zwei Beinen seiner Zeit) stets in den Dienst der Menschen, die sich ratsuchend an ihn wandten. Ein eigenes Werk hat er nicht hinterlassen, die gelehrten Bücher seiner Zeit sind indes voll mit dankbaren Widmungen. „Magliabechi lebte in einer Bücherhöhle, saß auf Büchern, schlief auf Büchern“, so Pechmann – ein Einzelgänger, der aber wohl in aller Regel stets freundlich und hilfsbereit sein Wissen weitergab. Hohe Zeit, diesen Mann als Schutzheiligen und Leitbild der Bibliothekare, Antiquare und Buchhändler zu inthronisieren. Denn, wer kennt sie nicht, diese selbstgefälligen, arroganten Vertreter, die glauben, die öffentliche Bibliothek sei ihr persönliches Eigentum oder sie wären die einzigen, die zu wissen glauben, was der Kunde zu lesen habe.

Ein Mann hatte in diesem Kontext eindeutig den Beruf verfehlt, ganz sicher: Charles Chadenet, der „König der Buchhändler“, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen berühmten Laden in Paris besaß; einer, der die Bücher lieber selber las, statt sie zu verkaufen. Jeder potentielle Kunde hatte eine subjektive „Aufnahmeprüfung“ zu bestehen, um nicht aus der Bücherhöhle in der Nähe des Seine-Ufers in kürzester Zeit wieder verwiesen zu werden. Und über die Möglichkeit des Kaufens von Büchern war da aber noch nicht entschieden. Chadenet war ein Experte der Entwicklungs- und Kolonialgeschichte, sein manisches Interesse daran wurde gespeist von einem unerschöpflichem Hass auf das britische Empire, das allen „humanitären Bestrebungen der Grande Nation“ in Übersee den Garaus gemacht habe. Sein größter Alptraum war die Vorstellung, dass nach seinem Tode Bücher aus seiner „Buchhandlung“ in britischen Bibliotheken und Antiquariaten auftauchen würden. Allein, es hat nichts genutzt. Nach seinem Tode im Jahre 1938 zog sich die Katalogisierung des Bestandes sehr, sehr lange hin und die Bücher, die sich mit der Entdeckungsgeschichte Kanadas beschäftigten, sind heute im Bestand der Universitätsbibliothek von Harvard zu finden.

Chadenet konnte seine Bücher nicht mit ins Grab nehmen, nicht verhindern, daß seine über lange Jahre erworbenen und eifersüchtig behüteten Schätze in die Hände seines Erzfeindes gelangten. Aber er hat, soweit bekannt, nicht gemordet.

Wie etwa der Mönch Don Vincente, Bibliothekar des Zisterzienserkloster Problet bei Tarragona im Nordosten Spaniens. Einen Einbruch dort nutzte er dazu (da die Diebe über kein bibliophiles Wissen verfügten), sich selbst mit wertvollen Exemplaren aus dem Staub zu machen und in Barcelona ein kleines Antiquariat zu eröffnen. Don Vincente war von dem unstillbaren Trieb gesteuert, Bücher in den Besitz zu bekommen, von denen nur noch ein bekanntes Exemplar existierte. Der Laden eines Kollegen ging schließlich in Flammen auf und neun Kunden dieses Konkurrenten wurden ermordet. 1836 wurde Don Vincente hingerichtet. In der Erzählung Bücherwahn setzte ihm der junge Gustave Flaubert ein Denkmal.

Mit diesen und vielen anderen, mehr oder weniger sympathischen Menschen macht uns Alexander Pechmann bekannt – Menschen, die in ihren Bücherwelten lebten, mehr oder minder in Gefahr, die fließenden Grenzen zwischen Bibliophilie hin zur Bibliomanie, der dunklen Schwester, zu überschreiten. Ein Panoptikum des potentiellen Wahns, in dem sich manische Sammler die Bibliotheksklinke in die Hand geben. Unter ihnen solche, die wahllos eine unüberschaubare Anzahl von Büchern anhäuften, um sie in ganzen Straßenzügen, die sie aufkauften, unterzubringen.

Hier und da schleichen sich auch Wesen weiblichen Geschlechts in die seltsame Ahnengalerie von Bücherverrückten ein. Etwa die Viktorianerin Henrietta Bowlders, die es nicht ertrug, dass ihr Gott William Shakespeare „sich in solche Niederungen des zotigen Humors, der primitiven Kraftausdrücke, Blasphemien und erotischen Anzüglichkeiten begeben hatte“. Ihre zensierten Shakespeare-Ausgaben sind heute vergessen, ihre Spuren in der Nachwelt hat sie trotzdem hinterlassen. „to bowdlerize“ bezeichnet in englischen Wörterbüchern die Kürzung eines Textes um anstößige Stellen. Oder Ruth Baldwin, die im 20. Jahrhundert die größte Sammlung von Kinderbüchern weltweit aufbaute, in der aber Kinder, die sie nicht mochte und die sie für verabscheuungswürdige kleine Monster hielt, keinen Zugang hatten. Heldinnen sind natürlich Sylvia Beach, Adrienne Monnier und Harriet Shaw Weaver, die einem der größten Schnorrer in der Welt der damaligen Spitzen-Literaten, James Joyce, mit ihrem verlegerischen Einsatz in punkto Ulysses und der Daueralimentierung des chronisch Verschwendungssüchtigen zu Weltruhm verhalfen.

Die Abstufungen sind sonder Zahl. Hier Menschen, wie der englische Romancier Edward Bulwer-Lytton, der an die heilende Kraft der Lektüre glaubte und eine „Genesungsbibliothek“ aufbaute, die helfen sollte, Krankheiten von der Schwermut bis zur leichten Erkältung zu heilen. Auch Robert Louis Stevenson glaubte an die Magie der Lektüre: An Arthur Conan Doyle schrieb er, daß Die Abenteuer des Sherlock Holmes seine Zahnschmerzen gelindert hätten, auch haben die Geschichten um den größten Detektivs aller Zeiten sich gegen Rippenfellentzündung als sehr nützlich erwiesen. Kurios.

Kurioser aber noch eine Geschichte um den zu seiner Zeit berühmten Astronom und Autor Camille Flammarion. Der machte einmal einer Gräfin ein Kompliment, indem er ihre zarte Haut anpries. „Die Umschmeichelte war von den galanten Worten des berühmten Schriftstellers derart gerührt, dass sie sogleich Vorkehrungen traf: Sie vermachte ihrem Verehrer für den Fall ihres Todes die Haut ihrer Schultern und ihres Rückens als Andenken. Und tatsächlich benutzte Flammarion später das edle Material, um ein Exemplar seines erfolgreichsten Buches, Ciel et terre (Himmel und Erde) damit binden zu lassen.“

Nach der sehr unterhaltsamen Lektüre besuchen Sie den Buchhändler, Antiquar oder Bibliothekar Ihres Vertrauens möglicherweise mit gemischteren Gefühlen als bisher: Magliabechi oder Don Vincente? Wer weiß.

Jürgen Lentes

erstellt am 10.1.2011

Alexander Pechmann
Das Haus des Bücherdiebs
Aufbau Verlag, Berlin 2010

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