Robert Neumann war als Romancier, Parodist und politischer Autor bis in die siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts in der Bundesrepublik durchaus präsent. Danach schien die Zeit sein Werk verschluckt zu haben. Bernd Leukert erinnert an den streitbaren Autor.

Porträt

Der Gute Glaube der Deutschen

Robert Neumann, 1897 in Wien geboren, starb vor vierzig Jahren, am 3. Januar 1975 in München

Ein Hinweis von Bernd Leukert

Sein Werkverzeichnis ist ellenlang, und doch scheint es im schwarzen Loch der Geschichte verschwunden zu sein. Aber schon zu Lebzeiten überdeckten seine frühen Parodien die gewaltige schriftstellerische Arbeit. 1964 bemerkte Rudolf Walter Leonhard: „Neumann, der Parodist, spielt noch mit, noch immer.“ Und im gleichen Jahr begann Robert Neumann, in dem Glauben, das Jahr nicht zu überleben, ein Tagebuch zu schreiben. „Das mußt du noch fertig schreiben“, steht da schon am 1. Januar, „rasch, bevor es dir an den Kragen geht. Wie viele Rechnungen, die bezahlt sein wollen in einem Leben. Wie oft ging es mir an den Kragen – wie viele Tode, die man dann doch nicht gestorben ist. Man ist ein Trotzdemnochimmerlebendiger.“

Dieses Wort, ein Trotzdemnochimmerlebendiger, weist auf ein Thema, das ihn ein Leben lang beschäftigt hat, das ihn fasziniert hat, weil er es nie hat begreifen können, obwohl er es mit spielerischer Virtuosität zu erklären in der Lage war. Gemeint ist jene menschliche Überlebenstechnik, die auf der Verdrängung der eigenen Geschichte beruht, auf der Ignoranz gegenüber dem Unerträglichen und dem Wertverfall erlebten Glücks in der Erinnerung. Die preisgegebene Identität eines Menschen aus Opportunismus oder Not, – das ist das gemeinsame Motiv in den meisten seiner Geschichten, die er zu unwahrscheinlich grotesken Romanen zu verflechten verstand, um dann oft genug vom wahren Schein der Realität überholt und verharmlost zu werden. Nicht zuletzt die genaue Kenntnis solcher skrupelfreien Verwandlungsprozesse machte ihn zu einem routinierten Praktiker psychologischer Strategie, die zusammen mit einem wachen politischen Gespür zur Grundlage seiner Arbeit wurde.

Sein Werk hat, je nach Betrachter viele Gesichter. Mancher wird ihn als großen Parodisten im Gedächtnis haben. Mit seinen literarischen Parodien „Mit fremden Federn“, die zuvor sechzehn Verleger ablehnten, wurde er 1927 bekannt, während er – weil bis dahin erfolg- und mittellos – als Matrose auf einem holländischen Tankschiff unterwegs war. Parodien hat er bis zuletzt geschrieben. Selbst ein ausgezeichneter Stilist, ging er den Drucksachen seiner Zeitgenossen an den Nerv und destillierte ihre stilistischen Markenzeichen mit boshaftem Witz. So besprach er einmal die fiktiven, gesammelten Vorworte von Hermann Kesten – mit einem Vorwort von Hermann Kesten und machte den Vorschlag, die eigentlichen Bücher in Zukunft wegzulassen und überhaupt nur noch Kestens Vorworte zu drucken. Oder er beschrieb in der Manier von Thomas Mann über eine volle Buchseite hinweg prätentiös einen Sturz in den Schnee; oder er wandte die sprachanalytische Methode Arno Schmidts frech auf den Namen Arno Schmidt an, – wobei wenig Schmeichelhaftes herauskam.

Im Sommer 1973 äußerte er, dass ihn die Korruption unserer sogenannten Demokratie ankotze. Er schrieb: „Aber wir müssen mit diesem verrotteten System leben und es zähneknirschend auszumisten versuchen, solange die praktische Alternative der Faschismus ist.“ Neumann, Sozialist und Jude, hatte gegen die Nazis geschrieben, seine Bücher wurden 1933 öffentlich verbrannt, 1934 emigrierte er nach England, wo er acht Bücher in englischer Sprache schrieb. Das Exil war, wie er bekannte, eine „Zeit des Leidens, der Einsamkeit, der Gefangenschaft, der Bomben, der Not und des Todes.“ An den Neandertalern, wie er die Nazis nannte, fand er, wie Karl Kraus, nichts mehr zu entlarven.

Nach dem Krieg zog Neumann in die Schweiz. Von dort aus verfolgte er den real existierenden Stalinismus in Ostdeutschland und die politische Restauration in Westdeutschland. Da gab es genug zu entlarven. Da galt es anzuschreiben gegen die Wiedereinsetzung eben noch nationalsozialistischer Führungskräfte in die Schlüsselpositionen der Bundesrepublik. Und Neumann griff schreibend ein in die demokratisch bemäntelten Geschäfte. In ungezählten Zeitschriftenbeiträgen attackierte er hellsichtig die Weißwäscher aus Politik und Literatur; in seinem Roman „Der Tatbestand oder Der Gute Glaube der Deutschen“ fasste er modellhaft und spannungsreich deutsche Vergangenheitsbewältigung zwanzig Jahre nach Kriegsende zusammen: Ein deutscher Jude bezichtigt sich darin in einer Selbstanzeige der Mitschuld an einem Judenmord und setzt damit einen gerichtlichen Prozess in Gang, der alle daran Beteiligten veranlasst, ihre Biographien im guten Glauben zurechtzubiegen. Wenigstens einmal aber ist er selbst hinters Licht geführt worden, nämlich als er 1966 dem damaligen Bundespräsidenten Heinrich Lübke nachwies, am Bau von KZs mitgewirkt zu haben: Die Dokumente, auf die er sich berief, stammten aus der DDR und waren gefälscht.

Im Vorwort eines seiner Parodienbände bemerkte er: „Was hier demonstriert werden soll, ist die Nichtigkeit aller Spielarten des Engagements. Und, paradoxerweise eben daraus erwachsend, die Wichtigkeit eines sturen, verlachten, verbissenen, verzweifelten Weiter-Engagements, bis – eine trotz alledem nicht hundertprozentig auszuschließende Möglichkeit – vielleicht am Ende doch etwas anders wird.“ Robert Neumann, der politische Schriftsteller, der mit den Altnazis auch eine persönliche Rechnung zu begleichen hatte: Als eines von vielen Motiven mag das vielleicht gelten, doch davon findet man bei ihm nie ein Wort: Dafür immer wieder solche: „Gegen die Welt, in der wir leben, haben wir allerlei auf dem Herzen. Wer da was ändern will, muß politisch sein – wer politisch sein will, braucht Information. Darum ist das probateste Mittel zur Zementierung eines jeden ‚Establishments’ die Informationsverweigerung.“

Der brillante Romancier und Parodist und der streitbare politische Publizist: Robert Neumann hat nicht das eine getan, um das andere zu lassen. Er sah keinen Anlass, Fächertrennung in seine literarische Produktion einzuführen. Vollends klar wird das bei der Lektüre seiner autobiographischen Schriften. Zwei Autobiographien sind von ihm erschienen – 1957 „Mein altes Haus in Kent“ und 1964 „Ein leichtes Leben“; 1929 schon der autobiographische Roman „Sintflut“ und 1968 das erwähnte Tagebuch „Vielleicht das Heitere“. Die Auseinandersetzung mit dem Leben seiner Zeitgenossen war ihm immer wichtig, die Chronik seines Lebens ist das Protokoll seiner Täuschungen und Enttäuschungen, seiner Schwächen und Stärkungen. Die schillernde Anhäufung wahrer Geschichten ist eine Art der Geschichtsschreibung, in der der Autor trotzdem immer noch lebendig ist. Ihn zum Überlebenden zu machen, heißt, ihn lesen. Allzu gefühlige Erinnerungen mochte er ohnehin nicht. So empfand er es als tröstlich, als einst sein achtjähriger Sohn ihm gestand: „Ich bin so traurig, daß du schon alt bist und bald sterben mußt. Ich werde dann eine ganze Woche weinen. Aber mehr nicht.“

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erstellt am 02.1.2015

Robert Neumann
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