Als eine Art Gelegenheitsübersetzung hat der renommierte Übersetzer Hartmut Köhler ein Gedicht von Tudor Arghezi, der in Rumänien als Nationaldichter gilt, verdeutscht. Das Gedicht und die Köhlersche Übersetzung sind hier nachzulesen. Darüber hinaus stellt Stefana Sabin den hierzulande weitgehend unbekannten Dichter vor.

Lyrik

Rettung vor dem bedrohenden Nichts

Der rumänische Lyriker Tudor Arghezi

Von Stefana Sabin

Der Fluss Argeş, der in den Südkarpaten entspringt und in die Donau mündet, hat in der rumänischen Kultur eine besondere Bedeutung, da im Argeş-Tal die älteste Stadt in der Walachei gegründet und das früheste Dokument der rumänischen Sprache gefunden wurde. „Argesis“ ist der archaische Name dieses legendenumwobenen Flusses und daraus bildete sich Ion Theodorescu, der 1880 in Bukarest geboren wurde, das Pseudonym Tudor Arghezi – und legte damit ein Bekenntnis zur rumänischen Geschichte ebenso wie zur rumänischen Sprache ab.

Nachdem er mehrere Jahre als Mönch in einem orthodoxen Kloster gelebt hatte, reiste Arghezi 1905 nach Paris, dann nach Genf, schließlich nach Italien, bevor er 1912 nach Bukarest zurückkehrte und eine rege publizistische Tätigkeit aufnahm. In Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichte er Theaterkritiken, Gedichte, Novellen, politische Pamphlete. Unter der Beschuldigung, an einer von der deutschen Besatzung herausgegebenen Zeitschrift in Bukarest mitgearbeitet zu haben, wurde er 1919 zu einer einjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Nachdem er 1927 einen ersten Gedichtband Cuvinte potrivite (Angemessene Wörter), in dem der Einfluss französischer Lyrik – vor allem Charles Baudelaires, den er ins Rumänische übersetzt hatte – zu spüren ist, und 1929 einen ersten Prosaband Icoane de lemn (Holzikonen) veröffentlicht hatte, begann Arghezi, in lyrischer und narrativer Form autobiographische Elemente zu verarbeiten. So stellte er in dem Roman Poarta neagra (1930, Das schwarze Tor) das Gefängnis als Mikrokosmos dar, in dem alle gesellschaftlichen und intellektuellen Schichten vertreten sind und in dem dieselben verkommenen Regeln von politischer Willkür, Machtmissbrauch und Gewalt gelten wie in der Welt außerhalb des schwarzen Tores. Der naturalistischen Gesellschaftsschilderung unterlegte er eine sozialkritische Nuance, während er zwischen einem sarkastischen und einem ironischen Erzählton wechselte und zu den Figuren stets eine narrative Distanz bewahrte.

Auch in dem Gedichtzyklus Flori de mucegai (1931, Schimmelblumen) griff er auf die Gefängniserfahrung zurück, wobei die lyrische Stimmung wiederum durch kühle Ironie verbrämt war. Mit dem Roman Ochii maicii Domnului (1934, Die Augen Mutter Gottes), in dem er einen romantischen Handlungsrahmen mit religiös-mystischem Inhalt füllte und Elemente des psychologischen Romans verwendete, avancierte er zu einem der renommiertesten Dichter seiner Generation. Populär aber wurde er durch Kindergedichte. Kinderbücher hat Arghezi während seiner ganzen Schriftstellerlaufbahn geschrieben, und sein Gedicht Zdreanţă (Lumpi) über einen schlauen Hund, dem die Herrin abgewöhnt, die frischgelegten Eier zu stehlen und zu fressen, steht seit den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts in den Lesebüchern für Erstklässler. Diese Popularität schützte Arghezi nicht vor politischer Verfolgung durch die deutschfreundliche Regierung während des Zweiten Weltkriegs, und wegen seiner kritischen Pamphlete in Tageszeitungen wurde er zu Zwangsarbeit verurteilt. Nach 1944 wurde er als Nationaldichter gefeiert und fand auch außerhalb Rumäniens Anerkennung als ein Lyriker, der die existentielle Spannung zwischen Gottsuche und Todesbewusstsein zu artikulieren verstand.

Seine Gedichte wurden von namhaften ausländischen Dichtern übersetzt, so von Salvatore Quasimodo ins Italienische und von Anna Achmatowa ins Russische. Arghezi eröffnete der rumänischen Lyrik neue sprachliche Möglichkeiten, indem er Archaismen und Regionalismen mit alltagssprachlichen Ausdrücken zu einer der Moderne angemessenen poetischen Diktion kombinierte. Als ein kanonisches Werk der rumänischen Moderne gilt der Gedichtzyklus Cîntarea omului (1956, Gesang vom Menschen), in dem Arghezi in einem ebenso poetischen wie belehrenden Ton die Entwicklungsgeschichte der Menschheit evoziert und rationalistisches und existentialistisches Gedankengut in Sprachbildern von großer Suggestivkraft formuliert. Trotz eines pathetischen Optimismus sind diese Gedichte Teil einer lyrischen Mythologie, die bis zu dem späten Band Noaptea (1967, Die Nacht) reicht und in der er die Selbsterfindung des Menschen als Rettung vor dem bedrohenden Nichts entworfen hat.

Tudor Arghezi

Zwischen zwei Nächten

Ich habe die scharfe Schaufel in der Stube bei mir eingestochen.
Draußen schlug der Wind an. Draußen war Regen.

Und ich habe die Stube bei mir tief in die Erde aufgegraben.
Draußen schlug der Regen an. Draußen war Wind.

Ich habe die Erde aus der Grube durchs Fenster geworfen.
Die Erde war schwarz, sein Vorhang blau.

Vor den Scheiben ist die Erde aufgestiegen, bis oben hin.
Wie die Welt, so hoch war der Gipfel, und auf dem Gipfel weinte Jesus.

Beim Graben ist die Schaufel kaputtgegangen. Der sie schartig werden ließ, sieh an,
mit steinhartem Gebein war das doch der Vater selbst.

Und ich bin durch die Zeiten dahin zurückgekommen, wo ich hinabgestiegen war,
und in der leeren Stube habe ich mich wieder gegraust.

Und da habe ich hinaufsteigen wollen und auf dem Gipfel sein.
Ein Stern war in den Himmeln. Im Himmel war es spät.

Aus dem Rumänischen von Hartmut Köhler

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erstellt am 26.12.2014

Tudor Arghezi

Tudor Arghezi (1880-1967)
Quelle: Wikipedia / www.comunismulinromania.ro

Quelle: Wikipedia / Hindustanilanguage
Tudor Arghezi

Între două nopţi

Mi-am împlîntat lopata tăioasă în odaie.
Afară bătea vîntul. Afară era ploaie.

Şi mi-am săpat odaia departe subt pămînt.
Afară bătea ploaia. Afară era vînt.

Am aruncat pămîntul din groapă, pe fereastră.
Pămîntul era negru: perdeaua lui, albastră.

S-a ridicat la geamuri pămîntul pînă sus.
Cît lumea-i era piscul, şi-n pisc plîngea Isus.

Săpînd s-a rupt lopata. Cel ce-o ştirbise, iată-l,
Cu moaştele-i de piatră, fusese însuş Tatăl.

Şi m-am întors prin timpuri, pe unde-am scoborît,
Şi în odaia goală din nou mi-a fost urît.

Şi am voit atuncea să sui şi-n pisc să fiu.
O stea era pe ceruri. În cer era tîrziu.