Gewittern begegnete der Philosoph Anselm von Canterbury eher ängstlich. Einmal jedoch, in einem Traum, fühlte er sich so frei und mächtig wie nie zuvor. Es waren Blitz und Donner, die ihn wieder zur Besinnung brachten und seine Gottesfurcht stärkten, erzählt Otto A. Böhmer.

Holzwege

Zorn des Himmels

Der Philosoph Anselm von Canterbury

Von Otto A. Böhmer

Der Philosoph Anselm von Canterbury blickte sorgenvoll zum Himmel. Dunkle Gewitterwolken waren aufgezogen, die sich immer mehr ineinanderschoben, so als müssten sie sich aufpumpen für ein gewaltig orgelndes Unwetter. Anselm mochte keine Gewitter; die mögen richtig und notwendig sein, dachte er oft. Aber die Welt wäre wohl kaum ärmer, wenn es keine Gewitter gäbe; besonders die heimtückisch zuckenden Blitze waren es, die der Philosoph verabscheute: Als Kind hatte er einmal erlebt, wie der Blitz in ein nahe gelegenes Bauernhaus schlug, das in Flammen aufging und zu Grunde brannte. Der Donner rollte über den Himmel, und dem Kind kam es vor, als säße dort oben ein böser Geist, der sich ausschütten wollte vor Lachen. Als das Zerstörungswerk gelungen war, zog das Gewitter weiter; mildtätiger Regen setzte ein, und der Wind kühlte die entsetzten Gesichter der Bestraften. Dieses Erlebnis hatte Anselm nicht vergessen; seither war ihm, ungeachtet seines soliden Gottvertrauens, ängstlich zumute, wenn die Vorboten eines himmlischen Donnerwetters sich zeigten. Wenn der Blitz in Bauernhäuser fährt, mag er auch ein Kloster treffen, sagte sich Anselm. Hilfreich und gut sind unsere Gebete. Das Kloster Bec in der Normandie, wo der Philosoph seit geraumer Zeit lebte, lag allein auf weiter Flur; ein mächtiges Gebäude, von hohen Bäumen umgeben, die den Stürmen getrotzt hatten und vom herabstechenden Blitz bislang verschont geblieben waren. Die anderen Mönche wunderte das nicht; Anselm aber kam es wie ein kleines Wunder vor, über das er nie zu sprechen wagte.

Er pflegte zu beten, wenn ein Gewitter direkt über dem Kloster stand und sich dort austoben wollte; ganz allein kniete er dann in seiner Gebetszelle und bat Gott, seinen Herrn, inständig um Schonung für sich und die Seinen. Es gibt noch so viele schöne Bauernhöfe in der Umgebung; da muss es doch wahrlich nicht unser Kloster sein, das die himmlischen Feuerwerker in Brand stecken dürfen, hatte er beim letzten Gewitter gedacht – ein, zugegeben, unfrommer Gedanke, für den er sich auch gleich im Gebetsnachtrag entschuldigte, wobei er sich klar darüber war, dass es nur zu gerecht gewesen wäre, wenn man ihm zur allfälligen Mahnung einen Blitz herabgeschickt hätte, der in einen der großen alten Bäume schlug, und ihn dort in Flammen aufgehen ließ. Aber nichts war passiert; ein mächtiger Donnerschlag brachte das Himmelsgewölbe zum Erzittern, und Anselm hatte noch einmal den Kopf eingezogen und gebetet, als ginge es um sein Leben. Dann zog das Gewitter weiter, wurde leiser und leiser und verlor sich schließlich im Rauschen des Regens. Seither war der Philosoph etwas weniger ängstlich als sonst; er hatte, ohne es wirklich zu wollen, gesündigt in Gedanken und war trotzdem davongekommen. Ein leichtes Unbehagen blieb in ihm zurück – so als sei das letzte Wort in dieser Sache noch längst nicht gesprochen. Nun, da das nächste Gewitter bevorstand, kam in seiner alten Angst auf einmal eine neue Gelassenheit zum Vorschein: Er schaute aus dem Fenster. Blitze durchtrieben die Wolken; die Himmelssäle wurden im verräterisch-hellen Licht einmal aufgetan und flugs wieder verschlossen. Dieses Gewitter rumort ja noch in gehöriger Entfernung, dachte der Philosoph. Mit dem Beten kann ich also noch warten. Er legte sich nieder und schloss die Augen; Wind rauschte in den Bäumen, und dann setzte auch schon der Regen ein. In Gedanken flog Anselm über das karge Land hinweg; er sah Höfe unter sich, in deren Wohnstuben sich die Menschen angstvoll aneinanderkauerten. „Recht habt ihr“, rief er, „denn euch wird es treffen. Dafür habe ich längst gesorgt.“ Er lachte; die Blitze erhellten seinen Weg, und der Donner spielte zum Tanz auf; die dort unten aber hockten beisammen und beteten, als gäbe es Hilfe im Himmel, in dem doch nur er noch, Anselm, seine Kreise zog. Der Wind hatte ihn erfasst und trug ihn hinaus auf das Meer; gewaltige Wellen türmten sich auf, und in den Tälern kämpften winzige, mit Menschen befrachtete Schiffe ums Überleben. „Herrlich!“ brüllte der Philosoph, der sich so frei und mächtig vorkam wie nie zuvor. „Herrlich! Auch ihr auf den Schiffen geht unter und kommt nicht mehr zum Vorschein.“

In diesem Augenblick gab es einen fürchterlichen Donnerschlag, und Anselm stürzte wie ein gnadenschwer gewordener Flugsack vom Himmel. Er schlug mit dem Kopf auf; Sterne tanzten ihm vor den Augen, und alle Knochen taten ihm weh. Als er in Gänze wieder zu sich kam, lag er vor seinem Bett. Von draußen hörte er Schritte und aufgeregte Stimmen: Das Gewitter, dass er in sicherer Entfernung geglaubt hatte, war längst über ihnen, und der Blitz hatte einen der hohen alten Bäume gestreift, der, so schien es, nur zur Hälfte in Brand geraten war. Die andere Hälfte sah nahezu unberührt aus; ein noch grüner Baum wogte im Wind und brannte zugleich lichterloh, bis er nur noch ein Gerippe war, das zu ihm, Anselm, emporzeigte. „O Gott!“ rief der Philosoph und fiel auf die Knie. „Damit hast du mich gemeint, der ich mich für einen lächerlich bösen Traum über dich hinwegzusetzen wagte. Ich habe die trügerische Ruhe gesucht und das Gebet darüber vergessen. Verzeih mir, mein Gott. So wird also letztlich auch der Tor überführt, und ich will begreifen, dass wenigstens im Verstande etwas ist, über dem nichts Größeres gedacht werden kann. Und das bist du, Herr, unser Gott. So wirklich also bist du, Herr, mein Gott, dass du als nichtexistierend von nun an nicht mehr gedacht werden kannst. Und mit Recht. Denn wenn ein Geist etwas Besseres als dich denken könnte, erhöbe sich das Geschöpf über den Schöpfer und säße über den Schöpfer zu Gericht. Du allein hast am wahrsten von allem und damit am meisten von allem das Sein, weil alles, was es sonst gibt, nicht so wahr ist… Dank dir, guter Herr, dass ich das, was ich zuvor durch dein Geschenk geglaubt habe, jetzt durch deine Erleuchtung wirklich und wahrhaftig einsehe…“

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erstellt am 23.12.2014

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Anselm von Canterbury
Anselm von Canterbury