Jürgen Werner hat sich mit seinem Buch „Tagesrationen“ in eine rühmliche und zugleich populäre Tradition gestellt. Von den ersten, erhaltenen Fragmenten Heraklits oder Archilochos’ über die Aphorismen von Georg Christoph Lichtenberg, Arthur Schopenhauer, Stanisław Jerzy Lec, Ludwig Wittgenstein oder Emil M. Cioran bis zu den Spruchsammlungen gegenwärtiger Autoren ist das Philosophieren in Bruchstücken ein beliebter Gedankensport bei Schreibenden und Lesenden. Die nach alphabetisch eingetragenen Stichworten geordneten Reflexionen lüpfen die Decke des unbedachten Verständnisses und lassen uns im Nu das erkennen, – was unserer Erfahrung entspricht. Sie klären uns also über uns selbst auf und überraschen uns, nebst zitierter Literatur zum Nachlesen, mit längst Gewusstem. So stehen im Artikel „Brüder“ die Sätze: „Der Bruder ist der natürliche Freund.“ und „Der Bruder ist auch der natürliche Feind.“ Auch Aphorismen im engeren Sinne finden sich darunter, etwa unter „Ende“: „Das Ende ist der Anfang der Mutigen.“ Oder unter „Angst“: „Die Angst ist ein Überschuss an Sehkraft angesichts eines Mangels an Sichtbarem.“
Die Artikel beziehen von „Abschied“ über „Das Böse“, „Diskretion“, „Elite“, „Freiheit“, „Das Fremde“, „Glück“, „Improvisation“, „Lust“, „Peinlichkeit“, „Schlaf“, „Unentschieden“ bis zur „Zweisamkeit“ ihren Effekt aus der Wiedervereinigung von Wortbedeutung und Beobachtung und Erfahrung. Wie unter einem Vergrößerungsglas bekommen wir entscheidende Details unseres Denkens und Fühlens gezeigt und pointiert beschrieben.
„Ein Alphabet des Lebens“. Der Untertitel bringt die Literatur in Erinnerung, die einst mit „Das Alphabet des Lebens“ betitelt waren und das Publikum über Gene, Chromosomen und Doppelhelix aufklärten. Der Philosoph, Berater, Autor, und Journalist Jürgen Werner, der katholische Theologie, Philosophie und Germanistik studierte, entschlüsselt in seinem Buch „Tagesrationen“ allerdings andere Konstanten menschlicher Existenz. „Der Mensch ist das Tier, das Wege geht.“, schreibt er unter „Erfahrung“. Tagesfrische Notizen des Autors werden von 2015 an in einer eigenen Faust-Kolumne erscheinen. Auszüge aus seinem Buch aber sind hier zu lesen. -ert

Originalauszüge

Tagesrationen. Ein Alphabet des Lebens

Von Jürgen Werner

Respekt

Mehr als einmal hinzuschauen, ist die Pflicht dessen, der erkennen will. Dabei bildet der Perspektivenwechsel nur die formale Seite einer Haltung ab, die Rücksicht nimmt. Jemanden oder etwas auch von jener Seite in den Blick zu nehmen, die sich nicht als die erste anbietet, gehört zu einer genauen Bestimmung von dessen Position. Beim Menschen ist es die schwache, besonders schutzbedürftige. Denn sehen, dass wir angesehen werden, können wir nur, wenn wir das Gesicht zuwenden. Der Rücken ist augenlos; und wir sind darauf angewiesen zu vertrauen, dass die fehlende Beobachtungsgabe nicht ausgenutzt wird, indem man uns unbemerkt in den Rücken fällt. Wer Rücksicht nimmt, ersetzt für den anderen diesen Mangel. Er tritt für ihn ein, übernimmt Verantwortung, wo einer für sich selbst diese strengen Auflagen des Selbstverständlichen nicht übernehmen kann.

Respekt ist eine Reaktion auf Schwäche, nicht auf Stärke. Vor einem, der Macht hat, ist er die falsche Einstellung. Da treten andere Haltungen in den Vordergrund, Akzeptanz oder Gehorsam, Ehrerbietung und Dienstbarkeit. Eher sollte man in solchen Situationen Rücksicht nehmen auf sich selbst und sich die Grenzen der Zumutbarkeit wohldefiniert vorlegen.

Es liegt im Wort „Respekt“ ein Gestus der Distanz. Ihn freimütig zu zeigen, ist sonderlich dann wichtig, wenn Nähe und Intimität vorherrschen. Denn in der Weise, wie es diesen gelingt, die natürliche Einsamkeit aufzubrechen, scheitern sie zuweilen an ihrem guten Willen. Aus der Nähe wird dann in bester Absicht erdrückende Vereinnahmung, aus der Intimität nolens volens schamlose Überwältigung. Es tut gut, sich der Fremdheit des anderen zu erinnern, gerade in den Augenblicken, in denen er besonders zugewandt ist. Wer damit rechnet, dass es immer noch und immer wieder eine Variante zu entdecken gibt, die bisher nicht vor Augen gekommen ist, wer bei tausend eingenommenen Perspektiven nicht nachlässt, nach der nächsten zu suchen, der gewährt Respekt. Man wird nur in dem Maße als Person gewürdigt, wie dieser Raum für Unerkanntes und Überraschendes vielfach und auf verschiedene Art anerkannt wird.

Stimme

Erst die Artikulation macht den Laut zur Stimme. Es wäre zu wenig, wollte man auf sie nur hören. Ihr gilt es zu gehorchen. Denn mit dem Tonvolumen geht eine Bedeutung einher, die es nirgendwo anders im Zusammenhang mit Lauten zu vernehmen gibt und die es zu verstehen gilt. Stimmen sprechen. Das kann weder der Schrei noch das Nuscheln, weder das Glucksen noch das heisere Räuspern. Wer die Stimme erhebt, verlangt Aufmerksamkeit, weil er etwas kundzugeben hat. Das ist ihre Magie: dass sie in die Ferne wirkt, ohne Eingriff und körperlichen Druck zu steuern vermag. Stimmen geben zu denken.

Nichts ist persönlicher als die Stimme. Wer einmal darüber erschrocken ist, dass sie so ganz anders klingt, wenn er sie zum ersten Mal auf einem Medium aufgezeichnet vorgespielt bekommt, weiß das. Er staunt über das Unvertraute, wo er doch meinte, ganz genau zu wissen, wie sie sich anhört, ihre feinen Ausdrucksunterschiede zu kennen, das Zittern wie das Juchzen, den Klang oder ihre Wandlungsfähigkeit. Im Grunde ist die Stimme so etwas wie der Generalrepräsentant des Menschen. Und sie zu erheben, kann diesem zu höchstem Selbstbewusstsein verhelfen. Wie umgekehrt eine nicht wahrgenommene Stimme, eine verspottete oder verachtete, tief zu schmerzen vermag. Dass so mancher gehemmt ist, von der eigenen Stimme öffentlich Gebrauch zu machen, also das Bürgerrecht auszuüben, mag mit dieser Verletzlichkeit zusammenhängen. Es fehlt ihm dann mehr als nur die vermiedene Anerkennung; das Gefühl versagt zu haben (also nicht gesprochen zu haben, wenn man es wörtlich nimmt), überwiegt. Denn jede Stimme fordert, dass sie sich hören lässt.

In manchen Sprachen, so auch im Deutschen, reicht die Wortähnlichkeit über ein großes Spektrum an Bedeutungen: Das beginnt bei der politischen Bürgerpflicht, die Stimme abzugeben, und endet nicht bei der engen Verbindung zwischen Stimmung und Stimme. An ihr mag deutlich werden, was die Stimme, zunächst für andere, ist: ein stimmiges Identifikationsmerkmal. Das musste sich bilden. Jede Stimme hat ihre eigene Geschichte, die mit dem ersten Schrei nach der Geburt einsetzt und über das zufriedene Murmeln des gestillten Kinds sich zur Verblüffung vieler weiterentwickelt hin zu einer Tonlage, die oft dem Vater oder der Mutter zum Verwechseln ähnlich wird. Wie wenig anderes vermag die Stimme dafür zu sorgen, dass man wiedererkannt wird. Nur das Gesicht besitzt diese Qualität. Es kann geschehen, dass der besondere Rhythmus, die Textur, Färbung oder Lage der Stimme nicht nur ihren Träger identifizieren, sondern auch die Situation verraten, in der er sich befindet.

Wo so viel Sinnlichkeit eingeschlossen ist in die Wahrnehmung eines Lauts, mag nicht wundernehmen, dass Shakespeare im „Mittsommernachtstraum“ das Gesicht zu hören gibt, weil Pyramus zuvor gelungen war, die Stimme von Thisbe zu „sehen“. I see a voice. (1) Hier ist die Identifikation, welche die Vorstellung ohnehin immer vollzieht, in der Sprache nachgezeichnet. Es sind nicht zuletzt nachwirkende Irritationen, die eine Stimme auslöst, die nicht zum Gesicht passen will. Da kann es dem anderen die Sprache verschlagen, nachdem ihm allenfalls noch die verblüffte Frage zu entlocken war: Was ist das denn für ein Ton?

1 Shakespeare, A Midsummer Night‘s Dream 5, 1. Vgl. a. Jonathan Rée, I See a Voice. Language, Deafness & the Senses – A Philosophical History, London 1999.

Unzeit

Wahrscheinlich ist nichts peinlicher, als etwas zur Unzeit zu tun. Der falsche Moment, so wenig man ihn immer erahnen kann, erlaubt kein in Absicht und Anlage richtiges Handeln. Vielmehr lässt er dieses im Ganzen als verfehlt erscheinen. Unschuldige Gesten vermitteln da den Eindruck von Tolpatschigkeit, selbstverständliches Verhalten verwandelt sich nolens volens in einen fürchterlichen Affront, der arglose Eintritt in eine Situation wird brüsk erwidert.

Nie spüren wir das Diktat der Zeit unerbittlicher als zur Unzeit. Die ist nicht frei von Zeit, sie macht auch uns nicht frei von ihr, aber sie stellt uns dar als Menschen ohne Taktgefühl, als linkische Zeitgenossen, denen die Freundschaft mit dem temporalen Lauf der Dinge für einen Augenblick gekündigt worden ist, als elefantöse Trottel, denen jedes Feingefühl für Diskretion fehlt. Zur Unzeit anzukommen, ist eine Verformung der Unpünktlichkeit zum Fehltritt. Es gibt Menschen, die darin ein gewisses Talent entwickelt haben. Sie treffen nie zu spät, selten zu früh ein, sondern meist dann, wenn es gerade überhaupt nicht passt. Ihre Vorschläge sind inhaltlich bestens, aber finden kein Gehör, weil sie im unglücklichsten Zeitpunkt ausgebreitet werden, ihre Entscheidungen haben keine Folgen, weil sie seltsam wirklichkeitsenthoben sind. Das ist Unzeit: Für sie spielt keine Rolle, ob etwas oder jemand zu früh, zu spät oder wie angekündigt eintritt. Es fügt sich weder so noch anders. Wer mit der Unzeit sich verabredet, kann nur verlieren. Er fällt einfach aus der Zeit heraus.

Wie viel Anlass zu Streit eine Begegnung zur Unzeit gibt. Wie viel Missverständnis sie auslöst. Wie viel Rachegedanken, Selbstunsicherheit, ja Effekte für ein ganzes Leben sie haben kann. Da überrascht einer seine Geliebte – und wird zurückgestoßen, weil es der schlechteste Moment war. Da entwickelt einer ein Geschäftsmodell, voller Enthusiasmus, bepackt mit großen Erwartungen an die Kraft zur Veränderung, in sich stimmig, sachlich überzeugend, doch es verfehlt den finanziellen Erfolg. Andere haben es aufgenommen, als es an der Zeit war. Das ist das Geheimnis des Lebens, dass alles richtig sein kann, und nur weil es in der Geschichte nicht vorkommen soll, ist alles falsch.

Was bedeutet: an der Zeit zu sein? Es ist die Formel einer Macht, der sich Wesen, die in der Zeit existieren, nicht entziehen können. Sie handelt von der bewertenden Vitalität der Zeit. Es ist ihr nämlich gleichgültig, ob man mit ihrer eigenen Bewegung mitkommt oder nicht. Die Zeit verzeiht nicht, wenn man sich außer oder gar gegen sie stellt. In ihr zu sein, reicht da nicht. Man muss auch mit all seinen Lebensäußerungen an ihr sein, will man wahrgenommen werden. Die Unzeit stellt nun einen Sonderfall dieser Aufmerksamkeit dar. Da hat ein Mensch sich in ihr getäuscht. Er hat geglaubt, es würde beides reichen, um anerkannt zu werden: in ihr zu leben, an ihr zu sein. Und hat dabei übersehen, dass sie noch eine dritte Art der Begleitung fordert: die, mit ihr zu gehen. Leben gelingt auf Dauer nur synchron.

Auszüge aus: Jürgen Werner, Tagesrationen. Mit freundlicher Genehmigung © Verlag tertium datur, Frankfurt am Main 2014

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erstellt am 22.12.2014

Jürgen Werner
Jürgen Werner

Jürgen Werner
Tagesrationen. Ein Alphabet des Lebens
Gebunden mit Schutzumschlag, 276 Seiten
ISBN 978-3-00-047172-8
Verlag tertium datur, Frankfurt am Main 2014

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