Journalisten, die für eine Tageszeitung schreiben, sind meist unauffällig, ihre Arbeit ist auf besondere Weise durch Zeitdruck und Vergänglichkeit geprägt. Doch zeigen sich auch an diesem Ort immer wieder Persönlichkeiten, die tief berühren und, wie Claudia Michels, ihre Arbeit als eine Lebensaufgabe auffassen. Hans-Klaus Jungheinrich hat die verstorbene Kollegin gewürdigt.

Claudia Michels, Foto: Renate von Forster

Zum Tod der Journalistin Claudia Michels

Blick vorwärts und zurück

Von Hans-Klaus Jungheinrich

42 Jahre, eine lange Zeit, namentlich in der schnelllebigen Journalismus-Branche. Von 1972 an bis zu ihrem Tod in diesen Dezembertagen 2014 arbeitete Claudia Michels ununterbrochen für die „Frankfurter Rundschau“ als Redakteurin, Autorin, Reporterin. Die 66-Jährige starb jetzt völlig unerwartet in ihrer Wohnung im Frankfurter Westend.

Im Kontext einer Zeitungsredaktion war sie eine ungewöhnliche Persönlichkeit. Sie fiel auf, obwohl sie sich nicht auffällig machte. Vielleicht war gerade das ihr Besonderes: zurückhaltend, ja leise zu wirken in einem Metier, in dem die meisten unter Profilierungsdruck zu stehen scheinen. Allerdings hatte sie auch nichts vom in dieser Branche ebenfalls nicht seltenen Typ „graue Maus“. Aus einem schönen Gesicht leuchteten bemerkenswert durchdringende Augen hervor, die freilich auch einen Hauch von Melancholie ausstrahlen mochten. Am allmählichen Grauwerden ihrer Haare hat Claudia nichts manipuliert. Die kleineren Arten weiblicher Eitelkeit waren ihr fremd.

Ihrer recherchierenden und schreibenden Arbeit ging sie mit Geduld und Sorgfalt nach. Ebenso umsichtig soll sie in der Lokalredaktion ganze Generationen von Volontären und Praktikanten betreut haben. Als Schreiberin widmete sie sich oft den unscheinbareren Dramen des Alltags. Doch auch bei wichtigen, die Stadt betreffenden Entscheidungen stand sie mit ihrer Meinung in vorderster Reihe. So, als der CDU-geführte Magistrat sich 1988 anschickte, die Überreste des jüdischen Ghettos am Börneplatz unter dem Neubau der Stadtwerke spurlos verschwinden zu lassen.
Mitleid mit den Schwächeren war für sie ein leitendes Handlungsmotiv. Mit zunehmenden Jahren wurde Claudia Michels für die „Frankfurter Rundschau“ mehr und mehr auch zur Expertin für Stadtgeschichte. Das schlug sich in vielen profunden Aufsätzen nieder. Es ist dies eine Rolle, in die ein langjährig vor Ort aktiver Journalist gleichsam natürlich hineinwächst, weil er eben mehr mitbekommen hat vom rasanten urbanen Wandel als die Jungen.

Claudia befriedigte ein ausschließlicher Umgang mit dem Gestern und Vorgestern freilich nicht. Immer brauchte sie zugleich den Blick nach vorne, den Atem des Gegenwärtigen. So blieb sie bis zuletzt auch der Tagesarbeit verbunden als aufmerksame, empathische Beobachterin einer Wirklichkeit, in deren blinden Verlauf sie mit den begrenzten, bescheidenen, aber oft auch Mut erfordernden Möglichkeiten des engagierten Schreibens einzugreifen nicht müde wurde. Auch äußerliche Erfolge (der renommierte Theodor-Wolff-Preis) blieben nicht aus. Sie konnten sie nicht dazu veranlassen, sich müßig zurückzulehnen. Ihr Journalismus: eine niemals ganz erfüllbare Aufgabe.

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erstellt am 19.12.2014