Der amerikanische Künstler Jim Dine, der im Kontext der Pop Art bekannt geworden ist, zeigt seine Werkzeug-Fotografien in der SK Stiftung Kultur in Köln. Isa Bickmann empfiehlt Ausstellung und das Katalogbuch »Jim Dine. My Tools«.

Ausstellung in Köln

Bilder von Männlichkeit

Von Isa Bickmann

Jim Dine Red Morandi, 2010 © Jim Dine; VG Bild-Kunst, Bonn, 2014

Wer als Kind neben einem Erwachsenen saß und mit Begeisterung zugeschaut hat, wie mit Hämmern, Zangen, Schraubenziehern und allerlei anderen pfiffigen Hilfsmitteln Dinge konstruiert und repariert wurden, lässt sich sein Leben lang von einer gut sortierten Werkzeughandlung faszinieren. Dabei funktioniert die Anziehungskraft durchaus geschlechtsübergreifend, kennt die Verfasserin doch etliche Frauen (und zählt sich selbst dazu), die lieber einen Baumarkt als ein Schuhgeschäft besuchen. Jim Dine, Jahrgang 1935, denkt hier anders: Für ihn ist Werkzeug der Welt der Männer zugeordnet. Er war es so gewohnt. Die Frauen in seiner Familie haben die Räume der Männer, die Werkstatt und das Eisenwarengeschäft seines Großvaters, das Geschäft für Farben, Werkzeuge und Installateurbedarf seines Vaters, nicht betreten. Werkzeuge sind somit Bilder von Männlichkeit in einer parallel stattfindenden Macho-Männerwelt. Sie sind „objects of desire“, Waffen oder „Soldaten“, wie Dine an der Wand lehnende Äxte und Spitzhacken nennt. Immer auch setzt sich der Nutzer beim Gebrauch willentlich einer Verletzungsgefahr aus, womit er sich von jeglicher Verweichlichung oder Effeminiertheit abheben möchte.

Dine hat schon als Kind im Geschäft seines Großvaters mit Werkzeugen gespielt und sich diese Liebe bewahrt. Ja, mehr noch: Er spürt den sinnlich-sexuellen Aspekten des Werkzeugs nach, betreibt eine Art Fetischisierung, wobei er den Gebrauch- und Objektcharakter von z. B. Zangen unterschieden wissen will. Seine Fotografien werden nun in der Photographischen Sammlung der Kölner SK Stiftung Kultur ausgestellt. Das dazu gehörende schmale Fotobuch, mit einem Layout vom Künstler selbst, präsentiert die zwischen 2001 und 2013 entstandenen Werke.
Sie gehören der Kategorie „Stilllebenfotografie“ an, die in der Geschichte der Fotografie von ihren Anfängen an eine wichtige Rolle spielt und dies noch immer tut: Der Künstler kann auf Gegenstände fokussieren, deren Bedeutung und Bedeutungszusammenhänge bislang wenig oder noch nie wahrgenommene Welten aufdecken. Der zweifache documenta-Teilnehmer (1968 und 1977) Jim Dine ist bekannt geworden als Maler und Objektkünstler. Ende der fünfziger Jahre bei den Happenings mit Allan Kaprow, Claes Oldenburg, Jasper Johns und Robert Rauschenberg dabei, wandte er sich in den Sechzigern den „Combine Paintings“ zu, die Alltagsgegenstände wie jene Werkzeuge einbanden. Aus diesem Kontext heraus wurde er stets der Pop Art, vornehmlich der britischen Abteilung, zugerechnet, die den Alltag in die Kunst einzubinden wusste. Was ihn deutlich heraushob, war eine persönliche Ikonographie, die sich in eben solchen Objekten wie den Werkzeugen zeigt und auf eine starke Affinität in der Kindheit gründet. Er mache „innere Landschaften“, während die Pop-Art-Künstler von „äußeren Landschaften“ sprächen, sagte er einmal. Die Herzen, die so seltsam kitschig daherkommen (mittels deren via Reproduktionen inflationären Verbreitung) und ihn seit Mitte der sechziger Jahre bekannt machten, haben eine durchaus tiefsinnigere Bedeutung. Bademäntel, die Venus von Milo waren weitere in abstrakte Farbtexturen eingebundene Gegenstände seiner Gemälde; sie zeigten zudem, was für ein grandioser Kolorist der heute in Walla Walla (Washington) und Paris lebende Künstler ist.

Dies erweist sich auch in den Fotostillleben. Im Buch stellt Dine die farbigen neben die Schwarz-Weiß-Fotografien in ein ergänzendes, nie einander behinderndes Zusammenspiel. In den Bildern selbst treffen verschwimmende Konturen auf klare Linien, eine rostige Unterlage auf einen einsamen Schraubenzieher. Schatten legen sich über Lichtflecke wie in der Bauhaus-Fotografie. Sein sehniger Unterarm begegnet einer Schleifscheibe aus Eisenwolle, immer in dieser Mischung aus Unordnung und Komposition. Das 2010 entstandene „Red Morandi“, 99 × 122,5 cm groß, spielt die Farbklaviatur von Rost bis zum roten Kunststoffgriff der Zangen durch. Diese liegen geöffnet, sind also wie die meisten der fotografierten Werkzeuge im momentanen Gebrauch. Man mag an fremde Schriftzeichen denken, aber mehr noch an den im Titel angesprochenen Giorgio Morandi (1890-1964), der für eine meditative Auseinandersetzung mit dem Gegenstand im Stillleben steht. Das Stillleben gilt Dine als eine Metapher für Landschaft: „Wenn ich Werkzeuge fotografiere, fotografiere ich vertraute Landschaften, aus denen Gefühl ausströmt. […] Ich habe oft auf dem Land gelebt und bin mit der Landschaft auf immer verbunden. Wenn ich sie fotografiere, dann denke ich an das Gefühl, das die Landschaft mir gibt, deswegen fotografiere ich sie – es ist metaphorisch.“, verdeutlicht Dine im Gespräch mit seiner Frau Diana Michener, das im ansonsten zweisprachigen Buch seltsamerweise nicht übersetzt worden ist.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 16.12.2014

Jim Dine Wrenches, 2004 © Jim Dine; VG Bild-Kunst, Bonn, 2014

Ausstellung in Köln

Jim Dine – My Tools

Bis 8. Februar 2015

Die Photographische Sammlung / SK Stiftung Kultur
Im Mediapark 7, 50670 Köln

Der Katalog ist bei Steidl erschienen.
Hrsg. Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur, mit einem einführenden Text von Gabriele Conrath-Scholl, 180 Seiten, Paperback/softback, 17 × 24 cm, Englisch und Deutsch, ISBN 978-3-86930-828-9

Jim Dine Sleeping in the Fire, 2013 © Jim Dine; VG Bild-Kunst, Bonn, 2014

Jim Dine The Light from Yellow Chrome, 2010 © Jim Dine; VG Bild-Kunst, Bonn, 2014

Jim Dine Soldiers at Moore Street, 2013 © Jim Dine; VG Bild-Kunst, Bonn, 2014