Sie gehört zu jener heroischen Künstlergeneration, die die Abstraktion durchsetzte, doch blieb ihr Werk weitgehend unbekannt oder wurde gar als Kunsthandwerk abgetan: Sonia Delaunay. Jetzt widmet das Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris der großen Künstlerin eine umfangreiche Ausstellung, in der Malerei, Wandgemälde, Drucke, Zeichnungen, Design, Modeentwürfe einen Eindruck von ihrem facettenreichen Werk geben. So ist Sonia Delaunay endlich zu entdecken, meint Stefana Sabin.

Ausstellung

Die Farben der Abstraktion

Eine Pariser Retrospektive würdigt die Künstlerin Sonia Delaunay

Von Stefana Sabin

Sie sei „Mother Pluralism“, urteilte schon vor Jahrzehnten die amerikanische Zeitschrift „Art in America“ über Sonia Delaunay. Die vielen Facetten dieses pluralistischen Werks zeigt gerade eine umfangreiche Ausstellung, mit der das Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris die Künstlerin Sonia Delaunay würdigt: „Les couleurs de l’abstraction“ – Die Farben der Abstraktion ist ein passender Titel für ein Werk, das symptomatisch den langsamen Siegeszug der Abstraktion in Malerei und Kunsthandwerk vorführt.

Es ist die erste große Ausstellung des Werks von Sonia Delaunay seit über einem halben Jahrhundert! 1967 hatte ihr das Centre Pompidou eine Retrospektive gewidmet und sie gewissermaßen der Kunstöffentlichkeit als eine Mitkämpferin der Moderne vorgestellt. Danach wurde sie, die damals schon 82 war, vom französischen Präsidentenpaar Pompidou hofiert und von einer Schar junger Künstler umworben – und sie blieb merkwürdig unbekannt.

Vielleicht hängt das damit zusammen, dass die Moderne als ein männlicher Kampf um die ästhetische Erneuerung wahrgenommen wird, an der Frauen nur am Rande eine Rolle spielen. Daran hat auch die feministische Kunstgeschichtsschreibung wenig geändert. Denn Sonia Delaunays Leben gab wenig her für die feministische Ideologie: Sie war postfeministisch vor dem Feminismus. Sie hatte ein langes, erfolgreiches und selbstbestimmtes Leben geführt: zuerst als alleinstehende Frau und angehende Malerin, dann als Ehefrau, Mutter und Künstlerin, schließlich wieder allein als etablierte und renommierte Künstlerin – drei Leben in einem.

Für die Opferrolle eignet sich ihre Biographie nicht. Während der langjährigen Ehe mit dem Maler Robert Delaunay hat sie – um die aktuelle Terminologie zu benutzen – Familie und Karriere wie selbstverständlich zu verknüpfen verstanden. Nach Robert Delaunays Tod hat sie mit ihrem unermüdlichem Engagement entscheidend dazu beigetragen, dass seine Bedeutung für die Entwicklung der modernen Malerei anerkannt und gewürdigt wurde, und in ihren skizzenhaften Memoiren hat sie die Ehe als eine gleichberechtigte Partnerschaft auf der Suche nach einer neuen ästhetischen Möglichkeit stilisiert. „Wir haben uns in der Kunst geliebt“, schrieb sie, und hob damit eine explosive Beziehung in die übergeordnete Dimension der Kunst. Wie schon zu seinen Lebzeiten hat sie auch nach seinem Tod ihren eigenen Ruhm immer wieder dazu benutzt, auf sein Werk hinzuweisen, hat sie ihn immer an ihren Erfolg teilhaben lassen. Das hat schließlich dazu geführt, dass sie in der (Kunst)Öffentlichkeit als Robert Delaunays Frau angesehen wurde – und bis heute angesehen wird – und dass sie in „den Delaunays“ einbezogen wird.

Obwohl sie Farbe als Essenz der malerischen Darstellung auffasste, durch den Farbkontrast Tiefe erzeugte und somit auf die Perspektive verzichtete und zur völligen Abstraktion gelangte, obwohl sie als Erste die Fläche als Ort einer malerischen Meditation begriff und so die Malerei aus dem Zwang des Bilderrahmens befreite, obwohl sie mit der allumfassenden Gestaltung des Alltags das totale Design vorwegnahm, in der Mode eine der Kunst ebenbürtige ästhetische Möglichkeit erkannte und die Verbindung zwischen Kunst und Kunsthandwerk praktizierte, lange bevor das zur kommerziellen Selbstverständlichkeit wurde, wird Sonia Delaunays Beitrag zur Kunst des 20. Jahrhunderts immer noch unterschätzt.

Das wird die jetzige Pariser Ausstellung endlich ändern. Denn die etwa 400 Exponate – Gemälde, Wandmalereien, Drucke und Zeichnungen, Textil- und Modeentwürfe – schlagen einen Riesenbogen vom Jahrhundertanfang, als die in der Ukraine geborene Sonia Terk nach Paris kam, über ihrem Beitrag zur abstrakten Malerei und zur angewandten Kunst in den dreißiger und vierziger Jahren bis zu den strahlend farbigen Geometrien der letzten Jahre vor ihrem Tod 1979. So wird erkennbar, dass ihre Kunst von zwei gegenseitigen Auffassungen gespeist wurde: von der Idee der malerischen Reinheit, für die sie ein völlig abstraktes Vokabular formulierte – und von der Überzeugung, dass Dekoration und Anwendbarkeit legitime Mittel der Kunst sind.

Ihr Werk greift von einem Medium zum anderen, von einer Disziplin zur anderen. Sie hat Tänzer gemalt und für Tänzer gemalt; sie hat Bild-Poeme und poetische Bilder geschaffen; sie hat Kleider als Kostüme und Kostüme als Kleider entworfen. Jedem Medium und jeder Disziplin gewann sie eine neue Dimension für die Kunst ab. Vom Tanz übernahm sie das Gespür für Bewegung, von der Musik die Bedeutung des Intervalls, von der Poesie diejenige des Rhythmus. Aus diesen disparaten Elementen schuf sie ein konzentriertes Werk, das von Kollaboration, Synthese und Zusammenfluss geprägt und gegen Isolation und rigiden Purismus gerichtet ist. Die Farben der Abstraktion sind, das zeigt die Pariser Retrospektive, die vielen Facetten.

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen. Er hat 256 Seiten und 250 Illustrationen und ist herausgegeben von den Ausstellungskuratorinnen Anne Montfort und Cécile Godefroy. Der Katalog kostet 44,90 Euro.

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erstellt am 15.12.2014

Sonia Delaunay
Sonia Delaunay
Ausstellung in Paris

Sonia Delaunay

Les couleurs de l’abstraction

Bis 22. Februar 2015

Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris

Sonia Delaunay Prismes électriques, 1913-1914, © Pracusa 2013057 Photo Davis Museum at Wellesley College, Wellesley, MA, Gift of Mr. Theodore Racoosin

Sonia Delaunay Manteau pour Gloria Swanson, c. 1924, Broderie de laine Collection particulière © Pracusa 2013057

Sonia Delaunay Composition pour jazz, 2e série, No F 344”, Paris 1952 © Pracusa 2013057 © Courtesy Natalie Seroussi et Galerie Zlotowski, Paris