Der in Frankfurt am Main lebende Komponist Rolf Riehm fällt aus der Rolle, die den politisch wachen Künstlern auferlegt scheint. Er arbeitet ohne System und montiert die unterschiedlichsten Elemente zu einem Kunstwerk aus handelnden Klängen. Bernd Leukert beschreibt seine Arbeitsweise.

Der Komponist Rolf Riehm

Musik als Szene

Von Bernd Leukert

Von der Form her ist das Urbild aller Künste
die Tonkunst. Von der Empfindungskraft
aber ist es die Schauspielkunst.

Oscar Wilde

Gäbe es eine neuere Musikgeschichte, die ihren Gegenstand mit den Kriterien des Theaters behandelte, stünde ihr ein großes Kapitel über die Kompositionen Rolf Riehms zu. Riehm hat zwar auch Opern komponiert, ist aber kein gelernter Dramatiker oder Theoretiker des Theaters. Dennoch ist evident, wie genuin theatralisch sein gestaltender Zugriff auf die künstlerischen Materialien ist. Freilich ist im Jahr 2014 der Begriff ‚theatralisch’ gegen seine inzwischen verbreitete abwertende Verwendung zu verteidigen – in Fachkreisen spricht man deshalb schon von ‚theatral’. Und ebenso ist ein genauer Blick auf diese künstlerischen Materialien vonnöten, die Rolf Riehm zu einem artifiziellen Drama verwandelt. Artifiziell daran sind die Fokussierung auf das Wesentliche und die leichten oder schweren Überzeichnungen, die die Bühnenkunst über das Gewöhnliche hinausheben. Aber auch den szenischen Aufbau gestaltet Riehm weder nach traditionellen Gepflogenheiten, noch gar aristotelisch naturgemäß. Seine künstlerische Wahrheit realisiert sich über Transformationen seiner Erfahrungen, Wahrnehmungen, Lektüren und Recherchen, die zusammen als Konditionen einer Klanginszenierung fungieren. Und obwohl Rolf Riehm sich in seinen Stücken auf das Thema, das ihn bewegt, konzentriert, bezieht er immer wieder heterogene Fragmente mit ein, setzt Querverbindungen zu anderen Sujets oder zu anderer Musik; das heißt, er montiert die unterschiedlichsten Elemente zu einem nicht planbaren Kunstwerk. Die Montage ist, wenn man so will, das Getriebe in Riehms klingendem Drama. Damit trägt er nicht nur der Fähigkeit des Hörers Rechnung, wie gewöhnlich verschiedene Sinneseindrücke zu einem Gesamteindruck zu kombinieren, sondern er fügt seinen ‚Personen’ mit der Beilegung ferner Geschehnisse und davon ausgelöster Emotionen eine Tiefenschärfe hinzu, die das Hören konditioniert und den ‚Ton’ plausibel macht. Was aber meint ‚Person’? Die geläufige Herleitung nennt das Trichterrohr – eine Art Megaphon – in der Mundöffnung der antiken Theatermaske als Quelle, weil da hindurch der Darsteller mit seiner Stimme durchtönen (lat. per-sonare), das heißt, das Abstrahlungshindernis Maske überwinden und mit verstärkter Stimme beeindrucken konnte. ‚Person’ bezieht sich also ursprünglich auf die Stimme. Nimmt man hinzu, dass das Spielen von Instrumenten in nahezu allen Kulturen – und bis ins Zeitalter des Barock hinein auch in Europa – als versuchte Imitation der menschlichen Stimme aufgefasst wird, als Annäherung an deren Ausdrucksvermögen, so erschließt sich auch, was der ‚Ton’ bedeutet: Er erschöpft sich nicht in einer durch Schlagen, Blasen oder Streichen erzeugten und über eine Skala definierten Luftschwingung. Er nimmt auch die fein nuancierten Stimmungen auf, der diese individuelle Stimme unterworfen ist, das Zittern, das Stocken, das aufgeregt Gehetzte, die Lakonie und die Färbungen der Trauer, der Freude, des Schreckens, der Apathie etc., all das untrennbar verbunden mit den gestischen Valenzen, die sich über Dynamik, Tempo, Agogik, Intensität, selbstverständlich auch über Motivik und besonders über Artikulation mitteilen. Solche musikalischen Begriffe suggerieren allerdings eine Messbarkeit, der sich die Realisierung der Riehmschen Musik schnell entzieht. Keine Kartierung erfasst, was da erforderlich ist. Es ist der Musiker, der den Ton zum persönlichen Leben bringen muss, so wie der Darsteller seine Person zu verkörpern hat.

Aber – das dürfte niemanden überraschen – die Analogie zur theatralischen Inszenierung ist im kompositorischen Schaffen Rolf Riehms nicht auf ein Bühnengeschehen traditioneller Faktur zu beziehen. Im Gegenteil, die Beschränkung auf das Klangliche erlaubt ihm, Strukturverläufe zu entwerfen, die die Einheit von Ort und Zeit außer Acht lassen und selbstverständlich Schnitt- und Überblendungstechniken der Filmkunst verwenden, das Ungleichzeitige zeitgleich setzen und Abbrüche, äußerst periphere Spielpositionen und betäubende Lücken im Geschehen zulassen. Aber auch ohne die imaginierte Bühne ist Riehms Musik Szene – und zuweilen inszeniert er ja auch Originalaufnahmen von gesprochener Sprache, oder er setzt Sprecher ein, deren Sprache er oft wie Instrumentalklänge behandelt. Sie ist aber auch Szene, weil darin menschliche Beziehungen, die durch Katastrophen grundstürzend verändert werden, sich musikalisch eindringlich aussprechen.

Rolf Riehm, der eigensinnig genug ist, unabhängig von ‚Schulen’ und Traditionen zu komponieren, hat eine individuell-universale Musiksprache entwickelt, die über personalstilistische Merkmale hinaus sich permanent erweitert und auch in der Tonkunst unübliche bis befremdliche Ausdrucksbereiche einbezieht wie beispielsweise das Unfertige, Schwache, Unfähige, eben nicht Perfekte, das sich etwa einer Panik verdankt. So stellt sich dem Instrumentalisten die paradoxe Aufgabe, neben der sicheren Artikulation und der Virtuosität auch professionell das Unvermögen zu meistern. Mehr und mehr montiert Riehm in seine – im besten Sinne – zeitgenössische Musik auch Zitate aus der Musikgeschichte, wenn sie möglicherweise den nötigen Affekt mit kultureller Distanz verbinden.

Bei alledem ist die Lust an den klanglichen Möglichkeiten nicht zu überhören. Und wenn auch in vielen seiner Stücke eine extreme Ausdruckswucht herrscht, vermeidet er den kurzzeitigen Wohlklang nicht, besser, er erlaubt sich Klangschönheit, wo er sie für nötig hält.

Auszug aus Booklettext zu: Rolf Riehm: Lenz in Moskau/Im Nachtigallental/Ton für Ton/Au bord d'une source (WER 7314 2)

Mit freundlicher Genehmigung von WERGO/Schott Music & Media GmbH, Mainz

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erstellt am 13.12.2014

Rolf Riehm, Foto: Hans Kumpf

Rolf Riehm
Lenz in Moskau / Im Nachtigallental / Ton für Ton / Au bord d'une source
CD (WER 7314 2)

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