Die figurative Malerei kam nach 1945 unter Druck. Doch sind, inmitten des sich abzeichnenden Siegeszugs der Abstraktion, insbesondere in London viele Maler der Figuration treu geblieben. Eine Ausstellung in Münster stellt diese Künstler, unter ihnen David Hockney, Lucian Freud und Francis Bacon, nun vor, berichtet Eugen El.

Ausstellung

Die Kunst der Metropole

Zur Ausstellung »Das nackte Leben« in Münster

Von Eugen El

Künstlerporträts vor dem Eingang zur Ausstellung „Das nackte Leben“ im LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster. Foto: Eugen El

Den Protagonisten dieser Ausstellung begegnet der Besucher zunächst auf großformatigen Fotografien, die sie meist in ihren Ateliers zeigen. Ein konzentrierter Francis Bacon, ein selbstbewusster Frank Auerbach in farbverschmierter Arbeitskleidung, R.B. Kitaj, leger und mit einer Katze auf den Schultern, der junge David Hockney, ganz lässig. Schon hier entsteht ein Eindruck von den sehr verschiedenen Attitüden dieser Künstler. Doch was ist ihnen gemein? Dieser Frage geht die von Tanja Pirsig-Marshall und Catherine Lampert kuratierte Ausstellung unter dem Titel „Das nackte Leben“ nach, die das kürzlich nach einer mehrjährigen Umbauphase wiedereröffnete LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster zeigt. (LWL, der Landschaftsverband Westfalen-Lippe, ist ein Kommunalverband – Anm. d. Red.) Die Künstler der Ausstellung haben die prägenden und wichtigen Jahre ihrer Laufbahn in London verbracht. Inmitten des sich in der Nachkriegszeit abzeichnenden Siegeszugs der Abstraktion sind sie der figurativen Malerei, der Arbeit nach der sichtbaren Wirklichkeit („from life“), treu geblieben.

Gleich der erste Raum der Ausstellung irritiert durch in abgestuften Gelbtönen gestrichene Wände, die die Wahrnehmung der Werke beeinflussen – nicht zum Guten. Glücklicherweise ist die Wandgestaltung in den folgenden Sälen zurückhaltender. Die einzelnen Räume sind thematisch eher lose miteinander verbunden. Die rund 120 Gemälde und Graphiken hängen teilweise dicht an dicht.

Die Arbeiten des 1931 in Berlin geborenen, mit einem Kindertransport nach Großbritannien geflüchteten Malers Frank Auerbach wirken skulptural. Die Ölfarbe trägt Auerbach in dicken Schichten auf, sie türmt sich förmlich auf der Leinwand. Zu seinen Motiven zählen Stadtlandschaften ebenso wie figürliche Kompositionen und Porträts. Erst aus einer bestimmten Entfernung setzt sich beim Betrachter ein gegenständliches Bild zusammen, während bei näherer Betrachtung die Materialität der Farbe dominiert. Auerbachs in Kohle ausgeführte Porträts sind in dieser Hinsicht etwas klarer. Sie zeugen jedoch auch von einem intensiven Arbeitsprozess, einer Suche nach der gültigen Form. Die Blätter sehen buchstäblich mitgenommen aus: Weil Auerbach so rabiat am Bild arbeitet, entstehen Löcher im Papier und werden wieder geschlossen.

Auch Leon Kossoffs (geb. 1926) Bilder brauchen zur Betrachtung Raum und Abstand. Der dichte Farbauftrag erzeugt eine skulpturale Wirkung und verstärkt die emotionale Strahlkraft seiner Arbeiten, so zum Beispiel bei „Head of Mother“ von 1965. Die unverdünnt aufgetragene, mehrfach vermischte Farbe wirkt aus der Nähe beinahe wie Schlamm.

„Girl with Roses“ heißt ein frühes Porträt von Lucian Freud (1922-2011) aus dem Jahr 1947/48. Das Gemälde zeigt eine junge Frau, die in ihrer rechten Hand eine Rose hält. Es scheint, als ob sie in die Dornen greifen würde: Sie blickt erschrocken. Freud malt hier kühl und unsentimental. Nicht nur die altmeisterliche Malweise und die harten Licht-Schatten-Kontraste lassen an die Neue Sachlichkeit denken. Der spätere Freud ist malerischer. Seine Arbeiten beeindrucken als stille Momentaufnahmen, als wäre der Augenblick eingefroren. Sein Blick bleibt dabei schonungslos. Einige Porträts haben fast schon etwas Gewaltsames an sich.

R.B. Kitaj (1932-2007) arbeitet in seiner Malerei oft mit fotografischen Vorlagen und Medienbildern. Das Figurenbild „Erie Shore“ (1966) besteht aus zwei Leinwänden und ist auch kompositorisch geteilt. Es zeigt Versatzstücke und entfaltet keine eindeutige Erzählung. Hier waltet die Logik des Traums. Der Bildraum ist nicht einheitlich, lässt eher an eine Collage denken. Kitajs Malerei fußt dennoch auf einer soliden zeichnerischen Basis. Seine Linienführung ist bewundernswert souverän. Kitaj malt wie mit Pastell, akkurat und graphisch, lässt die Struktur der Leinwand ebenso durchschimmern wie sein großes Vorbild Degas.

„The Room, Tarzana“ von 1967, ein Großformat von David Hockney (geb. 1937), scheint eine malerische Rückkehr zur Ordnung zu markieren. Mit einem Tiefe suggerierenden Bildraum hebt es sich von seinen cartoonhaft-grotesken Arbeiten der frühen Sechziger ab. Zu sehen ist ein lichtdurchfluteter Raum, aus dem sich ein Ausblick auf eine sattgrüne mediterrane Szenerie eröffnet. Der Boden ist blau, die Wände grau-blau. Ein Bett steht inmitten des Zimmers, auf dem grünen Bettbezug liegt ein Mann auf dem Bauch, nur mit einem T-Shirt und mit Socken bekleidet. Das unbekleidete Gesäß des jungen Mannes befindet sich ziemlich genau in der Bildmitte. Der Blick des Mannes ist leicht dem Betrachter zugewandt. Der Beobachtete wird zum Beobachter und ertappt den Voyeur. Peter Schlesinger, damals Hockneys Schwarm, stand hier Modell. Die Farbpalette ist auf wenige Töne reduziert, was dem Bild Leichtigkeit verleiht und die Hauttöne im Kontrast stark zur Geltung kommen lässt. In den sechziger Jahren muss dieses homoerotisch aufgeladene Bild schockierend und provozierend gewirkt haben.

Eine radikal auf ihre Umrisse reduzierte Figur zeigt Patrick Caulfields (1936-2005) Gemälde „Girl in a Doorway“ (1969). Sämtliche Bildinhalte sind mit schwarzen Konturen angedeutet. Die Farben sind flächig aufgetragen, von Figur und Hintergrund unabhängig, die Motive überlappend. Caulfield ist eindeutig der Pop Art zuzuordnen. Seine Bildwelt ist radikal plakativ und graphisch. Julian Opie erscheint mit einem Mal wie Caulfields zeitgenössischer Epigone.

Einige über das Akademische kaum hinausgehende Ansätze werden ebenfalls in der Ausstellung präsentiert. Die Aktstudien von William Coldstream von 1953/54 wirken konventionell, auch wenn Coldstream bewusst die konstruierenden Linien der Vorzeichnung stehen lässt. Der Malduktus ist skizzenhaft, suchend. In jenen Jahren malt der später experimentell mit Medienbildern umgehende Pop-Künstler Richard Hamilton noch ähnlich geometrisch-analytisch, wenn auch mit weniger illustrativer Absicht. Die London-Ansichten von David Bomberg und Coldstream aus den vierziger Jahren zeugen vom zaghaften Aufblühen der Kunst im Ausgang des Krieges. Hier ist die Lehrergeneration am Werk. Zu Bombergs Schülern zählten Frank Auerbach und Leon Kossoff.

Die figurative Malerei hatte nach 1945 nicht nur in Deutschland einen schweren Stand. Sie kam unter Druck, etwa durch den Vormarsch des als eine Ausdrucksform der Freiheit propagierten US-amerikanischen Abstract Expressionism. Hinzu kam der ideologische Missbrauch der Figuration in totalitären Diktaturen der Vorkriegszeit und im Ostblock. In den siebziger Jahren schwächte zudem das Aufkommen konzeptueller Strömungen das Ansehen der Malerei. Erst in den achtziger Jahren erlebte sie eine erneute Konjunktur. Große Gruppenausstellungen britischer Maler tourten durch Europa. Nur wenige Künstler wie Bacon, Hockney und Kitaj konnten sich auf dem Kontinent behaupten, auch wenn sie für deutsche Maler wie Georg Baselitz eine Vorbildrolle hatten und selbst in der DDR rezipiert wurden. So sind viele der in Münster präsentierten Positionen in Deutschland bis heute nahezu unbekannt und lassen sich erst jetzt studieren. Auch liefern sie einen Kontext für die bekannten Künstler, deren Entwicklung nachvollziehbarer wird. Das macht die Ausstellung sehenswert.

Mit dem nackten Leben davongekommen zu sein, so könnte man das Lebensgefühl der Kriegsgeneration umschreiben. Die Münsteraner Ausstellung scheint mit ihrem Titel sowohl darauf anzuspielen als auch auf den Rückgriff der beteiligten Künstler auf die sichtbare Wirklichkeit. Sie zeigt eine Szene in der Kontinuität der Veränderung, die beständige Spannung der figurativen Malerei zwischen Tradition und Aufbruch. Die Bandbreite der künstlerischen Ansätze ist groß. Die Positionen sind hochgradig individuell und lassen sich schon gar nicht unter einem Ismus subsumieren. Einst prägte R.B. Kitaj das Label „School of London“. Die lebensweltlich wie auch künstlerisch denkbar divergenten Maler der Ausstellung verbindet vor allem ihr starker Bezug zu London. „Das nackte Leben“ ist daher vor allem eine Hommage an die britische Kunstmetropole, ihre Integrationskraft und ihren raschen kulturellen Wandel nach dem 2. Weltkrieg.

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erstellt am 10.12.2014

David Bomberg Evening in the City of London, 1944, Museum of London © VG Bild-Kunst, Bonn 2014 / Foto: Museum of London

Ausstellung in Münster

Das nackte Leben.

Malerei in London 1950–80

Bis 22. Februar 2015

LWL-Museum für Kunst und Kultur
Domplatz 10, 48143 Münster

Frank Auerbach Head of Julia II, 1960, Private Collection © Frank Auerbach / Courtesy of Marlborough Fine Art / Foto: Prudence Cuming Associates Ltd.

Leon Kossoff Fidelma with Raised Arms, 1981, Courtesy of The Frank Cohen Collection © The Artist / Foto: Courtesy of The Frank Cohen Collection

Lucian Freud Girl with Roses, 1947/48 © The Lucian Freud Archive / Bridgeman Images / Foto: John Riddy / Courtesy of the British Council Collection

R.B. Kitaj Value, Price & Profit (The Production of Waste), 1963, Privatbesitz © The Estate of R.B. Kitaj / Courtesy of Marlborough Fine Art / Foto: Lefevre Fine Art Ltd., London / Bridgeman Images