Nach allem, was wir wissen, war Epikur kein Epikuräer. Er gab sich mit Wenigem zufrieden und war für Ausschweifungen nicht zu haben. Otto A. Böhmer aber sah, wie ein Wunder ihn von seinen Schmerzen befreite.

Holzwege

Was für schöne Augen

Der Philosoph Epikur

Von Otto A. Böhmer

Der Philosoph Epikur verspürte seit einigen Tagen seltsame Schmerzen, die sich ihm zusehends auch auf die Laune legten. Begonnen hatte alles im Kopf; dort lastete ein dumpfer Druck, der dem Philosophen nicht, wie er es an sich gewohnt war, nach unten entwich, sondern auszustrahlen begann, in die Schultern strömte und von dort aus den ganzen Körper erfasste. Wenn Epikur umherging, fühlte er sich wie ein uralter Mann; alle Knochen taten ihm weh, die Gelenke knackten, und als er sich zu unvorsichtig nach vorn beugte, war es, als ob man seinen Rücken und dessen Verlängerung mit deftig-derben Nadelstichen traktierte. Obwohl das Spazierengehen sonst ja als gesund zu gelten hat, sollte ich mir ab sofort scharfe Schonung verordnen, dachte der Philosoph. Nur keine falschen Bewegungen mehr. Überaus behutsam streckte er sich auf seinem Lager aus, und der Körperschmerz begann nachzulassen. Zumindest glaubte er das, aber als er sich auf die Seite drehen wollte, stach es wieder, als seien es Nadeln. So blieb er denn auf dem Rücken liegen und rührte sich kaum; das war, wie er fand, noch die gefahrloseste Stellung für ihn. Er schloss die Augen und hoffte auf mildtätigen Schlaf. Der jedoch wollte nicht kommen; der Druck in seinem Kopf nahm prompt wieder zu. Es wird doch wohl noch nicht so weit sein, sagte sich Epikur. Erste Vorboten des Todes, von dem ich zwar weiß, dass er ein Nichts ist, den der Mensch trotzdem zu fürchten gelernt hat, weil er lebt und etwas anderes als das Leben sich nicht vorstellen mag. Der Tod hat für uns eigentlich gar keine Bedeutung: Wenn wir sind, ist der Tod nicht, und wenn der Tod ist, sind wir nicht. Dieser Gedanke tröstete Epikur ein wenig über seine Malaise hinweg, und er fiel doch noch in den erhofften Schlummer.

Am nächsten Morgen fand ihn einer seiner Schüler, der sich wunderte, dass der Meister nicht wie gewohnt in den großen Garten kam, um dort die philosophischen Tagesgespräche zu beginnen. Epikur lag steif und starr auf dem Bett, so als habe er vorzeitig das Zeitliche segnen müssen. Angstvoll beugte sich sein Schüler über ihn und stellte mit Erleichterung fest, dass der Philosoph atmete. Dieser schien zu merken, dass er beobachtet wurde und öffnete die Augen. „Warum liege ich hier?“ fragte er. „Ja, warum liegt Ihr noch hier?“ entgegnete der Schüler. „Ich weiß es auch nicht. Die Sonne jedenfalls steht schon hoch am Himmel.“ „Dann muss ich kommen“, sagte Epikur und richtete sich auf, um gleich darauf mit einem kolossalen Seufzer wieder zurückzusinken. „Was ist Euch?“, fragte der Schüler. „Seid Ihr krank?“ „Es ist dieser eine unglaubliche Schmerz“, murmelte Epikur. „Jetzt ist er mir wieder eingefallen. Er will nicht nachlassen.“ „Ich hole einen Arzt“, sagte der Schüler. „Nein!“ beschied ihn der Philosoph. „Aber habt Ihr nicht selbst unlängst geschrieben: Für keinen ist es zu früh und für keinen zu spät, sich um die Gesundheit der Seele zu kümmern?“ „Die Seele, ja“, meinte Epikur. „Aber der Schmerz sitzt in meinem Körper.“ „Ich verstehe Euch nicht“, sagte sein Schüler. „Habt Ihr nicht selbst unlängst geschrieben…“

„Schon gut“, seufzte der Philosoph. „Nun geht schon, und holt diesen Arzt.“

Kurze Zeit später kehrte der Schüler mit einem ausnehmend schönen jungen Mann zurück. „Seid Ihr etwa der Arzt?“ fragte Epikur. „Ich muss gestehen…“ „Ja, er ist noch sehr jung“, sagte sein Schüler mit glänzenden Augen. „Aber seine Hände sind so geschickt, und er sieht einfach alles.“ Der so gepriesene Arzt lächelte. Er strich dem Philosophen über die Stirn und die Wangen. Epikur lief ein warmer Schauer den Rücken hinunter. Was für eine sanfte Berührung! dachte er. Dieser junge Mensch versteht es schon durch sein Äußeres, für sich einzunehmen. Was für schöne Augen er hat. Man muss ihn nur anschauen, und schon vergisst man, dass er Arzt ist und in eindeutiger Absicht zu einem kommt. „Ich weiß nicht, was Euch fehlt“, sagte der junge Mann dann. „Aber es wird besser!“ Er hat auch, was mich nicht wundert, eine sehr angenehme Stimme, dachte der Philosoph und fühlte sich auf einmal wieder erstaunlich wohl. Vorsichtig richtete er sich auf; der Schmerz war wie verflogen. „Ich danke Euch“, sagte er. „Ihr seid ein wahrer Freund.“

„Die Fähigkeit, Freundschaft zu erwerben, ist unter allem, was Weisheit zum Glück beitragen kann, bei weitem das Wichtigste“, sagte der Schüler, und der Arzt nickte. „Eine gute, eine richtige Erkenntnis“, meinte Epikur. „Auch wenn Sie mir nicht ganz unbekannt vorkommt. Ich selbst habe…“ „Ich weiß“, sagte der Schüler, und er schaute dabei sehr eindringlich den jungen Mann an, den er dem Philosophen als Arzt ins Haus gebracht hatte. „Die Natur hat uns zur Freundschaft geschaffen.“ „Der Liebesgenuss aber“, sagte Epikur lächelnd, „bringt keinen Nutzen. Man kann sogar froh sein, wenn er nicht schadet.“ „Er sprach nicht von der Liebe“, sagte der Arzt, „und auch nicht vom Genuss. Die Freundschaft nämlich bringt uns viel mehr…“ „Sie umtanzt den Erdkreis“, sagte Epikur und legte die Hand seines Schülers in die des jungen Mannes. „Die Freundschaft ist wie ein Geschenk und will uns allen, ja, uns allen, verkünden, dass wir zum Glück erwachen sollen. Geht, meine Freunde, und lasst Euch viel Zeit!“

Als der Philosoph wieder allein war, fühlte er sich traurig und glücklich zugleich. Erinnerungen kamen in ihm auf, taghelle Bilder, die er für sich nachzeichnete und dann, herrlich getröstet und wieder arm gemacht, noch einmal und immer wieder vergessen durfte. Es ist gut, sagte er sich schließlich. Es ist gut. Ich werde jetzt hinausgehen in den Garten, wo meine Schüler wie jeden Tag auf mich warten. Die Liebenden nutzen jede Stunde, und sie dürfen sich glücklich schätzen, wenn ihnen letztlich Freundschaft beschieden wird und erhalten bleibt. Es braucht die Zeit, aber sie wird alles vollenden. Man muss sich nur aus dem Gefängnis der Geschäfte und der Politik befreien. Mehr noch als für uns wird dies, denke ich, für die Zukünftigen gelten.

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erstellt am 08.12.2014

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Epikur

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