Simone de Beauvoir hat in den fünfziger Jahren einen Essay über den Marquis de Sade veröffentlicht, der es in sich hat. Denn der Adlige ist bei ihr nicht göttlich und nicht satanisch, sondern ein starker Moralist. Bernd Leukert hat den Text wiedergelesen und kann ihn weiterempfehlen.

Literaturgeschichte

Die Pflicht, ein Verbrecher zu sein

Simone de Beauvoirs »Soll man de Sade verbrennen?«, wiedergelesen und als Empfehlung nachgereicht zum 200. Todestag des Marquis de Sade

Von Bernd Leukert

1955 erschien der Essay „Privilèges“, der dem deutschen Verleger wohl nicht skandalös genug vorkam. Deshalb wurde der Text unter dem Titel „Soll man de Sade verbrennen?“ in deutscher Sprache veröffentlicht, in einer anderen Version – völlig sinnfrei – unter der Überschrift „Auge um Auge“. Die Autorin war nicht unbekannt. Simone de Beauvoir hatte 1943 „Sie kam und blieb“ veröffentlicht, 1945 „Das Blut der anderen“, 1946 „Alle Menschen sind sterblich“, 1949 „Das andere Geschlecht“, das sie weltweit zur feministischen Leitfigur machte, und 1954 „Die Mandarins von Paris“, wofür sie den Prix Goncourt erhielt. Und dann das! Die existentialistische Intellektuelle setzte sich durch gegen die Gloriole, die man ihr umgeworfen hatte, und schrieb über den kriminellen Wüstling: „Sades nicht hoch genug einzuschätzendes Verdienst ist es, angesichts der Abstraktionen und Entfremdungen, die nichts anderes sind als Flucht, die Eigentlichkeit des Menschen gefordert zu haben.“ Ein deutscher Autor, geschweige denn eine Autorin der Nachkriegszeit hätte sich eine solche Zumutung kaum leisten können. In der Bundesrepublik war der Markgraf längst zum Porno-Grafen gemacht worden, – was, genau besehen, das Thema verfehlte.

Simone de Beauvoir hat ihrerseits den Fall de Sade genau besehen. Sie vergibt dem Libertin nichts: „Es wäre ein Verrat an Sade, wollte man ihm allzu leichtfertig seine Sympathie schenken, denn schließlich will er mein Unglück, meine Unterwerfung, meinen Tod; und jedesmal, wenn wir für ein von einem Sittlichkeitsverbrecher ermordetes Kind Partei ergreifen, stellen wir uns gegen Sade.“ Was also interessierte die Autorin an dem lasterhaften Adligen, dessen Schriften angefüllt sind mit endlosen und endlos kombinierbaren Versuchsanordnungen sexueller Praktiken? „Sade“, bemerkt Beauvoir, „verdient also besondere Beachtung weder als Schriftsteller noch als sexuell Pervertierter. Aufmerksamkeit verdient vielmehr die Beziehung, die er zwischen diesen beiden Aspekten seiner Person geschaffen hat. Die Anomalien Sades sind von dem Augenblick an interessant, da er, anstatt sie als etwas von der Natur Gegebenes hinzunehmen, ein umfassendes System ausarbeitet, um sie zu rechtfertigen; und umgekehrt fesseln uns seine Bücher, sobald wir erkennen, daß er mittels seiner ermüdenden Wiederholungen, klischeehaften Formulierungen und stilistischen Ungeschicklichkeiten eine Erfahrung mitzuteilen versucht, deren Eigenart es gerade ist, nicht mitteilbar zu sein.“

Simone de Beauvoirs Essay beginnt mit einem Zitat de Sades, das sein Lebensproblem enthält: „Gebieterisch, jähzornig, ohne Maß und Ziel, in den Sitten von einer wirren Phantasie, die nicht ihresgleichen hat, Atheist bis zum Fanatismus, kurz gesagt, so bin ich, und noch einmal, tötet mich oder nehmt mich so, wie ich bin, denn ich werde mich nicht ändern.“ Und weil er hartnäckig auf seiner Besonderheit bestand, konnte er von der Gesellschaft nicht akzeptiert werden. De Sade wird für Existentialisten zum Prüfstein ihres Freiheitsbegriffs. Der überzeugte Atheist hat keine andere Referenz als sich selbst. So wendet er sich gegen Mystik und Ideologien, mit denen die Menschen sich selbst verleugnen. Deshalb schreibt er: „Die Gottesidee ist das einzige Unrecht, das ich den Menschen nicht verzeihen kann.“ „Sade will es nur mit Menschen zu tun haben, und alles, was nicht menschlich ist, ist ihm fremd.“, kommentiert Beauvoir und zeigt den Kampf des Marquis gegen die bürgerliche Moral, die – wie die Ideologie – Ausdruck einer Wirtschaftsordnung ist, und zwar einer ungerechten. Dass er diesen Zusammenhang erkannt hatte, mag bei einem solchen Autor nicht überraschen. Dennoch ist die Klarheit erstaunlich, mit der er erklärt: „Eine gerechte Wirtschaftsordnung würde Gesetzbücher und Gerichte überflüssig machen, denn das Verbrechen wurzelt in Not und Ungleichheit, und mit der Beseitigung seiner Ursachen würde es verschwinden.“ Beauvoir hat diesen ‚sozialistischen’ Sadismus in einem Satz zusammengefasst: „Was er meint, ist völlig deutlich: man muß entweder die Armut oder die Armen abschaffen, darf jedoch nicht durch halbe Maßnahmen die Ungerechtigkeit und die Unterdrückung verewigen.“

Daran, dass die Haltung und ihre Erklärungsmuster de Sades höchst widersprüchlich sind, – denn selbstverständlich war er niemals bereit, seine Privilegien aufzugeben, und eine strikte Gleichheit der Menschen hätte er verachtet – hat Simone de Beauvoir keinen Zweifel gelassen: „Trotz seinem ganzen Pessimismus steht er gesellschaftlich aufseiten der Privilegierten; er hat nicht begriffen, daß sich die soziale Ungerechtigkeit sogar auf die ethischen Möglichkeiten des Menschen auswirkt. … aber niemals dachte er daran, sich ausschließlich an seine Standesgenossen zu wenden, deren Überheblichkeit er verabscheute. Er hatte eine demokratische Vorstellung von der Prädestination, an die er glaubte. Er war davon überzeugt, daß diese Art von Vorherbestimmung es den Menschen ermöglichen würde, ihrer ökonomischen Lage zu entgehen; die Entdeckung, daß sie von eben dieser Lage abhängig war, hätte in sein Konzept nicht gepaßt.“

Auf Louis-Michel van Loos Portraitzeichnung sieht der junge de Sade verschmitzt und anmutig drein. Als ihn aber der royalistische Romantiker Charles Nodier 1807 im Gefängnis Sainte-Pélagie kennenlernte, notierte er: „ … eine gewaltige Fettleibigkeit, die seine Bewegungen so sehr störte, daß es ihm nicht möglich war, einen Rest der Anmut und Eleganz zu entfalten, deren Spuren noch in seinem ganzen Benehmen zu erkennen waren. Dennoch bewahrten seine müden Augen etwas Glänzendes, Fieberhaftes, das von Zeit zu Zeit in ihnen aufleuchtete, wie ein Funke, der in einer ausgebrannten Kohle erlischt.“

„Mangels körperlicher Betätigung bin ich so korpulent geworden, daß ich mich kaum noch rühren kann.“, schrieb Donatien-Alphonse-François, Marquis de Sade, als er in der Bastille wohnhaft war. Später, 1792, während des Terreurs und der Guillotine, nannte er sich Louis Sade.

Simone de Beauvoir lässt an keiner Stelle ihres Essays eine Vermischung von Leben und Werk dieses paradoxen Menschen zu. Der im Leben unbeugsam Scheiternde, der als Gefangener seine überbordende Phantasie kühl wie ein experimentierender Naturwissenschaftler verschriftlicht, konnte Empathie dabei nur als Störfaktor ansehen. Deshalb geht er auch über alle Tabus hinweg. Beauvoir fasst das so zusammen: „Sade gehört zu der großen Familie jener Menschen, die jenseits der ‚Banalität des Alltagslebens’ eine dieser Welt immanente Wahrheit finden wollen. So gesehen ist das Verbrechen in seinen Augen eine Pflicht: ‚In einer verbrecherischen Gesellschaft muß man ein Verbrecher sein.’ Dieser Satz ist die Zusammenfassung seiner Ethik.“

Simone de Beauvoir zieht alle relevanten Aspekte de Sades heran, auch die vollzogenen oder auch nur erdachten Abscheulichkeiten. Interessiert aber war sie an dem de Sade, der alle Heuchelei ablehnte, den Moralisten, der mit kaltem Blick das unredliche und unaufrichtige Gebaren sah, das die Gesellschaft zusammenhält und das er verachtete. Und es ist nicht nur als philosophisches Problem behandelbar, womit sie ihren Essay beschließt: „In jedem Augenblick leiden und sterben Tausende von Menschen vergeblich, ungerechterweise, und doch rührt uns das nicht an: nur um diesen Preis ist unser Dasein überhaupt möglich. Sades Verdienst ist es nicht nur, mit lauter Stimme verkündet zu haben, was jeder Mensch sich verschämt eingesteht, sondern auch, sich damit nicht abgefunden zu haben. Um gegen die Gleichgültigkeit anzukämpfen, hat er sich für die Grausamkeit entschieden. … Sade hat das Moment des Egoismus, der Ungerechtigkeit und des Unglücks in seinem Leben mit letzter Konsequenz verwirklicht. Der eigentliche Wert seines Beispiels besteht darin, daß es uns beunruhigt. Er zwingt uns, erneut das wesentliche Problem in Frage zu stellen, das in anderer Gestalt auch unsere Zeit bedrängt: die wahre Beziehung von Mensch zu Mensch.“

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erstellt am 07.12.2014

Simone de Beauvoir
Simone de Beauvoir
Marquis de Sade
Marquis de Sade

Simone de Beauvoir
Soll man de Sade verbrennen?
Broschiert, 272 Seiten
ISBN 978-3-499-15174-3
Rowohlt Verlag, Reinbek 1983

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