Die Frankfurter Galerie hanfweihnacht eröffnete am 8.11.2014 Everything In Its Right Place, die erste Einzelausstellung des jungen Künstlers Bernd Metz. Die Werke des Künstlers waren schon in Montevideo, New York, Amsterdam und Istanbul zu sehen. Außerdem hat er dieses Jahr in Korea ausgestellt, wo er im Rahmen eines Artist in Residence-Programms mehrere Monate verbrachte. Ein weiterer Künstleraustausch ermöglichte dem Frankfurter Künstler zuletzt einen Aufenthalt in Wien. Metz hat in Frankfurt und Barcelona Kunst, Kulturwissenschaften und Philosophie studiert. Dieser theoretische Hintergrund schlägt sich in seiner konzeptuell ausgerichteten Kunst nieder, die mit Materialitäten, abstrakten Formen und Perspektivverschiebungen experimentiert. Um seiner minimalistischen Ästhetik auf die Spur zu kommen, statten wir der Galerie einen Besuch ab.

Zeitgenössische Kunst

Behutsame Irritation: Alles am richtigen Platz?

Von Andrea Gremels und Maren Scheurer

untitled, 2013, Fotografie, Gummiband, Sockel, 15 × 20 cm

Wenn man den Ausstellungsraum betritt, fällt der Blick zuallererst auf etwas Unsichtbares: Zwischen zwei Säulen hängt eine minimal gerahmte Glasscheibe. Durch diese Scheibe bohrt sich eine Nadel, die einen zerplatzten Luftballon aufspießt. In dieser Arbeit („Shaolin Show“, 2013) deutet sich vieles an, was Everything In Its Right Place sichtbar macht. Die Anwesenheit des Ballons verleiht dem Werk eine Bildhaftigkeit, die sich der Transparenz der Glasscheibe eigentlich widersetzt. Sein klares Gelb drängt sich dem Betrachter als einer der wenigen Farbakzente der Ausstellung auf und vermittelt eine scheinbare Fröhlichkeit. Sie wird durch die brutale Gestik des Durchbohrens unterbunden: Vom Ballon und seiner Verspieltheit bleiben nur Fetzen übrig. Diese widersprüchlichen Kräfte von Spiel und Zerstörung, Offenheit und Geschlossenheit, Zufall und Inszenierung ziehen sich durch alle Werke der Ausstellung und ihr Arrangement im Raum.

„Shaolin Show“ nimmt nicht die Mitte zwischen den Säulen, auch nicht die Mitte dieses Raumes ein, der durch die optische Verschiebung des Fußbodens auf einen Teil der Wände ohnehin die Perspektiven des Betrachters hinterfragt. Wenn schon der Boden nicht am „rechten Ort“ ist, wie verhält es sich mit den Objekten, die im Raum angeordnet sind? Gehören zwei an der Wand lehnende Metallstreben („Construction“, 2014) zur Ausstellung? Was ist mit dem zurückgelassenen Rahmen auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes („untitled“, 2014)? Oder den zusammengerollten Fotografien („untitled“, 2013), deren zufällige Anordnung vermuten ließe, es handele sich um Unbedeutendes, wären sie nicht auf einem Sockel präsentiert und somit dem Ausstellungsbesucher zur Kontemplation anempfohlen? Zugleich versperren sie sich dem Blick des Betrachters, denn die Weite des darauf abgebildeten Sternenhimmels ist durch die Einrollung nur zu erahnen. Wir erleben hier, wie Zufallsästhetik auf radikale Konzeptkunst stößt. Für beide gilt, dass sie unsere Wahrnehmung des Raums destabilisieren und unsere Sehgewohnheiten in Frage stellen.

Auch Arbeiten, die durch ihre Rahmung oder ihr Arrangement als „Bild“ ausgewiesen sind, problematisieren ihren Status als Objekt. In „untitled“ (2014) sind aus Folie ausgeschnittene, ungleiche Dreiecke unregelmäßig aneinandergereiht, die – wollte man sie bildhaft beschreiben – an Wimpel oder Zapfen erinnern, zugleich aber auch die Aggressivität von Speerspitzen transportieren. Doch darüber hinaus bleibt offen, um was für ein Kunstwerk es sich handelt: Genagelte Collage oder gerahmte Skulptur? Das Spannungsfeld zwischen der Flächigkeit und der Räumlichkeit von Metz’ Werken lässt sich auch in der Arbeit „Gedränge“ (2014) beobachten. Wie eine nicht fertig aufgeklebte Tapete wirkt das auf Stoff gedruckte, computergenerierte Farbmuster. Das Muster wird durch einen Papierdruck, der auf dem Stoff befestigt ist, gedoppelt und dadurch in seiner Materialität hervorgehoben. Eine ebenfalls auf dem Stoff angebrachte, gerahmte Faltung führt das Moment der Räumlichkeit ein. Die Faltung dringt in die Tiefe, während der Papierdruck sich von der Wand abhebt. Die Irritation des Sehens, welche die Arbeit bereits durch die vielfarbige Musterung erzeugt, wird dadurch noch intensiviert. Zu dieser Wandinstallation gehört außerdem noch eine Topfpflanze. Bilder auf dem Bild? Selbstironische Installation? Wohnzimmereinrichtung?

Spiegelbildlich zueinander verhalten sich zwei Arbeiten: „tri cut“ (2013), drei weiß bemalte Gipsplatten, und „dep3“ (2012), achtzehn in zwei Reihen angebrachte Glasscheiben. Auf den ersten Blick erscheinen beide Arbeiten beinahe aufdringlich symmetrisch und streng. Doch auch hier ist dem Blick nicht zu trauen. Denn die Glasscheiben sind leicht gegeneinander verschoben. Was sich in ihnen spiegelt, kann so nur brüchig erscheinen. Ebenso gebrochen wirken die Gipsplatten beim näheren Hinsehen, da ihr makelloses Weiß am unteren Rand zerkratzt und ihre Struktur gar zerstört wurde. Die Platten signalisieren damit zwar einerseits die Destruktivität, die sich auch in anderen Werken Metz’ widerspiegelt, doch andererseits bricht sich hier eine organische Lebendigkeit Bahn, welche die Strenge der Arbeit aushebelt.

Mehrdimensionalität eröffnet sich also durchweg in Metz’ Arbeiten, sollten sie auch noch so minimalistisch sein und dem Betrachter zunächst klar und vielleicht sogar eindeutig erscheinen. In ihrer Reduktion ist gleichzeitig ein großer Spielraum angelegt. Dies gilt auch für seine Papierfaltungen. Wenige Knicke lassen eine Tiefenstruktur entstehen und legen eine Fülle von Farbnuancen und -schattierungen im weißen Papier frei. In ihren kleinen Gesten, ihren behutsamen Kompositionen und nicht zuletzt ihrer zarten Fragilität muss man diese Kunst als „schön“ bezeichnen. Und zugleich geht sie über das bloß Reizvolle weit hinaus. In ihrer ästhetisierenden Reduktion verweist sie beständig auf die konzeptuellen Debatten um das „richtige“ Sehen, die Wirklichkeit von Bildern und die (Un)Ordnung des Raums, die Metz in seinen Arbeiten gedanklich aufgreift und kommentiert.

Auch nach längerem Aufenthalt in der Galerie hält Bernd Metz immer noch Überraschungen für uns bereit, die den Besuch seiner Ausstellung so lohnenswert machen. Passenderweise findet sich das vermeintliche Kernstück, „Everything In Its Right Place“ (2014), im Nebenraum. Unauffällig, beinahe unsichtbar ist die Leinwand mit herabhängenden Ecken neben der Tür platziert, wo sie trotz der ostentativen Aufschrift „Everything“ aus Blattgold kaum ins Auge fällt. So fragt Metz uns bis zum Schluss, was hier eigentlich am richtigen Platz ist.

Andrea Gremels

Maren Scheurer ist Doktorandin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

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erstellt am 02.12.2014

Ausstellungsansicht, Galerie hanfweihnacht, Frankfurt am Main, 2014

Ausstellung in Frankfurt

Everything In Its Right Place – Bernd Metz

Bis 19. Dezember 2014

Galerie hanfweihnacht Gartenstr. 47, 60569 Frankfurt am Main

Ausstellungsansicht, Galerie hanfweihnacht, Frankfurt am Main, 2014

Vita

Bernd Metz

Geboren 1979 in Landau. Lebt und arbeitet in Frankfurt am Main. Studium der Kunst und Kulturwissenschaften an der Goethe-Universität, Frankfurt am Main.

2014
Artist in residence in Goyang (Südkorea) sowie in Wien (Österreich)

Ausstellungen (Auswahl)

2014
Gestures of objects, Kersgallery, Amsterdam
Pfalzpreis für Bildende Kunst, Museum Pfalzgalerie, Kaiserslautern
occupy JungMisO, JungMisoartspace, Seoul
Andromeda, MMCA National Art Studio Goyang, Seoul

2013
II. International Istanbul Trienniale, MAKSEM-Gallery, Istanbul
ALL IN, Kunstverein, Bad Dürkheim
Fundamental Ephemeris, BronxArtSpace, New York
ICH UND DIE GEISTER, Die Fabrik, Frankfurt
aktuelle formationen, neue Studiogalerie, Frankfurt
mal so mal so, Abgeordnetenhaus des Landtages, Mainz

www.bmetz.de

Ausstellungsansicht, Galerie hanfweihnacht, Frankfurt am Main, 2014

tri cut, 2013, 150 × 200 cm, Gipskarton, Acrylfarbe

Ausstellungsansicht, Galerie hanfweihnacht, Frankfurt am Main, 2014