Wortwörtlichkeit als Masche der Kunst errichtet bloß den Anschein des ganz ernst Gemeinten, um just auf diesem Wege in der Banalisierung, der schieren Schildbürgerei oder im Kalauer zu landen. Joseph Beuys hingegen hat es verstanden, statt der kalauernden die bedeutungsschwangere Seite hervorzukehren, meint Christian Janecke.

Maschen der Kunst

Wortwörtlichkeit

Von Christian Janecke

»Cut, Copy, Paste« heißt es in der Projektbeschreibung einer jungen Künstlerin. Ausgeschnitten, kopiert und eingefügt werden soll aber gar kein Textfragment, sondern ein Stück »vorgefertigter Heimatboden«, ein »modularisiertes Stück Erde«, das in einem Einkaufswagen feilgeboten wird.

Ein weiterer junger Künstler lässt einen verrosteten Offizierssäbel über einer kleinen, runden Rasenfläche rotieren, auf dass das darunter per Lampe wachstumsbeschleunigte Gras bald schon von der Klinge gestutzt werde. Dabei soll das »schleifende Geräusch der Klinge auf der Rasenfläche« es dem Betrachter ermöglichen, »das Gras wachsen zu hören«.

In beiden Beispielen mag es um Aspekte wie Naturbezug, Modellhaftigkeit oder Tüftelei gehen. Doch funktionieren sie auch nach Prinzipien einer Wortwörtlichkeit, die sicherlich noch unverstellter zutage träte, wo ein Künstler zur Kritik gewisser Finanzpraktiken eine ›Geldwäsche‹ mittels einer Waschmaschine vornähme.

Obwohl jedermann darüber im Bilde ist, was es mit Wortwörtlichkeit auf sich hat, lohnt es sich, genauer hinzuschauen. So kann zwar in etlichen Einzelfällen synonym von der wortwörtlichen ebenso wie von der buchstäblichen Bedeutung eines Begriffes die Rede sein. Sobald man aber von den adjektivischen zu substantivischen und mithin ein Prinzip ausdrückenden Begriffsfassungen wechselt, brechen eklatante Unterschiede auf.

Buchstäblichkeit in der Kunst – programmatisch im ›Literalism‹ der Minimal Art – wäre nach der Auffassung Rainer Metzgers dann nämlich ein Signum der sich herausbildenden Moderne überhaupt, und zwar als Insistieren auf Nichtverwandlung, auf emphatischer Selbstvorweisung des im und durch ein Kunstwerk uns vor Augen Gestellten.

Wortwörtlichkeit in der Kunst – und nun nicht als geschilderte, sondern obwaltende – errichtet hingegen bloß den Anschein des ganz ernst Gemeinten, um just auf diesem Wege schnurstracks in der Banalisierung, der schieren Schildbürgerei oder im Kalauer zu landen. Wo der ›Fußball‹ zu einem Ball aus lauter Füßen wird, oder wo der zwischen zwei verfeindeten Lagern eine ›Brücke Schlagende‹ mit riesiger Keule auf eine Brücke eindrischt, dort wachsen sich Metaphern oder Komposita ins Bizarre oder Monströse aus, indem sie gerade durch hundertprozentiges Ernstnehmen sabotiert werden. Notorisch wurde solche Wortwörtlichkeit bei dem Komiker Karl Valentin, der damit in Tingeltangel seine Antagonisten zur Weißglut trieb. Auch dass es heute nach dem albernen Witz zum Hubschrauberfliegen zwei Leute braucht: »einen, der hupt, einen, der schraubt«, bringt Missachtung gegenüber unproduktiver Beflissenheit bezeichnenderweise durch eine Strategie der Wortwörtlichkeit zum Ausdruck. Dementsprechend ist, wer auf Wortwörtlichkeit pocht, nicht in illustrer, sondern eher in zweifelhafter Gesellschaft, denn er teilt seine Vorliebe mit dem Pedanten, dem sie Richtschnur, mit dem Sophisten, dem sie Plänkelei wird, mit dem Fundamentalisten, der damit seine Unbeirrbarkeit betoniert; er teilt sie mit dem Autisten oder dem Spinner, die in Wortwörtlichkeit eine willkommene Figur der Kontextverachtung in Stellung bringen, mit dem Trottel, bei dem sie Kontextverkennung indiziert, mit dem klügelnd Eigensinnigen, der mit ihr Kontextüberlistung betreibt.

Zu schade nur, dass der Wortwörtlichkeit als einer Masche der Kunst alle Verwegenheit ausgetrieben und dass das anarchische Moment längst perdu ist. Vielmehr ist davon auszugehen, dass Wortwörtlichkeit heute jene Leerstellen besetzt, die einer auf den Nullpunkt erodierten Fähigkeit zur (und Lust an) Symboldechiffrierung aufseiten zeitgenössischer Betrachter entsprechen. Wer im ›Türkenhut‹ weder eine bestimmte Blume, noch eine alte Kopfbedeckung zu erkennen vermag und erst recht nicht verstünde, was damit symbolisiert werden könnte, dem ist mit nichts besser gedient als mit Wortwörtlichkeit am nämlichen Begriffe! Offenkundig verbucht heutige Betrachterphantasie es bereits als Erfolg, jene Diskrepanz, die sich zwischen begrifflich gemeinter und wortwörtlich herauslesbarer Bedeutung aufspannt, erfassen und nachvollziehend ausschöpfen zu dürfen. Indiz dieser Entwicklung ist nicht nur der seichte Umgang der Werbung oder auch der angewandten Hinterhofkünste mit Wortwörtlichkeit (wo dann Läden für Selbstgemachtes je nachdem »Kunst-Stoff« oder »Kunst-Leder«, wo Haarentfernungsstudios »hairlich« und die Ausfuhrwagen eines Bäckers »transbroter« heißen). Indiz hätte uns bereits die beizeiten ungebührlich große Begeisterung für die von Joseph Beuys so wirkungsvoll beanspruchte Wortwörtlichkeit sein können. Denn Beuys hat es verstanden, statt der kalauernden vielmehr die bedeutungsschwangere Seite hervorzukehren. Wenn er, um nur ein Beispiel herauszugreifen, ›Verhärtungen‹ oder ›Verflüssigungen‹ des Denkens durch die – thermoplastisch bedingt – verschiedenen Aggregatzustände von Honig oder Fett auszudrücken vorgab, dann wurden sie dafür eigentlich ja nur wortwörtlich reklamiert. Ist aber das Symbolische erst auf das Wortwörtliche heruntergekommen, so öffnen sich Tür und Tor für künstlerische Kaspereien, dann ahnt man, welch triviale Einfälle gerade in einem an Komposita reichen Sprachraum wie dem deutschen noch unserer harren (nicht auszudenken, wenn den Wortwörtlichen einmal Grimms Wörterbuch in die Hände fiele).

Die reife Phase einer Wortwörtlichkeit als Masche steht ins Haus, wenn die Künstler in einer Art Umkehr der Antriebsrichtung beginnen, auch kunstwissenschaftliche Termini oder Wertschätzungen gegenüber Bildern – zum Beispiel dass sie eine »innere Spannung aufweisen« sollten – getreulich umzusetzen, vielleicht durch allerhand Gummibänder oder auch elektrische Leitungen. Wer es nicht glaubt, der schaue sich um: Nach allen Regeln der Handwerkskunst gezimmerte White Cubes und Black Boxes waren im jüngeren Ausstellungsbetrieb ja bereits zu sehen!

Aus: Christian Janecke: Maschen der Kunst. Mit freundlicher Genehmigung © Zu Klampen Verlag, Springe

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erstellt am 02.12.2014

Aus vielen Lebensgebieten kennen und schätzen wir womöglich sogar das Instituierende und Kreativitätsersparende des wie auch immer Vorgestanzten. Niemand käme auf die Idee, gewisse ‘Maschen des Anmachens’, ‘Maschen der Werbung’ o.ä. zu leugnen oder auch nur besonders verwerflich zu finden. Mitunter zollen wir dem, der die ‘Trickkiste’ eines Gebietes wie z. B. Fußball beherrscht, sogar besonderen Respekt.

Auch die hehre Kunst hat sich längst in einer stattlichen Zahl von ‘Schubladen’ eingerichtet. Und die artigen Vertreter von Kunstwissenschaft und -kritik belassen es oftmals dabei, das eine oder andere Stück daraus hervorziehen, um es im Verhältnis zur direkten Nachbarschaft zu begutachten – statt über die Schubladen, eben einschlägige Maschen zu reden: über je nachdem offenkundige oder verborgene Muster der Effekterzielung, über zuweilen verengende, mitunter aber durchaus produktive Routinen der Kunst.

Joseph Beuys über seine »Honigpumpe am Arbeitsplatz«, Kassel, 1977