Die Forschungsreise ins Innere Tibets war Wilhelm Filchners zweiter Besuch bei den Bewohnern auf dem tibetischen Hochplateau. Nun wollte er, allein mit privaten Mitteln und der finanziellen Hilfe von Freunden, erdmagnetische Messungen vornehmen. Nach zwei Jahren kehrte er endlich heim, reich an wissenschaftlichem Material über die Erde auf dem Dach der Welt, seine Bewohner und den Himmel über Tibet. Im folgenden Auszug aus Wilhelm Filchners Reisetagebuch beschreibt der Forscher die Lebensweise der Tibeter.

Siebter Reisebericht

Wilhelm Filchner: Om mani padme hum

Meine China- und Tibetexpedition. 1926 – 1928

11. Zum Kuku-nor. Bei den Dogpas

Mittags führte uns der Fujeh nach Kokurá, einer kleinen, nur zwei Kilometer entfernten tibetischen Siedlung. Hier lebt ein alter Lama, der durch seine Meditationen hochberühmt ist. Aus allen Himmelsgegenden strömen die Pilger herbei, um seinen Segen zu empfangen. Der Lama wohnt in einem kleinen, von einer Mauer umgebenen Häuschen, das nur zwei Räume hat, die mit sehr schönen Malereien, meist Götterbildern, geschmückt sind. Sein Hausrat besteht vornehmlich aus Kultgeräten, Gebetsfahnen, Gebetstrommeln, Dortschen und Schalen aus Menschenschädeln mit Silbereinfassung. Der Alte empfing uns sehr freundlich; er setzte uns Tee und Butter vor. Eine hübsche Tibeterin bediente uns. Sie lebte im benachbarten Zelt mit ihrer Mutter, deren Gesicht, obwohl sie kaum 50 Jahre alt war, durch das harte Klima ungewöhnlich verwittert aussah. Wir fühlten uns hier sehr wohl und unterhielten uns gut. Auch die Züge des alten Lamas waren von tiefen Runen durchfurcht. Er hatte einen Bauch wie Falstaff und war nicht wenig stolz darauf. Dass ich über die buddhistischen Gottheiten und die Rangstufen des Klerus so gut Bescheid wusste, bereitete ihm besondere Freude.

Die vermögende alte Dame und ihre Tochter sorgten für das leibliche Wohl ihres Hausgenossen, des Lamas; sie hofften, sich dadurch Verdienste im Jenseits zu erwerben. Der Lama las täglich die heiligen Schriften, meditierte und nahm gottesdienstliche Handlungen vor. Man nennt solche Hauslamas gemeinhin Amdschü Lama. Die Zeltbewohner anderer Stätten, die sich einen Hauslama nicht leisten können, müssen für ihre religiösen Bedürfnisse einen Lama kommen lassen, oder mit den Diensten eines durchreisenden Bettelmönchs vorliebnehmen.

Am Nachmittag veranstalteten die Bewohner Junri-gombas uns zu Ehren ein kleines Volksfest. Ein Kurier aus Lhasa ließ sich mit einem meiner Leute in einen Ringkampf ein; nach dessen Beendigung zog er sein Schwert und zeigte Fechtübungen. Auch andere prahlten nun mit ihren Künsten. Zwei Lamas mittleren Ranges fassten sich bei den Ohren und rempelten sich hin und her. Schließlich gerieten auch noch ein paar Schabis aneinander. Sie rangen, einer stellte dem anderen ein Bein und warf ihn zu Boden.

Die Zuschauer ließen sich durch diese Vorführungen in ihrer nützlichen Beschäftigung nicht stören. Die einen stellten aus Schafwolle Zwirn her; ein Lama klärte die Wolle, ein zweiter ergriff den Faden und drehte ihn so lange zwischen beiden Händen, bis ein Meter Zwirn fertiggestellt war. Dann nahm er beide Enden in den Mund, doppelte den Faden und drehte ihn vom Mittelstück nochmals auf. Diese Fäden sind nähfertig. Zum Nähen von Leder und Zeltstoff werden Fäden aus Yakhaaren benutzt, die fester und haltbarer sind. In den Klöstern blüht das tibetische Handwerk aller Art seit Jahrhunderten. So werden hier von Männern und Frauen z.B. Filzdecken als Sattelunterlage für Yaks und Pferde hergestellt; aus dünneren Decken macht man sehr zweckmäßige weite Regenmäntel mit Ärmeln; über das Gesäß hängt eine Klappe herab, auf der der Reiter sitzt und die vor dem Eindringen der Nässe schützen soll.

Bald nähern sich die Eigentümer eines besonders großen Klosterzeltes in gebückter Haltung mit weit herausgestreckter Zunge und laden mich in ihr Zelt ein, wo mich der Hausherr (Nepo) und die Hausfrau (Nemo) freundlich willkommen heißen. Auf einem kleinen Teppich (Tschinn-pá) wird mir ein Platz angewiesen. Am Zelteingang drängt sich das Volk, und noch immer halten die guten Wirte zur Begrüßung ihren Unterarm waagerecht mit der Handfläche nach oben und strecken um die Wette die Zunge heraus, unter dauernder Wiederholung der Begrüßungsformel »Demo, demo«, zu Deutsch: »Wie geht es dir?« Der Mann, dem das Haar wild um den Kopf hängt, ist eifrig beschäftigt, seine Gastgeberpflichten zu erfüllen, während die Frau Feuer anmacht.

Unser Gastgeber scheint ein vermögender Mann zu sein; denn im Hintergrund seines Zeltes sind mehrere große, aus China stammende Teeplatten im Ausmaß von 45:30:5 Zentimetern aufgeschichtet. Daneben in Ledersäcken Mehl, Tsamba und Butterlaibe in Kopfgröße. Die Butterlaibe haben durchschnittlich ein Gewicht von 10 bis 20 Kilo, sind in Felle eingenäht und lagern vielleicht schon seit einem Menschenalter hier. Die Butter ist meist schmutzig, ranzig und mit Schimmel durchsetzt Ihr Genuss erzeugt Brechreiz, bis man sich daran gewöhnt hat.

Inzwischen hat die Frau des Hauses aus dem nahen Bach Wasser geholt und den Kochtopf gefüllt. Der Blasebalg wird lebhaft bewegt. Der beißende Rauch, der das ganze Zelt erfüllt, den Tibeter aber nicht im Geringsten stört, treibt mir die Tränen in die Augen. Die Unterhaltung ist rege im Gange, und man sieht es der ganzen Gesellschaft an, dass sie sich auf die fürstlichen Genüsse, die ihrer harren, freut. Die Leute spucken um die Wette entweder nach rückwärts auf den Boden, oder aber, was als vornehmer gilt, in die Nähe der Feuerstelle. Der Speichel wird sorgfältig mit Asche zugedeckt. Noch ehe das Wasser kocht, wirft die Hausfrau Ziegeltee hinein, den sie mit den Fingern zerdrückt. Bald hat das Getränk eine dunkelbraune Farbe; es sieht wie Kaffee aus. Je dunkler der Tee ist, umso kräftiger ist er nach Ansicht des Tibeters. Ist der Tee fertig, bittet der Hausherr die Gäste, sich zum Schmaus bereitzuhalten. Jeder der Anwesenden, ob Mann oder Frau, hat den kleinen Holznapf aus seinem Pelzmantel hervorgeholt und wartet nun sittsam, bis die Reihe an ihm ist und sein Napf gefüllt wird. Es wäre eine unglaubliche Taktlosigkeit, wenn jemand unaufgefordert seinen Holznapf zeigen oder gar zum Empfang von Nahrung hinhalten würde. Wer keinen Holznapf besitzt, bekommt in Tibet überhaupt nichts zu essen. Es ist ausgeschlossen, dass der Essnapf ausgeliehen wird; das würde gegen die Sitten verstoßen. Der Essnapf ist daher der lebenswichtigste Gebrauchsgegenstand in ganz Tibet.

Die Holznäpfe sind gefüllt, der Wirt fügt dem Tee jedes seiner Gäste ein Stück Butter hinzu, die dieser, sobald sie geschmolzen ist, von der Oberfläche zurückbläst, um zunächst den butterfreien Tee unter lautem Schlürfen zu trinken. Dem im Essnapf zurückgebliebenen Butterrest wird jetzt noch etwas Tee zugefügt, um die Hauptspeise herzustellen. Einem kleinen Sack entnimmt der Wirt nunmehr mit der Hand etwas Tsamba. Jeder Gast erhält so viel Tsamba in seine Holzschale, bis sich dort ein spitzer Kegel auftürmt. Jetzt wird die Mischung von Tsamba, Butter und Tee mit den Fingern der rechten Hand von jedem Einzelnen eifrig geknetet. Auch das muss gelernt sein. Am zweckmäßigsten fängt man am Rand des Napfes mit einem Finger an, um ganz allmählich mit allen schmutzigen Fingern und schließlich mit dem Handteller die Knetarbeit fortzusetzen. Das Gemisch wird langsam fester, und endlich ist ein schwarzbrauner, harter Kloß fertig, der außer Tsamba eine ansehnliche Portion Schmutz enthält.

Das Mahl beginnt. Man beißt in den faustgroßen Klumpen und verzehrt ihn in kürzester Zeit. Meist bleibt es nur bei einer Topffüllung. Zwei Mal vom Tsamba des Gastgebers zu nehmen, gilt als unfein. Nach Beendigung des Mahls muss der Holznapf wie ausgewaschen aussehen. Kein Bröselchen Tsamba darf mehr an den Innenflächen haften; nur dann war der Tsamba richtig geknetet. Nun folgt ein ausgiebiges Teegelage; der Tibeter trinkt dabei im Durchschnitt seine 20 Näpfe Tee.

Inzwischen ist der Kochtopf von Neuem mit Wasser gefüllt. Jetzt kommt, allerdings nur bei wohlhabenden Tibetern, der zweite Gang: die Suppe. Ehe das Wasser kocht, werden kleine Speckstückchen zugeführt Jeder bessere Tibeter trägt im Bausch seines Pelzmantels ein Stück Speck, das vor Dreck starrt und oft auf ein hohes Alter zurück blicken kann. Er legt es auf den Schaft seines Stiefels oder auf die glatte Seite seines schmutzigen Pelzmantels und schneidet mit dem Messer ein Stückchen ab, das er zerkleinert. Eine halbe Hand- voll solcher Speckstückchen genügt, um einem halben Dutzend Tibetern die Illusion einer herrlichen Fleischsuppe vorzuzaubern. Bei unseren Wirten, vermögenden Leuten, wird der Suppe sogar etwas Salz zugesetzt, das übrigens mitunter auch dem Tsamba (1) beigemischt wird. Sobald das Wasser kocht, ist die Suppe fertig. Heute wird sogar eine Handvoll Mehl oder auch Tsamba unter dauerndem Rühren der Suppe zugefügt. Dann wird die Suppe mit dem Eisenlöffel verteilt; ist sie flüssig, wird sie getrunken; ist sie breiig, wird sie mit den Fingern aus dem Essnapf herausgeholt oder aber, wie es allgemein üblich ist, aus dem Essnapf herausgeleckt. Zuletzt hat jeder anständige Mensch die Pflicht, seinen Essnapf mit der Zunge zu reinigen und dann wieder in den Falten seines Pelzmantels verschwinden zu lassen.

Unser gläubiger Wirt brachte vor Beginn des Mahls den Göttern sein Opfer dar; er tauchte seine Finger in das Essen und spritzte einige Tropfen nach den vier Himmelsrichtungen. Auch opferte er die erste halbgefüllte Schale Tee den Göttern.

Eine Mahlzeit für sich bildet der Buttertee. Er wird nur von wohlhabenden Tibetern getrunken und stellt eine Leckerspeise dar. Die Tibeter bedienen sich zur Herstellung des Buttertees eines hochzylindrischen Holzgefäßes, dessen obere Öffnung geschlossen ist und in dessen Innere ein Stempel bewegt wird. Diese Holzbutte wird zu drei Vierteln mit heißem Tee gefüllt, und danach wird ein Klumpen Butter hinzugefügt. Nun wird der Holzstempel bewegt, und zwar kräftig nach oben gezogen. Dadurch werden Butter und Tee vermischt, und es entsteht eine milchartige Flüssigkeit – der Buttertee, von dem unsere Freunde unglaubliche Massen vertilgen können. Zuvor aber hatten sie mit den Fingern von der Oberfläche des Tees etwas Butter abgeschöpft und sich damit Gesicht und Hände eingefettet.

Jeder Europäer tut gut, sich in Tibet möglichst schnell umzustellen und zu versuchen, dem Eingeborenen in Lebensweise und Kleidung möglichst nahezukommen. Nur dann hat er Aussicht, die Unbilden des Klimas besser zu ertragen und unausbleibliche Reibungen mit den Bewohnern des Landes auf das geringste Maß zu beschränken. Wer den reinen Willen hat, mit diesem gutmütigen, aber in tiefem Aberglauben befangenen Bergvolk freundschaftlich zu leben, muss den Charakter des Landes und seiner Bewohner kennen und ihren eigenartigen Sitten Rechnung tragen. Er wird bei seinem Studium auf keinen zu großen Widerstand von seiten der Eingeborenen stoßen, dazu sind die Tibeter beiderlei Geschlechts viel zu gutgläubig, freundlich, arbeitsam, ehrlich, treu und langmütig. Ganz riesig sind Leistungsfähigkeit und Widerstandskraft, besonders der Frauen. Obgleich die tibetische Frau klein von Statur ist, muss sie meist die sehr schwere Hausarbeit ganz allein verrichten. Deshalb altert sie auch ziemlich schnell. Ihr rundes Gesicht mit dem großen Mund, den dünnen Lippen, gibt ihr etwas Gutmütiges und Herbes zugleich. Die schwarzen Augen sind vielfach schlitzartig.

Die Hautfarbe der Oberschicht gleicht der unsrigen; beim Durchschnittstibeter lässt sie sich jedoch kaum erkennen, denn er wäscht sich nie; jedenfalls ist sie röter als die unsrige, da er sich das Gesicht regelmäßig mit Butter einschmiert und dann die Sonne darauf brennen lässt. Zwar ist es dem gläubigen Buddhisten nicht verboten, sich zu waschen, aber allgemein gilt bei den Nomaden der Grundsatz, dass der Mann, der sich wäscht, kein Mann, sondern ein verweichlichtes Weib ist. Die Frauen aus der Lhasagegend beschmieren sich die Partie unter den Augen und die Wangen, manchmal auch die Stirn dunkelrot, angeblich zum Schutz vor dem trockenen Wind. In Wirklichkeit aber wurde die Sitte durch Demo Rinpotsche eingeführt, um die Mönche durch diese Verunstaltungen der sonst hübschen Gesichtszüge der Frauen vor der Verführung durch das »Ewigweibliche« zu schützen. Ich konnte die Sitte der Gesichtsbemalung aber auch wiederholt bei Männern und Knaben feststellen. Den Grund für diese »Verschönerung« vermochte ich nie zu ermitteln; mit religiösen Motiven hat sie jedenfalls nichts zu tun. Trotz ihres Aberglaubens begegnen die Tibeter dem Fremden artig, solange er sich gegen sie anständig benimmt und solange die Lamas nicht gegen den Eindringling hetzen. Die gutmütigen Tibeter sind überhaupt ganz umgängliche Leute; besonders empfänglich sind sie für Witze. Sie haben dafür sogar ein glänzendes Gedächtnis.

Wie stellen sich nun die Geschlechter dieses herben Naturvolkes aufeinander ein? Wie spielt sich ihr Leben ab? Mit 18 Jahren heiratet die Tibeterin, besser gesagt, sie wird verheiratet. Mädchen, die ledig bleiben, gehen ins Kloster, sobald der Lebensfrühling und die Hoffnung auf die Ehe vorüber sind, oder sie verdienen sich ihren Unterhalt durch Betteln. In Heiratsfragen der Tochter des Hauses liegt die letzte Entscheidung nicht etwa bei den Eltern, sondern bei dem älteren Bruder. Tibet ist ganz modern! Dort heiratet niemand auf Lebenszeit. Die eheliche Bindung von Mann und Frau ist von beiden Seiten willkürlich begrenzt. Das Bündnis kann bereits nach Monaten gelöst werden; in den meisten Fällen gehen die Ehegatten nach einigen Jahren wieder auseinander.

Trotzdem ist die Stellung der tibetischen Frau im Allgemeinen geachtet. Ihre Pflichten sind hart, da sie sich um das gesamte Hauswesen kümmern und auch das Vieh versorgen muss.

Im Gebiet des Kuku-nor sind die Ehezustände nach unseren Begriffen reformbedürftig. Dort entführen die Männer die Frauen der Nachbarn nach Übereinkunft mit dem bisherigen Eheherrn, ja der vorher abgekartete Raub wird sogar bezahlt. Der Kurs schwankt zwischen sieben Yaks, zehn Pferden oder einigen Hundert Schafen. Jedenfalls kann man die beste »Ware« hier schon zum Preis von zehn Yaks erwerben!

Bei den Bewohnern des tibetischen Hochlands herrscht Polyandrie, d. h. eine Frau ist gleichzeitig die Gattin mehrerer Männer. Daraus folgt, dass es hier eigentlich niemals wirkliche Witwen gibt. Bei der Eheschließung erhält die Frau von ihrem Erwählten und von ihren Freundinnen Geldgeschenke, die ihr eine gewisse Unabhängigkeit von den Männern schafft. Für die polyandrischen Ehen kommen jedoch stets nur die Brüder des Mannes in Betracht. Der Ehekontrakt erwähnt ausdrücklich, dass bei der Heirat des ältesten Bruders dessen jüngere Brüder, die namentlich aufgeführt sind, in die Ehe mit eingeschlossen werden. Ist diese Bedingung nicht ausdrücklich erwähnt, so haben die jüngeren Brüder freie Wahl. Die Kinder aus der polyandrischen Ehe gehören stets dem ältesten Bruder. Dieser wird von den Kindern »Vater«, seine Brüder aber »Onkel« genannt. Bleibt eine polyandrische Ehe unfruchtbar, so darf eine neue Ehe eingegangen werden, an der wiederum alle Brüder automatisch beteiligt sein können. Kinder aus dieser Ehe nennen die erste, also die unfruchtbare Frau, »große Mutter« und die zweite Frau »kleine Mutter«. Die polyandrische Ehe ist insofern keine Zwangsehe, als die jüngeren Brüder nicht unbedingt gezwungen sind, in die Ehe einzutreten. Ebenso kann die Frau, die einen älteren Bruder heiratet, es ablehnen, die anderen Brüder als Ehemänner mit anzuerkennen.

Die Polyandrie ist auf den großen Frauenmangel zurückzuführen. Sie hat aber auch ihr Gutes; durch sie wird der Besitz der einzelnen Familien gefestigt, bleibt also in einer Hand. Es sind keineswegs nur sexuelle Motive, sondern auch wirtschaftliche, die den Ausschlag dafür geben. Unmoral kann man diesen Naturkindern, die mit dem Vieh groß geworden sind, eigentlich nicht vorwerfen. Ich glaube sogar, dass wir Europäer kein Recht haben, nach anderen mit Steinen zu werfen, denn auch bei uns soll es Menschen geben, die es mit der ehelichen Treue nicht sehr genau nehmen. Der Unterschied in den Verhältnissen zwischen Tibet und Europa ist höchstens der, dass in Tibet die Eheleute keine Eifersucht kennen, und dass dort trotzdem der Mann noch viel mehr unter dem Pantoffel steht als in Europa.

Kommen Kinder zur Welt, so ist der Vater meist schwer zu ermitteln. Knaben werden mit Freuden begrüßt. Die Mutter trägt ihren Säugling auf dem Arm, oder sie steckt ihn in den Brustbausch des Schafpelzmantels. Schon bald nach der Geburt erhält das Kind ein Gewand aus Schaffell und ein Lederamulett umgehängt, das gegen Krankheit und Unfälle schützen soll.

Bei Sturm und Wetter laufen die Kinder oft ganz nackt herum, höchstens mit Tuchschuhen bekleidet. Da bleibt es denn nicht aus, dass der zarte Organismus schweren Erkältungs- und Lungenkrankheiten verfällt. Die Knaben sind im Allgemeinen lebenskräftiger und widerstandsfähiger als die Mädchen; unter beiden hält der Tod reiche Ernte. Die Kindersterblichkeit ist überhaupt sehr groß. Ein Gutes hat diese Abhärtung aber doch: Nur die kräftigsten, gesunden Kinder bleiben am Leben. Sie bilden den Kern des abgehärteten tibetischen Volkes, das den Unbilden jedes Klimas spottet. Werden die Kinder älter, so müssen sie beim Hüten der Herden helfen. Der zweite Sohn jeder Familie aber wird, sobald er das siebte Lebensjahr erreicht hat, in ein Kloster gesandt, um dort zum Lama ausgebildet zu werden. Dem ältesten Sohn fällt stets die Rolle des Familienvorstands zu. Die Kinder benehmen sich im Allgemeinen gegen ihre Eltern sehr artig. Im hohen Alter allerdings vernachlässigen sie diese, ja, sie behandeln die Eltern dann zuweilen sogar schlecht, wenn sie ihnen zur Last fallen.

Hier in Junri-gomba haben wir reichlich Gelegenheit, die Trachten der Eingeborenen zu studieren. Das Hauptbekleidungsstück der einfachen Leute, z. B. der Dogpas, besteht bei Männern wie Frauen in einem langen Schafpelzmantel mit Ärmeln, der auf der bloßen Haut getragen wird und bis zu den Waden reicht. Er wird durch einen Riemen an den Hüften derart zusammengehalten, dass das Oberteil beutelartig herabfällt. In der entstehenden Tasche verwahrt der Tibeter seinen hölzernen Essnapf.

Männer und Frauen entblößen bei der Arbeit meist die rechte Schulter und den rechten Arm. Die reichen Leute des Kuku-nor Gebiets ziehen im Winter Lammfellkleider vor. Im Sommer tragen die Vornehmen Kleider aus Pulostoff; die Frauen lieben dunkelblaue oder dunkelgrüne Wollkleider mit grünen oder roten Volants; jedenfalls gefallen ihnen dunkelfarbige Stoffe. Die jungen Mädchen dagegen bevorzugen die Farben Rot und Grün für ihre Kleider. In Südtibet beobachtete ich Frauen, die sich im Sommer mit ihrem dunkelbraunen Pulo-Umhang gegen die Sonne dadurch schützten, dass sie diesen gleich den Sizilianerinnen über das Haupt schlugen. Die Männer trugen im Sommer grelle Blusen und einen Pulo- Umhang mit Gürtel und Gehänge.

Um den Hals muss ein an einem Riemen hängendes Lederamulett oder eine Amulettkapsel aus Gold, Silber oder Kupfer getragen werden, deren Größe ganz erheblichen Schwankungen unterliegt; sie bewegt sich zwischen den Formaten Streichholzschachtel und Zigarrenkiste. Einige vornehme Tibeter haben ihre Amulettkapsel an Bändern auf dem Rücken festgeschnallt. Sie enthält entweder eine Reliquie oder ein Knöchelchen oder einen mit magischen Diagrammen beschriebenen Papierstreifen oder eine Buddhafigur. Alle diese Dinge müssen jedoch von einem Lama geweiht sein.

Jeder Tibeter trägt einen Rosenkranz bei sich, der aus 108 kleinen Knochenscheiben hergestellt ist, die 108 Menschenschädeln entstammen müssen. Die nackten Füße stecken in Lederstiefeln, meistens aber in tibetischen Schuhen mit einer Ledersohle. Alles Übrige, auch der enge Schaft, besteht aus Pulostoff. Oberhalb der Waden werden die Schäfte durch einen Lederriemen oder ein Band festgehalten.

Männer und Frauen huldigen zuweilen der Mode, spitze Filzhüte oder Hüte, die sie sich nach eigener Fasson aus Filz zusammengebaut haben, zu tragen. Außerdem erfreuen sich Kirgisenmützen bei Männern und Frauen gleicher Beliebtheit. Ein Dogpa hingegen verschmäht die Kopfbedeckung. Wohl sah ich einige im Turban, doch das waren Angehörige eines mohammedanischen Stammes.

Vornehme Leute befestigen im rechten Ohr einen ganz langen Ohrring, im linken meist einen kleinen Knopf oder ein Ringlein. Die Tibeter tragen das Haar entweder ganz wirr oder gescheitelt oder beiderseits je einen Zopf, von oberhalb der Ohren ausgehend. Auch wird das wirre Haar in kleine kurze Zöpfchen geflochten. Doch am vornehmsten ist die chinesische Zopftracht. Der Zopf steckt aber dann in einem roten Tuchfutteral, das mit kostbaren roten und grünen Steinen und Silberschmuck besetzt ist. Oberhalb der Zopfquaste fällt ein quadratisches oder rundes, reich verziertes Silberkästchen von zwölf Zentimetern Durchmesser auf. Bei vielen Leuten ist der Zopf falsch. Dies trifft besonders zu bei den Vornehmen von Ngatschuka. Manche Leute führen ihren Zopf um die Stirn oder gar um ihre Kopfbedeckung herum und lassen die Quaste seitlich herabbaumeln. Diese Zopftracht verrät niedere Geburt. Leute von Rang vermeiden sie.

Zu jedem Mann gehört ein gerades Schwert, dessen Scheide ein Zeichen höherer oder niederer Abkunft ist. Die Hirten begnügen sich mit einer hölzernen Scheide; reiche Leute dagegen zeigen prunkvolle Lederscheiden mit Silberbeschlag, mit Korallen und Türkisen verziert. Das Schwert steckt vorn am Leib horizontal im Gürtel Droht irgendwie Gefahr, so wird das Schwert augenblicklich gelockert.

Die Frau trägt den gleichen Pelzmantel wie der Mann. Die Vorderseite der Frauengewänder, die auch aus Tuch bestehen können, ist ganz bescheiden geschmückt, während der Rücken je nach Rang und Stand einem Juwelierladen gleicht. Fast alle Amdofrauen tragen in beiden Ohren Ringe. Am Silber- und Goldgürtel der Frau hängt ein Eimerhalter aus Messing, am Gürtel der Männer ein Messer in einem Futteral und ein kleines Ledertäschchen mit einer sehr langen und dicken Nähnadel sowie dem Feuerzeug.

Im südlichen Teil Tibets zeigten die Frauengewänder auf den Schultern farbige Schmuckteile, und seitlich am Gürtel prangte ein aus Silber künstlerisch gearbeitetes Ornament in Form einer länglichen Epaulette. In der gleichen Gegend fiel mir auch bei Frauen aus Taschi-lhun- po eine merkwürdige Kopfbedeckung auf. Sie hatte die Form eines großen Napoleonhutes und bestand aus einem rot lackierten Gestell, das beiderseits spitz auslief. Die Zöpfe waren derart in das Gestell eingeflochten, dass sie seitlich von den spitzen Hutenden hingen.

Die Frauen der Hirtenstämme flechten ihr Haar. Im äußersten Süden der Grassteppe von Yakendo oder im Ga-Gebiet herrscht die-selbe Sitte. Die Zahl der Zöpfchen ist unbestimmt. Sie richtet sich nach der Fülle und dem Reichtum des Haares. Sie ist aber zugleich auch eine Funktion des Stolzes der tibetischen Frau. Die kleinen Zöpfchen werden zu einem größeren zusammengeflochten und mit bunten Bändern, Perlen und ähnlichem Zierrat geschmückt. Die Frauen einiger anderer Stämme tragen Silberschalen und Knöpfe im Haar. Auch sah ich Zöpfe, die nach europäischer Art geflochten waren. Diese Haartracht bevorzugt ein bestimmter Stamm, der halb aus Hirten, halb aus Dorfbewohnern besteht. Manche tibetischen Frauen lieben den Scheitel. Kleinere Zöpfe werden auch seitlich zusammengefasst und schneckenförmig oberhalb der Ohren befestigt oder die Zöpfchen sind seitlich über den Ohren mit Bändern und Steinen zu je einem größeren Zopf zusammengeflochten. Auch wird das gescheitelte Haar in unzählige, schmale Zöpfchen verarbeitet und derart geordnet, dass sie seitwärts und rückwärts herabhängen. Sie können aber auch durch eine Handbewegung schleierartig vor dem Gesicht gruppiert werden. Schließlich gibt es noch eine Frisur, bei der die von einem Querscheitel nach vorn laufenden Zöpfchen oberhalb der Stirn in ein kronenartiges, mit Türkisen geschmücktes Geflecht übergehen.

Die Haartracht der Tibeterin ist jedenfalls sehr mannigfach. Monatlich einmal pflegt sie die Frisur zu erneuern und reichlich mit Butter einzufetten. Typisch sind die bis an den Boden herabreichenden Rückenhaargehänge, die manchmal, wenn sie sehr schwer sind, nicht am Zopf, sondern am Hals oder am Gewand mit Bändern befestigt werden Bei reichen Frauen bestehen diese Rückenhaargehänge entweder aus einem Tuchband, das bis zum Boden herabreicht, oder aus zwei miteinander verbundenen Bändern, die mit halbkugelförmigem Silberschmuck oder Silbermünzen im Werte von mehreren Dutzend Taels oder mit Korallen und Türkisen verziert sind. Ärmere Frauen begnügen sich statt des echten Schmucks mit Glasperlen. Etwas ganz Besonderes auf diesem Gebiet stellt das schwere, merkwürdige Rückengehänge der Frauen dar, die aus dem Blut Tsongkapas entsprossen. Diese ornamentale Tracht stammt aus der Zeit der Geburt Tsongkapas, weshalb nur den weiblichen Nachkommen dieses Stammes das Recht zusteht, diese Art Rückengehänge zu tragen. Sie tun dies denn auch mit Stolz und Würde.

Von Junri-gomba aus treten wir am 25. Mai mit ausgeruhten Tieren den Vormarsch zum Kuku-nor an. Kurz vor Aufbruch, 5.30 Uhr morgens, vernahmen wir ein heftiges Zittern der Erde, und kurz darauf ein fünf Minuten lang währendes, donnerartiges Getöse, sodass ich für einen Augenblick an die Schlachtfront von Verdun erinnert wurde. Schuss auf Schuss, manchmal Schnellfeuer! Ein schreckliches Erdbeben erschütterte offenbar jene Berge bis auf die Grundfesten, die wir vor einigen Tagen durchzogen hatten. Wehe den lebenden Wesen, die sich zu dieser Zeit in den zahllosen Schluchten und Tälern aufhielten. Sie waren allesamt dem Tod geweiht. Wie ich später hörte, war das Erdbeben (2) auch an der chinesisch-tibetischen Grenze wahrgenommen worden; von dem Getöse hatte man zwar nichts gehört, aber alle Fensterscheiben waren zersprungen.

Bei herrlichem Wetter marschieren wir alsbald mit der ganzen Karawane direkt nach dem Südosteck des Kuku-nor, des riesigen Binnenmeers in 3040 Metern (3) Meereshöhe. Der erste Teil des Marsches vollzieht sich ohne Störung; über sandige Wiesen geht es leicht abwärts. Erst später muss ein schmaler, dunkelgrüner Bach überquert werden, der in einer breiten, morastigen Fläche mündet. Ein abflussloses Wasserbecken, eine salzige Lagune nahe dem Südosteck des Kuku-nor, ist durch ein schmales, etwa drei bis vier Meter hohes Sandband vom eigentlichen See getrennt. Hier hausen viele Wildgänse, deren Eier von den Chinesen gesammelt und das Stück zu 50 Käsch, etwa 16 Pfennige, im regulären Lebensmittelhandel verkauft werden. Die Eiersammler unterliegen der Besteuerung. Wir ließen die günstige Gelegenheit nicht unbenutzt und erstanden eine ganze Anzahl von diesen Gänseeiern, die unserem Lebensmittelvorrat sehr zustattenkamen.

Im Schnittpunkt an der großen Straße Tankar–Lhasa schlagen wir das Lager auf (Meereshöhe 3320 Meter). Die Yaks werden nach dem vier Kilometer entfernten, südlich gelegenen Berghang auf gute Futterplätze getrieben. Am 27. Mai stößt mein Freund Jack, der nach Sining-fu geritten war, wieder zur Karawane. Es war ihm leider nicht gelungen, weitere Geldmittel für mich flüssigzumachen. Nun sind wir alle vollzählig versammelt. Der Vormarsch ins rätselvolle Tiber kann beginnen.

1 Auf Reisen führt jedermann in zwei kleinen Säckchen Tsamba und Tschurá sowie ein Stück Butter auf dem Pferd mit Man nimmt diese zu den Mahlzeiten mit ins Zelt und bedient sich selbst.

2 Nach einer Mitteilung von Pater Veldman, der mich am 12. Februar 1929 zu meiner Freude in Berlin besuchte, scheint dieses Erdbeben das gleiche zu sein, das in Kansu riesigen Schaden verursachte, ganze Berge zum Einsturz brachte, Dörfer verschüttete und Tausende von Menschenleben vernichtete.

3 Nach meinen Messungen scheint der Spiegel des Kukunor mindestens 200 Meter höher zu liegen.

Aus: Wilhelm Filchner, Om mani padme hum. Meine China- und Tibetexpedition. 1926 – 1928
Mit freundlicher Genehmigung © Edition Erdmann, Wiesbaden

Die Reiseberichte werden ausgesucht und eingeleitet von Clair Lüdenbach

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erstellt am 01.12.2014

Sie mussten mit Löwen kämpfen, litten unter unbekannten Krankheiten mit ungewissem Ausgang, sahen ungeahnte Wunder, gerieten immer wieder in Lebensgefahr, erlebten Unglaubliches, hungerten, verdursteten fast und wurden Gäste großherziger Herrscher: die reisenden Entdecker zwischen dem 14. und 19. Jahrhundert.
Die Reihe mit Fundstücken aus diesen Reisebeschreibungen in Faust-Kultur versammelt, bewahrt frühe Erfahrung des Fremden und gerettete kulturelle Erkenntnisse. Das ergibt ein beträchtliches Lesevergnügen.

Die Wortwahl der Dokumente entspricht nicht in allen Fällen dem derzeitigen Stand politischer Korrektheit (Anm. d. Red.).

Wilhelm Filchner
Wilhelm Filchner

Wilhelm Filchner
Om mani padme hum. Meine China- und Tibetexpedition. 1926 – 1928
Leinen mit Schutzumschlag, 432 Seiten, Abb.
EAN: 978-3-86539-865-9
Edition Erdmann, Wiesbaden 2013

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