Otto A. Böhmer steht mit beiden Beinen in der Philosophie, auf die er gerne skeptisch und belustigt herabsieht. Aber auch seine Romane ruhen auf Weisheiten, die oft miteinander kollidieren und den Menschen dumm aussehen lassen. Im Gespräch mit Arnold Maxwill erklärt der Schriftsteller sich und sein Buch „Das Jesuitenschlößchen“.

Gespräch

Wie ein Reiseschwein

Gespräch mit Otto A. Böhmer über sein Buch »Das Jesuitenschlößchen«

Arnold Maxwill: Bei aller Versponnenheit und anekdotischer Leichtigkeit ist „Das Jesuitenschlößchen“ doch auch ein Roman des Alltäglichen, der das Menschlich-Allzumenschliche – oftmals auch betont nebensächlich – skizziert und seziert. Dass die tagtäglichen Ereignisse nicht nur von enervierender Routine und erschreckender Vorhersehbarkeit dominiert sind, sondern durchaus ihren eigenen Reiz haben können, wird bereits in „Der Wunsch zu bleiben“ erkannt: „Die Abenteuer des Alltags sind von eher zierlicher Gestalt“. – Sind Sie in diesem Sinne ein passionierter Beobachter, ein zum Spott neigender Kommentator des Banalen und Beiläufigen?

Otto A. Böhmer: Der Alltag, der sich ja auch als Hauptfeind aller Liebenden bewährt hat, ist der eigentliche Animateur unserer Existenz, die dadurch in der Regel wenig Begeisterungsstürme entfacht. Wir geben uns Mühe, drohen aber ständig zu scheitern, wobei es oft genug arge Kleinigkeiten sind, die uns aus dem Tritt bringen. Von außen beäugt, kann das sehr erheiternd wirken; wer allerdings mitten drin im Missgeschick ist, hat wenig zu lachen. Da kommt dann aber die gute alte Schadenfreude ins Spiel, an der Schopenhauer beispielsweise so viel Spaß hatte, dass er zurückrudern musste, um, nunmehr philosophisch korrekt, ebendiese Schadenfreude als schädlich und schäbig zu verdammen. Kurzum, der Alltag hält uns im Griff, und einem wie mir werden dabei Szenerien zugespielt, die ich für beschreibenswert halte, obwohl oder gerade weil sie meist unauffällig sind, ja oft sogar unterhalb der bewussten Wahrnehmungsschwelle bleiben. Programmatisch halte ich mir darauf nichts zugute, im Gegenteil: Manchmal wünsche ich mir eine beeindruckendere Mitgift bedienen zu können, z. B. im Bereich der großen Gefühle, des Ergreifenden, des weitausholenden Erzählens im Rahmen gesellschaftskritischer Zusammenhänge, die dann auch andere und eben nicht nur den Autor interessieren.

In „Das Jesuitenschlößchen“ heißt es an einer Stelle (und mir scheint sich hierin eventuell eine knappe poetologische Skizze versteckt zu haben): „Als ob man wirklich von seinem Leben erzählen könnte, vom sanften Schmerz der Orientierung, von den Ängsten, den verschachtelten Träumen, der Müdigkeit, von der langanhaltenden Sehnsucht. Vom Wunsch zu bleiben und vom Wunsch zu fliehen.“ Sie bauen hier nicht nur eine Kontinuität des eigenen Schreibens auf, indem Sie den Titel Ihres Romanerstlings zitieren, sondern eruieren einige Grundpfeiler dessen, was die männlichen Protagonisten Ihrer Texte permanent umtreibt. Ist Ihr Schreiben der Versuch, allen bekannten Schwierigkeiten und Mängeln zum Trotz von den permanenten Ausfallschritten zwischen Hoffnung und Enttäuschung zu berichten?

Das Leben, wie es meine allesamt etwas verschrobenen Helden sehen, die im Grunde aber nur eine einzige Figur sind, welche dem Autor zudem auf eher ungute Weise ähnelt, ist verlorene Liebesmüh’, will aber trotzdem durchstanden sein, nicht zuletzt, weil es schön und einzigartig und vermutlich so nicht zu wiederholen ist – da kommt Stimmung auf, die bei mir gerne, sehr gerne wehmütig grundiert ist. Anfang und Ende liegen nur eine bemessene Wegstrecke voneinander entfernt; unsere persönlichen Zugangs- und Abgangsdaten stehen fest, werden uns aber höheren Orts aus gutem Grund vorenthalten. Dazwischen, auf ebendem Lebensweg, gibt es, wie Sie sagen, jede Menge Hoffnungen und Enttäuschungen, aber eben auch wundersame, ja anrührende Glücksmomente, die aus ihrer forcierten Vergänglichkeit Ewigkeitsfunken schlagen, an denen wir uns, solange es geht, und es geht leider nie lange, ein wenig wärmen können. Ach ja, und die Hoffnung ist natürlich immer wichtig, sie stirbt, wie man nicht nur in Abstiegskandidatenkreisen weiß, zuletzt.

Die permanente und spielerische Kontrastierung von Erhabenheit und Groteske, wie sie für die literarische Romantik vor allem in der Theorie, aber auch in der literarischen Praxis en vogue war, scheint sich an nicht wenigen Stellen auch in Ihren Texten, nicht nur in „Das Jesuitenschlößchen“, wiederzufinden. Eine Form der erzählerischen Demaskierung unserer oftmals ohne große Anmut daherkommenden Gegenwart?

Demaskierung erscheint mir etwas zu hoch gegriffen. Ich bin da schlichteren Gemüts und sage, dass mein Erzählen stimmungsabhängig ist, und die vorherrschende Stimmung war bei mir schon immer jene an Vergänglichkeit und verhuschtem Glück orientierte Befindlichkeit, die man romantisch nennen kann, aber nicht romantisch nennen muss, zumal die literarhistorischen Belege für romantische Weltsicht und ihre Zutaten immer erst nachträglich zu besorgen und mit einzubauen sind. Mit der deutschen Romantik habe ich mich, der ich das Studium der Literaturwissenschaft seinerzeit nach zwei Semestern aus vager Überzeugung abgebrochen habe, um zur Philosophie zu wechseln, erst im Nachhinein beschäftigt und bin dabei, wie in diversen anderen Bereichen auch, personenabhängig geblieben, d. h. einzelne Dichter und Denker gefallen mir, bis in die Nischen ihrer Lebensführung hinein, andere weniger. Mein unangefochtener Liebling ist der Freiherr von Eichendorff, dem ich mich immer mal wieder genähert habe, ohne dabei, hoffe ich zumindest, allzu aufdringlich und gönnerhaft zu wirken.

In fast allen Ihren Romanen finden sich Figuren aus Westfalen: immer Nebenfiguren, immer mit einem irrwitzigen (und doch ‚typisch‘ westfälischen) Doppelnamen. Irgendetwas scheint also als nachweisbare Spur beim Schriftsteller Otto A. Böhmer von seinen Jahren in Warendorf haften geblieben zu sein. In „Das Jesuitenschlößchen“ bekennt Bernd Hölzenbein über seine Vergangenheit freimütig: „Auf den Wiesen spielten wir Fußball, Kuhfladen dienten als Markierung der Tore. Durch dünne Wäldchen sahen wir hinaus zum Himmel. Gräben und Felder, dicke fette Höfe, schweigsame Menschen. Wer mehr als drei Sätze am Tag sagt, die Nacht zählt nicht, gilt als Plaudertasche. Nieder mit den Schwatzbrüdern. Mutig wie ich war, ging ich vom Münsterland direkt nach Münster.“ – Sie betreiben hier ein kaum weiter verdecktes Spiel mit eigenem biografischem Material und sparen nicht an Selbstironie. Ist es – neben der lustvollen literarischen Beschäftigung mit der eigenen Person – auch ein verspätetes (und höchst moderates) Rachegelüst an der Provinz, was sich hier bemerkbar macht?

Rachegelüste an der Provinz kenne ich nicht, ich habe mich selbst immer als provinziell empfunden, das hatte bei mir eigentlich nie einen abwertenden Klang. In die großen Städte hat es mich nicht gedrängt, außer zu erweiterten Wochenendreisen im Sparangebot. Das war dann meist ganz schön, das Urbane hat auch was, zugegeben. Westfalen, genauer: das Münsterland, noch genauer: Warendorf sehe ich bis auf den heutigen Tag als meine Heimat an, obwohl ich in Rothenburg ob der Tauber geboren bin und seit langem im Hessischen hause, wo es uns auch gefällt. Insofern sind die literarischen Exkursionen zurück ins Westfälische bedacht gesetzt und lösen, hoffentlich nicht nur beim Autor, heimatliche Gefühle aus. Die andere Landschaft meines nostalgischen Wohlbehagens ist der Schwarzwald, im Besonderen das nicht so bekannte Hochtal von Saig; auch von dort sind Bilder abrufbar, die in, in leichten Variationen, der unerschrockenen Wiederverwendung harren.

Die Balance zwischen Witz und Melancholie gelingt in „Das Jesuitenschlößchen“ scheinbar mühelos; in der Lektüre ergeben sich keinerlei Brüche; es lassen sich weder Tendenzen zum idyllischen Kitsch, noch zum hypertrophen Wahnwitz ausmachen. Wie einfach und wie schwer gelingt im Schreiben diese Balance (die das Abgründige natürlich dennoch durchscheinen lässt und ja – um Thomas Bernhard kurz die Ehre zu geben – naturgemäß immer eine gefährdete ist)?

Da muss ich ein wenig einfältig antworten: Es kommt, ähnlich wie im Fußball, auf die Tagesform an, und das nicht über Tage, sondern Wochen und Monate, manchmal sogar über Jahre. Das kann sich also alles ziehen, aber wenn man Glück hat und auch den beherzten Abschluss sucht, kommt aus der Summe der Tagesbefindlichkeiten und der dazugehörigen Arbeitsresultate ein einigermaßen gelungenes Ganzes heraus, wobei ‚gelungen‘ erst mal nur heißt, dass der Autor zufrieden ist. Wenn sich danach weitere Zufriedenheiten einstellen (beim Verleger, womöglich sogar bei dem einen oder anderen Leser) – umso besser. Ich erinnere mich allerdings dunkel, dass ich seinerzeit einen vergleichsweise humorlosen Lektor hatte, der speziell meine Vergleiche, die damals im Übermaß und auch nicht immer passend in den Erzählgang mit eingingen, nicht sonderlich gelungen fand. Beispielweise war ich stolz auf die Formulierung „Er schwitzte wie ein Reiseschwein“, was er mit der Frage kommentierte: „Was soll das heißen?“ Eigentlich eine gute Frage, die aber meinen gerade geweckten literarischen Überschwang auszubremsen drohte, weshalb ich nur pikiert erwidern konnte: „Sind Sie nie gereist? Waren Sie nie ein Schwein?“ – Sie sehen daraus, dass „die Balance zwischen Witz und Melancholie“, von der Sie sprachen, gar nicht so mühelos erreicht werden konnte; der Weg dahin war, zumindest im Lektorat, nicht ohne Mühen und Tücken.

Sie scheinen – wie die Romantiker – durchaus dem Schwund des Geheimnisses, der Stimmungen und (nicht zuletzt) der Schönheit in unserer irreversibel entzauberten Welt – dominiert von Pflichterfüllung, (Selbst-)Optimierung und Vergnügungszwang – ein wenig mit Bedauern, mit schwermütiger Traurigkeit nachzublicken…

Ja, aber diese Traurigkeit ist auszuhalten, wird sie doch von ihrer anmutigen Schwester, der Heiterkeit, begleitet, die über die Jahre ihren Charme gehalten hat, ja bei passender Gelegenheit noch zuzulegen weiß. Mit ihr komme ich aus, auch wenn ihr Zuspruch gelegentlich etwas Bemühtes und Augenwischerisches hat. Außerdem gehen mir Leute, die chronisch schlecht gelaunt die guten alten Zeiten preisen, auf den Geist. Die guten alten Zeiten waren, soweit wir das beurteilen können, oft nur alt, aber nicht gut. Es bleibt uns gar nichts anderes übrig, als die über uns verhängte Gegenwart zu durchstehen, die manchmal auch ruhig mal gelobt werden darf. Letztlich haben wir nämlich, in stetig fortschreitender Momentaufnahme, nicht viel mehr als ebendiese Gegenwart. „In der Vergangenheit hat kein Mensch gelebt, und in der Zukunft wird keiner leben“, wusste der unvermeidliche Schopenhauer, „sondern die Gegenwart allein ist die Form alles Lebens, ist aber auch sein sicherer Besitz, der ihm nie entrissen werden kann.“

Das Gespräch führte Arnold Maxwill.1984 am Niederrhein geboren. Studium der Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte in Wien und Münster, wo er heute als Lektor, Autor und Literaturwissenschaftler lebt und arbeitet.

Otto A. Böhmers Roman „Das Jesuitenschlößchen“ ist 2014 in einer Neuausgabe im Aisthesis Verlag, Bielefeld erschienen.

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erstellt am 30.11.2014

Otto A. Böhmer
Otto A. Böhmer. Foto: privat

Otto A. Böhmer
Das Jesuitenschlößchen
Roman
Kartoniert, 233 Seiten
ISBN 978-3-8498-1078-8
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2014

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