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Der 1. Weltkrieg galt bis vor kurzem als ein Ereignis, das nur noch für Historiker von Belang ist. Doch erleben wir derzeit eine zeitliche Schwelle, an der die Erinnerungen an den „Großen Krieg“ wiederentdeckt, reinszeniert, überprüft, rekonstruiert, neu verhandelt und umgewandelt werden für die Zukunft. In ihrem Essay untersucht Aleida Assmann, inwiefern das Gedenkjahr 2014 zur Herausbildung eines europäischen Gedächtnisses beitragen könnte.

Erinnerungskultur

1914/2014 – Überlegungen zum Gedenkjahr

Von Aleida Assmann

Seit Januar 2014 steht bei den europäischen Nationen der 1. Weltkrieg auf der Erinnerungsagenda. In Deutschland haben die öffentlichen Medien und kulturellen Institutionen diesen Auftrag angenommen und eine Fülle von Veranstaltungen zum Thema geplant und durchgeführt. In Ländern mit einer kontinuierlichen Erinnerungstradition an den ‘Großen Krieg’, wie er dort genannt wird, z.B. in Frankreich, England, Belgien, Australien, Neuseeland oder Kanada war dieser Gedenkimpuls überflüssig. In anderen Ländern dagegen, wie in Deutschland, Österreich, Russland oder den Vereinigten Staaten, war dieses Ereignis aus dem öffentlichen Bewusstsein, dem allgemeinen Interesse und zum Teil sogar den Geschichtsbüchern weitgehend verschwunden. Das Erinnerungsjahr hat uns also auch mit einer Geschichte des Vergessens konfrontiert und mit Formen einer Gegenerinnerung: In Serbien wurde im August dieses Jahres ein triumphalistisches Gedenken an den 1. Weltkrieg inszeniert, in Ungarn hat der Friede von Trianon 1918, bei dem dieses Land zwei Drittel seines früheren Staatsgebiets verlor, bis heute einen hoch emotionalisierten und revisionistischen Klang.

Hundert Jahre: die Schwelle zwischen Geschichte und Gedächtnis

Wir hören immer wieder kritische Stimmen, die die Verordnung eines solchen Kommemorationsjahres als ein artifizielles Konstrukt abtun. Dieser rein äußerliche Gedenkimperativ folge der abstrakten Magie der Zahlen, so wird argumentiert, und habe nichts zu tun mit den gelebten Rhythmen von Erinnerung und Emotion. In Deutschland wirkte der Aufruf zur Erinnerung an den Ersten Weltkrieg allerdings wie ein Wecker. Die Menschen fuhren aus ihrem Vergessensschlaf auf und stellten sich auf das Ereignis ein mit einem breiten öffentlichen Interesse, persönlichen Formen der Anteilnahme und hitzigen intellektuellen Debatten. Nach zehn Monaten Erfahrung mit dem Gedenkjahr können wir sagen, dass dieser künstliche Impuls tatsächlich etwas in Gang gesetzt und bewegt hat. Ich denke hier gerade auch an die Menge lokaler Ausstellungen, an Besucherzahlen und den Absatz von einschlägigen Büchern. Durch starke Resonanz wurden aus Medienangeboten zum Teil wirkliche Medienereignisse, die Aufmerksamkeit und Interesse bündelten. Niemand hätte diese ‘Gedenk-Lawine’, wie Jay Winter sie nannte, so vorhersagen können.

Ich möchte hier zu bedenken geben, dass die Zeitspanne von 100 Jahren nicht nur einen abstrakten Zahlenwert hat, sondern auch auf eine wichtige biologische, soziale und kulturelle Zäsur verweist. Nach 80-100 Jahren sinken Ereignisse zurück ins Dunkel der Geschichte, wenn sich die Bande lebendiger Erinnerung allmählich auflösen. Wir können das in der suggestiven Terminologie von Pierre Nora auch so ausdrücken: Nach drei Generationen löst sich das Milieu der Erinnerung immer wieder auf – wenn diese nicht neu eingeschrieben wird in lieux, das sind die Orte, Zeichen und Symbole eines stabileren nationalen Gedächtnisses. (1) Mit Blick auf den 1. Weltkrieg haben wir genau diese zeitliche Schwelle erreicht, wo die Ereignisse natürlicherweise in der Vergangenheit vergehen. Das Ereignis wird aus der allgemeinen Erinnerung entlassen und ist nur noch für Historiker von Belang, es sei denn, die Erinnerung wird wieder aufgegriffen, befestigt und neu rekonstruiert. Mit anderen Worten, nach hundert Jahren steht die Erinnerung auf dem Prüfstand: Wir schauen nicht nur zurück auf die Ereignisse der Geschichte, sondern auch voraus in die Zukunft dieser Erinnerung und machen uns Gedanken über ihre Bedeutung, ihre Ausformung und ihre Dauer. Denn die Zukunftsorientierung der Erinnerung ist mehr als reine Erhaltung und Fortschreibung des Bestehenden. Sie erfordert eine neue Interpretation des Ereignisses in der Gegenwart unter Einbeziehung der sozialen Emotionen in den aktuellen politischen Konstellationen. Der Schritt vom kommunikativen Kurzzeitgedächtnis zum kulturellen Langzeitgedächtnis setzt voraus, dass Staaten und Nationen ihre Erinnerungspraktiken überdenken und neue Standards für die Grundlagen ihrer Zukunft entwickeln. Genau das passiert, wie ich meine, in diesem Kommemorationsjahr: Wir erleben eine zeitliche Schwelle, an der die Erinnerungen an den 1. Weltkrieg wiederentdeckt, reinszeniert, überprüft, rekonstruiert, neu verhandelt und umgewandelt werden für die Zukunft.

Die Erneuerung des nationalen Gedächtnisses für die Zukunft: der Fall England

Als Beispiel möchte ich hier eine Rede des britischen Premierministers David Cameron anführen. Er hielt diese Rede 2012 im Imperial War Museum, das mit seiner Neugestaltung zum Mittelpunkt der britischen Gedenkveranstaltungen werden sollte. Mit dieser Neugestaltung hoffte Cameron, neue Generationen zu gewinnen für “die unglaublichen Geschichten von Mut, Anstrengung und Opferbereitschaft”. (2) Auch er verwies auf die zeitliche Schwelle im öffentlichen Gedächtnis, indem er betonte, dass die lebendige Erinnerung an den 1. Weltkrieg bereits verschwunden sei und sein eigenes Familiengedächtnis nicht weiter als bis zum 2. Weltkrieg reiche. Aber er fügte hinzu: „Ich glaube leidenschaftlich daran, dass wir an diesem Erbe festhalten und es an nachfolgende Generationen weitergeben sollten.” Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Cameron war es jedoch ernst. Er informierte seine Zuhörer, dass er 50 Millionen Pfund in das Kommemorationsjahr investieren werde. Deshalb musste er die Frage beantworten: “Warum sollten wir dem Gedenken eine solche Priorität einräumen, wenn das Geld knapp und niemand mehr von der Generation des 1. Weltkriegs übrig ist?” In seiner Antwort nannte Cameron “den Umfang des Opfers”, “die Länge und das Gewicht des Traumas”, seine historische Bedeutung und das dauerhafte emotionale Band zu diesem Ereignis. All das fasste er mit den Worten zusammen: “Es ist etwas am 1. Weltkrieg, das ihn zu einem grundlegenden Bestandteil unseres nationalen Bewusstseins macht.“

In seiner Rede machte Cameron ein öffentliches Versprechen. Er werde “ein dauerhaftes kulturelles und schulisches Erbe einrichten […], um sicherzustellen, dass das Opfer und der Dienst (sacrifice and service) von vor hundert Jahren noch nach weiteren hundert Jahren erinnert werden.“ Opfer und Dienst sind der Kern seines wahren nationalen Gedenkens, das er zu verlängern sich verpflichtete. (3) Er nannte und würdigte dabei noch einmal alle kolonialen Truppen, die er in dieses inklusive “Wir” des Britischen nationalen Gedächtnisses aufnahm. Damit konstruierte er ein (nostalgisch) postimperiales Gedächtnis für diese Truppen und kein dialogisch postkoloniales im Dialog mit den neuen Nationen. Während Cameron sich ganz auf die Commonwealth-Konstellation einstellte, überging er in seiner Rede die gegenwärtigen Partner in der EU. Von neu gewonnenen Bindungen war bei ihm nicht die Rede. Im Gegenteil, sein Insistieren auf dem postimperialen nationalen Gedächtnis klingt eher wie ein Veto gegen die Möglichkeit eines geteilten oder zumindest verknüpften europäischen Gedächtnisses des 1. Weltkriegs.

Die zeitliche und räumliche Ausweitung des europäischen Gedächtnisses

Meine These ist: Das Europäische Gedächtnis ist in diesem Jahr länger und inklusiver geworden. Unter der Asche der Konzentrationslager kommen die killing fields der Somme und die Soldatenfriedhöfe von Ypern und Verdun als weitere zentrale europäische Erinnerungsorte zum Vorschein. Die Geschichte der EU geht bisher ja nur bis zum 2. Weltkrieg zurück, wie auch das neue EU-Museum in Brüssel zeigen wird. Tatsächlich ist die EU auf Grundsätze gegründet, die erst nach diesem Krieg formuliert wurden wie die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte im Jahre 1948 und die Bewertung des Holocaust als gemeinsames historisches Bezugsereignis europäischer Identität. Im Laufe des Gedenkjahrs konnten wir jedoch erleben, wie sich der zeitliche und räumliche Rahmen dieser Erinnerung ausdehnte. Die viel beschworene Urkatastrophe des 1. Weltkriegs (George Kennan) (4) bildet den Anfangspunkt einer traumatischen Verkettung präzedenzloser Gewaltereignisse, zu denen der armenische Genozid, die Russische Revolution, ein weiterer Weltkrieg und der Holocaust gehören. Jetzt zeigt sich die ganze verschränkte Gewaltgeschichte des 20. Jahrhundert als gesamteuropäisches Erbe. Während die Gründung der EU ganz klein anfing als ein ökonomischer Zusammenschluss zwischen Frankreich und Deutschland, dem sich immer weitere Länder anschlossen, hat die Zerstörung Europas in großem Maßstab begonnen und die geopolitische Landkarte tiefgreifend verändert. Diese Materialschlacht hat nicht nur neue Waffentechnik von unbekannt zerstörerischem Ausmaß eingesetzt, sondern wurde auch unter Einsatz aller männlichen Jahrgänge der entsprechenden Altersgruppe einschließlich der Kolonialbevölkerung geschlagen. Die Geschichte Europas ist deshalb von seiner kolonialen Geschichte nicht zu trennen.

Der 1. Weltkrieg als europäisches Gedächtnis?

Im Gedenkjahr 1914-2014 konnten wir viel über europäische Geschichte und Erinnerung lernen, denn das Jahr ist auch so etwas wie ein Rorschach-Test. Es hat uns europäische Werte und gemeinsame Emotionen zu Bewusstsein gebracht, aber auch nachhaltig trennende Traumata, Ängste und unterschiedliche Ziele. Allerdings hat in diesem Jahr, nicht zuletzt dank der Massenmedien, auch die empathische Anteilnahme an individuellen Lebensgeschichten über nationale Grenzen hinweg erheblich zugenommen. In welcher Form also wird der erste Weltkrieg in das europäische Gedächtnis aufgenommen? Angesichts der Vielfalt der Perspektiven wird es sicher keine europäische Meistererzählung geben. Aber vielleicht besteht die Chance des Gedenkjahrs ja gerade darin, mehr über die Erinnerungen der europäischen Nachbarn zu lernen.

Das wichtigste Kommemorationsdatum des 1. Weltkriegs ist der 11. November 1918, um 11 Uhr, Tag des ersehnten Waffenstillstands an der Westfront. Während dieser Gedenktag in vielen Ländern begangen wird, eröffnen die Deutschen just an diesem Tag und in dieser Stunde ihre Karnevalssaison. Das war auch in diesem Jahr wieder so. An diesem Tag geschah noch etwas anderes: Präsident Hollande weihte im Norden Frankreichs ein neues Denkmal des 1. Weltkrieges ein. In seiner Ansprache sagte er lakonisch: „Menschen aus aller Welt kamen hierher, um zu sterben.” Die riesige Anlage in Notre-Dame-de-Lorette in der Nähe der Stadt Arras heißt “Ring der Erinnerung” und enthält die Namen von 580 000 “getöteten” Soldaten (von “Gefallenen” ist heute nicht mehr die Rede). Die Namen sind in alphabetischer Reihenfolge aufgeführt; damit ist der Zusammenhang der Nationen und Regimenter bewusst zerrissen; sie alle sind in der demokratischen Brüderlichkeit des Todes miteinander vereinigt. Während sich Cameron in seiner Rede der kolonialen Truppen für sein “wahrhaft nationales Gedenken” versichern wollte, haben wir hier ein transnationales Monument vor uns, in dem die gemeinsame Trauer über die Sinnlosigkeit dieses Krieges und seine entsetzlichen Verluste im Mittelpunkt stehen. Hollandes Beitrag zum Gedenkjahr ist dieses monumentale, aber zugleich auch postheroische europäische Denkmal. Das Gedenkangebot wurde von seinen europäischen Partnern bisher allerdings noch nicht angenommen: Aus England kamen weder David Cameron noch Prinz Charles; aber auch Angela Merkel war nicht dabei, die sich bei diesem europäischen Akt von ihrer Verteidigungsministerin vertreten ließ.

1 Während der 1. Weltkrieg mittlerweile aus der Reichweite des Familiengedächtnisses verschwunden ist, sind noch viele materielle Relikte jener Zeit vorhanden und zugänglich. In Eisenach zum Beispiel ist eine Ausstellung zum 1. Weltkrieg aus Objekten zusammengestellt, die die Einwohner in den Kellern und Dachböden ihrer Häuser fanden.

2  David Cameron, “Speech at Imperial War Museum on First World War centenary plans”, 11. Oktober 2012, https://www.gov.uk/government/speeches/speech-at-imperial-war-museum-on-first-world-war-centenary-plans. Alle anschließenden Zitate aus der Rede folgen dieser offiziellen Abschrift.

3 Der Begriff “wahres nationales Gedenken” wird in dieser Rede viermal erwähnt.

4 George F. Kennan, The Decline of Bismarck's European Order: Franco-Russian Relations, 1875-1890, Princeton University Press, 1979, 3.

Kommentare


Thorwald C. Franke - ( 11-12-2014 03:41:57 )
Bei den Briten: Würde, Wahrheit und historisches Bewusstsein von Dienst und Opfer. Bei den Franzosen: Selbstauflösung. Bei den Deutschen: Karneval. Wenn die deutschen Narren bei den selbstvergessenen Franzosen auf keinen Widerstand mehr treffen, bleiben nur noch die Briten übrig, um Europa zu retten. Europa.

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erstellt am 29.11.2014

Aleida Assmann
Aleida Assmann
Filmaufnahmen aus dem Ersten Weltkrieg
Filmaufnahmen aus dem Ersten Weltkrieg

»Das Erinnerungsjahr hat uns also auch mit einer Geschichte des Vergessens konfrontiert und mit Formen einer Gegenerinnerung.«

»Mit Blick auf den 1. Weltkrieg haben wir genau diese zeitliche Schwelle erreicht, wo die Ereignisse natürlicherweise in der Vergangenheit vergehen.«

David Cameron bei seiner Rede im Imperial War Museum am 11. Oktober 2012
David Cameron bei seiner Rede im Imperial War Museum am 11. Oktober 2012

»Jetzt zeigt sich die ganze verschränkte Gewaltgeschichte des 20. Jahrhundert als gesamteuropäisches Erbe.«

„Ring der Erinnerung“ / „L'Anneau de la Mémoire“. Foto: Felouch Kotek. Quelle: Wikipedia

Ring der Erinnerung: in alphabetischer Reihenfolge eingravierte Namen getöteter Soldaten
Ring der Erinnerung: in alphabetischer Reihenfolge eingravierte Namen getöteter Soldaten