Der Philosoph Thomas von Aquin hielt die Hinrichtung von Häretikern für legitim und wurde etwa 50 Jahre nach seinem Tod für heilig erklärt. Otto A. Böhmer hat ihn zweimal aufgesucht: als er umfänglich leidend in einen Widerspruch geriet und von höherer Warte aus.

Holzwege

Alles wie Spreu

Der Philosoph Thomas von Aquin

Von Otto A. Böhmer

Der Philosoph Thomas von Aquin galt als ein wahr­haft gewichtiger Mann: Seine Gott und dem Ewigen zugewandten Gedanken erreichten leicht die den Normalsterblichen nur mit Hilfe des Zwangsvollstreckungsdienstes der himmlischen Heimholungswerke zugänglich gemachten überirdischen Aufenthaltsräume, in denen das Zeitliche noch einmal – und zwar göttlich-amtlich beglaubigt – gesegnet wird, auf dass Ruhe einkehre in einem zu Ende gebrachten Leben. Thomas von Aquin aber stand auch – nicht zuletzt dank einer immensen Leibesfülle, die ihm zu eigen war – mit den beiden ihm geschenkten Beinen auf der Erde; sein ansehnlicher Bauch, dieses – wie es ein boshafter Zeitgenosse einmal zu formulieren gewagt hatte – „von Gott hochpersönlich aufgepumpte Abdomen“, drückte ihn besonders an heißen Tagen sehr: Der Philosoph geriet dann, ohne es zu wollen, ins Schnaufen, und er wünschte sich eine Liegestatt, auf der er es, befeuert nur von den notwendigerweise matter werdenden Gedanken, aushalten konnte bis zum Einsetzen einer alles entlastenden metaphysischen Kühle.

An einem erbarmungswürdig schwülen Sommermorgen hatte sich Thomas von Aquin – seiner mehr als schlappen Befindlichkeit zum Trotze – an sein Schreib- und Arbeitspult geschleppt, um daselbst einige flüchtige Sentenzen auf dem Wege zum höchsten Wissen von Gott festzuhalten; elend fühlte der Philosoph sich und müde, und er saß da, als hätte man ihn, einen sichtbar gebeugten Diener des Grams, zur Regungslosigkeit verdonnert. Sein Bauch, der ihm wie eine die Mühen längst nicht mehr lohnende Last vorkam, drückte gegen die Halbrundeinbuchtung des Pultes, die er – eine Spezialanfertigung also – hatte zurechtschneiden lassen, damit er, seinen eindrucksvollen Körpermaßen entsprechend, an seinem Arbeitsplatz einigermaßen sicher und bequem sitzen konnte. Das Leben, dem er sonst durchaus einiges abgewinnen konnte, wollte ihm wie eine auf Wanstgröße geschrumpfte Grabkammer erscheinen, in die man ihn, der zu den trefflichsten Hoffnungen berechtigte, eingezwängt hatte. Die Schwüle verstopfte ihm alle Gedankenporen; es gab nur einen Weg, so schien es, aus seiner Sitzhaft zu entkom­men. Der Himmel hat mir diesen Tag als eine besondere Prüfung zugestellt! dachte der Philosoph. Ich sollte mich ihr, ausnahmsweise natürlich nur, im friedfertigen Liegen unterziehen. Und er erhob sich, um zu seinem Bette zurückzukommen, aber das war nun auf einmal beson­ders schwer, denn sein Bauch hing im Pult fest, das sich mit ihm, dem Bauch und dem Philosophen zusammen, auf den Weg machte. Thomas von Aquin schüttelte sich, und die ungewollte Last fiel von ihm ab – direkt auf seine Füße. „Schmerzen sind dazu da, ertragen zu werden!“ murmelte er und humpelte an sein Bett. Vorsichtig legte er sich nieder, und als er den steinernen Deckenhimmel über sich sah, wurde ihm wohler, die Hitze dieses seltsamen Morgens ging ihn nun nichts mehr an. Er schloss die Augen und wurde leichter und leichter – fast schien er zu schweben. Ich bin bereit, dachte er, und ich kann warten. Das höchste Wissen von Gott, das wir in diesem Leben erlangen können, besteht dann, zu wissen, dass es über allem ist, was wir denken…

Nach seinem Tode blickte der mittlerweile zum Heiligen avancierte Thomas von Aquin oft und gern auf die Welt hinab. Es hatte sich viel verändert dort unten, aber im Grunde war alles beim alten geblieben. Die Menschen hatten sich kundig gemacht und glaubten nun, klüger zu sein; dafür hatten sie sich, ohne es zu wissen, neue Ängste eingehandelt und einige unaufdringliche Besessenheiten, die sie gekonnt und zumeist lustvoll-beherrscht dazu benutzten, um der Zeit Herr zu werden, von der sie weniger denn je wussten, was man denn eigentlich mit ihr anzufangen habe.

Thomas von Aquin juckte es oft in der Seele. Herabfahren wollte er dann auf die Erde, es den Menschen zeigen, die sich so selbstsicher-frech ihrer eigenen Dummheit angenommen hatten. Sie begriffen nicht, dass sie ihre Zeit, jene rätselhafte wie vergnügliche göttliche Erfindung, nutzen mussten, um etwas mehr aus sich zu machen, als ihnen zustehen mochte. Wohl fühlte sich der Philosoph allerdings nicht bei seinen höchst störrischen Überlegungen, die immer öfter kamen und ihm Argwohn bereiteten. Eines Tages sah Thomas von Aquin auf der Erde einen Menschen, der ihm entfernt bekannt vorkam; dieser Mensch, ein Mann von beträchtlicher Größe und enormem Leibesumfang, hatte, wie es schien, mit seinem Leben abgeschlossen, und er legte sich zum Sterben nieder. Warum ergibt er sich so in sein Schicksal, dachte der Philosoph, und er erschrak sogleich ob seiner unfrommen Aufmüpfigkeit. Er ist doch noch halbwegs jung, dieser Mann; das Sonnenlicht fällt weit herab vom Himmel, es ist warm, die Wasser des Meeres schimmern im Licht, und ein stiller, aber aufmerksamer Wind sichert die Grenzen der Lebenden gegen die Toten. In Momenten wie diesen darf man, ja: muss man glücklich sein, auch wenn die Freude am Leben letztlich verurteilt wird wie wir selbst. Thomas von Aquin wußte gar nicht, was in ihm vorging; wann hatte er je so Unerhörtes gedacht; er schämte sich, aber zugleich wollte er in mitleidigem Zorn hinabeilen auf die vergängliche Welt und dem Mann, der mit geschlossenen Augen und schwer atmend dalag, aufhelfen von seinem Lager. Das aber ging nicht – natürlich; wer den Himmlischen Frieden gewählt hat, darf sich erst recht nicht beklagen und muss aushalten am zugewiesenen Orte. Der Mann also sollte wohl sterben; „ich kann nicht mehr“, hörte der Philosoph ihn sagen, „ich kann nicht mehr; vor dem, was ich gesehen habe, erscheint mir alles, was ich geschrieben habe, wie Spreu“ – und Thomas von Aquin wußte in diesem Augenblick, wer der Mann war, der da, noch einmal und immer wieder – für ihn –, starb, so, als gäbe es nicht nur die Hoffnung auf, sondern sogar eine Gewissheit für Anfang, Dauer und Ende.

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erstellt am 25.11.2014

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Thomas von Aquin
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